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23.03.2017 - ZEITGESCHICHTE

Der Egoismus einer sich als Schicksalsgemeinschaft verstehenden Gruppe

60 Jahre nach den "Roemischen Vertraegen"

von Josef Tutsch

 
 

Kaiser-Wilhelm-Denkmal am
Deutschen Eck, Koblenz
Bild: Josef Tutsch

1861, nach der Gründung des Königreichs Italien, soll der italienische Schriftsteller Massimo d‘Azeglio, der einige Jahre lang Ministerpräsident von Sardinien-Piemont gewesen war, gesagt haben: „Wir haben Italien geschaffen, nun müssen wir Italiener schaffen.“ Der italienische Nationalstaat, da machte sich d‘Azeglio keine Illusionen, war das Werk einer dünnen Elitenschicht. Eine italienische Nation, im Sinne eines gemeinsamen „Nationalbewusstseins“ breiter Bevölkerungsschichten, entstand erst sekundär, nach dem Nationalstaat. Ähnlich war es in Deutschland. Nach der Reichsgründung 1871, schreibt der Zeithistoriker Peter Alter, der frühere Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London, in seinem neuen Buch zum Thema „Nationalismus“, machte das Wort die Runde, die „innere Reichsgründung“ stehe nun erst an. In beiden Ländern waren es vor allem Schule, Universität, Verwaltung und Militär, die das Bewusstsein verbreiteten, die Formierung in Nationen sei der historisch zwangsläufige, irgendwie „natürliche“ Gang der Weltgeschichte.

Ein Bewusstsein, das erstens die historische Wirklichkeit verzerrt, wie Alter in seinem Buch darstellt, und das zweitens die Katastrophe der beiden Weltkriege mit heraufgeführt hat. Immer wieder wird bei der Lektüre deutlich, dass Alters „Essay über Europa“ nicht aus rein wissenschaftlichem Interesse entstanden ist, sondern aus einer politischen Sorge heraus. Der Historiker zitiert den ehemaligen deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der schon 1995 von beunruhigenden „Tendenzen zur Renationalisierung der Politik“ sprach.  Genscher scheint damals bereits geahnt zu haben, dass ein „neuer Nationalismus“, der gerade erst die Sowjetunion, den Nachfolgestaat des Zarenreiches, und das nach dem Ersten Weltkrieg neugeschaffene Jugoslawien gesprengt hatte, auch die Europäische Union gefährden könnte.

1991 hatte der englische Historiker Eric J. Hobsbawm noch gemeint, in Zukunft würden Nationen und Nationalismen „von untergeordneter und vielfach sehr geringer Bedeutung sein“. Das war nach 1945 die Hoffnung vieler gewesen. Der britische Premierminister Winston Churchill forderte die „Vereinigten Staaten von Europa“, Bundeskanzler Konrad Adenauer nannte den Nationalismus den „Krebsschaden Europas“, der Schriftsteller Günter Grass meinte später in seiner Autobiographie kurz und bündig: „Alles, was nach Nation roch, stank mir.“

Aber 2016 votierte im Vereinigten Königreich eine Mehrheit der Bürger für den Austritt aus der Europäischen Union. In so gut wie allen Ländern machen heute recht- wie links-“populistisch“ Parteien die Aufgabe einzelstaatlicher Souveränität für alle sozialen, ökonomischen und politischen Probleme verantwortlich. Der Protest richtet sich nicht nur gegen die „Eurokraten“ in Brüssel. Das Unbehagen scheint viel tiefer zu sitzen. „Der Nationalismus verkörpert den politischen Egoismus einer sich als ‚Schicksalsgemeinschaft‘ verstehenden sozialen Gruppe“, definiert Alter, in Anlehnung an ein Wort des französischen Religionswissenschaftlers Ernest Renan: „Das Dasein einer Nation ist ein tägliches Plebiszit.“ Das „Wir“-Gefühl vieler Europäer meint nach wie vor Deutsche und Franzosen und Italiener usw. usf., aber nicht oder allenfalls nachrangig Europäer.

"Vittoriano", Nationaldenkmal in
Rom - Bild: Josef Tutsch


Als frühesten Fall einer „Nation“ im modernen Sinn nennt Alter die britischen Kolonien in Nordamerika, die sich 1776 gegen die Regierung in London zu einem neuen Staatsvolk zusammenschlossen, über alle regionalen, sozialen und konfessionellen Sonderungen hinweg; die Benachteiligung der Kolonisten im Vergleich mit den Briten im Mutterland ließ dieses Bewusstsein einer „Schicksalsgemeinschaft“ entstehen. 1789 folgte Frankreich. Die Nation sei „eine Gesellschaft, welche unter einem gemeinschaftlichen Gesetz lebt und durch ein und dieselbe gesetzgebende Versammlung vertreten wird“, antwortete einer der führenden Köpfe der Französischen Revolution, der Abbé Sieyès, auf die Frage, was eine Nation denn sei.

Also eine Gesellschaft, die durch diese Vertretung in die Lage versetzt, politische Entscheidungen treffen zu können – was zwangsläufig zunächst einmal eine Entscheidung voraussetzt, wer stimmberechtigt ist und wer nicht.  „Wir“ und „die anderen“ - womöglich, wenn es zu Konflikten kommt, auch im Sinn von Freund und Feind. Feind der Französischen Revolution war zunächst der regierende Adel Frankreichs und der Nachbarländer, in zweiter Linie konnte das aber auch ein anderes Volk sein, das sich der Revolution unbegreiflicherweise nicht anschließen wollte. Vor allem in Deutschland wurde diese Frontstellung aufgenommen und mit viel Fanatismus umgekehrt. Der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt 1813: „Einmütigkeit der Herzen sei eure Kirche, Hass gegen die Franzosen eure Religion.“

„Die Nation brauchte Feinde, weil das die Suche nach der eigenen nationalen Identität erleichterte“, stellt Alter nüchtern fest. Im Grunde sei der Nationalismus eine ziemlich anspruchslose Ideologie, „von der philosophischen Tiefe und Breite der großen Gedankengebäude des 19. Jahrhunderts wie dem Liberalismus, dem Sozialismus oder dem Konservatismus meilenweit entfernt“. Wie wenig zwangsläufig es ist, wer sich da jeweils als „Wir“, als vermeintliche Schicksalsgemeinschaft konstituiert, zeigt das Beispiel Belgien. 1830 erhob sich die mehrheitlich katholische Bevölkerung gegen die Vorherrschaft der mehrheitlich protestantischen Nordprovinzen der Vereinigten Niederlande. Heute sind Flamen und Wallonen nahe daran, jeweils ihren eigenen Nationalstaat zu beanspruchen.

Die Theoretiker der Politik haben sich endlos viel Mühe gegeben, den Begriff der Nation nach vermeintlich objektiven Kriterien zu definieren. Berühmtes Beispiel: Josef Stalin, „Marxismus und nationale Frage“, 1913. Der spätere Diktator flüchtete sich in Vagheiten: Wichtigstes Kriterium sei die „sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarende psychische Wesensart“ - was immer das bedeuten mag. Ein Stück tiefer reicht der Versuch des deutschen Historikers Friedrich Meinecke, der 1908 zwischen „Kulturnation“ und „Staatsnation“ unterschied. Dahinter stand das Gefühl vieler Zeitgenossen, die „deutsche Frage“ sei mit Bismarcks preußisch-deutschem Reich im Grunde nicht gelöst, zur deutschen „Kulturnation“ gehöre doch ebenso Österreich.

Geradezu kurios wirkt im historischen Rückblick der Eifer, mit dem manche Vorkämpfer der nationalen Bewegungen im 19. Jahrhundert andere Nationen davon abhalten wollten, ihrem Beispiel zu folgen. 1857 bestritt Giuseppe Mazzini, einer der Repräsentanten des italienischen „Risorgimento“, den Iren das Recht, auf einen eigenen, unabhängigen Staat hinzuarbeiten. Ähnlich Otto von Bismarck, 1874: „Die Errichtung von kleinen Nationalstaaten im Osten Europas ist unmöglich.“ Und später in seinen „Erinnerungen“: „Was sollte an die Stelle Europas gesetzt werden, welche der österreichische Staat von Tirol bis zur Bukowina bisher ausfüllt? Neue Bildungen auf dieser Fläche können nur dauernd revolutionärer Natur sein.“

Europa auf dem Stier, Statue in
Brüssel - Bild: JLogan/Wikipedia


Geschrieben von dem Mann, der selbst die nationale Bewegung für seine „neue Bildung“, das „Deutsche Kaiserreich“, genutzt hatte … Der nationalliberale Politiker Ludwig Bamberger, der Bismarck unterstützt hatte, zeigte sich 1889 tief beunruhigt: Es sei „ein Geschlecht herangewachsen“, „dem der Patriotismus unter dem Zeichen des Hasses erscheint, Hass gegen alles, was sich nicht blind unterwirft, daheim oder draußen“.

Was ist es, das heute immer noch am Nationalstaat so attraktiv erscheint? Oder heute wieder? Alter zitiert Karl W. Deutsch: Der Nationalstaat biete „den meisten seiner Mitglieder ein Gefühl an Sicherheit, Zugehörigkeit, Verbindlichkeit und sogar an persönlicher Identität, als jede andere größere Gruppe es vermag“. Das hat sicherlich eine materielle Seite: Es gibt keinen europäischen Sozialstaat. Aber man wird auch eine immaterielle Seite unterstellen dürfen: Das Gefühl von Heimat verbindet sich bislang nicht mit Europa, sondern mit den Nationalstaaten. Und wenn nicht mit den Nationalstaaten, dann mit den noch kleineren Regionen, von Flandern über Katalonien und „Padanien“, wie das nördliche Italien von den Separatisten gern genannt wird, bis Bayern. Wenn Konrad Adenauer und Robert Schuman und Alcide de Gasperi auf das Europa von heute schauen könnten, würden sie d‘Azeglio sicherlich zustimmen: Sieben Jahrzehnte nach Gründung der Europäischen Gemeinschaft 1957 steht die Aufgabe, Europäer zu „schaffen“, noch aus.


Neu auf dem Büchermarkt:

Peter Alter: Nationalismus. Ein Essay über Europa, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2016, 190 S. mit 11 Abb., ISBN 978-3-520-71301-8, 14,90 €


Mehr im Internet:

Nationalismus - Wikipedia
Peter Alter: Nationalismus. Ein Essay über Europa
scienzz artikel Politische Mechanismen

 

 

 

 

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