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10.01.2017 - SOZIALGESCHICHTE

Aspekte einer Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Was trägt er drunter?
König Edward VII. im
Kilt, Photographie von
Lord Redesdale
Bild: Wikipedia

In einer Stadt im Piemont, erzählt Giacomo Casanova in seinen Memoiren, habe er einmal das Theater besucht. Vor der Vorstellung sei er mit einem der Schauspieler ins Gespräch gekommen und habe geschwärmt, vielleicht werde er gleich Gelegenheit haben, von dessen berühmter Kollegin die Unterhose zu sehen. „Das wäre schwierig“, antwortete der Schauspieler, „sie trägt keine.“

Die Unterhose, stellt der bayerische Autor Manfred Vasold, der vor allem über medizinhistorische Fragen arbeitet, in seinem neuen Buch zur „Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit“ fest, „war vor Beginn des 19. Jahrhunderts ein ziemlich ungewöhnliches Kleidungsstück“. Bei Männern reichte das lange Hemd weit hinab, daher kommt noch die Redensart „sich einen Fleck ins Hemd machen“. Vor Erfindung der Spinnmaschine 1775 wäre Unterwäsche für die große Masse der Bevölkerung auch viel zu teuer gewesen. Casanova selbst trug eine Unterhose, wie aus einer Stelle seiner Memoiren hervorgeht. Doch das wird selbst unter Mitgliedern der gehobenen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch eine Ausnahme gewesen sein.

Bei Frauen kamen theologische Bedenken hinzu: „Ein Weib soll nicht Männertracht tragen“, heißt es im 5. Buch Mose. Frauen, die Hosen trugen, auch Unterhosen, schreibt Vasold, „galten als schamlos, als unweiblich“. Anscheinend kam weibliche Unterbekleidung zunächst bei Tätigkeiten auf, die es nahelegten, dass der Zuschauer sonst sehr viel – zu viel – zu sehen bekommen könnte. Casanova scheint, diese Vermutung legen viele Stellen in seinen Memoiren nahe, von diesem Thema geradezu besessen gewesen  zu sein. Als er 1768 in Barcelona weilte, waren Unterhosen bei den Balletttänzerinnen dort offenbar bereits üblich. Es bestand jedoch eine Verordnung, „dass jede Tänzerin, die auf dem Bühne dem Publikum ihre Unterhosen zeigte, zu einem Taler Strafe verurteilt wurde“. Eine Künstlerin wollte der Strafe entgehen, indem sie die Unterhosen wegließ. Daraufhin drohte ihr der sittenstrenge Vizekönig, falls sie noch einmal ohne Hosen tanzte, einen Monat bei Wasser und Brot im Gefängnis an.

Die Unterhose – nur eines der insgesamt elf Themen, die Vasold in seiner „Sozialgeschichte des Alltags“ behandelt. Die Spezialstudien, die der Autor hier zusammengefasst hat, reichen von Flöhen und Läusen als allgegenwärtigen Mitbewohnern der Menschenwelt in der frühen Neuzeit bis zu Quecksilber- und Phosphorvergiftungen in der Industrie des 19. Jahrhunderts, von der Hungersnot, die 1816 infolge des Vulkanausbruchs auf Sumbawa in Indonesien fast alle europäischen Länder heimsuchte, bis zur „Spanischen Grippe“ 1918. Es handelt sich weniger, wie der Untertitel nahelegt, um eine „Sozialgeschichte“ als um Aspekte, die sich in der Gesamtschau zu einer solchen Geschichte zusammenfügen könnten. Und zu den einzelnen Themen wählt Vasold die verschiedensten Zugänge, die wiederum die Multidimensionalität des historischen Geschehens deutlich machen, von der Klimageschichte bis zur Hygiene, von der industriellen Produktion bis zur Ernährung.

In der Geschichtswissenschaft wurde die Bedeutung, die Alltagsfaktoren für die historische Entwicklung haben können, bislang recht wenig beachtet. Welche Zusammenhänge gibt es da eigentlich, etwa zwischen Krankheitsausbrüchen und Kriegsverläufen? Vasold warnt vor allzu kurzen Schlüssen: „Deutschland hat bestimmt nicht infolge der Spanischen Grippe den Ersten Weltkrieg verloren.“ Da liege nur eine „Teilursache für den deutschen Zusammenbruch“: „Das Deutsche Reich litt an der Grippe vermutlich nicht mehr als die neutralen Länder Schweden und Schweiz; aber es war fortan außerstande, die großen Belastungen zu schultern, die der Krieg mit sich brachte.“

Herbert Wehner mit Pfeife
Bild: Bundesarchiv/Wikpedia


Bei einer Reihe von Fragen gesteht Vasold ein, dass die Geschichtswissenschaft bislang keine plausiblen Antworten bieten kann. Warum erreichte die Mode des Rauchens gerade in den Jahren um 1970 einen Höhepunkt der Popularität? Bloß deshalb, weil beliebte Politiker von Herbert Wehner bis zu Franz Josef Stauß im Fernsehen gern mit qualmender Pfeife oder brennender Zigarette posierten? Warum ist die Suizidrate in Deutschland seit 1977 um mehr als 40 Prozent zurückgegangen? In der alten Bundesrepublik lag sie im europäischen Vergleich hoch, in der DDR sogar sehr hoch. Sicherlich spielt eine Rolle, dass etwa das Pflanzenschutzmittel E 605 heute nicht mehr frei verkauft wird, und dass die Medien über Suizidfälle vorsichtiger berichten als früher – das beugt einer „Selbstmordmode“ vor. Voll befriedigend sind diese Erklärungen aber nicht.

Oder die Frage, wie hoch der Bevölkerungsverlust Deutschlands im Dreißigjährigen Krieg, vor allem infolge von Seuchen, wirklich war. Die Angaben in der wissenschaftlichen Literatur schwanken zwischen „gar nicht“ und 40 Prozent. Vasold selbst neigt eher zu einer hohen Schätzung. Die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges lässt auch leicht vergessen, dass Kriege, Hungersnöte und Seuchen das Leben der Menschen immer wieder heimsuchten. Zwischen 1770 und 1772, meint Vasold, dezimierten Getreideknappheit und eine Infektionskrankheit, vermutlich das Fleckfieber, die Bevölkerung Deutschlands um etwa 10 Prozent. Es könnte gut sein, dass die große Krise damals auch in der touristischen Landschaft ihre Spuren hinterlassen hat: Der Bauboom, der die prächtigen Barockklöster in Bayern, Schwaben und Österreich hervorgebracht hat, ließ gerade in diesen Jahren um 1770 deutlich nach.

In Frankreich wird es die Bereitschaft zur Revolution gefördert haben, dass die aufklärerischen Philosophen Adel und König für die Folgen solcher Krisen verantwortlich machten. Dagegen fand England eine sehr effektive Antwort, die ohne einen Umsturz auskam: die Industrialisierung. Wir sollten uns freilich hüten, betont Vasold, diesen Weg zu unserer modernen Welt schönzureden. Für Deutschland liegen Zahlen vor: Als Preußen in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung nachholte, stieg die Säuglingssterblichkeit um 22 Prozent. „Die Säuglinge waren die schwächsten Mitglieder dieser Gesellschaft, sie zahlten für den Aufbau der Industrie mit ihrem Leben.“

Was wir uns aus dem Alltagsleben früherer Jahrhunderte am schwersten vorstellen können, ist vielleicht aber doch die Allgegenwart von Flöhen und Läusen. „Auf jeder Stufe der gesellschaftlichen, freundschaftlichen und familiären Rangordnung war es üblich, einander die Flöhe abzulesen“, hat der französische Historiker Emmanuel LeRoy Ladurie über ein Pyrenäendorf des 14. Jahrhunderts festgestellt – da kann man sich vorstellen, dass das ein ganz anderes soziales Miteinander hervorgebracht haben wird, als wir es heute gewöhnt sind. Wilhelm Busch Bildergeschichte von der „gestörten und wiedergefunden Nachtruhe“, 1865, lässt vermuten, dass die Plage in gehobenen Gesellschaftsschichten damals bereits zurückgegangen  war; sonst hätte sich der „Held“ von einem einzelnen Floh nicht derart aus der Ruhe bringen lassen. Als der Arzt Rudolf Virchow 1852 im Auftrag der bayerischen Regierung durch den Spessart reiste, weil dort eine Epidemie wütete, konnte er dagegen nur schwer unterscheiden, ob ein Hautausschlag von einer inneren Krankheit herrührte oder von Flohstichen. „Wenn man das Deckbett aufhob, so sprangen die Flöhe so dicht umher, dass man im ersten Augenblick nur die Wahrnehmung des Flimmerns vor Augen hatte.“

„Nach 1880“, berichtet Vasold, wurde in Deutschland eine „organisierte Jagd auf die Tierchen“ eröffnet: „Persönliche Hygiene wurde jetzt großgeschrieben. Die chemische Industrie begann Pestizide und Insektizide herzustellen; die deutschen Städte richteten öffentliche Desinfektionsanstalten ein, und größere Betriebe besaßen bald Waschplätze für ihre Mitarbeiter.“ Dass wir inzwischen auch die Schattenseiten dieser chemischen Offensive gegen die Plagegeister schärfer zu sehen gelernt haben – nun ja. Begünstigt wurde der Erfolg durch einen enormen Aufschwung der Baumwollproduktion seit Mitte des Jahrhunderts. Und der wiederum wurde durch das wachsende Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit für Gesundheitsmaßnahmen gefördert. Da wirkte zum Beispiel die Erfahrung mit der verheerenden Choleraepidemie 1830/31.

Wilhelm Busch: Der Floh oder Die gestörte
und wiedergefundene Nachtruhe, 1865
Bild: Projekt Gutenberg


Womit wir wieder bei den Unterhosen wären. Der Gedanke, dass es Zusammenhänge zwischen Seuchen und mangelnder Hygiene, auch was die Wäsche angeht, geben könnte, taucht bereits im 16. Jahrhundert auf: Bei einer Pestepidemie in Venedig verbot die Stadt den Kleidertrödel. Aber Wäsche war teuer. Wie aus den Erinnerungen des Quartiermeisters Albrecht von Stosch hervorgeht, sperrte sich Preußenkönig Wilhelm I. noch in den 1860er Jahren höchstpersönlich dagegen, jedem Soldaten Unterhosen zur Verfügung zu stellen. 1866 gab der König nach. Kurz nach dem triumphalen Sieg von Königgrätz über Österreich hatte sich Preußen zum Waffenstillstand von Nikolsburg bereitgefunden. Dazu trug nicht nur, wie wir in unseren Geschichtsbüchern lesen, die Vernunft von Ministerpräsident Otto von Bismarck bei, sondern auch ein neuer Cholerausbruch.

Allgemeingut war die Unterwäsche damit noch lange nicht, schon aus Kostengründen. Vasold hat berechnet, dass eine Fabrikarbeiterin damals eine halbe Woche lang arbeiten musste, um eine einzige Unterhose zu bezahlen. In anderen Fällen war oder ist es wohl auch eine Frage von Mode und Tradition. Mitteleuropäer rätseln gern, was die Schotten unter ihrem Kilt tragen. Unterhosen, jedenfalls in der Regel, will Vasold von „kenntnisreichen Schottinnen“ in Erfahrung gebracht haben. 2012 allerdings ging eine Photographie von Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, durch die Weltpresse, wie er im Schottenrock dasaß. Er trug drunter – nichts.


Neu auf dem Büchermarkt:

Manfred Vasold: Hunger, Rauchen, Ungeziefer. Eine Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2016, 424 S., ISBN 978-515-11190-4, 29,00 €


Mehr im Internet:

Alltag - Wikipedia
Manfred Vasold, Hunger, Rauchen, Ungeziefer
scienzz artikel Alltag

 

 

 

 

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