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08.02.2017 - IDEENGESCHICHTE

oder: Was sind "alternative Fakten"?

Josef Tutsch

 
 

US Präsident Donald Trump
Bild: Michael Vadon/Wikipedia

Wahrscheinlich gibt es kaum einen anderen Fall, dass eine sprachliche Floskel mit derart rasantem Tempo weltweit Verbreitung fand. Am 21. Januar 2017 hatte Donald Trumps Pressesprecher Sean Spicer behauptet, bei der Amtseinführung des neuen Präsidenten seien mehr Menschen dabei gewesen, als bei den Inaugurationen aller seine Vorgänger. Als die Medien Luftaufnahmen präsentierten, die diese Aussage als falsch entlarvten, meinte die Beraterin des Präsidenten, Kellyanne Conway, Spicer habe keineswegs „falsche Behauptungen“ präsentiert, sondern lediglich „alternative Fakten“, „alternative facts“.

Wenige Stunden später war diese Redewendung allgegenwärtig. Der Weltöffentlichkeit stockte der Atem. Haben wir doch in der Schule gelernt, dass es da einen „Satz vom Widerspruch“ gibt: Wenn es gestern an einem bestimmten Ort geregnet hat, dann ist die Aussage, es hätte dort nicht geregnet, nicht irgendwie „alternativ“, sondern ganz einfach falsch, also gerade kein „Faktum“. Oder gilt das neuerdings nicht mehr? Soweit wollte Donald Trump in seinem Buch „Die Kunst des Geschäfts“, das er 1987 herausbrachte, gar nicht gehen. Er erklärte die Frage vielmehr für unwichtig. „Wahrheitsgemäße Übertreibungen“ seien eine „sehr wirksame Form der Werbung“, heißt es dort, des Marketing. Die Leute würden nun einmal glauben wollen, dass etwas „das Größte, Gewaltigste und Spektakulärste“ sei.

Der Ghostwriter Tony Schwartz, aus dessen Feder das Buch stammt, hat sich übrigens bereits im Oktober 2016, noch vor der Präsidentenwahl, von Trump distanziert. Er nannte ihn einen „Soziopathen“, der sich nicht im geringsten dafür interessiere, ob seine Aussagen wahr oder falsch seien, weit jenseits der Übertreibungen, die er selbst in dem Buch empfohlen hatte. Ein Lehrer, der davon erschreckt ist, wie konsequent da jemand die Theorie in Praxis umsetzt? Man wüsste gern, ob nicht auch die „Sophisten“, die Lehrer der Rede- und Argumentationskunst im alten Athen, manchmal erschreckt waren, wenn ihre Schüler in die Politik gingen und das Erlernte „demagogisch“ umsetzten. „Demagogie“ war im 5. Jahrhundert v. Chr. ein wertfreier Begriff. Er meinte ganz einfach, dass die Politiker versuchen mussten, die Volksmassen hinter sich zu bringen, mit welchen Argumenten auch immer.

Den unangenehmen Geruch, den die Wörter „Demagogen“ und „Sophisten“ heute haben, verdanken sie nicht zuletzt Platon. Der Schüler des Sokrates warf den Sophisten vor, ihre Kunst würde darauf hinauslaufen, ein Nicht-Seiendes als seiend vorzutäuschen, eine Kritik, die sich recht genau mit dem deckt, was heute gegen Schwartz‘ oder Trumps „Kunst des Geschäfts“ vorgebracht wird. Es gehört freilich zu den bis heute ungelösten Fragen der Philosophiegeschichte, ob Platon den Rhetoriklehrern seiner Zeit da nicht ein bisschen Unrecht getan hat. Bei Gorgias von Leontinoi ging es, den erhaltenen Texten nach zu urteilen, eher um die Beobachtung, dass eine an sich begründete Überzeugung durch noch stärkere Argumente umgestoßen werden kann.

Usw. usw., der Prozess der Wahrheitssuche ist prinzipiell unabschließbar.  Von Banalitäten wie etwa der Frage, ob es gestern geregnet hat, vielleicht abgesehen, können wir niemals absolut sicher sein, dass unsere aktuelle Überzeugung wirklich „die Wahrheit“ ist. Im 13. Jahrhundert n. Chr. definierte Thomas von Aquin Wahrheit als „Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand“. Es ist offenkundig, dass in dieser Definition ein Zirkel liegt: Wir haben keinen zweiten Zugang zur „Sache“, mit dem wir überprüfen könnten, ob das, was wir nach bestem Wissen und Gewissen über diese Sache ausgesagt haben, ihr wirklich gerecht wird.

Platon (Glyptothek, München)
Bild: Bibi Saint-Pol/Wikipedia

Platons Ideenlehre war nicht zuletzt der Versuch, einen Begriff von Wahrheit zu finden, der von solchen Ungewissheiten frei ist. Er setzte die Wahrheit in einen absoluten Gegensatz zur Täuschung, die Philosophie in einen absoluten Gegensatz zur Kunst der Täuschung, die er den Sophisten zuschrieb. Eine bloß akademische Diskussion, während es im Falle Trump doch um die Frage geht, inwieweit dem mächtigsten Mann der Welt zu trauen ist? Keineswegs. Platons Kampf gegen die Sophisten war auch eine Konkurrenz um die Frage, wer den Nachwuchs in den theoretischen Grundlagen der Politik, in der „Wissenschaft“ vom Guten und Gerechten, unterrichten würde.

Fast ein halbes Jahrtausend nach Platon. „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll“, sagt Jesus  im Johannesevangelium zu Pontius Pilatus. Der Statthalter winkt ab, vermutlich, weil er nicht glauben will, dass religiöse Überzeugungen groß Einfluss auf den Weltenlauf haben könnten: „Was ist Wahrheit?“ Moderne Skeptiker überführen die skeptische Frage des Pilatus gern in einen Aussagesatz, der keinen Zweifel mehr duldet: Es gebe gar keine Wahrheit – worauf sich allerdings entgegnen ließe, dass diese Feststellung in sich selbst widersprüchlich ist. Sie setzt voraus, dass es mindestens diese eine Wahrheit, dass es nämlich keine Wahrheit geben soll, eben doch gibt.

In Donald Trumps Umkreis wird man sich wohl hüten, den römischen Statthalter als Kronzeugen anzurufen, der doch für die Kreuzigung Jesu verantwortlich oder mindestens mitverantwortlich war. Die Rede von den „alternativen Fakten“ geht auch weit über die skeptische Frage des Pilatus hinaus, sie mutet uns nicht mehr und nicht weniger zu als die Annahme, dass unsere Logik mitsamt dem Satz vom Widerspruch für die Realität außerhalb unseres Denkens womöglich gar nicht gilt. Ein Zweifel, dem sich gelegentlich auszusetzen, vielleicht sogar sinnvoll ist. Durchhalten könnten wir ihn aber nur, wenn wir auf das Argumentieren grundsätzlich verzichten wollten. Es gäbe dann auch keine politische Diskussion mehr, sondern nur noch den Kampf der Interessen, bei dem die vorgebliche Wahrheit als eine Waffe neben anderen Waffen dienen würde.

Orwellsches „Neusprech“, meinten viele Beobachter, gleich nachdem die Floskel von den „alternativen Fakten“ in der Welt war. Ganz korrekt ist diese Assoziation nicht. Das Regime in George Orwells Roman „1984“ ist mit seiner Sprachpolitik darauf aus, die Kommunikation in vorgegebene Bahnen zu lenken. Die Werbestrategie nach dem Rezept von Schwartz‘ „Kunst des Geschäfts“ geht gerade umgekehrt vor: „Anything goes“, Wahrheit und Unwahrheit – oder das, was man gängig für Unwahrheit hält – sind gleichwertig, es kommt bloß darauf an, was sich gerade politisch verwerten lässt. Oder vielmehr ökonomisch verwerten. Es ist ja gerade der Clou von Trumps Welt- und Selbstverständnis, dass die Eigengesetzlichkeit der Politik geleugnet wird. Alles ist Geschäft, alles „Deal“, alles Marketing,

Das könnte vordergründig an Friedrich Nietzsche erinnern: „Wahrheit ist die Art von Irrtum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Wert für das Leben entscheidet zuletzt.“ Trump würde sagen: der Wert fürs Geschäft. Tatsächlich wurde Donald Trump im Juni 2016 in einem Artikel der „New York Times“ als „krude Parodie“ des Philosophen bezeichnet. Ob da ein realer Einfluss vorliegt, wie vermittelt auch immer, oder bloß eine zufällige Ähnlichkeit, muss offen bleiben.

Friedrich Nietzsche, Fotografie
von Gustav Adolf Schultze)
Bild: Wikipedia


Doch worüber entscheidet Nietzsche zufolge der „Wert für das Leben“? Über die Frage, welche „Art von Irrtum“ sich gesellschaftlich als Wahrheit oder vermeintliche Wahrheit durchsetzt. Schwer zu sagen, welche Chancen Trumps „alternative Fakten“ da haben; schließlich liegt es im Begriff von Geschäften, dass sie mit anderen Geschäften in Konkurrenz liegen. Werden zukünftige Generationen in ihren Geschichtsbüchern als „Wahrheit“ lesen, bei Trumps Inauguration hätten sich vor dem Kapitol mehr Menschen eingefunden als bei einer Amtseinführung jemals zuvor? Und müssen wir gar damit rechnen, dass manche Details in den Geschichtsbüchern unserer Gegenwart auf ähnlich zweifelhafte Weise zustande gekommen sind?

„Die Behauptung, dass die Wahrheit da sei und dass es ein Ende habe mit der Unwissenheit und dem Irrtum, ist eine der größten Verführungen, die es gibt“, warnte Nietzsche. Gerade in Platon mit seinem emphatischen Wahrheitsbegriff witterte er ein Ende der Arbeit „an Aufklärung und Erkenntnis“. Die Aussage, Wahrheit und Irrtum seien gleichwertig und gleichgültig, geht da noch einen Schritt weiter: Aufklärung ist den Geschäften von vornherein hinderlich.

Bemerkenswert allerdings, mit welcher Offenheit Trump und seine Mitarbeiter dieses Betriebsgeheimnis des „Geschäfts“ mit seinen „Übertreibungen“ und „alternativen Fakten“ ausplaudern. Das lässt wohl weniger auf intellektuelle Redlichkeit als auf eine ungeheure Selbstsicherheit schließen. Einer von Trumps Vorgängern, Abraham Lincoln, soll einmal gesagt haben: „Man kann einen Teil des Volkes die ganze Zeit täuschen und das ganze Volk einen Teil der Zeit. Aber man kann nicht das gesamte Volk die ganze Zeit täuschen.“ Trump hätte ihm darauf vermutlich seine „Kunst des Geschäfts“ zur Lektüre empfohlen.


Mehr im Internet:

Alternative Fakten - Wikipedia
scienzz artikel Erkenntnistheorie

 

 

 

 

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