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06.01.2017 - KUNSTGESCHICHTE

Die Wies und 99 weitere

von Josef Tutsch

 
 

Wieskirche bei Steingaden
Bild: Patrick Huebgen/Wikipedia

Der Teufel, „wie jeder andere Preuße“, mache in Bayern gern Urlaub, hat der Münchner Autor Thomas Kernert einmal geschrieben. Und was macht der Teufel dort im Urlaub? Er besichtigt Kirchen, darf man vermuten, zumindest manchmal – dem Zauber der bayerischen Spätbarock- und Rokokokunst wird auch er nicht widerstehen können. Falls sein Urlaub gerade dem südlichsten der sieben bayerischen Regierungsbezirke gilt - vielleicht ist ihm bei der Auswahl seiner Ziele ja der Band behiflich, den den Münchner Kunsthistoriker Wilfried Rogasch jetzt herausgebracht hat: „Die 100 schönsten Kirchen in Oberbayern“.

100 schönste Kirchen aus insgesamt etwa 4.000, da war natürlich eine strenge Auswahl nötig. Das Buch entstand aus den Kolumnen, die der Autor in den letzten zwei Jahren in den Wochenendausgaben des Münchner „Merkur“ geschrieben hat: über jede der Kirchen ein Text in feuilletonistischer Kürze, ein bis anderthalb Seiten, natürlich bebildert. An den Schluss hat Rogasch jeweils ein bis drei Sterne angefügt – als Hinweise, welche Prioritäten der Reisende setzen könnte.

Wie sich versteht, ist die „Wallfahrtskirche zum gegeißelten Heiland auf der Wies“ unter den Drei-Sterne-Sehenswürdigkeiten, das einzige Bauwerk in Oberbayern, das zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Vielleicht die perfekteste Rokokokirche überhaupt, schreibt Rogasch. Es ist vor allem die große Zahl der Dorf- und Wallfahrtskirche, die das Antlitz Oberbayerns prägt, nicht nur aus dem Barock, sondern auch aus dem Mittelalter. Wer kennt zum Beispiel das Kirchlein St. Servatius in Streichen in den Chiemgauer Alpen, dicht an der Grenze zu Tirol? Das Gotteshaus ist nur zu Fuß erreichbar. Wenn man nicht gerade zur Messe kommt, ist das Innere zum Schutz gegen Kunstraub und Vandalismus durch ein Gitter versperrt. Man sollte also ein Fernglas mitbringen, um vom Vorraum aus die Details der gotischen Wandmalereien und Schnitzaltäre bewundern zu können.

Aber das ist eine Ausnahme, betont Rogasch. Zumindest katholische Kirchen stehen in der Regel bis zur Chorschranke zur Besichtigung offen, von morgens bis abends. Und in keiner dieser Kirchen wird Eintrittsgeld erhoben; das kennen Touristen in Florenz oder Venedig ganz anders. In fast keiner oberbayerischen Kirche, um genau zu sein. So sind die drei Kapellen der Münchner Residenz nur auf einem Rundgang durch das Residenzmuseum zu besichtigen.

Rogasch erinnert sich im Vorwort an sein Kunstgeschichtsstudium an der Universität München. Die Kenntnis der kirchlichen Architektur im Münchner Umland war Prüfungsstoff. Im Allgemeinen ging es dabei Richtung Süden, auf die Alpen zu, zum Beispiel in den „Pfaffenwinkel“ mit Wieskirche und Kloster Ettal. Ein paar Kilometer nach Norden dagegen, auf dem Freisinger Domberg, sei es meistens „ruhig“, wundert sich der Autor. „Freising ist kein Ort des Massentourismus. Selbst viele Münchner waren noch nie hier.“ Dabei ist der romanische Dom mit seiner barocken Stuck- und Freskoausgestaltung zweifellos eine der schönsten Kathedralen Europas. Erst recht unbekannt ist das Rokoko-Gesamtkunstwerk der Klosterkirche im Freisinger Vorort Neustift.

"Schöne Säule" im Mortuarium
des Doms zu Eichstätt
Bild: Hoger/Wikipedia


Oder von der Landeshauptstadt Richtung Osten, die ehemalige Klosterkirche in Rott am Inn. Die Versuchung für Touristen, sie auf dem Weg in den Chiemgau links liegen zu lassen, ist groß. CSU-Fans zieht es auf den Friedhof in Rott, wo Franz Josef Strauß begraben liegt. Kunstfreunden geht es eher um die geniale Verschmelzung von Zentralraum und Längsraum, die dem Architekten Johann Michael Fischer hier gelungen ist. Und um die entzückende Statue der Bauernheiligen Notburga, die in ihrer Schürze knusprige Semmeln zur Speisung der Armen bereithält.

Durch den Bau hätte sich das kleine Kloster in den 1760er Jahren beinahe ruiniert, berichtet Rogasch. Und der Leser macht sich vielleicht da erst bewusst, welche Kraftanstrengung es gewesen sein muss, das Land derart dicht mit prächtigen Kirchen zu überziehen. Dabei bildet die Spätbarock- und Rokokozeit zwar einen Höhepunkt, steht aber keineswegs allein da. Bereits im Mittelalter und dann erst recht in der Gegenreformation förderten die bayerischen Herzöge das Aufkommen lokaler Wallfahrten. Eine Investition, die sich auch ökonomisch auszahlte: Das Geld floss nicht mehr zur Gänze nach Rom oder Santiago de Compostela oder Jerusalem, sondern blieb im Land. Zum Beispiel in Altötting ist die Wallfahrt bis heute lebendig. Über 2.000 Votivtafeln zeugen von der Dankbarkeit der Pilger für wunderbare Heilungen.

Bei aller gebotenen Kürze der Texte schafft es Rogasch, den Leser immer wieder auch auf das hinzuweisen, was er vor Ort nicht zu sehen bekommt. Hinter dem Hochaltar der Klosterkirche in Reisach bei Rosenheim verbirgt sich eine barocke Klosterbibliothek. Ein Unikum in Bayern: Die Bestände anderer Klosterbibliotheken landeten nach der Säkularisierung 1803 in der Papiermühle. Oder auf das, was der Besucher zwar sehen, aber ohne Hilfe womöglich nicht deuten kann. In St. Jakobus, Urschalling im Chiemgau, wundert er sich vielleicht über eine sehr ungewöhnliche Darstellung der göttlichen Dreifaltigkeit: Der Heilige Geist hat die Gestalt eines sehr jungen Mann oder, wie andere Interpreten meinen, sogar die einer Frau.

In einigen Fällen gelang es den Bauherren oder ihren Architekten, ihrem Werk durch ebenso simple wie originelle Einfälle den Status einer Rarität zu sichern. Die Wallfahrtskirche Vilgertshofen bei Landsberg ist wie ein vierblättriges Kleeblatt gebaut, in Westerndorf am Wasen bei Rosenheim ist die Zwiebelform, wie man sie sonst nur bei barocken Kirchtürmen findet, auf den Kirchenraum selbst übertragen: Die Kuppel ist als gigantische Zwiebel gestaltet.

Manchmal sind auch Dinge zu verzeichnen, die wir durchaus unerfreulich finden. 1732 forderten Protestanten, die der katholischen Fürstpropstei Berchtesgaden untertan waren, die freie Religionsausübung. Die malerisch gelegene Kirche von Maria Gern bei Berchtesgaden – heute eines der beliebtesten Postkartenmotive ganz Bayerns – sollte in eine evangelische Kirche umgewandelt werden. Schließlich wurde den „Ketzern“ die Auswanderung gestattet, ihr Hab und Gut mussten sie zurücklassen. Ein Deckenfresko in Ramsau bei Berchtesgaden feiert den Triumph der Obrigkeit, die ihr Ländchen mit diesem Fanatismus wirtschaftlich jedoch nachhaltig schädigte.

À propos Ramsau: US-General Dwight D. Eisenhower verliebte sich derart in die weltbekannte Ansicht der Ramsauer Kirche St. Sebastian mit Flüsschen und Steg im Vordergrund, dass er sie in seiner Zeit als Präsident auf der Grundlage eines Farbfotos abmalte. Das Bild wurde vervielfältigt und den Mitarbeitern des Weißen Hauses 1960 als Weihnachtsgabe geschenkt, schreibt Rogasch. Auch der eine oder andere naheliegende Irrtum wird in dem Buch ausgeräumt. Über dem Portal der Kirche Heiligkreuz in Polling bei Weilheim steht die Inschrift „Liberalitas Bavarica“. Damit ist nicht etwa ein Bekenntnis zu Weltoffenheit und Toleranz gemeint. Die Augustinermönche wollten vielmehr die materielle Freigiebigkeit des Herrscherhauses gegenüber ihrem Kloster rühmen.

Deckenfresko der Kirche St.
Michael (Ausschnitt), Berg am
Laim, München - Bild: J. Tutsch


Von Landsberg am Lech bis Berchtesgaden, von Eichstätt bis Mittenwald: Beherrschend ist natürlich der Barock- und Rokokostil. Daneben treten romanische und gotische Kirchen deutlich zurück. Ganz im Norden des Regierungsbezirks, nahe der Grenze zu Mittelfranken, findet sich der Dom zu Eichstätt und gleich daneben das „Mortuarium“, die Begräbnisstätte des Domkapitels: eine der prächtigsten Hallen, die in Deutschland aus der Spätgotik erhalten sind. Rogasch führt aber auch einige Spitzenwerke aus dem 19. und 20. Jahrhundert auf, vor allem im Raum München, zum Beispiel den „Dom von Schwabing“, St. Ursula - der Besucher fühlt sich beinahe nach Florenz versetzt. Oder die Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen – keine zwanzig Jahre alt und dennoch schon eine Inkunabel der modernen Architektur.

Ja, auch in der bayerischen Landeshauptstadt gibt es abseits des Zentrums manches zu entdecken. Etwa St. Michael im Stadtteil Berg am Laim, sicherlich eine der schönsten Rokokokirchen überhaupt. Leider gehört sie zu jenen Kirchen, in denen ein Gitter den Zutritt zum Hauptraum versperrt. Das große Deckenfresko von Johann Baptist Zimmermann kann der Besucher also nur aus der Schrägansicht bewundern. Die kleine Mühe lohnt sich. Herrlich etwa in der Darstellung einer frommen Prozession der Kontrast zwischen der Hirtengruppe und dem vornehmen Personal von Hof und Geistlichkeit. Der Fürst stolziert gravitätisch unter einem Sonnenschirm, wie er zur Entstehungszeit des Gemäldes groß in Mode gewesen sein wird.


Neu auf dem Büchermarkt:

Wilfried Rogasch: Die 100 schönsten Kirchen in Oberbayern, Hirmer Verlag, München 2016, 240 S., ISBN 978-3-7774-2694-5, 19,90 € [D], 20,50 € [A], 25,30 CHF



Mehr im Internet:

Oberbayern - Wikpedia
Die 100 schönsten Kirchen in Oberbayern
scienzz artikel Kunstregionen

 

 

 

 

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