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17.06.2016 - KULTURGESCHICHTE

von Josef Tutsch

 
 

Bela Lugosi in Dracula von Tod
Browning, 1931
Bild: Wikipedia

Am 21. Juli 1725 erschien in der österreichischen Staatszeitung „Wienerisches Diarium“ der Bericht einer Verwaltungsbehörde aus den neu eroberten Gebieten im nördlichen Bosnien. Unter der nichtssagenden Überschrift „Kopie eines Schreibens aus dem Gradisker Distrikt in Ungarn“ war dort zu lesen, drei Monate nach dem Tod eines Bauern namens Peter Plogojoviz hätten mehrere Personen ausgesagt, der Verstorbene sei ihnen im Traum erschienen, habe sich auf sie gelegt und sie gewürgt. Die Dorfbewohner hätten das Grab geöffnet und an der Leiche Veränderungen festgestellt, die auf ein Weiterleben hindeuten würden, nämlich ein Wachstum von Haaren und Nägeln sowie eine Erektion. Vor allem aber: Aus dem Mund des Toten sei frisches Blut geflossen. Die Dorfbewohner waren sich einig: Das musste er seinen Opfern ausgesaugt haben.

Es war die erste „amtliche“ Nachricht, berichtet der Osteuropahistoriker Thomas M. Bohn von der Universität Gießen, in der die westeuropäische Öffentlichkeit mit dem Phänomen  des „Vampirismus“ bekannt gemacht wurde. Der Verwaltungsbeamte, der den Bericht verfasst hatte, steuerte auch gleich das Wort „Vampir“ bei: So würden die Bauern in seinem Distrikt solche Verstorbenen nennen, die aus dem Grab zurückkehrten und die Lebenden schädigten, indem sie deren Blut aussaugten. Die Bewohner, heißt es in der Meldung weiter, hätten eine „posthume Hinrichtung“ des Übeltäters in die Wege geleitet; er selbst sei außerstande gewesen, diese Grabschändung zu verhindern. Zunächst wurde das Herz mit einem Pfeil durchbohrt, dann die Leiche auf einem Scheiterhaufen verbrannt.

Bohn hat eine Studie über die Ursprünge des Vampirmythos vorgelegt, der seit Bram Stokers Roman „Dracula“ 1897 die moderne Medienlandschaft beherrscht. Schuld an dem Buch, schreibt Bohn im Vorwort, sei übrigens seine zehnjährige Tochter gewesen: Sie habe dem Vater mit der Frage zugesetzt, ob es solche Blutsauger wirklich gebe. Spätestens mit den „Twilight“-Romanen der Jugendbauchautorin Stephenie Meyer sind die Vampire im Kinderzimmer angekommen. Stoker hatte seinen Dracula noch primär als Schreckensgestalt angelegt; sie diente dazu, die anderen Figuren des Romans in allerlei schaurige Abenteuer zu verwickeln. Inzwischen haben Vampire ihre individuellen Charakterzüge, ihre – tragischen oder komischen – Schicksale, sie können sogar sympathisch sein.

Bohn befasst sich jedoch nicht mit den Medienstars, sondern mit dem volkstümlichen Vampirglauben. Dabei erweist sich gleich der erste Gemeinplatz unserer „Vampirologie“ als irrtümlich. Mit Transsilvanien oder Siebenbürgen, wo laut Stoker die Heimat seines Dracula lag, hat der Vampirismus nicht mehr zu tun als mit anderen Regionen im Donau- und Balkanraum auch. Stoker verfiel auf Transsilvanien, weil er den Mythos mit einer historischen Persönlichkeit verknüpfen wollte, dem Fürsten Vlad III. Tepes aus dem 15. Jahrhundert, der für seine Grausamkeit berüchtigt war. Vlad führte den Ehrentitel „Dracula“, das bedeutete: Mitglied des Drachenordens. Bereits Stokers Quellen hatten dieses Wort aufgrund einer irrtümlichen Etymologie als „Teufel“ missverstanden.

Blickt man auf die Zeugnisse des 18. und 19. Jahrhunderts, also jener Zeit, bevor Stoker den Vampiren zu literarischen Ehren verhalf, dann zeigt sich als Verbreitungsgebiet die Zone zwischen den Reichen der Habsburger und der Romanows, der Osmanen und der Hohenzollern. Oder, konfessionell ausgedrückt: der Übergangsbereich zwischen katholischem, protestantischem und orthodoxem Christentum sowie dem Islam. Dabei stießen unterschiedliche Vorstellungen vom Zustand des Menschen nach dem Tod aufeinander. So galt – oder gilt vielfach bis heute - das Ausbleiben von Verwesung beim Leichnam im Westen als ein Zeichen besonderer Heiligkeit, in der orthodoxen Kirche dagegen als Ausdruck der Verfluchung. Dort war es mancherorts es üblich, dass einige Jahre nach dem Tod der Leichnam exhumiert und das Skelett dann neu bestattet wurde. Bohn: „Es galt, sich des Zustands der völligen Verwesung zu vergewisssern, der den Seelen der Verstorbenen den Übergang ins Paradies ermöglichte.“

"Der Vampir", von Philip Burne-
Jones, 1897 - Bild: Wikipedia


„Erfunden“ wurden die Vampire im südöstlichen Europa jedoch nicht. Bohn deckt auf, dass Westeuropa gut vorbereitet war, als im 18. Jahrhundert die ersten Nachrichten von „Vampirismus“ bekannt wurden. Die mittelalterliche Dogmatik hatte die Frage, wo sich die Seele des Menschen bis zum Weltgericht am Ende der Zeiten aufhält, mit dem Fegefeuer beantwortet. Im Volksglauben hatte sich diese Lehre jedoch nur sehr allmählich durchgesetzt. Bohn hat zum Beispiel im England des 12. Jahrhunderts Berichte von rätselhaften Seuchen gefunden, die auf das Wirken von „Wiedergängern“ zurückgeführt wurden, von lebenden Leichnamen. Beim Öffnen der Gräber hätten die Körper keine Spuren von Verwesung gezeigt, die Leichentücher über dem Gesicht seien von frischem Blut durchtränkt gewesen.

Im späteren Mittelalter wurden solche Berichte selten, aus zwei Gründen. Erstens wurde die Rolle der „Sündenböcke“ etwa für Krankheiten nun immer häufiger den Juden und dann den Hexen angehängt; zweitens drang die kirchliche Lehre vom Fegefeuer als einem jenseitigen Aufenthaltsort für alle unerlösten Seelen allmählich in weitere Bevölkerungskreise durch. Da wird die Reformation, die den Glauben an das Fegefeuer strich, allerdings neue Unsicherheit gebracht haben. Zwar hielt Martin Luther alle Gerüchte über lebende Leichname für Eingebungen des Teufels. Doch damit wollten sich viele seiner Anhänger nicht zufrieden geben. Im 17. Jahrhundert häuften sich die Abhandlungen über das Phänomen der „schmatzenden Toten“, der „Nachzehrer“, also der rätselhaften Geräusche, die aus den Gräbern zu vernehmen waren. 1601 wandte sich der lutherische Pastor Martin Böhm aus der Oberlausitz dagegen, Leichname, die man der Schadenszauberei an den Lebenden bezichtigte, wieder auszugraben und zu enthaupten – das kann nur bedeuten, dass dergleichen manchmal tatsächlich praktiziert wurde. Offenbar wurde die Gefahr unterstellt, dass die Lebenden irgendwie ins Grab nachgeholt werden könnten.

Ein Jahrhundert später trafen die Nachrichten vom „Vampirismus“ in den Donau- und Balkanländern auf eine gespaltene Öffentlichkeit; der Gedanke an wiederkehrende Leichname galt in weiten Kreisen bereits als abergläubisch. Sehr bald wurden die Regionen am südöstlichen Rand der habsburgischen Monarchie, an der Grenze zum Osmanischen Reich, fest mit dem Begriff „Vampirismus“ verbunden. Im Bewusstsein der europäischen Gebildeten „avancierte die südosteuropäische Peripherie zum Hort der Rückständigkeit“, resümiert Bohn. So meldete 1732 eine Zeitung aus einem Dorf in der Walachei, eine Seuche sei von den Bewohnern „auf den Einfluss von Hexen und Zauberinnen“ zurückgeführt worden. Beinahe bedauernd fügte der Korrespondent hinzu, von „Blutsaugern“ sei in diesem Zusammenhang nicht die Rede gewesen – offenbar gehörte für ihn dieser Punkt beinahe zwingend dazu. Der Schlusssatz bestätigt jedoch, dass die Gegenmittel gegen diesen Zauber tatsächlich Volksbrauch waren: „Nach alter Väter Sitte habe man die Verdächtigen enthauptet und verbrannt.“

1734 verfasste der Leipziger Theologe Michael Ranft einen „Traktat von dem Kauen und Schmatzen  der Toten und Gräbern“. Er war überzeugt: Auch der „ungarische Vampir und Blutsauger“, von dem das „Wiener Diarium“ berichtet hatte, musste in diesem Phänomen seine Ursache haben. Bereits mit dem Motto wollte Ranft den Mythos ad absurdum führen. Das lateinische Sprichwort „Tote Hunde beißen nicht“ wandelte er ab in „Tote beißen nicht“. 1745 definierte „Zeidlers Universallexikon“ den Begriff „Vampire“ mit aufklärerischer Distanz: „tote menschliche Körper, welche aus Gräbern hervorspazieren, den Lebendigen das Blut aussaugen und sie dadurch umbringen sollen“.

In Wien wurde diese rationalistische Abwehr des „Aberglaubens“ sogar offizielle Regierungspolitik. 1755 sandte Kaiserin Maria Theresia ihren Leibarzt Gerard van Swieten nach Mähren, er sollte die Vampirfälle dort untersuchen. Aufgrund seines Berichts verbot Maria Theresia die üblichen Abwehrmaßnahmen, die in anderer Perspektive ja ganz einfach Grabschändung waren. Anscheinend verfolgte die osmanische Obrigkeit in Konstantinopel da eine andere Politik. Im Interesse des sozialen Friedens, berichtet Bohn, duldete sie bei ihren christlichen Untertanen Grabschändungen zur Abwehr von „Wiedergängern“. Oder, vielleicht wahrscheinlicher, die Verantwortlichen wollten selbst nicht ausschließen, dass an der Gefahr etwas „dran“ sein könnte.

Aus "Nosferatu" von F. W. Murnau, 1922
Bild: Wikipedia


Heute haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Manche der vermeintlich rückständigen Gegenden in Südosteuropa werben mit ihren „vampirischen“ Traditionen, zum Beispiel die Ortschaft Kringa in Kroatien. Dort soll 1672 der verstorbene Bauer Giure Grando sein Grab verlassen und sein Heimatdorf in Schrecken versetzt haben. Ob ihm bereits die Bewohner dort nachsagten, seinen Opfern das Blut ausgesaugt zu haben, muss offen bleiben. Es könnte ebenso sein, dass erst der Naturforscher Johann Weichard von Valvasor und der Kirchenlieddichter Erasmus Francisci, die das Geschehen 1689/90 literarisch verarbeiteten, dieses Motiv hineingetragen haben. Noch mehr freilich interessierten sie sich für einen anderen Aspekt, der bis heute ebenfalls zu jeder Vampirgeschichte dazu gehört: Der wiedergekehrte Tote soll, zur Freude der Witwen im Dorf, auch seine Sexualität ausgelebt haben.

Bleibt eine Frage, von der zu vermuten wäre, dass auch Bohns Töchterchen sie gestellt haben müsste: Hilft eigentlich Knoblauch? Im Vergleich mit Pfählen, Enthaupten und Verbrennen doch zweifellos das mildere Mittel. Dass das Zeichen des Kreuzes zur Abwehr von Vampiren gut ist, leuchtet ja unmittelbar ein, Vampire galten ähnlich wie etwa Hexen als Vertreter des Bösen. Aber warum Knoblauch? Die Vermutung liegt nahe, dass auch hier, ähnlich wie bei den Vorstellungen von der Daseinsform des Leichnams, die Überlappung verschiedener Kulturen mit verschiedenen kulinarischen Gewohnheiten eine Rolle gespielt haben könnte. Doch Bohns sonst so kenntnisreiche Studie hat die Frage ausgeklammert.


Neu auf dem Büchermarkt:

Thomas M. Bohn: Der Vampir. Ein europäischer Mythos, Böhlau Verlag, Köln – Weimar – Wien 2016, 368 S., ISBN 978-3-412-50180-8, 24,99 €



Mehr im Internet:

Vampir - Wikipedia
scienzz aritikel Tod und Unsterblichkeit

 

 

 

 

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