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19.01.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

Vor 150 Jahren wurde der Schrifsteller Ludwig Thoma geboren

von Josef Tutsch

 
 

Ludwig Thoma, Portrait von Karl
Klimsch, 1909 - Bild: Wikipedia

„Er war Jurist und auch sonst von mäßigem Verstand.“ Nein, es war nicht, wie oft zu lesen ist, der Journalist Kurt Tucholsky, der diesen etwas unfreundlichen Spruch prägte, es war der Schriftsteller Ludwig Thoma, selbst ausgebildeter Jurist und einige Jahre als Rechtsanwalt tätig. 1916 brachte er eine kleine Erzählung vom königlichen Landgerichtsrat Alois Eschenberger heraus. Mit unverhohlener Schadenfreude wird darin geschildert, wie dieser „gute Jurist“ sich durch seinen allzu gründlichen Formalismus selbst hereinlegt.

Glücklich scheint Thoma mit seinem Rechtsanwaltsberuf in der Tat nicht geworden zu sein. Die Juristerei lief wohl auch einem Grundzug seines Charakters, seiner Aufmüpfigkeit, zuwider. Es wäre sicherlich verfehlt, wollte man das populärste seiner Werke, die „Lausbubengeschichten“ von 1905, als getreuen autobiographischen Bericht lesen. Aber ein wenig von einem Lausbuben war doch in ihm. Bereits als Schüler legte sich Thoma, der am 21. Januar 1867, vor 150 Jahren, in Oberammergau geboren wurde, immer wieder mit seinen Lehrern an – mit der Folge, dass er einige Male die Schule wechseln musste.

1894 ließ er sich in Dachau nach dem Studium der Rechtswissenschaft in München als Rechtsanwalt nieder. Doch er führte eine Doppelexistenz. Unter dem Pseudonym „Peter Schlemihl“ schrieb er für die damals berühmteste satirische Zeitschrift Deutschlands, den „Simplicissimus“. Peter Schlemihl, der Mann, der seinen Schatten verkauft hat, aus der Märchenerzählung von Adalbert von Chamisso. 1899 entschloss er sich, aus der Juristerei auszusteigen. Ein Jahr später wurde er Chefredakteur des „Simplicissimus“.

Es geht vor allem auf Thoma zurück, dass sich der „Simplicissimus“ in diesen Jahren gern ein wenig „bayerisch“ gab, in vielen Texten mit einem leicht bayerisch gefärbten Hochdeutsch, auch mit halb gespielter, halb durchaus ernsthafter Opposition gegen die kaiserlich-deutsche Zentralregierung in Berlin, einschließlich der obligaten Witze über Bayern und „Preißn“. Dabei wurde die eigene, bayerische Obrigkeit von der Satire keineswegs ausgenommen. 1909 brachte Thoma den „Briefwechsel eines bayerischen Landtagsabgeordneten“ heraus. In Dachauer Mundart und eigenwilliger Orthographie äußert sich der Landtagsabgeordnete Josef Filser über alles und jedes, von der Arbeit im Parlament bis zum Münchner Fasching, von den ökonomischen Problemen im eigenen Haushalt bis zum alltäglichen Kampf mit der Ministerialbürokratie. Mit Bauernschläue versteht es Filser, das politische Spiel mitzuspielen und als unauffälliger Hinterbänkler seinen eigenen Vorteil zu wahren.

Thoma wollte Autoritäten oder Scheinautoritäten attackieren und lächerlich machen. Nach dem Erscheinen gab es denn auch einen Sturm der Entrüstung (der den Autor prompt dazu veranlasste, eine Fortsetzung zu schreiben). Aber vor allem die Färbung durch den Dialekt verhindert jeden Anschein von Plumpheit. Thoma nutzte seinen Erfolg beim Publikum, indem er 1910 Filser als Hauptfigur in dem Bauernschwank „Erster Klasse“ auftreten ließ. Im Eilzug Berlin-München treffen der bayerische Ministerialrat von Scheibler und der Hinterbänkler Filser zufällig aufeinander. Scheibler behandelt den ungehobelten Bauern herablassend – bis er erfahren muss, dass es sich um eine gewichtige Persönlichkeit handelt. Dass auch Reisende aus Norddeutschland im Abteil sitzen, gab dem Verfasser Gelegenheit, die vom Publikum erwarteten Sticheleinen über Preußen und Bayern einzuflechten.

Engel Aloisius aus "Der Münchner im
Himmel", München, Elisabethmarkt
Bild: Oliver Raupach/Wikipedia


Es war nicht Thomas erster Ausflug in die Welt des Theaters. 1906 hatte ein Gericht dem ehemaligen Rechtsanwalt und jetzigen „Simplicissimus“-Redakteur einige Wochen Muße verschafft: Wegen „Beleidigung und öffentlicher Beschimpfung einer Einrichtung der christlichen Kirche mittels Presse“ war Peter Schlemihl alias Ludwig Thoma verurteilt worden. Anlass waren Verse gegen kirchliche „Sittlichkeitsprediger“, Höhepunkt des Gedichts: „Was wissen Sie eigentlich von der Liebe mit Ihrem Pastoren-Kaninchentriebe?“
Diese hübsche Wortprägung war wohl zuviel, Thoma verbrachte sechs Wochen im Gefängnis Stadelheim. Er nutzte die Zeit, um die Komödie „Moral“ zu schreiben. Während die Mitglieder eines national gesinnten Sittlichkeitsvereins die Tugend der alten Germanen hochleben lassen, setzt ein ehrgeiziger Polizeiassessor alles daran, die Kundenliste einer Dame von zweifelhaftem Ruf aufzuklären. Am Ende wird das Verfahren niedergeschlagen, weil von einem öffentlichen Skandal auch allerhöchste Herrschaften betroffen wären. Doch der Schein bleibt gewahrt, denn: „Die Hauptsache ist, dass man sich öffentlich zu moralischen Grundsätzen bekennt. Das wirkt günstig auf die Familie, auf den Staat.“

Eine virtuose Verbindung von Schwank und großer Komödie. 1912 ließ Thoma mit „Magdalena“ eine tragische Variante folgen. Im Namen der „Moral“ ersticht ein Vater seine „gefallene“ Tochter. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg gelang es Thoma, mit den Mitteln des bayerischen Volksstücks die Gattung des bürgerlichen Trauerspiels in der Nachfolge Lessings noch einmal zu beleben. Weniger Erfolg beim Publikum hatte er mit seinen großen Bauernromanen, zum Beispiel „Andreas Vöst“ von 1906. Wie Thoma sich selbst sah oder gern sehen wollte, lässt eine Nebenfigur dieses Romans ahnen, ein junger Kandidat der Theologie: Desillusioniert von dem herrschenden Geflecht aus Missgunst und Verleumdung und von der Rolle des Pfarrers darin, gibt er seine Berufspläne auf.

Hoffte Thoma, mit seinen Dramen, Romanen und Erzählungen sozialreformerisch, womöglich volkserziehend wirken zu können? Jedenfalls gehörte dem Bauernmilieu am ehesten seine Sympathie. Die Institutionen des Staates und der bürgerlichen Welt dagegen … „An Sonderbarem wird es nimmer fehlen“, schrieb er zur Eröffnung des „Simplicissimus“-Jahrgangs 1913, „wo wir so ziemlich jede Amtsperson zu unseren besten Mitarbeitern zählen, auf Kanzeln, auf Kathedern, auf dem Thron.“

Doch im folgenden Jahr war die große Zeit von Ludwig Thoma und dem „Simplicissimus“ auch schon wieder vorbei. Zur Redaktionssitzung im August 1914 soll Thoma „ziemlich gebrochen“ erschienen sein. Er machte, heißt es in einem späteren Bericht, „den unzweideutigen Vorschlag, das Blatt eingehen zu lassen. Er war […] davon überzeugt, Deutschland sei überfallen und es sei ein Defensivkrieg und ein Krieg um seine Existenz, den es zu führen habe und dem sich kein Deutscher entziehen dürfe. Somit gebe es keinen Raum und keine Aufgabe mehr für ein satirisches Blatt der Opposition gegen die herrschenden Gewalten in Deutschland.“

Eingestellt wurde der „Simplicissimus“ dann doch nicht, aber auch er schloss sich der allgemeinen Kriegsbegeisterung an. Und der ehemalige Linksliberale Ludwig Thoma wurde zum fanatischen Nationalisten. Tief enttäuscht von der Niederlage, ließ er sich in seinen letzten Lebensjahren sogar zu antisemitischen Hetzartikeln hinreißen. Wenn wir in der Münchner Ruhmeshalle seine Büste sehen, dann denken wir doch lieber an den jungen Ludwig Thoma.

Ludwig-Thoma-Denkmal in Rottach-
Egern, von Quirin Roth
Bild Wikipedia


Zum Beispiel an den Verfasser der „Lausbubengeschichten“. Zwölf Episoden aus einem oberbayerischen Schülerdasein. Viel mehr, als es den Buben selbst bewusst sein kann, geht es bei den Streichen um Versuche der Befreiung von einer stupiden Obrigkeit. Köstlich etwa die „Weil“-Sätze, die das Regelwerk der Schule damals in seiner ganzen Scheinhaftigkeit und Lächerlichkeit entlarven.

Ja, und dann ist da noch „Der Münchner im Himmel“, 1911 veröffentlicht. Ein Klassiker, auch durch den Zeichentrickfilm von 1970. Alois Hingerl, Dienstmann Nr. 172 vom Hauptbahnhof München, kommt in den Himmel, ist davon jedoch gar nicht erbaut, weil ihm seine Maß Bier vorenthalten wird. Ergrimmt setzt er sich auf eine Wolke, um pflichtgemäß zu frohlocken und Hallelujah zu singen. Da das ganz grauslich klingt, schickt ihn der liebe Gott nach München zurück mit dem Auftrag, der Bayerischen Regierung die göttlichen Eingebungen zu überbringen. Leider kehrt Alois unterwegs im Hofbräuhaus ein und vergisst seinen Auftrag. Wegen des Schlusssatzes „… und so wartet die bayerische Regierung bis heute auf die göttlichen Eingebungen“ wurde Thoma zu einer Geldstrafe verurteilt.


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