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15.01.2017 - KULTURGESCHICHTE

"Flower Power" - die Sprache der Blumen

Zwischen Vampirismus und Revolutions- oder Friedenssymbol

von Josef Tutsch

 
 

Darstellung eines menschenfres-
senden Baums, 1878
Bild: Wikipedia

„Grimmig in fürchterlicher Stille auf der öden Heide thront der grausame Upas, der Hydrabaum des Todes“, dichtete 1791 Erasmus Darwin, der Großvater des Begründers der Evolutionslehre, in einem umfangreichen Poem über das Leben der Pflanzen. „Sehet! Aus einer einzigen Wurzel wachsen im von ihm vergifteten Boden tausend pflanzliche Schlangen […] Tausend Zungen, durchdrungen von schrecklichem Gift, schießen rasch vibrierend hervor, ergreifen den stolzen Adler, der sich über die Heide erhebt, oder stürzen sich auf den Löwen, der unter der Krone pirscht, oder verstreuen menschliche Skelette über die geweißte Steppe.“

Man möchte glauben, da wäre die Phantasie mit dem Dichter durchgegangen. Aber Erasmus Darwin, der eigentlich Arzt und Botaniker war, durfte annehmen, dass es einen solchen pflanzlichen Vampir wirklich gab. 1783, berichtet die Kunsthistorikern Alison Syme im neu erschienen Sammelband über „Die Sprachen der Blumen“, war im „London Magazine“ der Artikel eines holländischen Wundarztes namens John Nicols Foersch erschienen, der als unumstößliche Tatsache berichtete, auf Java wachse ein Baum, der so giftig sei, dass er mehrere Meilen Land in seinem Umkreis unfruchtbar mache; jedes Lebewesen, das sich in seine Nähe wage, müsse tot umfallen. Die Idee machte Furore; die Lyrikerin Frances Arabella Rowden, schreibt Syme, gab ihr sogar eine offen sexuelle Note. Bei ihr warnt eine Mutter ihren Sohn, die Pflanze könnte „um deinen Hals ihre Fangarme schlingen, dir den Lebenssaft aus dem Leib saugen und sich an deiner Anmut austoben“.

Realistisch stand hinter solchen Phantasien natürlich die Beobachtung „fleischfressender“ Pflanzen. Dieses Phänomen stellte die scheinbar so selbstverständliche Abgrenzung zwischen Tieren und Pflanzen in Frage. 1791 schloss der Reisende William Bartram an die Beschreibung der  nordamerikanischen Venusfliegenfalle die nachdenkliche Frage an, ob es überhaupt möglich sei, Pflanzen ein „Vermögen und Attribute der Sinne, ähnlich jener, die die Natur der Tiere auszeichnen“, abzusprechen.

Aber gibt es das wirklich, ein Empfinden, dann auch so etwas wie ein „Sprechen“ und „Sich-verhalten“ von Pflanzen, womöglich eine „Pflanzenseele“? Die Frage ist bis heute umstritten. Es hat ein wenig von Provokation an sich, wenn die Forschergruppe „Floriographie“ an der Universität Erfurt in ihr Projekt einer „kulturwissenschaftlichen Blumenforschung“ auch biologische Ansätze aufgenommen hat. Schließlich setzen sich Naturwissenschaftler, die den Pflanzen eine Art Kommunikation zuschreiben, leicht dem Verdacht aus, auf die Seite der Pseudo- oder Parawissenschaft gewechselt zu sein, vermerkt der Bochumer Medienhistoriker Stefan Rieger. Oder in die Welt der Science fiction. Aber Rieger berichtet, dass im amerikanischen Militär ernsthafte Überlegungen angestellt werden, das pflanzliche Reaktionsvermögen zur Entlarvung potentieller Flugzeugentführer und zur Aufdeckung von Hinterhalten im Dschungelkrieg einzusetzen.

Einige Arbeiten aus der Forschergruppe sind jetzt als Sammelband erschienen, und da befasst sich der Großteil der Beiträge eben doch nicht mit dem Sprechen der Pflanzen selbst, sondern mit dem Sprechen von Menschen über Pflanzen oder mittels Pflanzen. Vor allem die Blumen mit ihrer Blütenpracht faszinieren und inspirieren seit jeher. Etwa gleichzeitig mit jenen Phantasien von einem pflanzlichen Vampirismus, berichtet die Berliner Literaturwissenschaftlerin Alexandra Heimes, bemühte sich Goethe darum, anhand der Blütenpflanzen einen Begriff des Individuums zu entwickeln. Heimes: Goethes primäres Interesse galt der Frage, „wie sich Lebendiges als Form“ entwickelt; in der Reflexion über die Pflanzen konzipierte Goethe seine Idee, grundsätzlich jedes Individuum sei „als lebendige Vielheit“ aufzufassen. Bei Pflanzen lässt sich dieser Gedanke – anders als bei Tieren - ja auch empirisch nachvollziehen: Oft kann man sie zerteilen, ohne dass die einzelnen Teile ihr Leben verlieren.

Martin Schongauer: Madonna
im Rosenhag, 1473 (Dominika-
nerkirche, Colmar)
Bild: Wikipedia


Die Bildungsgesetze der Pflanzen dienten Goethe als Paradigma für seine Naturphilosophie insgesamt, ähnlich hatte Immanuel Kant sie 1790 in seiner „Kritik der Urteilskraft“ zur Grundlage der ästhetischen Theorie genommen. Sicherlich waren Goethe seine Reflexionen über die Pflanzen auch präsent, wenn er sich ganz privat, als Verliebter, äußerte. Am 23. Mai 1779 in einem Brief an Charlotte von Stein: „Wenn ich nur was anders hätte, Ihnen zu schicken, als Blumen ...“ Die „schönen Worte und Hieroglyphen der Natur“, schrieb er einen Tag später, möchten doch übermitteln, was der menschlichen Sprache versagt sei. Ihm selbst gebreche es an Worten, „zu sagen, wie lieb ich Sie habe“.

Kommunikation mittels Blumen … Wahrscheinlich gab es sie bereits im alten Ägypten und im alten China. Heutzutage können Verliebte, die in dieser „Sprache“ nicht ganz firm sind, die „Vokabeln“ im Internet nachschlagen. Vergissmeinnicht bedeuten „vergiss mich nicht“, Rosen besagen heftige Liebe, Dahlien dagegen: Ich bin schon vergeben. Usw. usf. Im England des viktorianischen Zeitalters war das „Reden durch die Blume“ ein beliebtes Gesellschaftsspiel. Der Literaturwissenschaftler Gerhard F. Strasser von der Pennsylvania State University hat in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel ein französisches Manuskript aus dem 17. Jahrhundert gefunden, das von der Blumensprache im Harem des türkischen Sultans erzählt. Angeblich hätten Verliebte mittels solcher Sträuße verbotene Signale ausgetauscht, ohne dass dabei Gefahr für Leib und Leben bestand. Inwieweit eine solche Geheimsprache „durch die Blume“ wirklich praktiziert wurde, ist jedoch gar nicht so klar. Der österreichische Diplomat Joseph von Hammer-Purgstall gab bereits vor 200 Jahren zu bedenken, diese Methode der Kommunikation würde voraussetzen, dass der „Code“ in diesem Kulturkreis allbekannt sei – und damit hätten die Liebenden eben doch ihren Kopf riskiert.

Auf halbwegs gesichertem Boden befinden wir uns in der Rhetorik, in der Kunst der Rede. „Zierendes, schmückendes Beiwerk wird gerne mit den Blumen verglichen“, erläutert das Grimmsche „Deutsche Wörterbuch, „daher ‚verblümen‘, etwas aufputzen, durch Zierrat verbessern.“ Aristoteles nannte als Beispiel eine Stelle in Homers „Odysee“, wo das Alter mit der Stoppel verglichen wurde, denn „beides hat ja die Zeit der Blüte hinter sich“; Cicero sprach von den „Blumen der Wörter und Sätze“, die der Rede – mit einer anderen Metapher - „Glanzlichter“ aufstecken dürften.

Mit solchen Glanzlichtern spielen Brauchtum, Dichtung und Malerei seit Jahrhunderten. Zum Beispiel die Lilie - die Erfurter Literaturwissenschaftlerin Bettine Menke verweist auf Sigmund Freud, der sie in seiner „Traumdeutung“ als Keuschheitssymbol analysierte. Ganz ohne psychoanalytische Schulung genügt, um solche Zusammenhänge zu sehen, bereits ein Blick in die Etymologie: Das Wort „Defloration“ heißt, genau genommen, „Entblümung“, von „flos“ wie Blume oder Blüte. Womit wir wieder bei Goethe wären, seinem Gedicht vom „Heideröslein“, 1789: „Und der wilde Knabe brach’s Röslein auf der Heiden; Röslein wehrte sich und stach, half ihm doch kein Weh und Ach, musst’ es eben leiden.“ Die für heutige Leser so naheliegende Frage, inwieweit bei diesem „Brechen“ einer Blume Gewalt gemeint oder mit gemeint ist, hat Goethe offen gehalten.

Auf die Rolle, die Blumen in der christlichen Frömmigkeit spielen, vor allem in der Marienverehrung, geht der Historiker David Sittler von der Universität Siegen nur am Rande ein: „Die Rose steht für das Gottnahe und damit für das ethisch-moralisch höchste Gut, im Sinne des Schönsten, das im als Garten vorgestellten Paradies zu finden ist.“ Aber Sittler verfolgt die Fortsetzung in der Revolutionsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Karl Marx bezog sich 1844 in den „Deutsch-französischen Jahrbüchern“ ausdrücklich auf die religiöse Blumenmetaphorik: „Die Kritik [der Religion] hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche.“

Erinnerung an die Nelkenrevolution, in
Coruche, Portugal
Bild: Júlio Reis/Tintazu/Wikipedis


1912 entstand bei einem Streik der Textilarbeiterinnen in Lawrence, Massachusetts, das Lied von „Bread and Roses“, Brot und Rosen; es wurde zu einer Hymne der Gewerkschafts- und der Frauenbewegung. Doch es müssen nicht unbedingt Rosen sein; seit dem 19. Jahrhundert sind auch rote Nelken als politisches Symbol gebräuchlich. Am 25. April 1974, so wird jedenfalls erzählt, schickte der Inhaber eines kleinen Einzelhandelsgeschäfts in Lissabon seine Angestellte früh am Morgen wieder nach Hause. Er hatte gehört, dass gerade eine Revolution stattfand, und wusste nicht, wie gefährlich es werden könnte. Die Blumen, die sie  zuvor anlässlich eines bevorstehenden Geschäftsjubiläums gekauft hatte, sollte sie mitnehmen. Auf dem Heimweg kam Celeste Caeiro an Panzern vorbei und verteilte ihre Nelken an die Soldaten, die sie in den Lauf ihrer Gewehre steckten. Die portugiesische „Nelkenrevolution“ hatte ihren Namen.

Inzwischen sind „Blumenrevolutionen“ in aller Munde, jüngstes Beispiel: die „Jasminrevolution“ in Tunesien, 2010. Bloß Merchandising, allenfalls folkloristisches Beiwerk? Sittler unterstellt, dass Blumen „als mediale Instrumente“ in revolutionären Situationen durchaus „symbolische Kraft und emotionale Wirkung“ entfalten können. Dafür spricht, dass Blumen vor allem bei Trauerkundgebungen für „Helden“ oder „Märtyrer“ gern genutzt werden, dabei verstärken sie wohl auch den Eindruck politischer Harmlosigkeit. Der Brauch,  Soldaten Blumen in den Gewehrlauf zu stecken, kam zuerst in den späten 1960er Jahren in den USA auf, die Parole „Flower Power“ war allgegenwärtig. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten, vermerkt Sittler, wurde diese „Medienpraktik“ weltweit immer wieder nachgeahmt.

Es geht auch weniger revolutionär. 1936, ist bereits in der Einleitung des Sammelbandes zu lesen, zeigte das Museum of Modern Art in New York eine Blumenausstellung. Echte, lebende Blumen, wohlgemerkt, nicht Gemälde oder Photographien. Thema waren Varietäten von Delphinium oder Rittersporn, die der Photograph Edward Steichen in den Jahren zuvor gezüchtet hatte. Die Presseerklärung des MoMA lässt erkennen, dass diese Ausstellung sehr politisch gemeint war. Im Text wurde ausdrücklich betont, in diesen neuen Varietäten seien Eigenschaften von Ritterspornarten „aus vielen Teilen der Welt“ verschmolzen. Der hybride Rittersporn wurde zur Inkarnation des amerikanischen „melting pot“ stilisiert. 


Neu auf dem Büchermarkt:
Floriographie. Die Sprachen der Blumen, von Isabel Kranz, Alexander Schwan und Eike Wittrock, Wilhelm Fink, Paderborn 2016, 416 S., ISBN 978-3-7705-5994-7,  49,90 €,  60,90 CHF


Mehr im Internet:
Floriographie. Die Sprachen der Blume, Wilhelm Fink
Blumensprache - Wikipedia
scienzz artikel Tiere und Pflanzen

 

 

 

 

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