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23.02.2017 - BRAUCHTUM

"Spuren alten Heidentums"?

von Josef Tutsch

 
 

Sir James George Frazer
Bild: Wikipedia

Jedes Jahr am 17. Dezember stand das alte Rom Kopf. Die Herren verkleideten sich als Sklaven, die Sklaven als Herren. Niemand tat noch etwas Ernsthaftes, der ganze Tag wurde mit Würfelspiel und Trinkgelage verbracht. Und wenn der Alkohol genügend Wirkung gezeigt hatte, waren die vornehmen Herrschaften auch bereit, vor ihrem Gesinde nackt zu singen oder sich, mit Ruß bestrichen, in einen kalten Brunnen tauchen zu lassen.

So jedenfalls schilderte im 3. Jahrhundert n. Chr. der Schriftsteller Lukian die „Saturnalien“. Das Fest, das ursprünglich nur einen Tag dauerte, war damals bereits auf drei Tage ausgedehnt. Die Ähnlichkeiten mit dem, was heutzutage in vielen Regionen jedes Jahr vor Aschermittwoch abläuft, sind nicht zu übersehen. Kein Wunder, dass der eine oder andere humanistische Gelehrte im 16. Jahrhundert auf die Idee verfiel, in diesen „heidnischen“ Gebräuchen müsse der Ursprung des Karnevals liegen. Bereits 1509 meinte der Philosoph und Theologe Erasmus von Rotterdam, nachdem er in Siena den Karneval gesehen hatte, darin seien „Spuren alten Heidentums“ erhalten. Er kannte seinen Lukian. Drei Jahre zuvor hatte er gemeinsam mit Thomas More die Werke des antiken Schriftstellers neu herausgebracht.

Lukian war nicht der einzige Zeuge. Im 5. Jahrhundert hatte der Philosoph Macrobius geschrieben, der Name „Saturnalien“ solle an den Gott Saturn erinnern, der einst von Jupiter entthront worden war. In dieser Perspektive konnte es als Wiederkehr des verlorenen Goldenen Zeitalters gelten, wenn den Sklaven ausnahmsweise erlaubt wurde, über die Stränge zu schlagen. Die Theologen der frühen Neuzeit werden dabei spontan an das Paradies gedacht haben, die Zeit vor dem Sündenfall, der über die Menschen den Fluch gebracht hatte, sein Leben fortan durch Arbeit fristen zu müssen.

Ähnlichkeiten – aber besagen sie wirklich eine Kontinuität? Das Internet ist heute voll von Mutmaßungen über einen heidnischen, vorchristlichen, sei es nun römischen, germanischen oder keltischen Ursprung des Karnevals. Im Dritten Reich war das vermeintlich germanische Erbe geradezu Teil der Staatsdoktrin. Aber der Gedanke geht bis auf das späte Mittelalter zurück. Und zweifellos ist es ja richtig, karnevalsähnliche Festivitäten hat es seit Urzeiten immer wieder gegeben, zu verschiedensten Orten und Zeiten, zum Beispiel im Mesopotamien des 3. Jahrtausends v. Chr. „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen“, heißt es in einer babylonischen Inschrift. „Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt, der Sklave steht an der Seite seines Herrn.“

Doch ausgerechnet für das frühe Mittelalter, also jene Zeit, in der sich doch der Übergang von den alten Römern oder alten Germanen zu unserem Karneval zeigen müsste, klafft in unserer historischen Kenntnis ein großes Loch. Zumindest für einen Karneval zu dem uns gewohnten Termin, also vor Aschermittwoch, finden sich Belege erst in der Zeit um 1200. Im Jahr 1206 beschrieb Wolfram von Eschenbach in seinem „Parzival“ die Spiele und Tänze, die am Donnerstag vor Aschermittwoch rund um die Burg der Grafen von Hirschberg-Dollnstein von den Frauen der Umgebung abgehalten wurden. Der kleine Ort im Altmühltal rühmt sich gern, Ursprung des Karnevals und der Weiberfastnacht zu sein.

"Saturnalia", Skulpturengruppe von Ernesto
Biondi im Botanischen Garten, Buenos Aires,
1909 - Bild: JanManu/Wikipedia


Durchaus möglich, dass dahinter alte, längst volkstümliche Frühlingsbräuche standen. Doch der Termin vor Aschermittwoch und das Wort „Fastnacht“ in Wolframs Text deuten auf einen Ursprung im kirchlichen Festkalender hin: „Fastnacht“ - die Nacht oder der Abend oder im weiteren Sinn die Tage vor Beginn der Fastenzeit. Gerade in dieser Zeit um 1200 intensivierte die Kirche ihre Bemühungen, die Gläubigen durch den regelmäßigen Empfang der Sakramente stärker an sich zu binden. Den Höhepunkt brachten die Beschlüsse des IV. Laterankonzils 1215. Alle Gläubigen wurden verpflichtet, wenigstens einmal im Jahr ihre Sünden zu beichten; das Wunder der Transsubstantiation, also der wesensmäßigen Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi im Abendmahl, wurde dogmatisch festgeschrieben.

Wenigstens einmal im Jahr, am liebsten zu Ostern, nach sieben Wochen der Vorbereitung durch das Fasten, als äußeren Ausdruck der Bußfertigkeit. Drei Jahrhunderte später lehrte Martin Luther, das ganze Leben der Christen müsse Buße sein. Da war die mittelalterliche Kirche mit ihren Ansprüchen bescheidener. Sie erlaubte den Gläubigen, vor der Fastenzeit – man muss es wohl so drastisch ausdrücken – noch einmal gründlich „die Sau rauszulassen“. „Damit wir von nun an keusch und nüchtern leben sollen im Kampf um die Seele, um an Ostern den Leib des Herrn in Empfang zu nehmen“, heißt es in einer Predigt aus dem 13. Jahrhundert.

Natürlich wollte die Kirche in der Fastenzeit nicht nur das üppige Essen und Trinken, sondern auch die menschliche Sexualität zurückdrängen – um den Preis, dass in den Tagen zuvor so manche Sünde des Fleisches als eher lässlich durchgehen konnte. Eine Lizenz zum Sündigen, wenn man so will. Der Münchner Brauchtumsforscher hat aufgedeckt, dass die Schrift des Kirchenvaters Augustinus über den Dualismus von „Gottesstaat“ und „Teufelsstaat“ dabei die theoretische Orientierung gab: Der Karneval war nicht mehr und nicht weniger als eine Stippvisite beim Teufel, in der Welt der Sünde; heute würden wir von einer Ventilfunktion sprechen. Die Kirche, argumentierte im 15. Jahrhundert der Franziskanermönch Geiler von Kaysersberg, „erlaubt eine ehrliche Wolllustbarkeit, damit ihre geistlichen Kinder desto williger seien, das heilige Fasten zu halten.“

Im Rückblick erscheinen das hohe und das späte Mittelalter als ein einziger zäher Kampf um die Frage, wieweit diese „Visite“ gehen durfte. Sie durfte nur vorübergehend sein, das war klar, am Aschermittwoch war „alles vorbei“. Aber bereits lange vor Luther sahen viele Theologen in den Ausschweifungen grundsätzlich ein Ärgernis. Besonders heikel wurde es, wenn die eigentlich theologischen Belange in Frage standen. Die Schwankliteratur des 15. und 16. Jahrhunderts lässt zwar darauf schließen, dass man unter der Narrenmaske selbst Blasphemien aussprechen durfte – schließlich war es ja ein Narr, der da sprach, und wie heißt es doch in der Bibel: „So spricht der Narr in seinem Herzen: Es ist kein Gott!“ Doch wenn die Kirche die Heilskraft ihrer Sakramente in Frage gestellt sah, ging das zu weit. 1503 erdreisteten sich junge Leute in Augsburg, an einer Ziege die Taufe zu vollziehen der Stadtrat verhängte Strafen.

Kamen in solchen blasphemischen Entgleisungen oder in den erotischen und kulinarischen Eskapaden des Karnevals womöglich unüberwundene Reste des alten Heidentums zum Ausdruck? Nachdem die Reformatoren den religiösen Wert des Fastens in Abrede gestellt hatten, musste der Fastnachtsbrauch erst recht als abergläubisch und sittlich verwerflich erscheinen. Mitte des 16. Jahrhunderts stellte etwa der bayerische Lutheraner Thomas Naogeorgus die gesamte katholische Kirche unter den Verdacht des Heidentums. 1675 legte der englische Theologe Joshua Stepford eine gelehrte Abhandlung mit dem Titel „Pagano-Papismus“ vor, übersetzt: „Das Heidentum der Päpste“. Viele katholische Theologen gaben den protestantischen Kritikern halb und halb sogar Recht. So wollte der Mailänder Erzbischof Karl Borromäus in der Gegenreformation den Karneval im Prinzip zwar verteidigen, ihn jedoch von „heidnischen“ Auswüchsen reinigen.

Der "Kosmiker"-Kreis in Schabing, v.l.n.r.
Wolfskehl, Schuler, Klages, George,
Verwey - Bild: Karl Bauer/Wikipedia


Als die Romantiker um 1800 die karnevalistische Volkskultur, die durch die Aufklärung weitgehend in Vergessenheit geraten war, in ihrem Wert wiederentdeckten, brauchten sie sich also gar nichts Neues einfallen zu lassen: Der Karneval war „heidnischen“ Ursprungs – nur dass man solche Traditionen nun nicht mehr unbedingt negativ wertete. Die historische Wissenschaft der folgenden Generationen gab dem Gedanken sein theoretisches Fundament. 1890 entwickelte der schottische Ethnologe James George Frazer in seinem monumentalen Buch „Der goldene Zweig“ an den Frühlingsbräuchen der Völker ein umfassendes Schema der Kulturgeschichte, von der Magie über die Religion zur Wissenschaft einerseits, zum Kinderspiel andererseits. Diese Bräuche, schrieb Frazer, hätten ursprünglich einen magischen Sinn gehabt, nämlich den Winter auszutreiben und dem Frühling den Weg zu ebnen. Später, mit dem Abstreifen magischer Vorstellungen, seien sie „zu einfachen Aufzügen, Maskeraden und Kurzweil herabgesunken“, endlich „der müßige Zeitvertreib von Kindern geworden“.

So rationalistisch sahen es längst nicht alle unter Frazers Zeitgenossen. Zum Beispiel in der Schwabinger Künstlerkolonie um 1900 waren Versuche, einen „echt“ heidnischen Karneval wiederzubeleben, groß in Mode. 1913 veröffentlichte die Schriftstellerin Fanny zu Reventlow, die „Schwabinger Gräfin“, ihren Schlüsselroman „Herrn Dames Aufzeichnungen“. Den Höhepunkt bildet ein „bacchantisches“ Fest; in antiken Gewändern und durch falsche Namen nur leicht verhüllt, treten dort die Geistesgrößen der Zeit wie Ludwig Klages und Karl Wolfskehl und Stefan George auf. Die Szene hat etwas Groteskes, lässt aber auch die Faszination erahnen, die der Gedanke an eine „heidnische“ Renaissance damals ausübte und oft wohl auch heute ausübt. „Es lag viel heidnischer Glanz und Schimmer über dieser Nacht“, vermerkt der Erzähler Dame nachdenklich, „bei einigen war es vielleicht nur allgemeine frohe Feststimmung […], bei anderen wohl auch eine tiefe Entrücktheit aus der heutigen Welt.“


Mehr im Internet:

Karneval, Fastnacht, Fasching - Wikipedia
scienzz artikel Rund um den Karneval

 

 

 

 

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