Berlin, den 01.05.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

25.01.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

"Sitz still, mein Sohn - du musst deine Lektion lernen!"

Alter und Weisheit in der deutschen Literatur seit dem 19. Jahrhundert

von Josef Tutsch

 
 

Adalbert Stifter - Bild: Wikipedia

2013 war von den Einwohnern der Bundesrepublik Deutschland etwa ein Fünftel über 65 Jahre alt; 2060, schätzte vor zwei Jahren das Statistische Bundesamt, wird es ein Drittel sein. Nun weiß niemand, ob und inwieweit sich diese Zahl durch Zuwanderung vielleicht noch verändert. Aber die kulturellen Folgen dieser Entwicklung sind längst unübersehbar. Noch nie zuvor, stellt die Germanistin Marie Gunreben von der Universität Bamberg in ihrem Buch „Das Alter und die Weisheit“ fest, „haben Altern und Alter für das Selbstverständnis und die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft – das gilt für die deutsche ebenso wie für die anderen westlich-kapitalistischen Nationen – eine so große Rolle gespielt wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts.“

Dahinter steht natürlich die enorme Zunahme der Lebenserwartung seit dem 19. Jahrhundert, gekoppelt mit einer Abnahme der Geburtenrate. Aber auch unser Bild vom Alter, also von der Bedeutung alter Menschen für die Gesellschaft, von der „Altersweisheit“, wie  man früher sagte, hat sich geändert, und zwar bereits seit dem späten 18. Jahrhundert. Gunreben: „Das Alter erschien immer weniger als eine Instanz, die nützliche und lebenspraktische Kompetenzen zu vermitteln hätte.“ Erfahrung in einem begrenzten Lebenskreis zählte nicht mehr, seit die technischen Neuerungen immer schneller wurden. In der Gegenwart scheint ein – vorläufiger – Höhepunkt erreicht: „Nicht mehr die Alten erklären den Jungen, wie die Welt funktioniert, sondern die Jungen müssen den Alten erklären, wie sie die jeweils neuesten Apparate zu bedienen haben.“

Andererseits wird da in der Öffentlichkeit offenbar ein Vakuum empfunden. Sonst wäre kaum zu erklären, dass „altersweise“ Menschen nach Art von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt in den Massenmedien so beliebte Gesprächspartner sind. Gunreben hat den Wandel der Bilder von Alter und Weisheit in der deutschen Literatur seit Mitte des 19. Jahrhunderts untersucht. Zehn Einzelinterpretationen, von Adalbert Stifters „Mappe meines Urgroßvaters“, deren erste Fassung 1841/42 in einer Wiener Zeitschrift erschien, bis zu Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“, 2011.

Ob und inwieweit die besprochenen Werke repräsentativ für ihre Zeit stehen können, inwieweit in ihrer Folge so etwas wie eine Entwicklung sichtbar wird, ist freilich die Frage. Gunreben will eben bloß Bausteine liefern zu einer zukünftigen Ideengeschichte von Alter und Weisheit im Spiegel der Dichtung. Etwas überraschend wirkt, dass die Studie erst in den 1840er Jahren einsetzt – wo die Autorin doch bereits in der Einleitung feststellt, dass das Alter, soziologisch und ökonomisch betrachtet, bereits Ende des 18. Jahrhunderts drastisch an Autorität verlor, nämlich mit den Anfängen von Industrialisierung und Revolution. Der Vorgang spiegelt sich im Aufschwung der Ratgeberliteratur damals – die Epoche hatte Bedarf nach Orientierung.

Gunreben begründet ihr Vorgehen mit einer „Verzögerung“ der Ideengeschichte gegenüber der faktischen Entwicklung. Für das frühe 19. Jahrhundert konstatiert sie eine Art Kompensation: Die schwindende „Nützlichkeit“ des Alters sei quasi ausgeglichen worden, indem man ihm eine höhere Kulturstufe attestierte. Es könnte reizvoll sein, diese Aussage etwa an der Dichtung des späten Goethe oder an der Philosophie Hegels zu überprüfen. In Hegels Theorie der Geschichte wird der Weg des einzelnen Menschen zur Altersweisheit mit der Welthistorie in Parallele gesetzt, wie der Philosoph sie interpretierte, mit dem Prozess der Bewusstwerdung und Selbstbewusstwerdung des Geistes.

Arthur Schnitzler, Fotografie von Ferdinand
Schmutzer - Bild: Wikipedia


Das früheste der besprochenen Werke, eben Stifters „Mappe meines Urgroßvaters“, würde also die ideenhistorische Situation nach dem Ende des deutschen Idealismus repräsentieren: Der Erzähler sieht sich mit der ausgeglichenen Lebenshaltung konfrontiert, zu der sein Urgroßvater nach leidvollen Erlebnissen durchgedrungen ist. Dass Stifter nicht weniger als vier Fassungen in Angriff nahm, lässt erkennen, wie schwer er sich mit dem Thema tat: der Gefahr, dass der Mensch durch die technischen Errungenschaften überfordert werden könnte. Auf heutige Leser wirkt das Ideal eines ursprünglichen und „natürlichen“ Daseins, der Zähmung aller Triebe und Leidenschaften durch die Vernunft, das im Text verkündet wird, vermutlich noch anachronistischer als auf Stifters Zeitgenossen. Aber man sollte nicht übersehen, betont Gunreben, wie sehr der Verfasser dieses Ideal durch die indirekte Erzähltechnik, die Verschachtelung mehrerer Ebenen, in die Distanz gerückt hat. In der letzten Fassung, die Stifter bei seinem Tod 1868 unvollendet hinterließ, sieht die Forscherin den Erosionsprozess der „alten Weisheit“ an sein Ende gekommen. Das Bild der alten, geordneten Welt wirkt wie erstarrt, es lässt sich nicht mehr leben.

Ähnlich von Resignation geprägt ist „Altershausen“, das Romanfragment, das Wilhelm Raabe 1902 unvollendet bei Seite legte; der Text endet mit einer Reihe von Gedankenstrichen. Den Hintergrund bildet die Philosophie Arthur Schopenhauers: Der alte Mensch, heißt es in dessen „Aphorismen zur Lebensweisheit“, „weiß, dass alle Nüsse hohl sind, wie sehr sie auch vergoldet sein mögen“. Im Roman wird die Metapher von der Nuss aufgegriffen, der „Held“, dem Raabe den sprechenden Namen „Feyerabend“ gegeben hat,  träumt, er sei der alte Nussknacker vom Weihnachtsabend des vergangenen Jahres und nun, weil er seinen Dienst nicht mehr erfüllen konnte, von einem neuen ersetzt worden. „Wenn auch die Welt, wie sie war, nicht unterging: Viel anders wurde sie auch nicht durch den neuen Ersatzmann.“ „Es wurde weitergeknackt“ - in der eitlen Hoffnung, doch noch etwas zu finden.

Die Alten bei Stifter und bei Raabe sind, wie Gunreben es ausdrückt, „Repräsentanten einer idealisierten Traumwelt“. Idealisiert – doch bloß ein Traum. In zwei Texten aus der Zeit um 1900 ist der Prozess der Desillusionierung noch um einiges weiter vorangeschritten. Sowohl Arthur Schnitzler in „Casanovas Heimfahrt“ als auch Richard Beer-Hoffmanns „Der Tod Georgs“ beschreiben das Alter, so Gunreben, „als lebenshinderliche Bedrohung für die Jugend“. Keine Rede mehr davon, dass das Nachlassen von körperlicher Kraft und Schönheit durch Altersweisheit ausgeglichen werden könnte, im Gegenteil. Vor allem in „Casanovas Heimkehr“ tritt zur schonungslosen Selbstbeschau des alternden Körpers die moralische Diskreditierung des „Helden“, dem jede Altersweisheit abgeht.

In der deutschsprachigen Exilliteratur der 1930er und 1940er Jahre, eine Generation später, meint Gunreben, eine neue Hochschätzung des Alters feststellen zu dürfen und nennt als Beispiele das Romanfragment „Alter Mann“ von Franz Hessel sowie „Der Atem“, den letzten Roman von Heinrich Mann. Beide Werke entstanden unter dem Eindruck des Nationalsozialismus mit seinem ostentativen Jugendkult – die Demokratie von Weimar wurde gern als „Republik der Greise“ diffamiert.

Wiederum drei Jahrzehnte später erhob die 68er Bewegung den Generalverdacht „Trau keinem über dreißig!“ zum Programm. Eine Wellenbewegung, wechselnd von Generation zu Generation? In der sogenannten „Väterliteratur“ der 1970er und 1980er Jahre wurden die Älteren auf ihre mögliche Schuld an Drittem Reich und Zweitem Weltkrieg hin befragt. In Texten wie „Der Mann auf der Kanzel“ von Ruth Rebmann oder „Suchbild“ von Christoph Meckel wurde der alte Topos von der Altersweisheit konsequent destruiert. Ganz neu ist das freilich nicht. Gunreben verweist auf Parallelen nicht nur im Expressionismus, sondern auch in der Sturm-und-Drang-Literatur um 1770 oder 1780, also in den Anfängen jener Entwicklung, die den Konnex von Alter und Weisheit so fragwürdig hat werden lassen.

Arno Geiger - Bild: Amrei-Marie/Wikipedia


Und heute? In Gesellschaft und Wirtschaft ist das Schlagwort vom „aktiven Alter“ allgegenwärtig, gemeint ist: die Produktivität von „jungen Alten“, etwa zwischen 60 und 80, die oft noch bei guter Gesundheit sind. In der Literatur könnte die Hauptfigur von John von Düffels Roman „Houwelandt“, 2004, einen solchen „jungen Alten“ abgeben. Allerdings verweigert dieser „Held“ sich den Ansprüchen, die von außen an ihn gestellt werden, seine „Altersweisheit“, schreibt Gunreben, mutet „ambivalent, bisweilen fragwürdig und geradezu zerstörerisch an“.

Vollends wendet sich Arno Geigers Text „Der alte König in seinem Exil“, 2011, von der traditionellen Behandlung des Themas „Alter und Weisheit“ ab. Gegenstand ist die Alzheimer-Demenz, Geiger bietet den Fall eines pflegebedürftigen „alten Alten“, wie er in der gesellschaftlichen Realität nur allzu gern verdrängt wird. Die Perspektive des Demenzkranken selbst ist gar nicht erzählbar, der Leser ist darauf angewiesen, dass er der Perspektive des Sohns Glauben schenkt – oder auch nicht. Bereits die Väterliteratur im Gefolge der 68er Bewegung, schreibt Gunreben, hatte erklärt, dass den Erzählungen der Alten unter moralischen, normativen Gesichtspunkten nicht zu trauen sei. Bei Geiger ist der Vater aufgrund seiner Krankheit von vornherein gar nicht mehr in der Lage, sich zu erinnern und zu erzählen.

In der Perspektive des Sohns freilich blitzt gelegentlich der Gedanke auf, in der Krankheit des Vaters könnte, nach dem uralten Topos vom weisen Narren, eine höhere Autorität verborgen sein. Gesichert scheint diese Sicht der Dinge keineswegs. Die Schwester des Erzählers erklärt einmal, für sie sei der Umgang mit dem Vater ein „Horror“, den sie so gut wie möglich verdrängen wolle. Aber vielleicht wirkt die Autorität des demenzkranken Vaters in der Imagination seines Sohnes, der den Text niederschreibt, ja noch übermächtiger als jene des vormals gesunden: „Der Vater überwachte mein Schreiben“, heißt es an einer Stelle, „als wolle er sagen: Sitz still, mein Sohn – du musst deine Lektion lernen!“


Neu auf dem Büchermarkt:

Marie Gunreben: Das Alter und die Weisheit. Literarische Entwürfe vom Realismus bis zur Gegenwart, Königshausen & Neumann, Würzburg 2016, 494 S., ISBN 978-3-8260-6017-5, 49,80 €


Mehr im Internet:
Marie Gunreben: Das Alter und die Weisheit, Königshausen & Neumann
Alter - Wikipedia
scienzz artikel Literatur und Gesellschaft

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet