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kultur

14.02.2017 - MUSIK

"Ein entschiedener Schlager"

von Josef Tutsch

 
 

Österreichische Münze zum hun-
dertjährigen Jubiläum, 1967
Bild. Perseus1984/Wikipedia

„Wiener, seid froh“, sangen die Bassisten des Wiener Männer-Gesangvereins am Abend des 15. Februar 1867 im Saal des Dianabades in der Leopoldstadt. Die Reaktion der Tenöre gab sicherlich treffend wieder, was viele Musikfreunde in der kaiserlichen Residenzstadt an der Donau angesichts dieser Aufforderung empfanden: „Oho, wieso?“
Ja, wieso eigentlich? Im Jahr zuvor hatte das Kaisertum Österreich einen beispiellosen politischen Absturz erlebt. Nach der militärischen Niederlage im „Deutschen Krieg“ gegen Preußen musste die Habsburgermonarchie die Schmach akzeptieren, dass sie in der deutschen Politik fortan keine Rolle mehr spielte – über beinahe vier Jahrhunderte hatten die Habsburger fast ohne Unterbrechung die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gestellt. Venetien musste an das Königreich Italien abgetreten werden, als Preis dafür, dass Frankreich sich im Konflikt mit Preußen neutral verhalten hatte. Ein halbes Jahrhundert nach dem Wiener Kongress war Metternichs politisches Konzept, Österreich die Kontrolle sowohl über Deutschland als auch über Italien zu sichern, endgültig gescheitert.

Als am 15. Februar 1867, vor 150 Jahren, der Walzer „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauss (Sohn) erstmals erklang, waren die Verhandlungen mit den Repräsentanten des Königreichs Ungarn, um den österreichischen Gesamtstaat auf eine neue Grundlage zu stellen, bereits weit fortgeschritten. Zwei Tage später, am 17. Februar, ernannte Kaiser Franz Joseph den Grafen Gyula Andrássy zum ungarischen Ministerpräsidenten, am 8. Juni wurde der Kaiser gemeinsam mit seiner Gattin Elisabeth („Sissi“) in Budapest zum Apostolischen König von Ungarn gekrönt. Die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn entstand, wie sie bis heute die nostalgischen Phantasien von der „guten, alten Zeit“ beherrscht.

Bloß ein Aufschub des Untergangs, wie wir heute wissen, für gerade mal ein halbes Jahrhundert; im Ersten Weltkrieg zerbrach die Donaumonarchie an den Konflikten zwischen ihren vielen Nationalitäten. Davon konnte der Hausdichter des Männergesang-Vereins, der Polizeikommissar Josef Weyl, noch nichts wissen, als er für Strauss‘ Walzer den Text schrieb. Mit Anspielungen auf die „große Politik“ blieb Weyl recht vage. „Drum trotzet der Zeit“, ließ er die Bässe singen; auf den kläglichen Einwurf der Tenöre „O Gott, die Zeit!“ folgte die Ergänzung „… der Trübseligkeit“. Die Erklärung für den „Schimmer des Lichts“ fiel ganz unpolitisch aus: „Ei, Fasching ist da!“ „Was nutzt das Bedauern, das Trauern, drum froh und lustig seid!“

Auch der Titel, den die Komposition erhielt, unterstrich den unpolitischen Charakter der Komposition. Strauss könnte sich an ein Gedicht des Schriftstellers Karl Isidor Beck erinnert haben, der bei der „schönen blauen Donau“ freilich nicht an Wien, sondern an seinen Geburtsort Baja im südlichen Ungarn gedacht hatte. Das Stück sei „ein entschiedener Schlager“ gewesen, meldete das „Neue Fremdenblatt“ zwei Tage nach dem Abend – wahrscheinlich der erste Beleg für den Begriff „Schlager“ im Sinn eines großen musikalischen Erfolgs.

Doch zunächst blieb die Komposition ein Strauss-Walzer unter zahllosen anderen. Seit 1863 trug Strauss den Titel eines „Hofball-Musikdirektors“. Seine Aufgabe war es, die kaiserlichen Hofbälle zu leiten. „An der schönen blauen Donau“ erhielt die Opuszahl 314; seit seinen Anfängen 1844 muss Strauss alle drei oder vier Wochen einen neuen Walzer, eine neue Polka, eine neue Quadrille oder einen neuen Marsch komponiert haben. Ein Leben am Rand der Erschöpfung. International bekannt wurde Strauss im Sommer 1867 durch seinen Auftritt bei der Pariser Weltausstellung. Unter anderem stellte er dort die „schöne blaue Donau“ vor, die Paris in Entzücken versetzte und bald als „Walzer der Walzer“ gepriesen wurde.

"An der schönen blauen Donau",
Ausgabe Leipzig, um 1900
Bild: Wikipedia


Jacques Offenbach, der musikalische König im Kaiserreich Napoleons III., begleitete den Erfolg seines jüngeren Kollegen mit generösem Beifall. Die beiden Komponisten hatten einander 1863 kennengelernt. Ein Wiener Journalistenverein hatte sowohl Offenbach als auch Strauss um einen Walzer für seinen Faschingsball gebeten. „Sie sollten Operetten schreiben“, soll Offenbach, der von der geplanten Konkurrenz vorher anscheinend so wenig wusste wie Strauß, nachher gesagt haben, „Sie haben das Zeug dazu!“ Strauss nahm sich diese Worte zu Herzen. Nachdem er 1871 aus dem Hofdienst ausgeschieden war, schrieb er bis zu seinem Tod 1897 nicht weniger als 15 Operetten. „Die Fledermaus“ und „Der Zigeunerbaron“ gehören bis heute zum Standardrepertoire der Opernhäuser.

Doch den Grundstein zu seinem Weltruhm als „Walzerkönig“ hatte der Walzer „An der schönen blauen Donau“ gelegt. Er ist bis heute eines der bekanntesten Stücke der gesamten klassischen Musik. In Österreich-Ungarn wurde er bald zu einer inoffiziellen Nationalhymne, manchmal mit einem neuen Text gesungen, den 1889 der Musikschriftsteller Franz von Gernerth lieferte: „Donau, so blau, durch Tal und Au wogst ruhig du hin ...“ Das hinderte nicht daran, dass er bei den Gegner Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg ebenso gern getanzt wurde. Zu tragischer Berühmtheit gelangte der Umstand, dass das Bordorchester des englischen Luxusdampfers „Lusitania“ diesen Walzer spielte, als das Schiff am 7. Mai 1915 vor der irischen Küste von einem deutschen U-Boot versenkt wurde.

Als Ende April 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, die wiedergewonnene Freiheit  Österreichs gefeiert wurde, kam als Musik nur dieser Walzer in Frage. Heutzutage erklingt er im österreichischen Rundfunk und Fernsehen bei jedem Jahreswechsel gleich zweimal: unmittelbar nach Mitternacht, gleich nach dem Geläut der „Pummerin“, der großen Glocke vom Wiener Stephansdom, und dann beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Im Programm angekündigt wird er übrigens nicht, aber jeder weiß, dass er gespielt wird, als selbstverständliche Zugabe, vor dem Radetzkymarsch von Johann Strauß (Vater). Ebenso unvermeidlich ist die „schöne blaue Donau“ am Donnerstag vor Aschermittwoch der Höhepunkt, wenn die High society der Welt sich in Wien zum Opernball einfindet.

Ein Stück von hohem „Wiedererkennungswert“, wie man so sagt. Die aktuelle Ausgabe des „Bielefelder Katalogs“ verzeichnet nicht weniger als 268 Aufnahmen, die zur Zeit auf dem Musikmarkt erhältlich sind – Aufnahmen nach jedem Geschmack, von Leonard Bernstein bis André Rieu. Trifft auf dieses erste Stück der Musikgeschichte, das als „Schlager“ bezeichnet wurde, die giftige Kritik des Philosophen Theodor W. Adorno an der modernen Kulturindustrie zu? Schlager, schrieb Adorno, „beliefern die zwischen Betrieb und Reproduktion der Arbeitskraft Eingespannten mit Ersatz für Gefühle überhaupt, von denen ihr zeitgemäß revidiertes Ich-Ideal sagt, sie müssten sie haben“. Vielleicht sah der Romancier Émile Zola ja realistischer, als er über den Komponisten des Walzers „An der schönen blauen Donau“ schrieb: „Wir Schriftsteller zeigen der Welt, wie elend sie ist. Strauss zeigt uns, wie schön sie sein kann.“


Mehr im Internet:
An der schönen blauen Donau - Wikipedia
scienzz artikel Musigeschichte

 

 

 

 

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