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22.09.2016 - RELIGIONSSOZIOLOGIE

Bestandsaufnahme zum Thema "Der Islam in Deutschland"

von Josef Tutsch

 
 

Moschee in Mannheim
Bild: Ceddyfresse/Wikipedia

So schnell können sich die Verhältnisse ändern. Und so zögerlich kommen Wissenschaft und Publizistik hinterher. „Die Zahl der in Deutschland wohnenden Muslime wird mit 3,8 bis 4,3 Millionen Menschen berechnet“, schreibt der Jurist und Islamwissenschaftler Mathias Rohe von der Universität Erlangen-Nürnberg in seinem neu erschienenen Buch „Der Islam in Deutschland – eine Bestandsaufnahme“. „Das entspricht 4,6 bis 5,2 Prozent der Gesamtbevölkerung.“ Zahlen, die nach den Ereignissen des Jahres 2015 überholt sind, durch die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika haben sie sich, wie Rohe gleich im nächsten Satz feststellt, „sehr deutlich vergrößert“.

Wie viele es zur Zeit sind, weiß niemand so genau. Mit der Genauigkeit ist es aber noch aus einem anderen Grund schwierig: Was ist ein Muslim? Bei Katholiken oder Protestanten kann man sagen: jeder, der durch die Taufe in die Kirche aufgenommen wurde und nicht seinen Austritt erklärt hat.  Im Islam gibt es jedoch keine Kirchen mit formeller Mitgliedschaft. Je nachdem, ob man alle mitzählt oder nicht mitzählt, die aus muslimischen Familien stammen, egal wie ihr Verhältnis zum Islam individuell aussehen mag, kommt man zu ganz verschiedenen Zahlen.

Aber es geht Rohe, der 2009 mit einem dickleibigen Buch zum islamischen Recht hervorgetreten ist, ja auch nicht um Zahlen, eher um Einstellungen – der Muslime in Deutschland einerseits, der nicht-muslimischen, also vor allem christlich und säkular geprägten Mehrheit zu dieser Minderheit andererseits, und zwar in der Hauptsache zu der Frage, wie wir alle miteinander zusammenleben wollen.  In der gegenwärtigen Diskussion über den Islam, stellt Rohe fest, herrschen zwei Stereotypen vor: erstens „die muslimische Frau als unterdrücktes Opfer“, zweitens die „angebliche generelle Demokratieunverträglichkeit des Islams“. Urteile oder Vorurteile, die abzuhandeln jeweils für sich ein ganzes Buch füllen könnte. Doch ausgerechnet bei diesen zentralen Punkten bleibt Rohe sehr zurückhaltend. Etwa zum Thema „Stellung der Frau im Islam“ heißt es im Buch, Bekleidungsvorschriften würden in der Tat „als brutale Unterdrückungs- und Diskriminierungsinstrumente“ benutzt. Und dann folgt die – an sich ja sehr berechtigte - Aussage, viele der Angriffe etwa bei PEGIDA oder in der Zeitschrift „Emma“ seien reichlich pauschal und polemisch.

Damit allein ist den Stereotypen natürlich nicht beizukommen. Weiter führt die Feststellung des Autors zur „Zwangsehe“, es sei „verfehlt, Probleme aus einem patriarchalischen Geschlechterverhältnis primär und exklusiv der Religion des Islams zuzuschreiben“. Immer wieder insistiert Rohe auf dieser Frage: Was an jenen Eigenheiten der islamischen Gesellschaft, die – von der Warte einer freiheitlichen Demokratie aus gesehen – stören und stören müssen, ist religiös, was ist „bloß“ kulturell bedingt? Die Frage hat durchaus praktische und juristische Relevanz. Zum Beispiel beim Thema „Beschneidung“. Die Beschneidung von Knaben gilt als religiöse Pflicht, damit steht sie unter dem Schutz der Religionsfreiheit; das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ihrer Kinder muss gegen das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit abgewogen werden. Die Beschneidung von Mädchen dagegen wird – jedenfalls hier im Westen - als kultureller Brauch gewertet, also greift ohne weiteres der Paragraph des Strafgesetzbuchs zur Körperverletzung, die hier ja auch wesentlich gravierender ausfällt als bei der männlichen Variante. Wie die Diskussion verlaufen würde, wenn eine Heilige Schrift, vergleichbar der Bibel oder dem Koran, die weibliche Beschneidung vorschreiben würde, mag man sich lieber gar nicht erst ausmalen.

Aber auch für das Thema Beschneidung, das vor vier Jahren in Deutschland so aufgeregt diskutiert wurde, wendet der Autor in seinem mehr als 400 Seiten starken Buch weniger als zwei Seiten auf. Ausführlicher wird die Vielfalt der muslimischen Organisationen in Deutschland abgehandelt.  Fazit des Forschers: Es dominiere eine „gemäßigt-traditionelle Sicht“, etwa zum Geschlechterverhältnis. Keine Antwort hat Rohe auf die Frage, warum gerade bei der muslimischen Jugend heute die Religiosität oft stärker ausgeprägt ist als bei den Älteren. Das scheint umso erstaunlicher, als in der Gesamtbevölkerung das genaue Gegenteil zu beobachten ist. „Vermutet wird etwa, dass die jüngere Generation mehr als die eher unter sich lebenden Älteren gezwungen ist, sich in der deutschen Gesellschaft zu positionieren.“


Salafisten-Kundgebung in Koblenz 2011,
im Vordergrund Gegendemonstranten
Bild: Schängel/Wikipedia


Natürlich bilden die potentiell extremistischen Fundamentalisten davon nur eine kleine Minderheit, und hiervon wiederum ist nur ein Teil gewaltbereit, vor allem jene ca. 300 Kämpfer, die, einer Schätzung des Bundesinnnenministeriums zufolge, bislang „kampferprobt und völlig verroht“ aus dem Krieg in Syrien und im Irak zurückgekehrt sind. Aber es gibt auf der Gegenseite auch reformorientierte Gruppierungen, vor allem den „Liberal-Islamischen Bund“, der mit seinen Positionen etwa zur Homosexualität große Teile der christlichen Kirchen bereits überholt hat. Ansatzpunkt für eine islamische „Aufklärung“, vergleichbar jenem Prozess der Selbstkritik, den Christentum und Judentum, über weite Strecken durchaus schmerzhaft, seit dem 18. Jahrhundert durchgemacht haben? Rohe hat auf ein Kapitel über reformerische, auf Vereinbarkeit mit der freiheitlichen Demokratie und der modernen Gesellschaft hin ausgerichtete Ansätze in der islamischen Theologie verzichtet.

Zweifellos liegen die alltäglichen Probleme auch auf einer viel weniger theoretischen Ebene. Rohe schätzt die „bei weitem größte Gruppe von Muslimen“ als „Alltagspragmatiker“ ein, die sich, „ohne tiefere Reflexion in das bestehende System einfinden und es in seinen Grundsatzentscheidungen, einschließlich der Menschenrechte, auch bejahen“. Da werden sich die Muslime kaum von der Mehrheitsbevölkerung unterscheiden; aber es ist klar, dass dieser Pragmatismus hier wie dort von Irritationen gestört sein kann. Rohe zitiert die Äußerung eines türkischen Konsulatsattaché, die 1990 bei einer Veranstaltung der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ gefallen sein soll: „Wir sind ringsum von Gotteslästerern umlagert.“ Und die Klage eines Redners bei einer (undatierten) „islamisch-fundamentalistischen“ Veranstaltung in Bielefeld über den Einfluss des Fernsehens auf die Jugend: „Wir haben unsere Kinder verloren!“ Hand aufs Herz, dergleichen könnte auch von kulturkonservativ gestimmten Eltern anderer religiöser oder weltanschaulicher Zugehörigkeit gesprochen worden sein. Aber sicherlich sitzt die „Urangst“ vor kultureller Entfremdung bei Migranten, die sich als kleine Minderheit in einer religiös fremden Mehrheitsgesellschaft behaupten müssen, tiefer.

Auf der anderen Seite sehen sich nicht nur manche Christen provoziert, wenn Moscheen in Deutschland etwa nach jenem türkischen Sultan Mehmet benannt werden, der vor mehr als einem halben Jahrtausend Konstantinopel eroberte. In der Religionssoziologie, berichtet Rohe, wird seit einigen Jahren das Phänomen der „vicarious religion“ diskutiert: In der Begegnung mit dem Islam haben Menschen, die dem Christentum an sich sehr distanziert gegenüberstehen, ihr Interesse an einem Fortbestand des „christlichen Abendlandes“ entdeckt. Und zwar nicht obwohl, sondern gerade weil die Kirchen von ihrer früheren, alles beherrschenden Stellung viel verloren haben. Im Vergleich erweckt der Islam einen aktiveren Eindruck, der dann leicht als bedrohlich empfunden werden kann. Die Ängste um das christliche Abendland sind in dieser Perspektive eigentlich viel eher Ängste um die säkulare Gesellschaft.

Rohe: „Wenn vor diesem Hintergrund Religion und national-kulturelle Identität eng verbunden werden, bleibt ein der Religion entkleideter, nur noch religiös verbrämter Nationalismus übrig, der zu Ab- und Ausgrenzungszwecken instrumentalisiert wird.“ Diese Kritik trifft auf weite Teile dessen, was heute als „Islamkritik“ bezeichnet wird, wohl auch zu – nämlich auf jene Teile, die man terminologisch exakt viel mehr als islamfeindlich bezeichnen müsste. Aber selbstverständlich kann und darf der Islam als theologisches Gedankengebäude und als religiöse Praxis ebenso gut kritisiert werden wie jede andere Religion und Weltanschauung auch, mit dem Christentum tun wir genau das seit Jahrhunderten. Und da kann es kein Argument sein, dass solche Kritik instrumentalisiert wird – so wenig wie die Diskussion um die Vereinbarkeit der religiösen Beschneidung mit dem deutschen Strafrecht durch den Hinweis erledigt ist, dass es in der öffentlichen Debatte auch einen „aggressiv antireligiösen Ton“ gegeben hat, einen platten „Vulgärrationalismus“, manchmal sogar einen antisemitischen Unterton.

Dennoch: Ein fakten- und gedankenreiches Buch über den „Islam in Deutschland“, mit der Eigenheit (die man ja gar nicht negativ werten muss), dass Rohes Darstellung immer und immer wieder Einwände herausfordert. Für kontroverse Diskussionen können auch die Exkurse zur Rechtslage sorgen, die im Rahmen dieser generellen Bestandsaufnahme freilich sehr knapp ausgefallen sind. Zum Beispiel zur Verschleierung: Anders als in Frankreich, schreibt Rohe, sei in Deutschland „auch das Tragen eines Niqab im öffentlichen Raum nicht generell zu verbieten“ - also jenes schwarzen Schleiers, der das Gesicht vollständig verbirgt und nur die Augenpartie freilässt. Argument: „Im Zweifel setzen sich Freiheitsrecht durch, wenn nicht hinreichend konkrete, belastbare Tatsachen beigebracht werden, die eine Einschränkung in verhältnismäßiger Weise begründen können.“

PEGIDA-Kundgebung 2015 in Dresden
Bild: Kalispera Dell/Wikpedia


Aber wie steht es nun mit jener Frage, die seit Wulffs Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2010 die Nation beschäftigt: ob der Islam „zu Deutschland gehört“ oder nicht? Ausgerechnet diesen Punkt behandelt Rohes „Bestandsaufnahme“ bloß beiläufig, in einem einzigen Halbsatz: „wie es zum Beispiel der vormalige Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Recht formuliert haben“. Etwas allzu lakonisch, könnte man da einwenden. Schließlich ist nicht einmal klar, was dieser Satz eigentlich bedeuten soll. Sinn hat die Aussage, eine Religion „gehöre“ zu Deutschland, doch nur dann, wenn es andere Religionen gibt oder mindestens geben kann, die nicht zu Deutschland gehören.

Dass Wulff und Merkel das gemeint haben, darf man freilich bezweifeln. Denn was würde daraus folgen? Sicherlich nichts zur Frage der freien Religionsausübung. Aber was bleibt dann von diesem wohltönenden Satz übrig? Die Frage richtet sich natürlich ebenso gut an die verneinende Version „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, die seitdem gern so öffentlichkeitswirksam vorgetragen wird, als Ausdruck einer Abwehr „diffuser Ängste“. Der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck hatte gute Gründe, nüchterner zu formulieren: „Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.“

 
Neu auf dem Büchermarkt:

Mathias Rohe: Der Islam in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme, Verlag C. H. Beck, 416 S., München 2016, ISBN 978-3-406-69807-1, 16,95 € [D]



Mehr im Internet:

Islam in Deutschland - Wikipedia

scienzz artikel Islam

 

 

 

 

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