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Wissenschaft

16.03.2016 - PHILOSOPHIE

Ist der Mensch, was er isst?

Zweieinhalb Jahrtausende Philosophie der Verdauung

von Josef Tutsch

 
 

Ludwig Feuerbach, Portrait
von August Wegner
Bild: Wikipedia

„Man ist, was man isst“, behauptete 1850 der Philosoph Ludwig Feuerbach in der Rezension eines ernährungswissenschaftlichen Buches von Jakob Moleschott. Der Satz sollte provozieren; Feuerbach suchte nach einem möglichst prägnanten Ausdruck für seine Wendung gegen die idealistische Philosophie seines Lehrers Hegel. Aber zugleich war er auf der Höhe der empirischen Wissenschaft seiner Zeit. „Jene eigentümliche Retorte, die wir Magen nennen“, hatte Moleschott geschrieben, löse und vereinheitliche die eingeführten Brennstoffe derart, dass sie zu Baumitteln der „arbeitenden Maschine“ werden könnten, des Menschen.

Nur dass Moleschott das hübsche Wortspiel leider nicht eingefallen war, darauf kam erst der Rezensent. Feuerbach liebte nicht nur die zugespitzten Formulierungen, sondern auch die radikalen Vereinfachungen. Das von den Philosophen seit mehr als 2000 Jahren gesuchte „Band zwischen dem Leib und der Seele“ sei ganz einfach die Nahrung: „Jetzt wissen wir aus wissenschaftlichen Gründen, was längst das Volk aus eigener Erfahrung wusste, dass Essen und Trinken Leib und Seele zusammenhält.“

Die Nahrung als Schlüssel zur Lösung aller philosophischen Probleme? Daran sind Zweifel angebracht, meint der Philosoph Christian W. Denker von der Université de Bourgogne in Dijon in seinem neu erschienen Buch über die „Philosophie der Verdauung“. Aber richtig ist zweifellos: Der Bauch wurde in der Geschichte der Philosophie sehr vernachlässigt. Ausnahmen wurden – und werden bis heute - als Provokation empfunden, zum Beispiel Friedrich Nietzsches Umdeutung der Moral in eine „Physiologie der Verdauung“: Die Begriffe „gut“ und „böse“ hätten ihren Ursprung in jenen Speisen, die wir „gut“ verdauen können oder eben ausspeien müssen, weil uns sonst „schlecht“ werden müsste.

Oder bereits im  4. Jahrhundert v. Chr. Diogenes, der Ahnherr der „kynischen Philosophie. Er fand nichts dabei, in aller Öffentlichkeit zu masturbieren. Als man ihn darauf ansprach, soll er geantwortet haben: „Wenn man nur auch den Hunger stillen könnte, indem man sich den Bauch reibt!“ Sollte besagen: Von diesen beiden Grundbedürfnissen unseres Körpers stellt nicht der Sex, sondern der Hunger das größere Problem dar, er ist schwerer zu befriedigen. Diogenes wollte darauf hinaus, der Weise solle ein möglichst bedürfnisloses Leben führen. Sein Konkurrent Platon, erzählt die Anekdote, hielt ihm einmal vor, wenn er sich den Wünschen des Tyrannen Dionysios von Syrakus nur ein wenig aufgeschlossen gezeigt hätte, dann brauchte er jetzt keinen Kohl zu waschen. Diogenes antwortete, wenn Platon sich zum Kohlwaschen herbeigelassen hätte, brauchte er dem Tyrannen nicht zu schmeicheln.

Das Thema „Bauch“ ist, so betrachtet, eben nur ein Spezialfall für die animalische Natur des Menschen: Wir sind, um leben und denken zu können, auf den Stoffwechsel angewiesen. Bereits der Volksmund weiß, wie die Ausdrücke „Wissenshunger“ und „Wissensdurst“ belegen, dass auch geistige Arbeit etwas von einer Nahrungsaufnahme in sich trägt. Diese Analogie findet sich bereits im Alten Testament. Im Buch Ezechiel lässt Gott seinen Propheten die Botschaft, die er dem Volk übermitteln soll, „schlucken“: „Du Menschenkind, iss, was vor dir ist, iss diesen Brief und gehe hin und predige dem Hause Israel!“ Hegel, in der Philosophiegeschichte als der Idealist par excellence verschrien, brachte immer und immer wieder die Metapher von der geistigen „Speise“. Und noch ein Beispiel aus dem 20. Jahrhundert. Ludwig Wittgenstein plädierte für eine abwechslungsreiche „Diät“ des Denkens: „Eine Hauptursache philosophischer Krankheiten – einseitige Diät: Man nährt sein Denken nur mit einer Art von Beispielen.“

Joachim Beuckelaer: Blick in die Küche, 1566
(Musée du Louvre, Paris) - Bild: Wikipedia


Philosophen, die über die bloße Metaphorik hinausgingen, handelten sich jedoch leicht einen schlechten Ruf ein. Der Grieche Epikur, der um 300 v. Chr. lebte, galt Jahrhunderte lang als Urbild eines verfressenen und versoffenen Lüstlings, weil er es gewagt hatte, Ernährung und Verdauung für ein philosophisches Thema zu erklären. Der selbstironische Vers des römischen Dichters Horaz von den „Schweinchen aus der Herde des Epikur“ wurde zum geflügelten Wort. Dabei hatte Epikur keineswegs die Maßlosigkeit gepredigt. Ihm ging es, so Denker, schlicht darum, dass die Freuden des Essens und Trinkens einen Großteil menschlicher Glückseligkeit ausmachen. Diese Feststellung war unter Philosophen zwei Generationen nach Platon nicht mehr selbstverständlich.

Im christlichen Mönchtum hat sich die asketische Linie fortgesetzt. Schon bei den Kirchenvätern, schreibt Denker, wurden „die Auseinandersetzungen mit Nahrung, Schlaf und Sexualität zum Ausdruck eines Kampfes, dessen Ausgang über die Fähigkeit menschlicher Anpassung an den Willen Gottes entscheidet“. Das könnte leicht vergessen machen, dass ein Ritus des Essens und des Trinkens im Zentrum des christlichen Gottesdienstes steht. Den Zeugnissen des Neuen Testaments zufolge forderte Jesus vor seinem Tod die Jünger auf, sein Fleisch zu essen und von seinem Blut zu trinken, in Form von Blut und Wein.

Bereits im Urchristentum stiftete das gemeinsame Abendmahl der Christen eine Gemeinschaft quer zu allen profanen Bindungen. Wie das Wort von der Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut eigentlich gemeint war, ist unter den Historikern jedoch hoch umstritten, wie ja auch die theologische Deutung dieses Sakraments zweitausend Jahre lang einen der wichtigsten Streitpunkte zwischen den verschiedenen Richtungen des Christentums bildete. Hier nur ein einziges Beispiel aus diesen Kontroversen: In den 1640er Jahren entwickelte der Philosoph René Descartes eine verblüffende Erklärung für das Wunder der Verwandlung von Brot und Wein. Er nahm die natürliche Verdauung als Modell für die sakramentale Wesensverwandlung und wollte der Seele des Gläubigen, im Verein mit den Worten des Priesters, eine ähnliche Wirkung zutrauen, wie sie sonst unser Bauch zustande bringt.

Von solchen Spekulationen hatte sich ein halbes Jahrhundert zuvor der Schrifsteller Michel de Montaigne wohlweislich ferngehalten. Abgesehen davon, dass er wohl einem Konflikt mit der kirchlichen Inquisition ausweichen wollte – unser Wissen über die Beziehungen zwischen Geist und Körper, meinte er achselzuckend, lasse nun einmal vieles im Unklaren. Mit leichter Ironie wies Montaigne gern darauf hin, dass der Bauch nun einmal sein Recht verlangt. Wer sich etwa das populärphilosophische Dogma zu eigen gemacht habe, körperliche Beschwerden seien an sich gleichgültig, komme möglicherweise dennoch in die Lage, vor Bauchschmerzen schreien zu müssen.

Von soviel Weisheit waren viele systematische Denker der Philosophiegeschichte oft weit entfernt. So kam etwa Immanuel Kant auf die Verdauung - ebenso wie auf die Sexualität - nur mit unübersehbarer Scham zu sprechen: Bei dieser „Ausleerung“ des Organismus würden wir unser Los mit dem Vieh teilen. Eine andere Form unfreiwilliger Komik zeigt sich in Hegels Ausführungen zur Tätigkeit von Magen und Darm. Kleine Kostprobe: „Der nach außen gekehrte, noch in die Lymphe fallende Prozess wird zum Fürsichsein und nun ins animalische Selbst verwandelt. Der Chylus, dies Produkt des Blutes, kehrt ins Blut zurück; es hat sich selbst erzeugt.“

Wilhelm Busch: Max und Moritz, 1865
Bild: Wikisource


Diese Sätze muss man vielleicht nicht genau verstehen, um sie als Musterbeispiel „dialektischer“ Verschlingung zu würdigen. Dabei sollte man jedoch nicht übersehen, betont Denker, dass Hegel bemüht war, die Verdauung in ihrer Relevanz für die Entwicklung des Geistes zu würdigen. Das gilt selbst noch für seine Sätze über die Ausscheidung und den Ekel. Denker resümiert: „Der Ekel vor den Exkrementen soll das Vertrauen des geistigen Selbst zur möglichen Autonomie gegenüber materieller Nahrung stärken“, „der Geist wird um so stärker, je größer der Gegensatz war, den er zu überwinden hatte“. Und übersetzt ins ganz Banale: „Es ist beschämend, an die Toilette zu denken, aber wenn sie hinter uns liegt, hat es doch gut getan.“

Andere hatten da weniger Berührungsängste. Extremes Beispiel: der Marquis de Sade. Die „sadistischen“ Phantasien in seinen Schriften können nicht verdecken, dass er noch einer anderen Leidenschaft frönte, der Lust am Ekel, selbst an den Exkrementen:„An nichts gewöhnt man sich so leicht wie an den Geruch des Kotes. Ihn zu essen, ist délicieux!“ Und bis hin zum Kannibalismus: Brot, meinte de Sade in blasphemischer Anspielung auf das Abendmahlssakrament, sei gut für Sklaven; für den Libertin sei Menschenfleisch die beste Nahrung – weil es nämlich die Bildung eines reichlichen und guten Spermas fördere.

Damit verglichen wirken die Reflexionen eines Georg Christoph Lichtenberg über die Verdauung zunächst recht harmlos. Aber in vielen seiner Aphorismen nahm er den „Materialismus“ Feuerbachs vorweg. Denker zitiert eine Stelle, es sei bedauerlich, dass man bei Schriftstellern die gelehrten Eingeweide nicht sehen könne, um zu erforschen, was sie gegessen haben. Lichtenberg war es wohl gewöhnt, dass manche seiner Zeitgenossen sich weigerten, im Bauch ein philosophisch ernsthaftes Thema zu sehen. Er wischte solche Bedenken vom Tisch: „Hätte die Natur nicht gewollt, dass der Kopf den Forderungen des Unterleibs Gehör schenken sollte, was hätte sie nötig gehabt, den Kopf an einen Unterleib anzuschließen.“

Oder der französische Schriftstller Jean Anthelme Brillat-Savarin, im frühen 19. Jahrhundert. Es war die Zeit, in der die Physiologie ihren großen Aufschwung nahm, sie inszenierte sich, so Denker, „als gründliche und sichere Form der Selbsterkenntnis“ des Menschen. Gerade während Hegel die dialektische Selbstverwirklichung des Geistes zum philosophischen System machte, war Brillat-Savarin bemüht, alle scheinbar geistigen Vorgänge auf die Physiologie zurückzuführen. Und am liebsten auf die Verdauung. Wehe den Menschen, die ihre Verdauung durch geistige Arbeit oder gar durch sexuelle Freuden stören, warnte der Autor; die Pariser Friedhöfe seien voll von den Opfern. Brillat-Savarin wollte sogar die Poesie durch gezielte diätetische Maßnahmen verbessern. Wenn jemand „romantisch“ schreiben wolle – stärkende Fleischbrühe sei ein geeignetes Mittel.

Solche Aussagen muss man vielleicht nicht ganz ernst nehmen. Aber ist es eigentlich auszuschließen, dass der Bauch unser Denken selbst en detail beeinflussen könnte? So werden es eigene Probleme mit dem Magen gewesen sein, die den Bauch bei Friedrich Nietzsche zu einem zentralen Thema machten. Bereits 1871 klagte er in einem Brief über ungeregelte Verdauung; als Sanitäter im Deutsch-Französischen Krieg hatte er sich eine Ruhr zugezogen. 1875 wurde ihm ein chronischer Magenkatarrh attestiert. Nietzsche verkehrte diese Schwäche in ein Preislied des starken Magens. Die „freien, sehr freien Geister“, die Philosophen der Zukunft, schrieb er 1886 in „Jenseits von Gut und Böse“, würden „Zähne und Mägen für das Unverdaulichste“ besitzen. Auch für den unheimlichen Verdacht, unsere tiefsten moralischen Gewissheiten seien womöglich Produkte unserer Eingeweide.

Wie das mit solchen Verdächtigungen nun einmal läuft – sie lassen sich auch umkehren. Die Versuchung liegt gefährlich nahe, Nietzsches Philosophie als Produkt einer Indigestion des Magens abzutun. Denker wehrt ab: „Dass Epikur, Augustinus, Montaigne, Kant, Nietzsche und Wittgenstein an Bauchproblemen litten, sagt nichts Eindeutiges über den philosophischen Wert ihrer Gedanken.“ Nur dass die großen philosophischen Geister womöglich doch ruhiger gedacht hätten, wären sie nicht mit ihren Verdauungsproblemen belastet gewesen. Oder hätte ihnen dann die Inspiration gefehlt? Fragen, die sich heute, trotz des ungeheuren Fortschritts der empirischen Wissenschaften vom menschlichen Organismus, wohl auch nicht viel verlässlicher beantworten lassen als zu Zeiten Feuerbachs mit seinem „Der Mensch ist, was er isst“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Christian W. Denker: Vom Geist des Bauches. Für eine Philosophie der Verdauung, transcript Verlag, Bielefeld 2015, 536 S., ISBN 978-3-8376-3071-8, 34,99 €



Mehr im Internet:

Verdauung - Wikipedia
scienzz artikel Anthropologie

 

 

 

 

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