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06.12.2016 - DEUTSCHE LITERATUR

Die Literatur der Lebensreform um 1900

von Josef Tutsch

 
 

Der Maler Karl Wilhelm
Diefenbach, Vorkämpfer
der "Lebensreform"
Bild: Wikipedia

Äußerlich betrachtet, hatte sich Hermann Hesse im bürgerlichen Leben etabliert. Der Erfolg seines ersten Romans „Peter Camenzind“ erlaubte es ihm, ein Landhaus am Bodensee zu beziehen, sogar einen eigenen Weinkeller konnte er sich anlegen. Doch er fühlte sich unzufrieden, suchte nach einer neuen Orientierung, träumte vom Ausstieg aus einer Zivilisation, die ihm als „dekadent“ erschien, obwohl er ihre Segnungen im Grunde sehr zu schätzen wusste. Im Sommer 1907 beschloss er auszubrechen und zog – nein, er floh auf den Monte Verità im Tessin. Dort hatte sich in den Jahren zuvor die europäische „Alternativszene“ angesiedelt. Einige Wochen lebte Hesse zusammen mit dem Künstler Gusto Gräser nackt in einer Hütte, ernährte sich von Wasser und Beeren und meditierte über den Heiligen Schriften des Ostens.

Wie ernst Hesse es mit seinem Ausstieg aus der modernen Welt wohl gemeint haben mag? Zumindest Papier und Bleistift hatte er wohlweislich mitgenommen („obwohl diese Art von Zeitvertreib“, also das Schreiben, „eigentlich wider mein Vorhaben ist“). Und tatsächlich, wenige Monate später brachte er seine Erzählung „In den Felsen. Notizen eines Naturmenschen“ heraus. Der Ausbruchsversuch, schreibt die Bamberger Germanistin Kathrin Geist in ihrem Beitrag zum neu erschienenen Sammelband „Die Literatur der Lebensreform“, mündete in der Erkenntnis, dass sich die innere Unabhängigkeit des Menschen von der modernen Zivilisation nicht durch solche Äußerlichkeiten wie Ernährungs- oder Kleiderreformen erreichen ließ.

Die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war voll von solchen Reformideen, von der vegetarischen Ernährungsweise bis zur Freikörperkultur, von den Wanderbünden bis zur Naturheilkunde, von der Gartenstadtbewegung bis zu reformpädagogischen Konzepten der verschiedensten Art. Die beiden Germanisten Thorsten Carstensen von der Indiana University - Purdue University Indianapolis und Marcel Schmid von der Yale University in New Haven (Connecticut) haben mehr als ein Dutzend Literaturhistoriker zusammengebracht, um die deutschsprachige Literatur um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert unter diesem Gesichtspunkt der „Lebensreform“ zu betrachten. Dahinter, analysieren Carstensen und Schmid, stand in Deutschland und Österreich das Erlebnis einer im Vergleich mit England späten, aber gerade deshalb heftig und plötzlich empfundenen Industrialisierung: „Man gelangte zu der Einsicht, dass das Großstadtleben Körper und Geist verderbe, da es den Menschen von der Natur entfremde.“

Eine der großen Wellen eines „Zurück zur Natur“ in der europäischen Neuzeit also, vergleichbar dem Rousseauismus des späten 18. Jahrhunderts und der Hippie-Kultur und Alternativ-Bewegung seit den 1960er Jahren. Heute gehört manches aus diesem Ideenreservoir längst zu unserem Alltag, etwa unter dem Stichwort „Wellness“. Dabei war und ist die Grenze zwischen Wellness und Fitness fließend. Um 1900, berichtet die Potsdamer Kulturhistorikerin Christiane Barz, kamen in großer Zahl Ratgeber zur Körperkultur heraus, Titel etwa „Die Morgentoilette des Berufstätigen“, mit dem Versprechen von „Spannkraft, Arbeitsfreude, Jugendfrische, Körperschönheit“. Das Bestreben, den menschlichen Körper angesichts der Belastungen durch die Moderne besonders zu pflegen, konnte durchaus auch auf die Parole „Abhärtung“ hinauslaufen, mit offenen Grenzen selbst zu einer Art von „Protofaschismus“.

Ein Sammelbecken verschiedenster Strömungen, die nur eins einte: der Eindruck, dass eine gründliche Abkehr von der gegenwärtigen Gesellschaft dringend nötig sei. 1912, berichtet der Germanist Ekkehard W. Haring von der Universität Athen, verbrachte Franz Kafka einen Kuraufenthalt in der Naturheilanstalt „Jungborn“ im Harz. Anstaltsleiter war ein protestantischer „Reformchrist“, der die Menschen, in eher buddhistischem Geist, zu „Selbsterlösung“ und „persönlicher Vervollkommnung“ aufrufen wollte; unter den Teilnehmern der Kurse fand Kafka einen nationalkonservativen Patrioten, der sich als Hellseher betätigte, ebenso wie einen Magistratsbeamten, der Freigeist und Atheist war.

Ackerbau in Monte Verità, 1907
Bild: Wikipedia


Es gibt, das zeigt dieser Sammelband deutlich, kaum einen großen deutschen Schriftsteller der „Klassischen Moderne“, der nicht mit der Lebensreform in Berührung gestanden hätte. Aber, und das wird noch um einiges deutlicher, es gibt auch keinen, bei dem sich nicht irgendwann eine kritische Distanz durchgesetzt hätte. „Unsere Reformbestrebungen“ entbehrten „keineswegs eines Anflugs von Lächerlichkeit“, zitiert der Berliner Germanist Peter Sprengel den alten Gerhart Hauptmann. In den Jahren um 1890 hatte er noch den Antialkoholismus gepredigt, so auch in seinem Drama „Vor Sonnenaufgang“, 1889. Ende 1891 erklärte er seinen Abschied von solcher Art Tendenzliteratur: „Fanatiker in irgendeinem Sinn bin ich nicht mehr […] Es ist gut, dass wir Sozialisten haben, aber ich bin es nicht. Es ist auch gut, dass wir Abstinenzler haben, ich bin es nicht.“

Den großen zeithistorischen Roman zur Lebensreformbewegung lieferte Thomas Mann mit dem „Zauberberg“. 1912 hatte er in Davos seine Gattin Katja besucht, die wegen des Verdachts auf Tuberkulose zu einem Kuraufenthalt im Sanatorium war. Einer der Helden, der Freimaurer Lodovico Settembrini, stellt im Roman das „Reformprogramm“ seiner „Gruppierung“ vor: „Das Problem der Gesundheit unserer Rasse wird studiert, man prüft alle Methoden zur Bekämpfung der Degeneration […] Ferner betreibt der Bund die Gründung von Volksuniversitäten, die Überwindung der Klassenkämpfe durch alle die sozialen Verbesserungen, die sich zu diesem Zweck empfehlen, endlich die Beseitigung der Völkerkämpfe, des Krieges durch die Entwicklung des internationalen Rechts.“

„Gesundheit unserer Rasse“ einerseits, „Entwicklung des internationalen Rechts“ andererseits: Settembrinis Forderungskatalog liest sich im Nachhinein noch um einiges vieldeutiger und fragwürdiger, als das der Autor und sein Held ahnen konnten. Die Erwiderung von Settembrinis Gesprächspartner Naphtha, der eine merkwürdige Kombination von Jesuitentum und sozialistischer Revolution vertritt, scheint für Interpretationen kaum weniger offen: „Der Mensch sei wesentlich krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen […] Alles was sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern, Freilüftlern, Sonnenbademeistern und so fort prophetisch umhertreibe, jede Art Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschlichung und Vertierung.“

Ein hunderte Seiten langes Streitgespräch um das Thema „Lebensreform“, bei dem der Autor selbst sich jeder eindeutigen Stellungnahme verweigerte. Das bringt jene Zeit sehr realistisch auf den Punkt, stellt Marcel Schmid fest: Die Lebensreform bestand aus einer Vielzahl von Stimmen, die einander auch widersprachen, sich in einem einzigen Punkt jedoch einig waren, in der Formel „Ändere dich!“ Oder: Ändere dein Leben! Dieses Wort der Stunde findet sich bei Rainer Maria Rilke, in seinem Gedicht „Archaischer Torso Apollos“, 1908. Das „Ich“ des Gedichts fühlt sich von einer antiken Statue, die ohne Kopf erhalten ist, zutiefst angesprochen: „… da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“

Die andere Möglichkeit – nicht das eigene Leben, sondern vielmehr die Gesellschaft radikal zu ändern – scheint Rilke gar nicht erst in den Sinn gekommen zu sein. Weltrevolution und Lebensreform, zwei mögliche Antworten auf das Ungenügen an der modernen Welt. Der Literaturwissenschaftler Johannes Thun bringt Belege, dass beide Intentionen miteineinander durchaus vereinbar sein konnten. Etwa die Mitglieder des deutsch-jüdischen Bundes „Die Werkleute“ lasen die Gedichte von Stefan George und von Rilke und die Romane von Hermann Hesse – und zugleich die Schriften von Karl Marx und Sigmund Freud.

Ferdinand Hodler: Blick ins Unend-
liche, 1906 (Hamburger Kunsthalle)
Bild: Wikipedia


Und immer und immer wieder Friedrich Nietzsche. Vieles, was in den Schriften der Jahrhundertwende bei oberflächlicher Lektüre nach direktem Erleben aussieht, erweist sich als angelesen, gerade bei Nietzsche, der zum Modephilosophen der Zeit geworden war. Geist liefert ein hübsches Beispiel. An einer Stelle von Hesses „In den Felsen“ sagt der Erzähler, er sei aufmerksam geworden „wie ein Hirsch“. Das klingt nach präziser Selbstbeobachtung, ist jedoch halb und halb ein Zitat, aus Nietzsches Reflexionen über das Fortleben der „Tierheit“ im zivilisierten Menschen.

Verblüffend, wie selbstverständlich der Ausstieg aus der bürgerlichen Lebenswelt in die Pflege neuer Rituale münden konnte, über alle weltanschaulichen Gegensätze hinweg. Im Bericht über ein Treffen sozialistisch-anarchistischer Bünde am Üdersee in der Nähe von Berlin, das Ende der 1920er Jahre stattfand, hat Thun eine Episode gefunden, die uns heute grotesk vorkommt, damals aber offenbar möglich war: „Als das Reisig aufloderte, trat ein junger Mann im blauen Hemd der Sozialisten aus dem Kreis und sprach Georges Gedicht: ‚wer je die flamme umschritt, bleibe der flamme trabant.‘ […] Wir gerieten in langwierige Diskussionen.“

Begreiflich, die politischen Differenzen waren auf Dauer kaum zu überbrücken. Solche Szenen machen jedoch nachvollziehbar, dass die Historiker sich bis heute mit der Einschätzung der Lebensreform so schwer tun: Sie sperrt sich gegen jede Einordnung in ein Schema von „Vorwärts-“ und „Rückwärtsgewandtheit“. „Die Lebensreformbewegung träumte zu weiten Teilen nicht von einer Flucht vor der Moderne, sondern strebte nach einer anderen Moderne“, schreibt der Historiker Thomas Rohrkrämer von der Lancaster University. Was aber nicht unbedingt positiv sein musste. Rohrkrämer weiter: Auch der Nationalsozialismus war „ein Teil der Moderne“.

„Du musst dein Leben ändern ...“ Rilke, stellt der Braunschweiger Germanist Erich Unglaub fest, hat es sorgsam vermieden, diese Forderung inhaltlich auszufüllen. Das mag mit seiner Scheu zusammenhängen, erotische oder gar sexuelle Themen anzusprechen. Immerhin fand sich im Nachlass eine Folge von Gedichten, in denen er andeutete, sich einen positiven Entwurf von Sexualität nicht in christlichem Kontext vorstellen zu können. Bei Frank Wedekind verhielt es sich eher umgekehrt, merken Carstensen und Schmid in einer Fußnote an: In seinem Drama „Frühlings Erwachen“, 1891, propagierte er eine grundsätzliche Abkehr von der „bürgerlichen“ Sexualmoral, stand jedoch radikalen Änderungen ansonsten skeptisch gegenüber. Leider hat der Sammelband auf einen Beitrag über Wedekind verzichtet.

Die vielleicht böseste Abrechnung mit Teilen der Lebensreformbewegung findet sich jedoch in Hesses Erzählung „Dr. Knölges Ende“, 1910: Ein pensionierter Gymnasiallehrer beschließt, sich in einer Vegetarierkolonie in Kleinasien niederzulassen, gerät als „Gemischtkostler“ aber zwischen die ideologischen Fronten und wird schließlich von glaubensstarken „Bekennern“ umgebracht. Enttäuschte Sehnsucht, anders lässt sich dieser Text kaum verstehen. Hesse hat niemals aufgehört, nach Alternativen zur modernen Welt zu suchen. Und er stieß immer wieder an die Grenzen dessen, was einem modernen Schriftsteller zu leben möglich war.


Neu auf dem Büchermarkt:

Die Literatur der Lebensreform. Kulturkritik und Aufbruchstimmung um 1900, herausgegeben von Thorsten Carstensen und Marcel Schmid, transcript Verlag, Bielefeld 2016, 346 S., ISBN 978-3-8376-3334-4, 39,99 €


Mehr im Internet:
Thorsten Carstensen
Marcel Schmid
transcript Verlag

Lebensreform - Wikipedia
scienzz artikel Deutsche Literatur der Moderne

 

 

 

 

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