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12.12.2016 - ANTHROPOLOGIE

Ein Anthropologe rekonstruiert die Naturgeschichte der menschlichen Kultur

von Josef Tutsch

 
 

Pfeilspitze der Clovis-Kultur,
New Mexico, um 11.000 v.
Chr. - Bild: Commonwealth
of Virginia/Wikipedia

Anscheinend haben Menschen einen angeborenen Sinn für Fairness, für soziale Gleichheit, für gerechte Verteilung. Das zeigt zum Beispiel das bei Verhaltensforschern so beliebte „Ultimatumsspiel“: Der Versuchsperson wird angeboten, dass sie zusammen mit einer anderen Person eine Belohnung erhält. Allerdings soll der andere den Löwenanteil erhalten, vielleicht vier Fünftel. Lehnt die Versuchsperson ab, gibt es für keinen von beiden etwas. In ihrer großen Mehrzahl gehen die Versuchspersonen lieber leer aus, als dass sie eine derart ungleiche Verteilung zulassen würden. Die Forscher haben den Versuch auch bei Schimpansen und Bonobos durchgeführt. Dort ergibt sich ein völlig anderes Bild. So gut wie nie lehnen die Menschenaffen die angebotene Nahrung ab, bloß deshalb, weil der andere mehr erhalten soll.

Dass es überhaupt etwas zu fressen gibt, ist für sie viel wichtiger als die Verteilungsgerechtigkeit, interpretiert der amerikanische Verhaltensforscher Michael Tomasello, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die Befunde. Doch wie kam es dazu, dass wir Menschen uns in diesem Punkt offenbar von allen anderen Lebewesen unterscheiden? Dieser allgemein-menschliche Sinn für Moral bedeutet natürlich nicht, dass wir immer und unter allen Umständen so handeln würden, wie moralische Normen das von uns verlangen. Vielleicht gibt es sogar Menschen, denen Moral ebenso fremd oder gleichgültig ist, wie anderen etwa die Musik oder die Religion. Aber die Alltagserfahrung zeigt eben doch, dass wir nicht umhin können, moralische Maßstäbe anzulegen, wenn wir das Handeln anderer und unser eigenes beurteilen wollen.

Tomasello hat in seinem neuen Buch „Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral“ den ehrgeizigen Versuch unternommen zu verstehen, wie wir Menschen das geworden sind, was wir – und nur wir – sind: moralische Wesen. Seine Antwort: durch die gemeinsame Jagd, mit der sich unsere Vorfahren einen Großteil ihrer Nahrung beschafften. Nun jagen auch Schimpansen oft gemeinsam; aber sie können aus dieser Gemeinsamkeit auch wieder aussteigen, ohne dass sie Sanktionen der Gruppe befürchten müssten. Bei unseren Vorfahren wird es anders gewesen sein, meint der Anthropologe: Etwa wenn sie daran gingen, Großwild zu erlegen, waren sie auf Gedeih und Verderb auf die Kooperation mit ihren Mitjägern angewiesen.

Ohne wissenschaftliche Phantasie geht ein solcher Rekonstruktionsversuch nicht ab. Und bei Experimenten stellt sich immer die Frage, inwieweit sie etwas beweisen. Etwa das „Ultimatumsspiel“ lässt ja offen, ob die ungleiche Verteilung auch dann nicht akzeptiert wird, wenn nicht man selbst, sondern der andere benachteiligt werden soll. Lässt man sich jedoch auf Tomasellos Gedankenspiel ein, wird unmittelbar klar, was dieser Zwang zur Gemeinsamkeit weiter bedeutete. Erstens musste man sich Partner suchen, auf deren Solidarität unbedingter Verlass war. Und zweitens war es nötig, „Trittbrettfahrer“ auszuschließen. Dieser Punkt lässt sich sogar durch verhaltensbiologische Experimente bestätigen. Menschliche Kinder teilen eine „Beute“ ungern mit anderen, die selbst nichts zum „Fang“ beigetragen haben. Menschenaffen dagegen ist es gleichgültig, wenn auch andere profitieren – vorausgesetzt natürlich, der eigene Hunger ist erst einmal gestillt.

Man kann sich vorstellen, dass auf diese Weise eine Art „Vogelperspektive“ auf die gemeinschaftliche Tätigkeit entstand, der Sinn für soziale Normen und Ideale, die für alle unterschiedslos gelten mussten, als Äquivalenz der eigenen Personen mit allen anderen in der Gruppe. Die Geburt der Moral aus der gemeinsamen Arbeit … Ist das der Zaubertrick mit dem Kaninchen, das unerklärlicherweise aus dem Zylinder herausspringt? Tomasello verweist darauf, dass die Evolution ständig Kaninchen aus Zylindern hervorbringt („in dem Sinn, dass sie ständig evolutionär Neues hervorbringt“); aber in diesem Fall handelt es sich eben doch um etwas ganz Besonderes: Es geht um die Eigenart der menschlichen Spezies.

Jagdszene aus der Cova dels Cavalls,
Castellón, Spanien
Bild: Hugo Obermaier/Wikipedia


Befürchtungen, mit einer solchen Rekonstruktion könnten die Grundlagen der menschlichen Moral entkräftet werden, erweisen sich bei näherer Betrachtung als gegenstandslos. Tomasello fragt ja gar nicht nach den Geltungsgründen moralischer Normen, sondern vielmehr nach der Art, wie sich der Sinn für solche Normen bei unseren Vorfahren entwickelt haben könnte.  Jeder der Jäger musste ein Interesse daran haben, dass auch seine Partner vom Ergebnis der gemeinsamen Jagd profitierten. Wenn ein dominantes Individuum versuchte, alles für sich allein zu beanspruchen, brach die Kooperation zusammen. Experimente mit Kindern haben diesen Gedanken bestätigt. Fast immer gelang es den Teilnehmern, am Ende eine allseits zufriedenstellende Aufteilung zu erzielen. Bei Schimpansen konnten die Forscher ein vergleichbares Ergebnis nur dann erreichen, wenn sie die Futterplätze in einigem Abstand voneinander eingerichtet hatten.

Für die Vor- und Frühgeschichte des Menchen zieht Tomasello ein überraschendes Fazit: Jägergruppen, die gut zusammenarbeiteten, waren auf die Dauer erfolgreicher. Und erfolgreiche, weil kooperationswillige und kooperationsfähige, Jäger konnten ihre Gene eher weitergeben. Natürlich konnte eine solche Moral nur innerhalb der eigenen Jägergruppe Geltung beanspruchen. Also, wie man wohl annehmen muss, innerhalb einer Männerhorde. Frauen und Kinder waren indirekt beteiligt, über die Mechanismen von sexueller Partnerschaft und Brutpflege, wie sie ja auch bei anderen Primatenarten wirksam sind.

Vor ihre größte Herausforderung, spinnt Tomasello den Faden weiter, wurde diese frühmenschliche „Moral“ gestellt, als die Population sich mit steigender Zahl in Gruppen aufteilte. Der Forscher versucht, sich in das Gruppenbewusstsein hineinzuversetzen, das damals vermutlich galt: „Nur ‚wir‘ in dieser Gruppe sind Menschen, die anderen ähnlich aussehenden Wesen, die wir manchmal in der Ferne sehen, sind Barbaren und somit eigentlich überhaupt keine Menschen.“ Ausgestorben ist diese Haltung bis heute nicht; der Lyriker Eugen Roth hat sie in einem hübschen kleinen Gedicht auf den Punkt gebracht: „Ein Mensch, der, sagen wir als Christ, Streng gegen Mord und Totschlag ist, Hält einen Krieg, wenn überhaupt, Nur gegen Heiden für erlaubt […] Ein andrer Mensch, ein frommer Heide, Tut keinem Menschen was zuleide, Nur gegenüber Christenhunden Wär jedes Mitleid falsch empfunden.“

Wiederum blickt Tomasello vergleichend auf die nichtmenschlichen Primaten. Auch Schimpansen leben in räumlich getrennten Gruppen, verhalten sich anderen Gruppen gegenüber feindselig. Doch da geht es ausschließlich um Ressourcenverteilung. Jene Faktoren, die für die Aufspaltung der Menschheit in Gruppen oder Stämme oder Völker charakteristisch sind – charakterische Erscheinung, abweichendes Verhalten – spielen offenbar keine Rolle. Schon gar nicht das Empfinden von „kollektiver Schuld“ oder „kollektivem Stolz“, wenn jemand aus der eigenen Gruppe etwas besonders Abscheuliches oder umgekehrt etwas besonders Lobenswertes getan hat.

Dagegen ist für unser Selbstverständnis „kulturelle Identität“ ganz wesentlich, völlig unabhängig davon, ob wir als Individuen dazu irgendetwas beigetragen haben. Tomasello kann für die Ausbildung dieses Gruppenbewusstseins kein ähnlich plastisches Szenario bieten, wie die gemeinsame Jagd es abgegeben hat. Doch die Ähnlichkeit beider Formen von „Kulturwandel“, wenn man das so nennen will, ist plausibel: In Kriegen wird jedem Angehörigen eines Volkes als selbstverständlich zugemutet, dass er sich „solidarisch“ verhält, nicht anders als das vor Hunderttausenden von Jahren in der Jagdhorde der Fall war. Und in friedlicheren Zeiten taucht die Frage auf, inwieweit Migranten an den Erträgen eines Sozialstaates zu beteiligen sind, dessen Ressourcen sie selbst nicht mit erarbeitet haben.

Hadza in Tansania üben Bogen-
schießen - Bild: Idobi/Wikipedia


Mehr am Rande merkt Tomasello an, welchen zentralen Platz die Frage nach dem „Wir“ in den organisierten Religionen spielt. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, steht in der Bibel; das Evangelium lehnt jede Einschränkung dieses Gebots auf besondere Menschengruppen ab. Eine dritte moralische Revolution in der Geschichte der Menschheit, nach der Solidaritätsmoral in der Jägergruppe und ihrer Ausweitung auf ganze kulturelle Gruppen? Beinahe gewinnt man den Eindruck, Tomasello würde da ein zukünftiges Buchprojekt andeuten, eine „Naturgeschichte der Religion“ oder so ähnlich, natürlich nicht als Reflexion auf den Wahrheitsgehalt von Religionen, sondern schlicht als Würdigung ihres Beitrags zur Entwicklung der Menschheit.

Was die Moral betrifft: Bisher war es wohl so, stellt Tomasello fest, dass „aufs Ganze gesehen, diejenigen von uns, die überwiegend moralische Entscheidungen trafen, auch mehr Babys hatten“ - eben weil Moral zum Zusammenhalt der Gruppe beitrug und damit indirekt jedem Mitglied nützlich war, ihm also die Aussicht auf ein langes Leben eröffnete. „Aufs Ganze gesehen“ schließt nicht aus, dass es im Einzelfall auch ganz anders sein kann. „Der Starke ist am mächtigsten allein“, ließ Friedrich Schiller seinen Wilhelm Tell sagen. Offenbar ging Tell in diesem Satz davon aus, mögliche Mitstreiter würden ihn mehr kosten, als sie ihm an Unterstützung zuführen könnten. Man darf jedoch unterstellen, dass das nicht der Regelfall sein wird. Und in der Naturgeschichte ist es eben der Regelfall, der die Richtung bestimmt.


Neu auf dem Büchermarkt:

Michael Tomasello: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, aus dem Amerikanischen von Jürgen Schröder, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 284 S., ISBN 978-3-518-58695-2, 32,00 € [D], 32,90 € [A]


Mehr im Internet:
Moral - Wikipedia
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
Suhrkamp Verlag
scienzz artikel Anthropologie

 

 

 

 

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