Berlin, den 20.02.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

02.01.2017 - PHILOSOPHIE

Von Einparkproblemen bis zum Monopoly-Spiel - wenn der Alltag philosophisch wird

von Josef Tutsch

 
 

Auf Messers Schneide
Schweizer Taschen-
messer - Bild: Simon
A. Eugster/Wikipedia

Was ist das eigentlich – eine „Krise“? Das altgriechische Verb „krinein“, belehren uns die Wörterbücher, wurde vor allem in juristischem Zusammenhang gebraucht, im Sinne von „urteilen“, einen Prozess entscheiden. Dahinter stand ursprünglich vielleicht eine sehr handfeste Vorstellung: „scheiden“ als „schneiden“, mit einer scharfen Klinge. Wir sagen ja heute noch, etwas stehe „auf des Messers Schneide“.

„Krisengebiete“ hat der Verlag J. B. Metzler den ersten Band seines auf insgesamt vier Bände angelegten „Lexikons des philosophischen Alltags“ überschrieben. Fast 30 kurze Essays, von „Aggression“ bis „Zinsverbot“, von „Gerechter Krieg“ bis zu „Wachstum“. Als Herausgeber fungiert ein gewisser „Dr. B. Reiter“, freier Autor und „Spezialist für philosophische Aufklärung“, wie das Impressum erläutert. „In unserer Zeit mangelt es weniger an wissenschaftlichen Wahrheiten als vielmehr an einer philosophischen Auseinandersetzung mit dem an schwierigen Problemen und Fallstricken so reichen Alltag“, schreibt Reiter im Vorwort und zitiert Wilhelm Busch: „Zwei mal zwei gleich vier ist Wahrheit, schade, dass sie leicht und leer ist, denn ich wollte lieber Klarheit über das, was voll und schwer ist.“

In Prosa ausgedrückt: Dieses „Lexikon“ will die Datenflut unserer Enzyklopädien, ob nun in Printform oder online, „in sinnvolle Zusammenhänge“ bringen. Ein Unternehmen, das man früher, mit einem heute aus der Mode gekommenen Wort, „Weisheit“ nannte. Die Spezialisierung des Wissenschaftsbetriebs hat die Philosophie bekanntlich arg in die Bredouille gebracht, sie steht vor der Forderung, ihre Daseinsberechtigung jenseits der bloßen Ideenhistorie rechtfertigen zu sollen. Reiter wendet es ins Positive: Philosophen sind, um Odo Marquard zu zitieren, einen 2015 verstorbenen Vertreter des Fachs, „Spezialisten fürs Allgemeine“. Also für das, was nicht oder noch nicht oder nur unzureichend spezialistisch bearbeitet ist, sich vielleicht sogar dem Zugriff der Spezialisten entzieht, also fürs „Riskante“, für die „Krisengebiete des Alltags“.

Allzu bierernst will das „Lexikon des philosophischen Alltags“ das allerdings nicht nehmen. Philosophen, heißt es verheißungsvoll im Vorwort, „wissen über Diät, Doping und Dagobert Duck ebenso zu parlieren wie über den Klatsch, das Gefängnis und den gerechten Krieg“. Der hier angedeutete Artikel über Dagobert Duck fehlt übrigens. Aber der Leser findet zum Beispiel das Stichwort „Einparken, rückwärts“. Was das mit Krise zu tun hat? Die Technikhistorikerin Bettina Gundler vom Deutschen Museum in München exemplifiziert daran den Wandel unseres Bildes von den Geschlechtern – oder gerade umgekehrt das erstaunliche Beharrungsvermögen alter Urteile und Vorurteile. In der Gehirnforschung ist ja ernsthaft die These vertreten worden, Frauen hätten ein schlechteres räumliches Vorstellungsvermögen als Männer und könnten deshalb schlechter einparken, zumindest rückwärts.

Nicht das einzige Stichwort, bei dem ein Bezug zum Obertitel „Krisengebiete“ erst auf den zweiten oder dritten Blick deutlich wird. Der Freiburger Germanist Peter-Henning Haischer befasst sich mit dem Thema „Peepshow“. Da lässt sich trefflich über Intimität und Entblößung räsonnieren, über moralische Schranken und Verstöße, auch über Herrschaft und Knechtschaft: Der Betrachter bleibt in sicherer Distanz zum Gesehenen, das seiner Lust dienen soll. Insgeheim freilich kehrt sich die Konstellation auch um: Der Veranstalter der Peepshow wird Herr über den Geldbeutel des Kunden.

Parksensor an einem Kotflügel zur Ver-
messung der Parklücke
Bild: Nozilla/Wikipedia


Was aus der Perspektive des Jahreswechsels 2016 auf 2017 verwundern muss: Unter der Überschrift „Krisengebiete“ findet sich kein Stichwort „Flucht“ oder „Migration“. Dabei wird die Zuwanderung aus dem Nahen Osten und aus Afrika von vielen Menschen hierzulande, ob nun zu Recht oder zu Unrecht, doch als die Krise par excellence erlebt. Ebenso vermisst der Leser ein Stichwort wie „Populismus“. Wahrscheinlich war die Konzeption des Bandes im Sommer 2015 bereits abgeschlossen.

Ja, der „Alltag“ verändert sich manchmal eben so schnell, dass die Philosophie schwer hinterher kommt, von der Bücherproduktion zu schweigen. Aber das „Lexikon des philosophischen Alltags“ bietet zum Beispiel einen Artikel zum Thema „Gerechter Krieg“. Die Bochumer Ethikprofessorin Corinna Mieth gibt auf gerade mal sechs Seiten einen Abriss der Diskussion seit Aristoteles und Cicero. Und zieht ein doppeltes Fazit. Einerseits sei die Theorie des gerechten Krieges „als moralische Kritikmöglichkeit an Kriegen aus Machthunger und Eroberungslustk“ plausibel, andererseits sei sie „problematisch“ - nicht nur wegen der zivilen Opfer, sondern auch, weil diese Moralisierung selbst in sich die Versuchung birgt: „Wer sich als Vollstrecker der gerechten Sache fühlt, wird vielleicht sehr schnell Gründe finden, andere anzugreifen, um ‚das Böse“ überall zu bekämpfen.“

Trotz aller Nachdenklichkeit, die in Mieths Aufsatz wirkt - es ist leicht vorstellbar, dass der eine oder andere Leser bereits das Wort „plausibel“ in diesem Zusammenhang als Provokation empfinden wird. Der Satz von den Philosophen als Spezialisten für Krisengebiete hat seinen doppelten Sinn: Nicht nur die Gegenstände der Reflexion sind riskant, auch die Reflexion selbst ist es. Und natürlich geraten ebenso die Praktiker der Politik, wenn sie sich ein wenig in Theorie versuchen, leicht auf riskantes Eis. Die Münchner Soziologin Katrin Auspurg führt in ihrem Beitrag zum Thema „Arbeitslosigkeit“ Helmut Kohl an, der infrage stellte, ob sich Deutschland als „kollektiver Freizeitpark“ organisieren lasse. Und Gerhard Schröder, der betonte, es gebe „kein Recht auf Faulheit“. Und Guido Westerwelle, der mit seiner Äußerung, es scheine in Deutschland „nur noch Bezieher von Steuergeld zu geben, aber niemanden, der das alles erarbeitet“, viel Aufsehen erregte.

Der Satz hat, bei aller polemischen Absicht, immerhin ein Körnchen Wahrheit: Was verteilt werden soll, muss – außer im Schlaraffenland, wo die gebratenen Tauben in den Mund fliegen – zunächst einmal erarbeitet werden. Die Extreme berühren sich. Westerwelle spottete über die „spätrömische Dekadenz“. In einem Papier der Gruppierung „Glückliche Arbeitslose“ hat Auspurg präzise denselben historischen Bezug gefunden: Wir sollten das „Ende der Arbeitsgesellschaft“ anerkennen, schließlich sei Arbeitslosigkeit ja auch im alten Rom ein Privileg gewesen. Wobei gern unterschlagen wird, dass die römischen Bürger damals ihre Arbeit den Sklaven aufbürden konnten, von der Ausbeutung der Provinzen zu schweigen.

Was das beliebte Brettspiel Monopoly mit „Krise“ zu tun hat, ist da gar nicht mehr die Frage. Die Freiburger Germanistin Jutta Heinz: „Die Spielphilosophie ist ein genaues Abbild des Kapitalismus, mir nur einer Ausnahme: Beim Monopoly wird anfangs jeder, um ihm die Teilnahme zu ermöglichen, mit dem gleichen Grundkapital ausgestattet. Das Ziel ist die unbedingte persönliche Gewinnmaximierung durch Ausschaltung der Konkurrenz – wer pleite ist, spielt nicht mehr mit.“

Monopoly-Vorläufer von 1924
Bild: Lucius Kwok/Wikipedia


Heinz weitet die Perspektive über das Ökonomische hinaus. Der Staat beansprucht ein Gewalt-“monopol“ – jedenfalls solange er nicht vor Terroristen zurückweicht und auch nicht etwa selbst seine Aufgaben per „Outsourcing“ abgibt. „Für Arthur Schopenhauer waren vor allem die Vertreter der monotheistischen Religionen die ‚Monopolisten und Generalpächter‘ des ‚metaphysischen Bedürfnisses‘; neben ihnen wuchs die philosophische Erkenntnis nur wie ein ‚wildes Kraut‘.“ Heinz regt eine Monopoly-Variante an, die den Wissenschaftsbetrieb spiegelt, etwa: „Ihr wissenschaftliches Hauptwerk wird vom Verlag bei Ebay für 1 Euro verkauft“ oder „Gehen Sie über Los und ziehen sie ein neues Förderungsprojekt ein!“

Handlungsanweisungen darf der Leser von diesem „Lexikon des philosophischen Alltags“ natürlich nicht erwarten. Immer wieder enden die Beiträge offen, so auch der Artikel der Psychologin Monika Reutter zum Thema „Aggression“. Aggressives Verhalten, behaupten die einen Wissenschaftler, wird erlernt und nachgeahmt, etwa wenn wir uns in Film oder Fernsehen Gewaltdarstellungen zu Gemüte führen. Nein, ganz im Gegenteil, antworten die anderen und deklarieren das Sehen von Gewalt zu einer potentiell „befreienden Ersatzhandlung“. Eine Kontroverse, die im Grunde die Diskussion zwischen Platon und Aristoteles über die Unmoral der Dichter vor fast zweieinhalbtausend Jahren wiederholt.

Noch ein Beispiel: Was ist eigentlich „Doping“? Als Gegenbegriff, meint der Leipziger Philosoph Volker Caysa nachdenklich, müsste doch eine „reine, echte Naturleistung des Menschen“ vorausgesetzt werden. Das wäre jedoch pure Illusion, im Alltag nehmen wir ja auch ganz selbstverständlich Kaffee oder Kopfschmerztabletten zu uns. Manche von uns greifen auch zu härteren Mitteln, von leistungssteigernden Medikamenten bis zu Schönheitsoperationen. Caysa: „Der gedopte Athlet erscheint in diesem Kontext nur als Vorbote“ einer „hochtechnischen Nachrüstung und Verbesserung“ unseres „Naturkörpers“. Und noch paradoxer: Die „Verbesserung“ gilt dann als gelungen, wenn sie uns einen perfekten Anschein von Gesundheit, Schönheit, Natürlichkeit vorgaukelt.

Schöne neue Welt. Merkwürdigerweise hat der Herausgeber auf einen Beitrag zur Digitalisierung und Globalisierung des Wirtschaftslebens verzichtet, die ja für die krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre nicht ganz unwesentlich war. Aber der Beitrag des Informatikexperten André Spiegel geht in diese Richtung. „Freiheit der Information“ als Überschrift klingt so harmlos und erfreulich. Und tatsächlich hat die „Entkopplung“ der Informationen von ihren materiellen Trägern durch Computer und Internet ja viele Träume hervorgerufen. Inzwischen ist die Ambivalenz bewusst geworden: Auch im Internet lässt sich Freiheit effektiver von jenen nutzen, die gerade stärker sind – und sei es, dass sie bloß lauter schreien können.


Neu auf dem Büchermarkt:

Dr. B. Reiters Lexikon des philosophischen Alltags: Krisengebiete – von Anarchie bis Zeitgeist, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, 164 S., ISBN 978-3-476-02687-3, 16,95 €



Mehr im Internet:

Philosophie - Wikipedia
Dr. B. Reiters Lexikon des philosophischen Alltags
scienzz artikel Philosophie

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet