Berlin, den 26.03.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

30.01.2017 - KULTURGESCHICHTE

Erinnerungen und Erwartungen rund um eine Jahreszeit

von Josef Tutsch

 
 

Wann wird's mal wieder richtig
Winter? - Bild: Susanne Miller,
U.S. Fish and Wildlife Service/
Wikipedia

„Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer“, sang einst Rudi Carrell. Blickt man auf die Klimaentwicklung der letzten Jahrzehnte, kommt man zu dem Schluss, dass die Frage, wann es mal wieder „richtig“ Winter wird, doch viel näher liegen müsste. Doch selbst, wenn man von der Diskussion um den Klimawandel absieht - jedes Jahr Mitte Dezember geht die Frage groß durch die Presse: Gibt es eine „weiße Weihnacht“, wenigstens dieses Jahr?

Auch in Zeiten, als von Erderwärmung noch niemand sprach, war eine weiße Weihnacht eher die Ausnahme als die Regel, vermerkt der Sachbuchautor Bernd Brunner in seinem neuen Buch „Als die Winter noch Winter waren“. Wirklich kalt ist es im Dezember in Mitteleuropa meistens noch gar nicht, das steht in aller Regel erst im Januar an. Selbst in München, der deutschen Großstadt mit der statistisch höchsten Aussicht auf Schnee zu Weihnachten, trifft diese Hoffnung nur in zwei von fünf Jahren ein. Wenn es dann nach Weihnachten wirklich kalt wird und schneit, teilt sich die Gesellschaft in zwei Fraktionen. Die einen sind den Winter bereits wieder leid, sie denken an die Heizkostenabrechnung. Die anderen zieht es in den Schnee oder aufs Eis.

Offenbar sind dies zwei sehr verschiedene Dinge, der Winter der statistischen Zahlen und jener unserer Wünsche und Erinnerungen. Bernd Brunner, der vor einigen Jahren mit einem Büchlein über die Kulturgeschichte des Weihnachtsbaums hervorgetreten ist, hat sich jetzt dieser „gefühlten“ Seite des Winters angenommen: Wie wurde die kalte – oder im Einzelfall auch nicht so kalte – Jahreszeit in Alltag und Literatur, Kunst und Brauchtum wahrgenommen und dargestellt?

„Geschichte einer Jahreszeit“ nennt sich das Buch im Untertitel. Von einer „Geschichte“, gar im Sinn einer Chronologie, kann allerdings nicht die Rede sein, es handelt sich eher um eine Sammlung von Impressionen. Zum Beispiel zur „weißen Weihnacht“. Heute können wir uns die Geburt Jesu kaum anders als vor dem Hintergrund einer schneebedeckten Szenerie vorstellen. Diese Idee kam jedoch erst im 16. Jahrhundert auf, schreibt Brunner. Das vielleicht früheste Beispiel ist Pieter Brueghels d. Ä. Bild von der Volkszählung in Bethlehem, 1566. Auf vielen Weihnachtsgemälden aus dem späten Mittelalter ist es sogar eher Sommer oder Herbst, in offenkundigem Widerspruch zum Festtermin im Dezember. Allgemeingut wurde die feste Verbindung von Weihnachten und Schnee erst im 19. Jahrhundert. Heute gilt sie selbst auf der Südhalbkugel als selbstverständlich; die winterlichen Insignien an den Weihnachtsbäumen, wie sie sich auf der Nordhalbkugel manchmal von selbst einstellen, müssen dort eben aus Plastik nachgeformt werden.

Was gäben die Kulturhistoriker heute dafür, wenn es ihnen möglich wäre, die Zeugnisse von Menschen in weit zurückliegender Vergangenheit mit den „objektiven“ Wetterdaten zu vergleichen! Aber die wurden erst seit dem 18. Jahrhundert systematisch erhoben, in manchen Regionen noch viel später. Für frühere Zeiten geben die Jahresringe der Bäume zwar Auskunft über das Pflanzenwachstum; doch ansonsten sind wir auf das angewiesen, was Menschen, in mehr oder weniger subjektiver Färbung, geschildert haben. Im Januar 1709, lesen wir in einem Brief der Liselotte von der Pfalz, Schwägerin Ludwigs XIV., war es so kalt, dass im Schloss von Versailles der Wein in den Bouteillen gefror. „Ich sitze bei einem großen Feuer, habe einen Schirm vor den Türen, habe einen Zobel auf dem Hals, einen Bärensack zu meinen Füßen, ich zittere vor Kälte und kann kaum die Feder halten.“

"Februar", aus dem Stundenbuch des
Herzogs von Berry, um 1416
Bild: Wikipedia


Ob die Herzogin mit dem gefrorenen Wein nicht ein bisschen übertrieben hat? Aus anderen Orten wird sogar berichtet, man hätte das gefrorene Brot mithilfe einer Axt schneiden müssen. Tatsächlich konnten die Klimahistoriker für die Zeit vom 15. bis zum 19. Jahrhundert eine „Kleine Eiszeit“ nachweisen; das macht glaubhaft, dass es in manchen Wintern zu extremen Phänomenen kam. Andererseits soll der Sommer 1707 außergewöhnlich heiß gewesen sein. Extrem kalte Winter kommen aber auch mitten in unserem Industriezeitalter vor, das wir doch für die aktuelle Warmperiode mitverantwortlich machen. Im Winter 1962/63 gefror der Bodensee komplett zu. Uralter Tradition folgend, wurden zwischen dem deutschen und dem Schweizer Ufer Prozessionen abgehalten, auf dem Eis im Hafen von Lindau landete ein kleines Flugzeug.

Können wir heute, in Wohnung und Kleidung gut gegen die Kälte isoliert, überhaupt noch nachvollziehen, was ein harter Winter für frühere Generationen bedeutete? Wollte man sich vor der Kälte schützen, erzwang das eine enge Gemeinschaft sowohl der Menschen untereinander als auch von Mensch und Vieh rund um die Feuerstelle oder den Herd. Von Privatsphäre konnte da kaum die Rede sein. Das berühmte „Stundenbuch“, das die Brüder von Limburg zwischen 1410 und 1416 für den Herzog Johann von Berry malten, zeigt im Februarbild ein Bauernpaar, das sich am heimischen Herd wärmt. Die beiden haben ihre Kleidung hochgezogen, um die Wärme ungehindert an den Körper heranzulassen. Daneben sitzt eine vornehme Dame, die den Kopf abwendet. Offenbar findet sie dieses Verhalten etwas genierlich.

Ausdruck eines modernen Anstandsempfindens, wie es sich in der „besseren“ Gesellschaft damals schon bemerkbar machte. Allgemein durchsetzen konnte es sich erst viel später, mit der Verbrennung fossiler Rohstoffe und das hat auch unser Bild vom Winter nachhaltig verändert. Brunner: „Es musste die moderne Heizungstechnik eingeführt werden, damit Menschen beginnen konnten, den Winter wohlwollender zu betrachten.“

Das Material, das der Autor darbietet, lässt darauf schließen, dass die entscheidende Wende zur modernen Wertschätzung des Winters bereits im späten 18. Jahrhundert eintrat. Als einen frühen „Liebhaber des Winters“ nennt Brunner den jungen Goethe. „Es ist gar schön“, schrieb er im Dezember 1777 aus dem Harz nach Weimar, „der Schnee über allem macht wieder das Gefühl von Fröhlichkeit.“ Es war die Zeit, wo der Eislaufsport sich wie eine Epidemie über Europa verbreitete. Nachdem Goethe im Alter von 51 Jahren diesem Vergnügen entsagt hatte, verschenkte er seine Schuhe an die jungen Leute des Weimarer Hofes. „Da wir oft auf das Eis fielen und uns mitunter leicht beschädigten, wollten unsere Eltern diese Belustigungen nicht immer gut heißen“, zitiert Brunner aus dem Bericht eines Pagen. „Alle dergleichen Dinge gab man hauptsächlich Goethe die Schuld.“

In manchen Regionen kam der Wintersport sogar schon viel früher auf. Ein Bild des Malers Hendrick Averkamp, um 1620, zeigt vornehme Herren, die auf dem Ijsselmeer eine Art Golf spielen. Ob es Kindern schon immer Vergnügen bereitete, einander mit Schneebällen zu bewerfen? Mindestens seit dem späten Mittelalter, das belegen flämische Gemälde aus dieser Zeit. Und wann mag der Brauch aufgekommen sein, in den Städten Schneemänner aufzutürmen? 1492 beauftragte Piero de‘ Medici keinen Geringeren als Michelangelo, ihm in seinem Palasthof einen Schneemann zu formen. 1511 entstand in Brüssel eine Sammlung von etwa 100 Schneemännern und Schneefrauen, mit detailgenauer Nachbildung sowohl von mythologischen Attributen als auch von Geschlechtsteilen.

Skilaufen als Fortbewegungsart geht bis auf die Frühgeschichte zurück; als Sport dagegen wurde es erst im späten 19. Jahrhundert allgemein üblich – mit der Folge, dass große Teile der Alpenlandschaft in wenigen Jahrzehnten radikal umgestaltet wurden. Der Schriftsteller Stefan Zweig erinnerte sich in seinem Buch „Die Welt von gestern“ an die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: „Sonntags sausten in grellen Sportjacken auf Skiern und Rodeln Tausende und Zehntausende die Schneehalden hinab“, „der Winter, früher eine Zeit der Öde, von den Menschen missmutig bei Kartenspielen in Wirtshäusern oder gelangweilt in überhitzten Stuben vertan, war auf den Bergen entdeckt worden als eine Kelter gefilterter Sonne, als Nektar für die Lungen, als Wollust der blutdurchjagten Haut.“

Sport auf dem Eis, von Hendrick Averkamp,
um 1620 (Teylers Museum, Haarlem)
Bild: Wikipedia


Der Winter war Mode geworden – natürlich nicht bei den Alpenbauern, sondern bei den Großstädtern, die ihm auch entfliehen konnten. Brunner führt den englischen Kunsthistoriker John Ruskin an: Die besten Dinge, die man im Sommer sehen kann, seien „nichts im Vergleich zur Winterlandschaft der Alpen“. Und den amerikanischen Schriftsteller James Russell Lowell: „Gesetzt, der Winter ist der Schlaf des Jahres, na und? Ich vesteige mich zu der Behauptung und stehe dazu, dass seine Träume schöner sind als die beste Realität seiner wachen Konkurrenten.“

Wenn Eis und Schnee sich, wie es in den letzten Jahrzehnten immer häufiger der Fall ist, rar machen, wenn es also immer seltener „richtig“ Winter wird, müssen Technik und Industrie nachhelfen. Da ist nicht nur der Kunstschnee, der den Wintersport auch bei wenig winterlichen Temperaturen sichert. Auf dem Markt, berichtet Brunner, werden speziell entworfene „Eiswesten“ angeboten. Sie sollen dem Körper gezielte Kälteanreize liefern, weil manche Mediziner die allgegenwärtige Wärme in unserer Umwelt für Herzkrankheiten und Übergewicht mitverantwortlich machen.

Auch Kältekammern, die das Prinzip der Sauna sozusagen auf den Kopf stellen, bis zu minus 110 Grad Celsius, sollen gesund sein. Und wenn die Ärzte heute gar keinen Rat mehr wissen: Längst wird mit einem „künstlichen Winterschlaf“ experimentiert, um die „schockgefrorenen“ Leichname irgendwann vielleicht doch einmal behandeln und wiederbeleben zu können. Da ist ein alter Brauch, der sich heute noch manchmal im Karneval findet, aber doch viel verlässlicher. „Sommer“ und „Winter“ treten in einem Kampf gegeneinander an, mit Scheinwaffen oder auch in einem heftigen Wortgefecht. Da dieser Ritus im Frühjahr abgehalten wird, gewinnt – zur Befriedigung des Publikums – jedes Mal der Sommer.


Neu auf dem Büchermarkt:

Bernd Brunner: Als die Winter noch Winter waren. Geschichte einer Jahreszeit, Galiani Verlag, Berlin 2016, 240 S., ISBN 978-3-86971-129-4, 18,00 € [D], 18,50 € [A]


Mehr im Internet:
Bernd Brunner: Als die Winter noch Winter waren. Geschichte einer Jahreszeit, Galiani Verlag
Winter - Wikipedia
scienzz artikel Natur

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet