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12.04.2016 - RELIGIONSGESCHICHTE

Eine ausgestorbene Weltreligion

von Josef Tutsch

 
 

Bücher mit dem Titel „Die Weltreligionen“ sind Renner auf dem Büchermarkt: Beim Publikum besteht großes Bedürfnis zu wissen, was andere Menschen glauben, nach welchen Regeln sie ihr Leben ausrichten usw. Die Zusammenstellung der Religionen allerdings wechselt. Oft fehlt der chinesische „Universismus“, jene eigentümliche Kombination von Konfuzianismus und Taoismus, der die meisten Chinesen bis zur kommunistischen Revolution anhingen; manchmal fehlt auch der Hinduismus, der ja ebenfalls nicht aus seinem Kulturkreis herausgetreten ist. Auch über das Judentum besteht keine Einigkeit. Zwar spricht seine weltweite Verbreitung für die Einstufung als „Weltreligion“; aber an der Zahl der Anhänger gemessen, steht es weit hinter Christentum, Islam und Buddhismus zurück.

Ob es nun vier oder fünf oder sechs sind – blickt man in die Geschichte zurück, ist die Zählung immer noch unvollständig. In Spätantike und Frühmittelalter war von Westeuropa bis China noch eine siebente Weltreligion verbreitet, die sowohl dem Christentum als auch dem Buddhismus ernsthafte Konkurrenz machte: der Manichäismus. Im Römischen Reich des späten 3. und frühen 4. Jahrhunderts wurde er ebenso wie das Christentum brutal unterdrückt, mit dem Unterschied, dass sich das Christentum dennoch durchsetzen konnte. Im Osten hielt er sich länger, erst im 14. Jahrhundert gelang es der konfuzianischen Staatsgewalt in China, ihn endgültig zu verdrängen.

Der Religionsstifter Mani wurde wahrscheinlich am 14. April des Jahres 216 geboren, vor 1.800 Jahren, im heutigen Irak. Es war eine unruhige Zeit; das Partherreich befand sich in einem Dauerkrieg mit Rom, einige Jahre nach Manis Geburt wurde die Dynastie der Arsakiden durch die der Sassaniden gestürzt. Ob der Religionsstifter wirklich aus dem Arsakidenhaus stammte, wie die Manichäer später behaupteten, muss offen bleiben. Es könnte sich um eine Legende handeln, die den Familiengeschichten von Buddha und Jesus nachgebildet wurde. Bis vor etwa hundert Jahren war der Manichäismus vor allem durch Zitate bei den christlichen Kirchenvätern bekannt, die ihn bekämpften. Erst im frühen 20. Jahrhundert wurden in Turkestan, in China und in Ägypten original-manichäische Texte gefunden – Lehrschriften, liturgische Texte und Legenden aus dem Leben des Stifters.

Mani wuchs in einer christlichen Gemeinde auf, die anscheinend stark asketisch ausgerichtet war. Kein Fleisch zu essen, keinen Wein zu trinken, sich des Geschlechtsverkehrs zu enthalten, lautete die Vorschrift, die sicherlich nur von einem kleinen Kreis befolgt wurde. Im Mittelpunkt des Rituals für alle standen Waschungen, die von der Sünde befreien sollten. Als Mani zwölf Jahre alt war, erhielt er eine Offenbarung. Ein Engel befahl ihm, die Gemeinde zu verlassen. „Deine Aufgabe ist es, die Sitten zu regeln und die Genüsse zu beherrschen“, sagte der Engel – eine Funktion, die von seiner alten Gemeinde offenbar nur unzureichend erfüllt wurde. Zwölf Jahre später wiederholte sich die Offenbarung. Mani wurde nun berufen, der Welt ein dreifaches „verborgenes Mysterium“ zu enthüllen: „das Mysterium der Tiefe und der Höhe“, „das Mysterium des Lichtes und der Finsternis“, „das Mysterium des Kampfes und des großen Krieges“.

„So wurde mir alles, was geschehen ist und geschehen wird, durch den Parakleten offenbart“, sagt Mani in einer der Heiligen Schriften des Manichäismus von sich selbst. Der Ausdruck „Paraklet“ ist aus dem Christentum übernommen; so wird im Johannesevangelium der Heilige Geist genannt. Vielleicht darf man auch in dem Wort „Zwilling“, mit dem der Engel bezeichnet wird, eine Parallele zur christlichen Theologie vermuten. Offenbar sah Mani in dem „Zwilling“ so etwas wie sein anderes, höheres Selbst. Eine Vorwegnahme der Diskussion um die zwei Naturen, die göttliche und die menschliche, wie sie später das Christentum bewegte?

Fragment einer Mani-Biographie, 5. Jh. (Kölner
Papyrus-Sammlung) - Bild: Wikipedia


In den Jahren, die der Legende zufolge zwischen den beiden Offenbarungen lagen, muss Mani die verschiedensten Elemente aus der hellenistisch-vorderasiatischen Religionswelt in sich aufgesogen haben, wahrscheinlich sogar darüber hinaus: Die Einteilung seiner Gemeinde in „Auserwählte“ und bloße „Hörer“ lässt buddhistischen Einfluss vermuten. Der Religionshistoriker Helmuth von Glasenapp hat Mani einen „vielseitig gebildeten Intellektuellen“ genannt. Seinen „Vorläufern“ Zoroaster, Buddha und Jesus lastete er den Fehler an, ihre Lehren nicht schriftlich fixiert zu haben, wie er selbst das in seinem syrischen Dialekt tat; dieses Versäumnis hätte der verfälschenden Interpretation Tür und Tor geöffnet.

Der Inhalt der Offenbarung dagegen verweist auf iranisches Erbe, den Dualismus zweier Prinzipien, von denen Mani das eine als gut und das andere als böse kennzeichnete. Offenbar gab der Kirchenvater Augustinus diese Position recht getreu wider, als er um 400 in einer Schrift zur Widerlegung des Manichäismus den Manichäer Faustus sagen ließ: „Ich lehre zwei Prinzipien, Gott und die Materie. Der Materie schreiben wir jede schädliche Kraft zu, und Gott die wohltätige, wie es angemessen ist.“ Damit war Mani auch kein Einzelfall, unter dem Stichwort „Gnosis“ - religiöse Erkenntnis – hatten bereits in den zwei Jahrhunderten zuvor viele religiöse Denker versucht, den iranischen Dualismus von Gut und Böse mit der jüdisch-christlichen Theologie und der griechischen Popularphilosophie zu verbinden. Berühmtestes Beispiel: Markion, der ein Jahrhundert vor Mani einen guten, liebenden Gott des Neuen Testaments von dem bösen Schöpfergott des Alten trennen wollte. Irgendwann um 200 entstand das „Lied von der Perle“, durch das die Gnosis in die Weltliteratur eingegangen ist. Ein persischer Prinz wird von seinen Eltern ausgeschickt, um die „Perle“, die verlorene Seele, wiederzugewinnen. Nachdem er vorübergehend selbst seinen Auftrag vergessen hat, sich dann jedoch erinnert, kehrt er erfolgreich nach Hause zurück.

Aus diesem Ideenzusammenhang stammt auch das vielzitierte Wort „Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung“. Weniger poetisch als das Lied von der Perle, aber ebenso phantasievoll, erzählen die Heiligen Schriften der Manichäer, wie der Urmensch von den Dämonen der Finsternis verschlungen wurde und wie es im Lauf des Weltprozesses gelingt, die Lichtelemente aus der Materie zu befreien. Den „Auserwählten“ der manichäischen Gemeinde fällt dabei eine ganz besondere Aufgabe zu, sie müssen durch ihre „Einsicht“ die Verstrickung des Lichtes in die Finsternis beenden und so nicht nur sich, sondern die Gottheit selbst erlösen.

Es wird dieser pantheistische Aspekt gewesen sein, die substantielle Gleichheit der menschlichen Seele mit Gott, der die christlichen Kirchenväter am Manichäismus am meisten störte. Und sicherlich wurde eine Episode in dem Weltenroman, den die manichäischen Schriften erzählen, wegen ihrer offen sexuellen Implikationen als skandalös empfunden. Einer der göttlichen Gesandten, heißt es dort, präsentiert sich den Dämonen in nackter Schönheit, den männlichen als Lichtjungfrau, den weiblichen als leuchtender Jüngling. In ihrer Erregung müssen die Dämonen die von ihnen gefangenen Lichtpartikel als Sperma bzw. als Leibesfrucht abgeben.

Inwieweit solche Erzählungen von den Manichäern wörtlich oder als Symbole genommen wurden, lässt sich kaum sagen. Sicher ist, dass Mani die Stellung des bösen Prinzips gegenüber dem guten im Vergleich mit älteren Stufen der iranischen Religion relativiert hat.  Die Manichäer wollten dem bösen Prinzip keinesfalls den Namen „Gott“ zuerkennen, beteuert Faustus in jener Schrift des Augustinus, sie würden von einem „Dämon“ sprechen. Das stimmt mit einem manichäischen Beichtspiegel überein, der sich ausdrücklich gegen die mythologische Überlieferung wendet, der „Gute“ und der „Böse“ seien „Brüder“ und insofern eigentlich gleichberechtigt.

Manichäer, Manuskript aus Khocho/
Xinjiang, 8./9. Jh. - Bild: Wikipedia


In den ersten Jahrzehnten seines öffentlichen Auftretens konnte sich Mani königlicher Protektion erfreuen. Die Situation änderte sich, als 274 Bahram I. den Thron bestieg. Bahram förderte die zoroastrische Priesterschaft, aber sicherlich lehnte er Mani nicht nur aus theologischen Gründen ab: Die Weltverachtung, die der Manichäismus predigte, war ihm suspekt. Den Quellen zufolge provozierte Mani den König zusätzlich, indem er sich im Verhör auf seine göttliche Offenbarung berief. Nach vier Wochen Kerkerhaft starb er im Februar 276 oder 277, die Datierung ist nicht sicher, an Entkräftung. Die Legende erzählt, er sei ebenso wie Jesus ans Kreuz geschlagen worden.

Noch zu Manis Lebzeiten muss sich der Manichäismus mit großer Geschwindigkeit über die Mittelmeerwelt ausgebreitet haben. 297 ordnete der römische Kaiser Diokletian an, ihn mit allen Mitteln zu bekämpfen – offenbar sah er darin eine ebenso große Gefahr wie im Christentum. Selbst bloße Mitläufer sollten hingerichtet oder wenigstens zu Frondienst verurteilt werden. Aber noch hundert Jahre später hatte der Manichäismus im Westen die Kraft, einen Intellektuellen wie Augustinus zu fesseln, wenigstens vorübergehend. Nach seinem Übertritt zum Christentum versuchte Augustinus, sich Rechenschaft zu geben, was ihn da eigentlich fasziniert hatte. Seine Antwort: die scheinbare Harmonie von Vernunft und Offenbarung in der manichäischen Lehre.

Offenbar wurden die phantastisch-mythologischen Elemente von Augustinus' manichäischen Lehrern allegorisch umgedeutet. Der scharfe Dualismus, den Augustinus später in seinem Hauptwerk, dem „Gottesstaat“, lehrte, dürfte jedoch weniger auf die manichäische Jugend des Kirchenvaters zurückgehen als auf die weite Verbreitung, die ursprünglich iranisches Gedankengut in der spätantiken Welt gefunden hatte. Die Frage, inwieweit manichäische Denkelemente untergründig fortwirkten und im hohen Mittelalter in der Kirche der Katharer oder Albigenser wieder an die Oberfläche kamen, ist bis heute ungeklärt.

Im Osten konnte sich der Manichäismus länger halten. Unter den ersten islamischen Kalifen wurde er offenbar als Schriftreligion, ähnlich wie Judentum und Christentum, geduldet. Seit dem 8. Jahrhundert jedoch setzten die Herrscher der Abbasidendynastie auf eine harte Verfolgung, vermutlich aus ähnlichen Gründen wie bereits Bahram: Die Weltabgewandtheit war politisch von vornherein verdächtig. Das hinderte freilich den Uigurenfürsten Bugug Khan nicht daran, den Manichäismus 762 zur Staatsreligion seines Reiches zu erklären. 732 hatte sich der chinesische Kaiser Hsüang Tsung für eine Doppelstrategie entschieden: In China selbst wollte er die Verbreitung dieses „durch und durch verkehrten Glaubens“ unterbinden; aber er sei nun einmal „die einheimische Religion der westlichen Barbaren“ und bei diesen zu dulden.

Fälschlich nehme diese Lehre den Namen des Buddhismus an und täusche das Volk, schrieb der Kaiser in seinem Edikt. Das weist darauf hin, dass der Manichäismus sich mit großer Flexibilität anderen Religionen anzugleichen verstand, ohne den Kern seiner Lehre aufzugeben. Moderne Historiker glauben, sowohl im chinesischen Taoismus als auch im tibetischen Lamaismus manichäischen Einfluss finden zu können. Was das untergründige Fortwirken im Westen angeht - die Frage, ob es einen historischen Zusammenhang des Manichäismus mit der Kirche der Katharer oder Albigenser im 12. und 13. Jahrhundert gibt, ist bis heute ungeklärt. Sie wurde ebenso brutal unterdrückt wie Jahrhunderte zuvor die „Kirche“ Manis.

Heute ist der Ausdruck „manichäisch“ längst zu einem Idealtypus geworden. Gängig werden darunter alle Ideologien gefasst, die die Welt in Schwarz und Weiß einteilen, ohne Zwischentöne in Grau oder gar Bunt, von religiösen Endzeitutopien über einen eschatologischen Kommunismus bis hin zum Nationalsozialismus – unabhängig von der Frage, ob die Lehre des historischen Mani tatsächlich derart plakativ war. Blickt man auf die Radikalität, mit der solche Ideologien gegen den Pluralismus der modernen Welt anrannten oder bis heute anrennen, muss man zu dem Schluss kommen: Die große Zeit des Manichäismus in diesem allgemeineren, metaphorischen Sinn lag nicht in der späten Antike, sie liegt in unserer Gegenwart.


Mehr im Internet:

Mani - Wikipedia
scienzz artikel Antike Religionen

 

 

 

 

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