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20.02.2017 - ZEITGESCHICHTE

Kein Mitleid mit der Mikrobe

von Josef Tutsch

 
 

Reichsparteitag in Nürnberg
1927 - Bild: Deutsches
Bundesarchiv/Wikipedia

Als der SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf 1946 im Nürnberg Kriegsverbrecherprozess seine Zeugenaussage machte, verbreitete sich unter den Angeklagten und ihren Verteidigern allgemeines Entsetzen. Ohlendorf versuchte gar nicht erst, irgendetwas an den Verbrechen des Nationalsozialismus zu bestreiten, im Gegenteil, er bot dem Gericht eine Menge Details des staatlich organisierten Massenmordes – wohl wissend, dass er damit auch die Grundlage für sein eigenes Verfahren lieferte. Im sogenannten „Einsatzgruppen-Prozess“ 1947/48, wo Ohlendorf selbst Angeklagter war, ließ er seinen Verteidiger darauf plädieren, die Erschießung Unschuldiger in Russland und der Ukraine sei eine Art Putativnotwehr gewesen, eine staatliche Selbstverteidigung gegen den Bolschewismus und „die Juden“. Der Versuch des Verteidigers, einen „Befehlsnotstand“ zu konstruieren, im Sinne eines „Führerbefehls“ von Adolf Hitler, schlug allerdings fehl. Ohlendorf wurde zum Tod verurteilt und 1951 hingerichtet.

Die innere „Logik“ des Nationalsozialismus, die Einstellung, die dem Handeln seiner Repräsentanten zugrundelag, gehört bis heute zu den eher vernachlässigten Fragestellungen der Zeitgeschichte. Dahinter mag im Einzelfall auch die Befürchtung stehen, man würde dem Regime mit der Frage nach Logik, womöglich sogar nach „Ethik“ oder „Moral“, zu viel Ehre antun. Aber, betont der Zeithistoriker Johann Chapoutot, in seinem neuen Buch über die NS-Weltanschauung, „in den Augen der Täter war ihr Handeln sinnhaltig“. Chapoutot weist alle Versuche ab, die nationalsozialistische Herrschaft aus der vermeintlichen Barbarei eines deutschen „Sonderwegs“ heraus begreifen zu wollen. Oder die NS-Täter schlicht für „verrückt“ zu erklären. „Diese Leute waren nicht verrückt“, sie „betrachteten ihre Taten nicht als Verbrechen, sondern als Aufgaben, als zwar unangenehme, aber notwendige Aufgaben.“

Sich dieser Einsicht zu stellen, sei „unbequem“, vermerkt Chapoutot gleich in der Einleitung seines Buches. Das Ausmaß an Gewalt und Humanitätsverleugnung, die im Namen des Nationalsozialismus verübt wurden, scheint „außerhalb des Menschenmöglichen“ zu liegen. Aber eine solche Kapitulation führt natürlich weder zu historischer Einsicht, noch taugt sie dazu, sich gegen mögliche Wiederholungen zu wappnen. Was war es, fragt Chapoutot, das die nationalsozialistische Ideologie für viele damals so verführerisch machte? Seine Antwort: Die Idee des „Blutes“ oder der „Rasse“ schien – als Antwort auf die Verunsicherungen durch die Moderne - Zuflucht und Orientierung zu bieten, dem individuellen Leben einen sozialen Sinn zu verleihen.

Wie bereitwillig sich auch die intellektuellen Eliten durch solche Ideen verführen ließen, zeigt der Verfasser an einem Sommerlager, das die NSDAP 1933 bei Jüterbog in Brandenburg für Rechtsreferendare veranstaltete. Statt sich im stillen Kämmerlein über Bücher zu beugen, sollten die Kandidaten einige Tage gemeinschaftlich in der freien Natur leben. Zum Höhepunkt wurde ein Galgen errichtet, um daran ein Paragraphenzeichen aus Pappe aufzuhängen. Während die zukünftigen Anwälte und Richter bei strahlendem Sonnenschein das Ende der „Paragraphensklaverei“ besangen, stand Reichsjustizminister Hans Kerrl zufrieden lächelnd daneben. Eine Kino-Wochenschau verbreitete die Szene durch das Reich.

„Die Juristen sind die ewige Plage der Menschheit“, hat Propagandaminister Joseph Goebbels als Äußerung des „Führers“ überliefert. Und die NS-Juristen brachten viel Energie auf, um ihren eigenen Beruf in diesem Sinn abzuwerten. Das verhasste Paragraphenzeichen stand für das gesamte Rechtswesen des liberalen Staates. Chapoutot zitiert aus dem „Nationalsozialistischen Handbuch für Recht und Gesetzgebung“, das der Vorsitzende des Nationalsozialistischen Deutschen Juristenbundes, Hans Frank, 1935 herausgab: „Weniger Jurisprudenz und mehr Recht: Darin liegt die Zukunft beschlossen.“ Das „aus dem Volk geschöpfte“ Recht sei zwar „nirgends zu lesen“, aber „jeder kennt es“.


Ausstellung "Wunder des Lebens", Berlin 1935 - Bild: Deutsches Bundesarchiv/Wikipedia


Wobei „jeder“ nur jeden Deutschen meinte, wie der Begriff damals gefasst wurde, also vor allem: ohne die Juden. Der Gedanke, die Ermordung von Juden sei eine Selbstverteidigung des deutschen Volkes, war keineswegs eine Erfindung von Ohlendorfs Anwalt 1947. Joseph Goebbels 1941: „Die Juden würden, wenn wir uns ihrer nicht erwehren würden, uns vernichten. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod zwischen der arischen Rasse und dem jüdischen Bazillus.“ Der Mediziner Arthur Gütt, der 1934 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ entwarf, sprach von der „selbstmörderischen“ christlichen Ethik der Nächstenliebe. „Hat man etwa Mitleid mit der Mikrobe, die man mit Hilfe eines Antiseptikums bekämpft?“, bringt Chapoutot die „Ethik“ des Nationalsozialismus auf den Punkt.

So bereitwillig wie viele Juristen und Ärzte interpretierten auch viele Theologen ihren Beruf neu. Hier stellten sich jedoch größere Schwierigkeiten. Bis in die 1930er Jahre, meint Chapoutot, habe Hitler am katholischen Christentum seiner Kindheit festgehalten; erst die Vorbehalte des Vatikans gegenüber den „rassehygienischen“ Gesetzen habe ihn bestimmt, eine „Zukunft ohne Christentum“ ins Auge zu fassen. Aus taktischen Gründen wollte er den Konflikt mit den christlichen Kirchen auf die Zeit nach dem erhofften „Endsieg“ verschieben. Bis zum Ende des Nationalsozialismus standen zwei Ansätze ungeklärt nebeneinander: eine offen neuheidnisch-antichristliche Doktrin und eine andere, die das Christentum im Prinzip bewahren, jedoch von jüdischen Elementen „befreien“ wollte. 1941, berichtet Chapoutot, brachten die „Deutschen Christen“ ein „Volkstestament“ heraus, eine Ausgabe des Neuen Testaments, aus dem alle Bezüge auf das Alte entfernt waren.

Die „Entjudung des religiösen Lebens als Aufgabe deutscher Theologie“, wie es der Theologe Walter Grundmann 1939 ausdrückte. Dabei war es natürlich ein Problem, dass Jesus unzweifelhaft als Jude gelebt und gelehrt hatte. Seit dem 19. Jahrhundert wurde jedoch in rassistischen Kreisen immer wieder gemunkelt, von seiner Abstammung her sei Jesus vielleicht doch kein Jude gewesen. „Jesus war bestimmt kein Jude“, verordnete Hitler in seinen Tischgesprächen, „möglich, dass seine Mutter Jüdin war.“ Heinrich Himmler wies in einem SS-Rundschreiben ausdrücklich darauf hin, Jesus dürfe nicht als Jude „beschimpft“ werden das sei „unserer unwürdig und geschichtlich bestimmt unwahr“.

Ließ sich wirklich übersehen, dass solche „historischen“ Rekonstruktionsversuche pure Phantasie waren? Chapoutot prägt in einer Zwischenüberschrift seines Buches, es geht um die „Forschung“ zu den alten Germanen, die hübsche Formulierung „normative Archäologie“. In offenem Widerspruch zur Idee ergebnisoffener Forschung war ideologisch ja längst vorgegeben, was die archäologische und historische Spurensuche finden sollte, nämlich ruhmreiche Zeugnisse der nordischen oder germanischen „Rasse“. Oder umgekehrt Belege für die angeblich unterminierende Tätigkeit des Judentums.

Die Entwicklung des „Sonderauftrags Hexen“ lässt allerdings darauf schließen, dass selbst ein Heinrich Himmler gegen Belehrungen durch die Wirklichkeit nicht ganz gefeit war. Zwischen 1935 und 1944 wurden ca. 34.000 Prozessakten aus der Zeit der Hexenverfolgung durchforscht. Himmler hoffte, darin Belege zu finden, dass es vor allem Juden und christliche Kleriker waren, die den Fanatismus entfesselt hatten. Das Ergebnis war ein Fiasko: Mindestens im selben Maße war die Hexenverfolgung von deutschen Bauern und Bürgern betrieben worden, denen sich nichts Jüdisches nachsagen ließ. Im Sommer 1944 stellte Himmler den „Sonderauftrag“ ein.


Reichsjustizminister Hans Kerrl beim
Referendarlager in Jüterbog 1933
Bild: Deutsches Bundesarchiv/
Wikipedia


Nur recht knapp geht der Autor auf die vieldiskutierte Frage ein, inwieweit der Holocaust in der judenfeindlichen Politik des Nationalsozialismus von Anfang an mitgedacht war. Chapoutot ist zu dem Schluss gekommen, dass das Vorhaben, die Juden zu „vernichten“, anfangs bedeutete, „sie als Volk vom deutschen und dann vom europäischen Boden zu vertreiben“, es meinte „Zwangsaussiedlung“. Dass im Dezember 1941 der formelle Beschluss zur Ermordung der europäischen Juden gefasst wurde, sieht der Forscher im Zusammenhang mit den Lebensumständen, die sich durch die Besatzungspolitik in Polen ergeben hatten. Die polnischen Juden waren in Ghettos zusammengepfercht worden, das hatte eine derartige „medizinische Katastrophe“ zur Folge, dass der Massenmord als „ärztliche Maßnahme“ dargestellt werden konnte.

War diese Darstellung bloße Propaganda? Heuchelte Heinrich Himmler, als er im Oktober 1943 den Offizieren und Generälen seiner SS versicherte, sie seien keineswegs Mörder, sondern Soldaten, die ein tödliches Übel beseitigten? Oder „glaubte“ er an seine Ideologie, war es ernst gemeint, als er verkündete, die „Ausrottung“ der Juden sei eine „Heldentat“, ein schweres Opfer, das die SS im Dienste künftiger Generationen des deutschen Volkes auf sich nehmen müsse? Zweifellos bedeutet der Gedanke, den Repräsentanten des Nationalsozialismus bei solchen Äußerungen so etwas wie subjektive Aufrichtigkeit zuzubilligen, für unsere Vernunft eine Zumutung. Chapoutot scheut sich nicht, von einer „eschatologischen Dimension“ des nationalsozialistischen Denkens zu sprechen. Eschatologie – ein Begriff, der aus der theologischen Lehre vom Jüngsten Gericht am Ende der Zeiten stammt und in der modernen, säkularisierten Welt vor allem auf sozialistische Utopien von einer klassenlosen Gesellschaft angewandt wird. Das nationalsozialistische Politikkonzept, schreibt Chapoutot, lief auf nicht mehr und nicht weniger hinaus als auf den Versuch, aus der Geschichte „auszutreten“.

Wohin auszutreten? In die Biologie oder vielmehr Pseudo-Biologie, die „Herrschaft der Rasse, einer neu verwurzelten, zu ihrer Ursprünglichkeit, zur Scholle und zu ihrer Blutreinheit zurückgekehrten Rasse“. Es gehört zu den logisch schwer aufzulösenden Widersprüchen im nationalsozialistischen Denken, dass diese „Eschatologie“ durch und durch anti-universalistisch gemeint war, partikulär bloß auf die Deutschen oder die „Arier“ bezogen. Und geographisch auf Europa. Anders als es in populären Darstellungen heute manchmal zu lesen sei, betont Chapoutot, „verfolgte das Dritte Reich nicht das Ziel, die Welt zu beherrschen“. Im Gespräch mit Albert Speer grenzte Hitler das Dritte Reich einmal scharf gegen Großbritannien ab: „Wir sind kein Krämervolk, sondern ein Bauernvolk“, eine bloße „Ausbeutungskolonisierung“ sollte ausgeschlossen sein. Es ging – Zitat Chapoutot - „um eine dauerhafte, endgültige und massive Niederlassung“ Osteuropas, um eine „tiefverwurzelte Besiedlung für alle Zeiten“. „Für alle Zeiten“ - oder jedenfalls für „tausend Jahre“. Tatsächlich ist die Parole vom „Tausendjährigen Reich“ aus der Tradition christlich-eschatologischen Denkens entnommen, genauer: aus den eschatologischen Phantasien des späten Mittelalters.


Neu auf dem Büchermarkt:

Johann Chapoutot: Das Gesetz des Blutes. Von der NS-Weltanschauung zum Vernichtungskrieg, aus dem Französischen von Walther Fekl, Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2016, 476 S., ISBN 978-3-8053-4990-1, 49,95 €



Mehr im Internet:
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Johann Chapoutot: Das Gesetz des Blutes
Natonalsozialismus - Wikipedia
scienzz artikel Ideengeschichte in Deutschland

 

 

 

 

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