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Wissenschaft

10.03.2016 - KUNSTRELIGON

"Wenn Raffael der Priester ist"

von Josef Tutsch

 
 

Elly-Ney-Denkmal in Tutzing
Bild: hgn_p/Wikipedia

Wer weiß, vielleicht wäre die Ideengeschichte ein wenig anders verlaufen, hätte August III. von Sachsen nicht 1754 Raffaels „Sixtinische Madonna“ erworben. Viele der Kunstfreunde, die nach Dresden kamen, um das Gemälde zu sehen, waren Protestanten, die Tradition der katholischen Kirchenkunst war ihnen unbekannt. So konnte das Bild bei ihnen eine weltanschauliche Krise auslösen. 1799 veröffentlichte August Wilhelm Schlegel in der Zeitschrift „Athenaeum“ einen Text, der davon einen Eindruck vermittelt. Eine Louise erzählt dort, beim Anblick der Madonna sei „ein sanfter Schauer“ über sie gekommen, ihre Augen seien „nass geworden“. Darauf ihr Gesprächspartnr: „Sie sind in Gefahr, katholisch zu werden.“ Louise antwortet: „Es ist keine Gefahr dabei, wenn Raffael der Priester ist.“

Die protestantischen Intellektuellen, die in den Jahren um 1800 die Geistesströmung der Romantik begründeten, waren hin- und hergerissen. Gegen die katholische Dogmatik hatten sie die größten Vorbehalte; aber die Kunst, die auf dem Boden der katholischen Kirche erblüht war, tat ihre Faszination. Ein Phänomen, das sich dem einfachen Schema einer progressiven Säkularisierung nicht recht einfügen will, stellen die Forscher des Max-Weber-Kollegs an der Universität Erfurt fest, die jetzt einen umfangreichen Sammelband zum Thema „Kunstreligion“ herausgebracht haben: Während den etablierten religiösen Instanzen, den Kirchen, viel von ihrer Autorität abhanden kam, wurde umgekehrt ein anderer sozialer Sektor, eben die Kunst, „sakralisiert“.

Wie die folgenden zwei Jahrhunderte gezeigt haben, war die frühromantische Kunstreligion kein isoliertes Phänomen. Von der Politik bis zum Sport hat sich ein ganzes Karussell solcher „Ersatzreligionen“ ausgebildet. Der Göttinger Germanist Heinrich Detering nennt als Beispiel Elvis Presley, der in seinen späten Konzerten „Berührungsreliquien“ am laufenden Band herstellte und verteilte. Während er am Bühnenrand entlangging, reichte ihm sein Assistent ein Halstuch nach dem anderen. Elvis berührte damit kurz Gesicht oder Hals, so dass es wenigstens symbolisch mit seinem Schweiß getränkt war, und reichte es dann den Zuschauern. 

Außenstehende beobachten dergleichen Phänomene heute mit ähnlichem Befremden, wie sie im 18. Jahrhundert protestantische Reisende aufbrachten, wenn sie auf die hergebrachten Frömmigkeitsformen in den katholischen Ländern Südeuropas trafen. Die herrschende Geistesströmung im deutschen Luthertum damals war der Pietismus, der die Künste, wie der Gießener Germanist Joachim Jacob schreibt, „strikt auf ihren Gebrauchswert für die fromme Erbauung verpflichtete“. So gab der Dichter Gottfried Arnold 1696 in seinem Buch „Die erste Liebe“, das als historische Darstellung des Urchristentums gemeint war, seiner „Abscheu vor allen Üppigkeiten, Tänzen, Schau- und anderen Spielen und dergleichen“ beredten Ausdruck. Seine eigene Poesie markierte Arnold als „schlicht“ und „einfältig“. Gerade darin sollte sich zeigen, was der Leipziger Poetikprofessor Joachim Feller 1689 als? formuliert hatte: „Was ist ein Pietist? Der Gottes Wort studiert und nach demselben auch ein heil'ges Lebena führt.“

Jacob stellt eine paradoxe Wirkung fest: Indirekt wurde damit auch die Kunst geheiligt, die doch unter dem Verdacht der Weltlichkeit stand, nämlich indem sie sich dem Programm einer Heiligung des Lebens einfügte. Eine Generation später ging zum Beispiel der Dichter Johann Jakob Rambach einen Schritt weiter. In etwas gedrechselter Sprache („die offenkundig seinen Selbstermächtigungsanspruch verdecken sollte“, meint Jacob) deutete er an, das künstlerische Talent und das ästhetische Verfahren selbst könnten „heilig“ sein. Damit war der Weg zum Geniekult, in dem der Künstler und Dichter sich selbst neben und womöglich an die Stelle der göttlichen Offenbarung setzen konnte, beschritten.

Raffaels Sixtinische Madonna (Gemälde-
galerie, Dresden) - Bild: Wikipedia


Dabei war an sich nicht neu, erläutern die Erfurter Philosoph Markus Kleinert und Magnus Schlette in der Einleitung des Sammelbandes, dass Religion und Kunst einander stützten. Die Religion, die einen ehrfurchtsvollen Umgang mit dem Heiligen gestalten will, ist seit jeher auf Medien angewiesen, in denen sich die Beziehung zwischen dem Sinnlichen und dem Übersinnlichen artikulieren kann. Umgekehrt ist es die vielleicht größte Herausforderung an die Kunst, dass sie das Übersinnliche im Sinnlichen erscheinen lässt. Dass beide im späten 18. Jahrhundert noch näher zusammenrückten, erklärt sich aus der geistigen Situation der Zeit: Der Konnex von Wissenschaft und Religion hatte sich gelockert; die empirischen Wissenschaften standen mehr und mehr in einem Spannungsverhältnis zur herkömmlichen Deutung von Welt und Mensch. Auf der anderen Seite geriet auch die Kunst unter Rechtfertigungsdruck, ihre Nützlichkeit für die Gesellschaft stand in Frage.

In klassischer Form kommt die Wendung gegen den Anspruch der Religion (oder der Religionen, im Plural), „Wahrheiten“ zu verkünden, in der Ringparabel aus Lessings Drama „Nathan der Weise“ zum Ausdruck. Der Bielefelder Germanist Wolfgang Braungart: Lessings Nathan strebt ein Verhältnis der drei monotheistischen Religionen an, in dem Juden, Christen und Muslime lernen, einander als „Menschen“ anzuerkennen, ohne dass dabei die unterschiedlichen Voraussetzungen negiert würden. „Dieses Lernen vollzieht sich aber, indem ein Kunstwerk realisiert, also ins Leben geholt und gedeutet wird. Nathan erzählt ein Märchen, also eine schöne Geschichte.“ Aber natürlich auch eine moralische, dem Ideal nach handlungsleitende Geschichte: Ein Jahrzehnt nach dem „Nathan“ entwickelte Immanuel Kant in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ das Konzept, den Glauben an Gott und die Unsterblichkeit zu moralischen Postulaten umzuinterpretieren.

„Ich bin ein Mensch“, sagt Nathan  zu Beginn des Schauspiels. Goethe hat den Satz in seinem „verteufelt humanen“ Drama „Iphigenie auf Tauros“ wiederaufgenommen, ebenso Mozarts Librettist Emanuel Schikaneder in der „Zauberflöte“, später zum Beispiel Georg Büchner oder Henrik Ibsen. Er wurde zu einer Art Glaubensbekenntnis der modernen Zeit. Der Bochumer Religionswissenschaftler Volkhard Krech weist darauf hin, dass es die Heiligung des menschlichen Lebens – jedes menschlichen Lebens - war, die immer wieder im Zentrum ethischer Diskussionen gestanden hat, von Dietrich Bonhoeffers Skrupeln gegen ein Attentat auf Adolf Hitler, bis zu dem Versuch des Frankfurter Vizepolizeipräsidenten Wolfgang Daschner, durch eine Folterandrohung das Leben des entführten Jungen Jakob von Metzler zu retten.

Kennzeichnet es unsere Moderne, dass es uns nicht mehr möglich ist, dergleichen Diskussionen dogmatisch eindeutig aufzulösen? Krech vermutet, dass die moderne Gesellschaft gerade aufgrund der Häufung solcher Dilemmata, der Unvereinbarkeit verschiedener Rationalitäten, „religionsproduktiv“ wurde. „Im Kern eines jeden gesellschaftlichen Bereichs befindet sich ein blinder Fleck, die fehlende Möglichkeit nämlich, sich aus sich selbst heraus zu begründen.“ Sowohl politische Strömungen wie auch die eine oder andere Form von Kunst, meint Krech, haben darauf eine überraschende Antwort gefunden: in ihrer Selbsterklärung als „heilig“. Es wird eine Art von „Kommunikationsstopp“ verhängt – darüber kann nicht weiter kontrovers verhandelt werden.

Eine Selbstsakralisierung, die natürlich sozial akzeptiert werden muss, damit sie wirksam werden kann. Auf der anderen Seite bleibt der Autoritätsverlust, den die etablierten religiösen Instanzen erleiden mussten. Krech: „Dieselben Jugendlichen, die anlässlich der Beerdigung Johannes Pauls II. 'santo subito' skandierten, huldigen anschließend wieder ihren Pop- und Rockstars und scheren sich nicht um die rigide Sexualethik des Vatikans.“ Die fast zwanzig Aufsätze des Sammelbandes beleuchten die unterschiedlichsten Aspekte dieser Entwicklung vom Pietismus zur heutigen Popkultur. Dass die Beiträge sich auf die Traditionen im deutschen Protestantismus konzentrieren, Entwicklungen in anderen Ländern und anderen Konfessionen weitgehend ausgeklammert sind, schmälert freilich die historische? Aussagekraft der Beiträge.

Elvis-Presley-Denkmal in Jerusalem
Bild: Eranb/Wikipedia


Der Münchner Germanist Günter Häntzschel weist darauf hin, dass sich das „Mildheimsche Liederbuch“, eine frühe Lyrikanthologie, die in erster Auflage 1799 erschien, bis in die äußere Form am evangelischen Gesangbuch orientierte – nur dass nun die irdische Welt nicht mehr als Jammertal beklagt wurde; statt dessen hoben die Lieder hervor, wie Glück und Zufriedenheit sich als Folge einer sittlichen Lebensführung ergeben. 1841 erklärte der Schriftsteller Hermann Kletke ausdrücklich, seine „Geistliche Blumenlese aus deutschen Dichtern“ solle eine „tiefere Widerbelebung des religiösen Gefühls“ erzielen.

Das bürgerliche Schulwesen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, stellt die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Carola Groppe dar, sollte nicht zuletzt die Fähigkeit vermitteln, „Kunst zu klassifizieren und geschmacklich zu beurteilen“. Unnötig zu sagen, dass „Kunstreligion“ in diesem Zusammenhang auch dazu diente, den eigenen Lebensstil sozial abzuheben, nicht unbedingt nur gegenüber den „ungebildeten“ Schichten, auch gegenüber traditionellen Autoritäten. Die Sozialistin und Frauenrechtlerin Lily Braun berichtete in ihren Memoiren von einem Besuch im Louvre, den sie Anfang des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit ihrem etwa zehn Jahre alten Sohn absolvierte. Der hatte die kunstreligiösen Bestrebungen der Mutter offenbar sehr verinnerlicht. Die beiden suchten die Venus von Milo auf: „'Warum beten die Menschen nicht?', flüsterte mein Sohn, der die Mütze vom Köpfchen gezogen hatte. In einsamer Herrlichkeit stand sie vor uns.“

Der Louvre, der Kunst gewidmet, sollte an dieselben Riten appellieren wie eine christliche Kirche, resümiert Groppe. Der Theologe Peter Steinacker befasst sich mit einem sehr vergleichbaren Phänomen, das im historischen Rückblick ganz und gar nicht harmlos erscheint: der „Weihestätte“ Bayreuth. Und der „Wagnerismus“ stand nicht isoliert da. Markus Kleinert stellt die weihevollen Beethoveninterpretationen der Pianistin Elly Ney daneben, die im Nationalsozialismus als „Reichsklaviergroßmutter“ bekannt wurde. Entsprechend dem Vorbild von Wagners „Parsifal“ verbat sich Ney nach der Sonate op. 111 jeden Beifall, Argument: das sakrale Mysterium dürfe nicht durch Händeklatschen profanisiert werden.

Da wurde „der Künstler zum 'Propheten', das Kunstwerk zur 'Ikone' und die Rezeption zur 'Anbetung“, umschreibt Krech das Phänomen. Beinahe kann man zweifeln, ob die Aussage in der Einleitung dieses Sammelbandes „Kunst ist nicht Religion, Religion nicht Kunst“, von den Akteuren her betrachtet, immer so ganz trifft. Der Marburger Germanist Manuel Bauer belegt in seiner Studie zur Geschichte der Hermeneutik, dass die Dichter seit der Romantik gern als „Mittler“ zwischen dem Heiligen und den Menschen aufgefasst wurden, im Grunde vergleichbar den biblischen Propheten. Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts fiel ein Abglanz davon auf die Geisteswissenschaften. Bauer zitiert den Literaturwissenschaftler Emil Staiger: „Nicht jeder Beliebige kann Literaturhistoriker sein“, schrieb Staiger; vermittels seiner besonderen Anlage müsse der Literaturhistoriker das Dichterwort für die breite Masse lebendig erhalten und auslegend verkündigen.

Einen Fall von Kunstreligion, der auf den ersten Blick so rätselhaft wie kurios anmutet, hat die Erfurter Germanistin Dorit Messlin aufgetan. 1923 brachte der Schriftsteller Hugo Ball sein Buch „Byzantinisches Christentum“ heraus – Hugo Ball, der 1916 in Zürich das „Cabaret Voltaire“ mitbegründet und sich als Repräsentant der „Dada“-Bewegung hervorgetan hatte. Die Schrift bearbeitete predigtartig das Leben von drei Heiligen des 6. Jahrhunderts, darunter jenes Asketen Simeon, der vierzig Jahre stehend auf einer Säule verharrt hatte. Eine Abkehr von der Avantgarde-Ästhetik, eine Selbstaufhebung der Kunst in Mystik? Messlin ist zu einem anderen Schluss gekommen. Balls Interesse an der Religion sei „hochartifiziell“ gewesen, es ging ihm um „die Überschreitung der Grenzen des Menschlichen in geistiger Übung und asketischer Praxis, in einer extremen, übermenschlichen Lebensweise“. Der Publizist Waldemar Gurion nannte das „Byzantinische Christentum“ in seiner Rezension „eine Predigt des Außerordentlichen und Ungewöhnlichen“. Einige Jahre zuvor hatte Ball die Dada-Ästhetik mit einem ganz ähnlichen Begriff umschrieben: „Der Dadaist liebt das Außergewöhnliche.“ Und mit noch deutlicherem Anklang an die Sphäre des Religiösen: Er favorisiere ein spirituelles Ideal, aus dem Menschen hervorgehen würden, „die es für ihre Pflicht halten, an das Übernatürliche zu glauben und täglich Wunderwerke zu verrichten“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Metamorphosen des Heiligen. Struktur und Dynamik von Sakralisierung am Beispiel der Kunstreligion, herausgegeben von Hermann Deuser, Markus Kleinert und Magnus Schlette, Mohr Siebeck, Tübingen 2015, 443 S., ISBN 978-3-16-153988-6, 84,- €



Mehr im Internet:

Kunstreligion - Wikipedia
scienzz artikel Religion in der modernen Welt

 

 

 

 

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