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kultur

15.05.2016 - KUNSTGESCHICHTE

Der Heilige Geist und die Dreifaltigkeit in zwei Jahrtausenden Kunstgeschichte

von Josef Tutsch

 
 

Heiliger Geist als Taube, Karls-
kirche Wien, von Johann
Michael Rottmayr, 1729
Bild: Manfreeed/Wikipedia

Touristen am Chiemsee, die nach der Besichtigung des „Märchenkini“-Schlosses noch Zeit für den einen oder anderen Abstecher finden, besuchen vielleicht das kleine Dorf Urschalling südlich von Prien. In der Jakobskirche erleben sie eine Überraschung – wenn sie denn die Fresken aus dem späten 14. Jahrhundert genau betrachten. In einem Gewölbezwickel ist die Heilige Dreifaltigkeit dargestellt, in einer recht ungewöhnlichen Form: drei Gestalten, die nach unten zu einer einzigen verschmelzen. Zwischen Gottvater als einem weißbärtigen Greis und Christus als erwachsenem Mann mit braunem Bart steht ein Jüngling mit weiblichen Formen, offenkundig bezeichnet er den Heiligen Geist.

Wahrscheinlich verdankt dieses Fresko nur seiner Lage etwas abseits der großen Verkehrsströme den Umstand, dass es erhalten blieb. Die christliche Kunst hat sich schwer getan mit der Aufgabe, für die Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit Gottes eine angemessene Darstellung zu finden. Gottvater als Schöpfer der Welt und sein Sohn Jesus Christus – die ersten beiden Personen der Trinität konnte man sich vorstellen. Aber die dritte Person, der Heilige Geist? Immer wieder stießen die kreativen Einfälle der Künstler beim kirchlichen Establishment auf Missbehagen. 1628 verbot es Papst Urban III., die Dreifaltigkeit als einen einzigen Kopf mit drei Gesichtern darzustellen; umgekehrt wandte sich Gregor XIV. 1745 gegen Bilder des Heiligen Geistes als menschliches Individuum, neben Gottvater und Gottsohn.

Vor allem die Volkskunst hat sich jedoch niemals von Experimenten abbringen lassen. Durchgesetzt hat sich am Ende ein Tiersymbol für den Heiligen Geist, die Taube. Das geht auf eine Stelle im Markusevangelium zurück, die Taufe Jesu im Jordan: „Als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: 'Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.'“ Ob der Verfasser damit auf die Sintfluterzählung anspielen wollte? Dort ist die Taube das Zeichen, dass die Sintflut, also Gottes Strafgericht über die sündige Menschheit, ein Ende hat. Der Vogel, den Noah ausgeschickt hat, um festzustellen, ob es wieder festen Boden gibt, kehrt mit einem frischen Olivenzweig im Schnabel zurück. Bei Markus bedeutet die Herabkunft des Geistes, dass der Messias, der Israel die Erlösung bringen wird, gekommen ist.

Spätestens seit dem 6. Jahrhundert ist die Taube mehr noch als mit Jesu Taufe mit dem Pfingstwunder sieben Wochen nach seinem Tod und seiner Auferstehung verbunden. Dabei hatte die Erzählung in der Apostelgeschichte noch mit anderen Symbolen gearbeitet, Wind und Feuer: „Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie (die Apostel) waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten, auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.“

Fresko in Urschalling, St. Jakob
Bild: Allie Caulfield/Wikipedia


ie älteste bekannte Darstellung mit der Taube stammt aus dem syrischen Rabbula-Evangeliar, 586 n. Chr.: Zu Pfingsten steht die Gottesmutter Maria im Kreis der Apostel, Flammenzungen haben sich auf ihre Häupter niedergelassen, eine Taube senkt sich von oben herab. Neben der Taube und dem Feuer (und dem künstlerisch schwer darzustellenden „Brausen“) haben die Kirchenväter noch weitere Symbole erwogen: das fließende Wasser der Taufe und das Salböl, das im Judentum seit Urzeiten für die Weihung von Priestern und Königen gebraucht wurde.

Ging es nicht nur um den Heiligen Geist, sondern gleich um alle drei Personen der Dreifaltigkeit, wurde die Symbolarbeit noch um einiges schwieriger. Im 5. Jahrhundert soll der irische Nationalheilige Patrick den Klee zum Vergleich herangezogen haben: drei Blätter, die doch nur eine Pflanze bilden. Noch ein Stück abstrakter: das gleichseitige Dreieck. Meint auch das berühmte Drei-Hasen-Fenster im Kreuzgang des Doms zu Paderborn die göttliche Trinität? Schwer zu sagen, auch mittelalterliche Künstler werden gelegentlich einen Hang zu artistischer Spielerei entwickelt haben.

Blickt man auf die Entwicklung der kirchlichen Lehre, wird der Grund klar, dass die Künstler mit der Dreifaltigkeit und dem Heiligen Geist ihre liebe Not haben mussten. „Gott in der Dreiheit und die Dreiheit in der Einheit verehren und nicht die Personen vermengen noch das Wesen zertrennen“, schrieb der Kirchenvater Athanasius; er bereitete das Glaubensbekenntnis vor, mit dem auf dem Konzil von Konstantinopel 381 das Trinitätsdogma festgeschrieben wurde. Mit der bloßen Gleichheit war es aber noch nicht getan. Die drei Personen sollten ja auch mit der Geschichte, wie sie in der Bibel erzählt wird, verknüpft werden – dieser Umstand machte das abstrakte Zeichen des Dreiecks etwas unbefriedigend, ganz davon abgesehen, dass dieses Symbol bereits von der konkurrierenden Religion des Manichäismus belegt war.

Als Kurzformel hat sich das Dreieck dennoch gehalten, in der Regel durch das Auge Gottes näher als religiöses Symbol bezeichnet. Doch es gab auch alternative Darstellungsformen. Mitte des 15. Jahrhunderts schuf zum Beispiel der Buchmaler Jean Fouquet eine Miniatur mit den thronenden drei göttlichen Personen nebeneinander, ihnen zur Seite Maria. Ermutigt wurde der Maler oder sein Auftraggeber wohl durch die alttestamentliche Geschichte vom Besuch dreier Männer beim Patriarchen Abraham, die ihm die Geburt seines Sohnes Isaak ankündigten. Die Theologen interpretierten die Stelle gern als Hinweis auf die christliche Dreifaltigkeit und auf die Menschwerdung des Erlösers.

Aber es ist klar, was aus theologischer Sicht gegen diese Form der Darstellung sprechen musste: Der Gedanke an Polytheismus lag nahe. Immer und immer wieder warnten die Theologen vor der Versuchung, sich das Miteinander der drei göttlichen Personen allzu konkret vorzustellen. Jede künstlerische Darstellung müsse eine Blasphemie werden, schrieb im 13. Jahrhundert der spanische Bischof Lucas von Tuy. Eine theologisch sehr gewagte Darstellung versuchte 1519 der italienische Maler Andrea del Sarto in einem Fresko in Florenz: ein Kopf mit drei Gesichtern – jene Form, die Urban III. 1628 mit dem Bann belegte. Das Bild erinnert verblüffend an indische Bilder der Gottheiten Brahma, Vischnu und Schiva – vielleicht kein Zufall, zwei Jahrzehnte zuvor hatten die Portugiesen den Seeweg nach Indien entdeckt, der Maler könnte solche Vorlagen zu Gesicht bekommen haben.

Giovanni Antonio da Pordenone:
Dreifalitigkeit, in Duomo San
Daniele del Friuli, 1535
Bild: Wikipedia


Doch dergleichen blieb eine Ausnahme. Im späten Mittelalter war die Bildform des sogenannten „Gnadenstuhls“ mit dem Taubensymbol beinahe kanonisch geworden: Der thronende Gottvater hält vor sich ein Kruzfix oder in seinem Schoß den Leichnam Christi, dazu tritt als Bild der dritten göttlichen Person die schwebende Taube. In den 1550er Jahren gestaltete Tizian das Motiv zum Triumphbild um: Gottvater und Christus als Inhaber der Weltherrschaft, inmitten von Engelschören, oberhalb einer Schar anbetender Heiliger. Und zwischen ihnen wiederum der Heilige Geist in Gestalt einer Taube.

Tizians Bild wurde im katholischen Europa unendlich oft nachgeahmt. Im Protestantismus dagegen begnügten sich die Künstler oft mit der beinahe abstrakten Form: dem Dreieck mit dem Auge. Die katholische Volksfrömmigkeit wiederum griff an Pfingsten zu einer recht handfesten Versinnbildlichung des Heiligen Geistes. Zum Beispiel in der Pfarrkirche von Grafing bei München ist eine holzgeschnitzte Taube erhalten, die mitsamt Glorie fast zwei Meter misst. Früher war es in vielen Kirchen üblich, solche Tauben zu Pfingsten durch eine Öffnung in der Decke – das „Heilig-Geist-Loch“ - in den Gemeinderaum herabzulassen. Mancherorts wurde der Brauch, der seit der Aufklärung als grob sinnlich verpönt war, inzwischen wiederbelebt.

Die Taube als Zeichen des göttlichen Eingriffs in die Geschichte, als Vorbote der Utopie – dieses Motiv hat sich in unsere moderne Gesellschaft hinübergerettet, der Pfingsten und der Heilige Geist keine selbstverständlichen Voraussetzungen mehr sind. Heute ist es gläubigen wie ungläubigen Menschen in der westlichen Kultur selbstverständlich, dass die Taube das Symbol des erhofften Weltfriedens ist. Dass die Tauben zwar vegetarisch leben, untereinander jedoch viel aggressiver sind als etwa die Falken, wird dabei gern ausgeblendet. Oft hält die Taube jenen Ölzweig im Schnabel, von dem bereits die Sintflutgeschichte erzählt. Symbole der Hoffnung, auch wenn die Kontinuität mit Bibel und Christentum heute oft nicht mehr gegenwärtig ist.


Mehr im Internet:

Heiliger Geist - Wikipedia
scienzz artikel Rund um Pfingsten
scienzz aratikel Gottesvorstellungen

 

 

 

 

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