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23.11.2016 - RELIGIONSSOZIOLOGIE

Ganz normale Muslime - und das Misstrauen der Alteingesessenen

von Josef Tutsch

 
 

Moschee in Köln
Bild: Pappnaas666/Wikipedia

Das Buch sei aus einer Studie über die „ganz normalen Muslime“ hervorgegangen, schreibt die Autorin, die türkische Soziologin Nilüfer Göle, die an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris lehrt, im letzten Absatz. „Feldforschung“ zur „Alltagswirklichkeit“ also: „Mit seinen Berichten taucht das Buch in die Welt der einfachen Leute ein.“

Und dieser Alltag von einigen Millionen Muslimen in Europa ist sicherlich genauso unspektakulär wie der von einigen hundert Millionen Nicht-Muslimen auch. Aber unvermeidlich handelt Göles Buch dann eben doch von den Irritationen, die es da immer wieder gibt. Im Januar 2009 wurde auf der Piazza Maggiore in Bologna eine Demonstration abgehalten. Es war während einer israelischen Militäroperation gegen die Hamas, die Teilnehmer wollten ihre Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung von Gaza bekunden. Aufsehen erregte es, als viele der muslimischen Demonstranten am Ende der Kundgebung kollektiv zu beten begannen. War das ein spontaner Ausdruck von Religiosität, weil die Zeit für das Abendgebet eben gerade gekommen war, oder eine organisierte Vermischung von Politik und Religion, wie sie in den westlichen Staaten nach den Jahrhunderte langen Glaubenskämpfe aus gutem Grund verpönt ist?

Kein Einzelfall. Auch in Frankreich wurde in diesen Jahren bei Muslimen das Beten auf den öffentlichen Straßen üblich. Dass Marine Le Pen, die Vorsitzende des Front National, solche Aktionen mit der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg verglich, blieb eine Einzelstimme. Aber mit dem Wort „Besetzung“ traf sie den Nerv bei einem Großteil der Bevölkerung: Was aus der Sicht von Muslimen eine harmlose Frömmigkeitsübung war, vielleicht bloß deshalb praktiziert, weil in den Moscheen nicht genug Platz war, erschien vielen Nicht-Muslimen als symbolträchtige Zurschaustellung, als eine demonstrative Beanspruchung des öffentlichen Raums, letztlich als Angriff auf einen geheiligten Grundsatz der französischen Verfassung, die „Laizität“.

2004 beschloss das französische Parlament ein Verbot aller religiösen Symbole im Schulunterricht. Selbstverständlich war das Gesetz gegenüber allen Religionen neutral formuliert; doch im Ergebnis, schreibt Göle, diente es dazu, „die Präsenz des Islams in der Öffentlichkeit einzuschränken“. Ein Gedanke, der sich freilich auch umkehren lässt: Jene Religionsgemeinschaften, die in Frankreich „alteingesessen“ sind, haben sich inzwischen mit der Laizität arrangiert. Auch in diesem Prozess gab es Konflikte. Dass sie nicht ausbleiben, wenn eine weitere Religion hinzutritt, war zu erwarten.

Zu Recht wehrt die Autorin den Eindruck ab, es würde sich da um eine Konfrontation zwischen Islam und Christentum handeln. Für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit wäre der Konflikt mit dieser Frontstellung sicherlich richtig umschrieben. Berühmtes Beispiel: das Wandgemälde aus dem 15. Jahrhundert in der Bologneser Kirche San Petronio, auf dem der Prophet Mohammed vom Teufel in die Hölle gezerrt wird. Die Kirche steht seit einigen Jahren unter Polizeischutz, weil Terroristen zweimal den Versuch unternommen haben, das Gemälde zu zerstören.

Heute müsste man eher von einer „Asymmetrie im Verhältnis zum Heiligen“ sprechen. „In der westlichen Welt“, schreibt Göle, „hat das Sakrale (das Heilige) während des Säkularisierungsprozesses seine organisatorische Kraft für das gesellschaftliche und moralische Leben verloren.“ Eine Analyse, die vielleicht etwas zu weit geht; für die Lebensführung vieler Menschen hat Religion nach wie vor ihre Bedeutung, nur – sie ist zum Teil der Privatsphäre geworden. Göle weiter: „Die muslimische Bevölkerung fühlt sich hingegen nach wie vor davon angezogen.“ Noch mehr: „Mit der seit den 80er Jahren zunehmenden Reislamisierungsbewegung intensivierte das muslimische Kollektivbewusstsein sogar sein Verhältnis zum Heiligen“ - vermutlich gerade als Reaktion auf den „ungläubigen“ Westen.

Tariq Ramadan
Bild: Joshua Sherurci/Wikipedia


Da gerät der Leser dann ins Sinnieren, ob es eigentlich beruhigend oder vielmehr beunruhigend ist, wenn auch die empirisch-soziologische Feldforschung auf so vage Kategorien wie „Kollektivbewusstsein“ nicht verzichten kann. Ganz persönlich berichtet die Wissenschaftlerin, dass sie 2006, als sie zum ersten Mal die Basilika San Petronio besichtigte, vor jenem „beleidigenden“ Fresko ihre eigenen Emotionen schwer unterdrücken konnte. Da sie in der islamischen Kultur aufgewachsen war, hatte sie in ihrer Jugend gar keine Darstellungen von Mohammed gesehen, auch keine von anderen Propheten wie Abraham oder Moses oder Jesus, schon gar keine abwertenden. In Europa dagegen müssen sich die Christen, seit zweieinhalb Jahrhunderten, an Bilder gewöhnen, die sie in ihren religiösen Überzeugungen kränken.

Aber natürlich war Göles Erkenntnisinteresse geweckt Sie beobachtete mehrere  mehrere Diskussionen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Immer wieder distanzierten sich die Muslime von Anschlägen. Dennoch mussten sie erfahren, dass ihre Gesprächspartner sie dafür kollektiv verantwortlich machen wollten. Die Taten einiger weniger prägten das Bild der ganzen Gruppe: „Unsere muslimische Gruppe besteht aus grundverschiedenen Menschen, jeder mit seiner eigenen Kultur, und trotzdem sagen sie weiterhin: ‚Die sind alle gleich.‘“

Eine Kollektivhaftung, die aber nicht so ungewöhnlich ist, wie man gern glauben möchte. Um nur ein Beispiel zu nennen: Vertreter der katholischen Kirche werden gern nach der Inquisition des Mittelalters befragt. Zurück zu den Diskussionsrunden in Bologna. Indirekt prägten die terroristischen Taten auch das Bild, das die Gegengruppe sich von sich selbst machte. „Die Europäer“, also die Alteingesessenen, brachten sich selbst mit der Vernunft in Verbindung, die anderen, „die Muslime“, mit dem Fanatismus. In merkwürdigem Widerspruch zu diesem Klischee stellt Göle fest, dass es gerade Alteingesessene waren, die bei solchen Diskussionsrunden aggressiv und feindselig auftraten. Stehendes „Argument“: Die Muslime, auch wenn sie bereits in der zweiten Generation Italiener waren, wurden wie selbstverständlich den Staaten Nordafrikas oder des Nahen Ostens zugeordnet.

Als repräsentativen Vordenker eines Großteils der Muslime in Europa nennt Göle den französischen Intellektuellen Tariq Ramadan. „Ich bin Ramadan dankbar“, sagte ein 25-jähriger Mann aus Toulouse, dessen Eltern aus Marokko kamen, im Interview. „Er hat mir sehr geholfen, mir eine Identität aufzubauen, die sowohl meine Konfession als auch meine Identität als Staatsbürger berücksichtigt.“ An dieser Stelle hätte der Leser sich aber doch eine etwas ausführlichere Darstellung von Ramadans Konzept gewünscht, wie Muslime in Europa ihren Islam leben können und leben sollen. Die breite Öffentlichkeit wurde auf Ramadan aufmerksam, als er sich 2003 im französischen Fernsehen ein Wortgefecht mit dem damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy lieferte. Nach der Steinigung von Ehebrecherinnen befragt, wie sie in der Scharia vorgesehen ist, wollte Ramadan diese Praxis nicht grundsätzlich verurteilen. Wahrscheinlich hatte er den Eindruck, von Sarkozy in eine Falle gelockt worden zu sein: Eine deutliche Distanzierung von der islamischen Tradition hätte ihn bei Rigoristen in den Verdacht des Abfalls gebracht.

Muslimischer Alltag in Europa – das wird oft eine schwierige Gratwanderung sein. Göle berichtet von der dänischen Feministin Asmaa Abdol-Hamid; ihre Eltern waren als Flüchtlinge aus Palästina gekommen. 2007 kandidierte Abdol-Hamid für die „Rot-Grüne Allianz“ zum Parlament, mit dem Ziel, „eine Annäherung zwischen den alteingesessenen Dänen und den eingewanderten Dänen zu erreichen“. Unter Beschuss geriet sie, weil sie – war das nun radikal-islamisch oder radikal-feministisch gemeint? - sich weigerte, Männern die Hand zu geben. Sie trat auch für die Rechte von Homosexuellen ein und engagierte sich als Sprecherin für muslimische Verbände, die gegen die Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands Posten“ klagten. Ihre politische Karriere scheiterte. Offenbar gelang es ihr nicht, diese Kombination von islamischen und emanzipatorischen Intentionen den Wählern plausibel zu machen.

Institut du Monde Arabe in Paris
Bild: Infernal Quack (Shift)/Wikipedia


À propos Karikaturen: Mit den provozierenden Mohammed-Zeichnungen in „Jyllands Posten“, 2005, schreibt Göle, „entwickelte sich bei den Europäern eine neue Mode, den muslimischen Glauben in Frage zu stellen“, „den Gegensatz zwischen ‚uns, den Europäern‘ und ‚ihnen, den Muslimen‘ zu verschärfen“, die Muslime „zu demütigen“ und „zu beleidigen“. „Im vorherrschenden Diskurs der weltlichen Moderne wird die Respektlosigkeit gegenüber religiösen Verboten zu einer Bedingung für die Meinungsfreiheit erhoben.“

Eine Respektlosigkeit, für die Göle selbst, bei aller Wissenschaftlichkeit ihrer Ausführungen, offenbar kein Verständnis entwickeln kann. Ein Abschnitt in Göles Buch ist sogar mit den Worten „Wenn von Kunst Gewalt ausgeht“ überschrieben. Gewalt? Wie die folgenden Sätze klarmachen, geht es um künstlerische Provokationen. Göle führt den pakistanisch-englischen Rechtsanwalt Faiz-u-Aktab Siddiqi an, der dieser „Gewalt“ eine Aktion „Globale Höflichkeit“ entgegengesetzt hat. „Warum den Propheten beleidigen, wenn man doch weiß, dass ich ihn noch mehr liebe als meine Mutter?“ Gemeint waren die dänischen Karikaturen, aber zum Beispiel auch der Roman „Die satanischen Verse“ von Salman Rushdie, 1988.

Passagen, die dem Leser immerhin verständlich und nachvollziehbar machen, wie die „Respektlosigkeit“ des Westens von vielen Muslimen aufgenommen wird. Lässt sich dieser Konflikt überhaupt vermeiden? Göle verweist auf den französischen Soziologen Vincent Geisser, der bereits 2003 klarstellte, die sogenannte „Islamophobie“ sei im Grunde ein Vorbehalt der säkularisierten Moderne gegen die Religion ganz allgemein; in dieser „Religiophobie“ versuche die moderne Welt, ihre eigene Identität zu formulieren.

Geisser konstatierte allerdings auch eine merkwürdige Kontinuität zur christlichen Polemik gegen den Islam im Mittelalter, von dem etwa jenes Fresko in San Petronio zeugt. Könnte durchaus sein, dass die Begegnung  mit dem Islam zu merkwürdigen Allianzen führt. Göle meint, in der intellektuellen Szene der Gegenwart eine „Angleichung an die konservativsten katholischen Werte“ feststellen zu können, eine Tendenz zur „Verteidigung der ‚christlichen Wurzeln‘ Europas“. Richtiger wäre vielleicht zu sagen: Auch jene, die mit Religion an sich wenig im Sinn haben, wissen zu schätzen, dass die christlichen Kirchen im Westen zu einem modus vivendi mit der säkularisierten Welt gefunden haben. Inwieweit das auch dem Islam gelingt, da gibt es in der Tat vorläufig viel Misstrauen, so unspektakulär der Alltag von Millionen Muslimen in Europa auch zweifellos ist.


Neu auf dem Büchermarkt:

Nilüfer Göle: Europäischer Islam. Muslime im Alltag, aus dem Französischen von Bertold Galli, Verlag Klaus Wagenbach, 304 S., ISBN 978-3-8031-3663-3, 24,- € [D], 24,70 € [A]



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