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28.04.2016 - BRAUCHTUM

Der Mai als Marienmonat

von Josef Tutsch

 
 

Kaiser Nero gab dem fünften Monat des Jahres den Namen seiner Dynastie, „Claudius“, einer seiner Nachfolger, Commodus, wählte seinen Vornamen: „Lucius“. Durchgesetzt hat sich weder das eine noch das andere. Gleich nach dem Tod der Kaiser kehrte der römische Senat wieder zu der alten Frühlingsgöttin Maja als Namensgeberin zurück, schließlich wurden ihr seit Urzeiten am 1. Tag dieses Monats Opfer dargebracht. Etymologisch hängt der Name der Göttin wahrscheinlich mit dem lateinischen Wort „magis“, mehr, zusammen – Maja beschützte das Pflanzenwachstum.

Im Laufe der Jahrhunderte vermischte sich ihr Bild mit dem anderer weiblicher Gottheiten. Da liegt natürlich der Gedanke nahe, die christliche Kirche hätte auch in diesem Fall bereits in der Spätantike zu dem Mittel gegriffen, altes heidnisches Brauchtum mit ihren eigenen Inhalten zu überdecken. Im der katholischen Volksfrömmigkeit ist der Mai heute der Marienmonat. In vielen Gegenden ziehen Prozessionen über die Felder, um die kommende Ernte unter den Schutz der Gottesmutter zu stellen.

Nur – bei der Suche nach antiken oder mittelalterlichen Ursprüngen des Marienmonats müssen die Historiker passen. Ein Marienmonat Mai ist erst im 18. Jahrhundert belegt, soweit bekannt, wurde die früheste Marienandacht zum Mai 1784 abgehalten, und zwar im italienischen Ferrara. Ob den frommen Ordensleuten, die in der Zeit der Aufklärung diesen Brauch begründeten, die alte römische Frühlingsgöttin Maja sogar bekannt war oder ob die Übereinstimmung zufällig zustande kam – Maria wurde zur Symbolfigur des beginnenden Sommers.

In den folgenden Jahrzehnten verbreitete sich der Brauch über das katholische Europa. 1841 fand im Kloster der „Schwestern vom Guten Hirten“ in Haidhausen bei München die erste deutsche Maiandacht statt. Es war eine neue Etappe in der Geschichte der Marienverehrung, die im Christentum bereits wenige Generationen nach Jesu Tod aufgekommen war. Bereits im 2. Jahrhundert entstand das sogenannte „Protevangelium des Jakobus“. Das Marienleben, das in diesem phantasievollen Werk über die kargen Informationen der kanonischen Evangelien hinaus dargeboten wurde, war das ganze Mittelalter hindurch einer der beliebtesten Erzählstoffe überhaupt.

Frühchristliche Bilder, die Maria mit dem Kind zeigen, sind jenen der Göttin Isis mit dem Horusknaben zum Verwechseln ähnlich. Wenn die Radikalen der Reformation sich im 16. Jahrhundert über die zahllosen Marienbilder in den Kirchen erregten – sie hätten bereits in den Katakomben vor Kaiser Konstantin Anlässe zum Bildersturm gefunden. 431 erklärte das Konzil von Ephesos Maria in aller Form zur „Gottesgebärerin“. Dogmatisch ging es dabei weniger um Maria als um die Einheit der Person Christi als wahrer Mensch und wahrer Gott. Aber in der Folge entwickelte sich eine Marienverehrung, die von Anbetung in der Praxis schwer zu unterscheiden war.

Maiandacht vor der Marienkapelle in Kaider
(Bad Staffelstein), 2004
Bild: Robert Krüger/Wikipedia


Damit hätte es, wäre es nach den Reformatoren gegangen, vorbei sein müssen. Martin Luther lehnte die Vorstellung, Maria oder die anderen Heiligen könnten als Mittler tätig werden, rigoros ab und wollte die Gottesmutter nur noch als Vorbild im Glauben gelten lassen. Johannes Calvin lehnte jegliche Marienverehrung ab, weil er die Gefahr des Götzendienstes witterte. Er konnte sich auf das Alte Testament berufen. „Die Frauen kneten den Teig, um Opferkuchen für die Himmelskönigin zu backen“, warnt, mit unüberhörbarem Abscheu, der Prophet Jeremia vor den heidnischen Kulten.

Argumente, die in der katholischen Kirche jedoch nicht durchdrangen. Gerade in der Abgrenzung gegenüber Lutheranern und Calvinisten entwickelte sich die Marienverehrung in der Gegenreformation zu einem Höhepunkt. Vor allem der Jesuitenorden förderte die marianische Frömmigkeit – man darf unterstellen: Die Prediger kalkulierten, dass dem „Durchschnittsgläubigen“ der Mensch Maria eher zugänglich war als der Gottmensch Christus oder gar Gottvater und der Heilige Geist. Die Fürbitten an Maria wurden zu einem gern genutzten Mittel der Ketzerverfolgung: Wer sie verweigerte, hatte sich als Protestant zu erkennen gegeben.

Der Marienmonat Mai mit seinen Prozessionen entstand als später Ausläufer der Gegenreformation. Dass der Brauch im frühen 19. Jahrhundert so beliebt wurde, wird gerade mit den antikirchlichen Tendenzen dieses Zeitalters der Revolution zusammenhängen: In der Reaktion fühlte die Kirche das Bedürfnis, den öffentlichen Raum wieder stärker zu besetzen. Es war im Grunde ein ähnlicher Prozess wie einige Jahrzehnte später, als die Arbeiterbewegung den Maitermin für ihre großen Demonstrationen wählte; die Jahreszeit bot sich für öffentliche Kundgebungen an.

Nicht nur in den Kirchen und den privaten Häusern, sondern vor allem draußen, auf den Straßen und den Feldern, wurden eigene Marienaltäre aufgebaut. Dass dabei viel Blumenschmuck eingesetzt wurde, lag durch die Jahreszeit ohnehin nahe, hatte aber auch seinen symbolischen Sinn. „Du geheimnisvolle Rose“ wird Maria in der „Lauretanischen Litanei“ angerufen, deren Anfänge bis auf das hohe Mittelalter zurückgehen. Spätere Maler assoziierten die Gottesmutter mit einer Vielzahl von Blumen, etwa mit der Lilie, dem Symbol der Reinheit, oder dem Veilchen, dem Sinnbild der Demut.

Die Gebete und Lieder an Maria bei den Maiandachten bilden seit dem 19. Jahrhundert eine eigene kleine Gattung frommer Literatur und Musik, Beispiel: „Maria, Maienkönigin, dich will der Mai begrüßen“. Säkular denkende Beobachter neigen leicht dazu, solche Äußerungen von Volksfrömmigkeit zu belächeln. Wie auch immer – im Katholizismus haben erst das 19. und 20. Jahrhundert, nach Mittelalter und Gegenreformation, einen dritten Höhepunkt der Marienverehrung gebracht. Das zeigt auch die Entwicklung der kirchlichen Lehre. Erst 1854 erklärte Papst Pius IX. es zum Dogma, dass Maria ohne Erbsünde empfangen worden sei, 1950 Papst Pius XII., dass sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden sei – nicht davon zu reden, dass Johannes Paul II. auf seinen Reisen die Tradition der Marienwallfahrten mit viel Energie gefördert hat.


Mehr im Internet:
Mainandacht - Wikipedia
scienzz artikel Rund um den Mai

 

 

 

 

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