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10.03.2017 - GESCHICHTE

von Josef Tutsch

 
 

Kaier Franz Joseph, Briefmarke von
1915 - Bild: Wikipedia

„An des Kaisers Seite waltet, Ihm verwandt durch Stamm und Sinn, Reich an Reiz, der nie veraltet, Uns’re holde Kaiserin.“ Fans der „Sissi“-Filme mit Romy Schneider ahnen es vermutlich schon: Wer da besungen wurde, war Elisabeth, Kaiserin von Österreich. 1854, zur bevorstehenden Vermählung von Kaiser Franz Joseph I. mit der bayerischen Prinzessin, hatte der Schriftsteller Johann Gabriel Seidl eine neue Fassung der österreichischen „Volkshymne“ gedichtet. Seit Joseph Haydn 1797 sein „Gott erhalte Franz, den Kaiser, Unsern guten Kaiser Franz!“ komponiert hatte, wurde der Text immer wieder den wechselnden Personen und Namen im Kaiserhaus angepasst. Einige Jahre nach der Hochzeit von „Franzi“ und „Sissi“ wurde Seidls Liedfassung um eine weitere Strophe erweitert: „Heil auch Öst’reichs Kaisersohne, Froher Zukunft Unterpfand, Seiner Eltern Freud’ und Wonne, Rudolf tönt’s im ganzen Land.“

Das alte Österreich war ein Staat, der sich in der Hauptsache über die Bindung der Untertanen an das Herrscherhaus definierte. Ist es überhaupt angemessen, von einem „Staat“ zu sprechen? Seit 1867 lautete der „Name“ der österreichischen Reichshälfte in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn offiziell „die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder“. Erst 1915, berichtet der Kulturhistoriker Gerald Stieg von der Université Sorbonne-Nouvelle, verordnete Kaiser Franz Joseph eine Umbenennung in „Österreich“ - zu einer Zeit, da bereits abzusehen war, dass die historische Entwicklung sehr bald das Lügen strafen würde, was in der Volkshymne beschworen war: „Innig bleibt mit Habsburgs Throne Österreichs Geschick vereint.“

Stieg hat die Entwicklung der „Österreich-Idee“ vom 18. bis zum 20. Jahrhundert nachgezeichnet. Dass sein Buch gerade jetzt, 150 Jahre nach Begründung der „Realunion“ Österreich-Ungarn herauskam, ist vielleicht mehr Zufall. Am 17. Februar 1867 berief Kaiser Franz Joseph mit Graf Gyula Andrássy für Ungarn einen eigenen Ministerpräsidenten, am 27. Februar wurde der ungarische Reichstag wiederhergestellt, am 8. Juni  „Ferenc József“ in Budapest zum „Apostolischen König von Ungarn“ gekrönt.

In der Populärkultur von heute steht Österreich-Ungarn wie kein anderes Staatsgebilde für die „gute, alte Zeit“. Bloße Nostalgie, ohne aktuelle politische Bedeutung – schließlich liegt es doch fast hundert Jahre zurück, dass nach dem Ausscheiden der nicht-deutschen Nationalitäten aus dem Habsburgerreich als „Rest“ die Republik Österreich hervorging? Stieg zitiert Meinungsumfragen, die „keinen Zweifel mehr an der Vollendung der ‚Bewusstwerdung der österreichischen Nation‘“ lassen. „Die Österreicher haben tatsächlich – unter Schwierigkeiten – gelernt, Österreicher zu sein.“

Es war ausgerechnet der „Anschluss“ an Hitlers Deutsches Reich, der sieben Jahre später die moderne Nation Österreich begründete. 1938, schreibt Stieg, hatte Hitler den Namen „Österreich“ gestrichen und durch „Ostmark“, später „Alpen- und Donaugaue“ ersetzt, 1945 erklärte Bundeskanzler Leopold Figl, „dass wir kein zweiter deutscher Staat sind“, „sondern dass wir nichts anderes sind als Österreicher“. Spätestens der Aufstieg der FPÖ unter Jörg Haider hat jedoch gezeigt, dass die Vergangenheit so vergangen gar nicht ist. „Ein dunkler Schatten lässt sich nicht vertreiben“, schreibt Stieg. Die jüngere Vergangenheit hat Stieg aber weitgehend ausgeblendet. Dem Untertitel nach reicht das Buch nur „bis zum Anschluss“, also bis 1938.

Wahlaufruf von Schuschnigg-
Anhängern, 1938
Bild Wikipedia


Man kann ja auch fragen, ob der „Schatten“ ausschließlich „dunkel“ gewesen ist. Haydn und Mozart und Johann Strauss … Stiegs historischer Abriss setzt in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein, mit der „Antithese zwischen einem weiblich-mütterlichen Österreich, inkarniert in der großen Muttergestalt Maria Theresia, und einem männlich-soldatischen Preußen in der Gestalt Friedrichs II.“. Selbst ein Thomas Mann, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs Friedrich „den Großen“ zu einem mythischen Urbild Deutschlands verklärte, ließ durchblicken, dass  er die Kaiserin im Grunde doch viel sympathischer fand: „Dass er [Friedrich] ‚der böse Mann‘ schlechtweg für Maria Theresia war, wir glauben es gerne!“

Drei Jahre nach Thomas Manns „Friedrich“-Essay antwortete Hugo von Hofmannsthal 1917 mit einem Aufsatz zu Maria Theresias 200. Geburtstag. Hofmannsthal verklärte die Kaiserin zur mütterlichen „Zusammenfassung des österreichischen gesellschaftlichen Wesens“. Neu erfinden musste er diesen Mythos nicht. Stieg führt einen offenen Brief an, den Kronprinz Rudolf 1888 unter Pseudonym an seinen Vater Franz Joseph richtete. Unter Berufung auf die Urmutter des Hauses Habsburg-Lothringen appellierte Rudolf an den Vater, das Bündnis mit dem Hohenzollernkaiser aufzukündigen: „Er umarmt Sie, um sie lautlos zu erdrücken, und er nennt sich Ihren Bruder, um Sie zu beerben!“ Wenige Monate später beging Rudolf in Schloss Mayerling Suizid.

Eher beiläufig geht Stieg auf die politische Vision ein, die hinter Rudolfs offenem Brief stand. Der Kronprinz träumte von einer „konstitutionellen Monarchie, die allen Nationalitäten die Gleichberechtigung garantieren“ würde. „Die politischen Überzeugungen Rudolfs hatten angesichts der Haltung seines Vaters nicht die geringste Aussicht auf Verwirklichung“, schreibt Stieg. Eine Analyse, die vielleicht ein bisschen kurz greift: Rudolfs Vision musste vor allem daran scheitern, dass im Zeitalter des Nationalismus die verschiedenen Nationalitäten des Reichs kein gemeinsames „Wir“-Gefühl entwickelten.

„Meine Völker sind eines dem anderen fremd“, sagte Franz Josephs Großvater, Kaiser Franz I., einmal, „umso besser. Aus ihrer Antipathie entsteht die Ordnung und aus ihrem wechselseitigen Hass der allgemeine Friede.“ Eine trügerische Hoffnung. In der Endzeit des Reiches kehrte sich dieser Spruch sozusagen um, die einander feindlichen Nationalitäten waren sich wenigstens in einem Punkt einig: Weg von Habsburg, weg von Österreich. Das galt nicht zuletzt für die „Deutsch-Nationalen“, die im Bismarckreich eine Art Erlösung sahen.

„Eines ist gewiss“, stellt Stieg fest: „Es gibt keine Debatte über die österreichische Identität, die nicht von der historischen Rivalität mit Preußen und einem prussifizierten Deutschland ausgeht.“ Nachdem das „kleindeutsche“ Reich gegründet war, übte es auf die „alldeutsch gesinnten Deutschösterreicher“ eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Stieg hat unter den österreichischen Intellektuellen der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nur einen einzigen gefunden, „der ununterbrochen jede Form des Pangermanismus bekämpfte“: Karl Kraus. Selbst ein Robert Musil, der später in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ für das kaiserliche und königliche Reich den Kunstnamen „Kakanien“ prägte, war für den Gedanken des „Anschlusses“ zeitweise nicht unempfänglich.

Joseph Haydn, Portrati von
Thomas Hardy, 1791
Bild: Wikipedia


Die Attraktivität des „Deutschen Reiches“ für die „Deutsch-Österreicher“ nahm eher noch zu, nachdem die konkurrierenden Dynastien der Hohenzollern un der Habsburger gestürzt waren und aus den Trümmern Österreich-Ungarns die Republik Österreich hervorgegangen war. Die alliierten Siegermächte verboten ihr, sich der Weimarer Republik anzuschließen. Eine Situation, die in den verschiedenen Texten zu der Haydnschen Melodie ihren Ausdruck fand. Deutsch-Nationale sangen Hoffmann von Fallerslebens „Deutschland, Deutschland über alles“, die kaisertreuen Anhänger des Hauses Habsburg die „Familienhymne“ mit der Beteuerung „Innig bleibt mit Habsburgs Throne Österreichs Geschick vereint“. 1929 gab sich die Republik Österreich eine neue Hymne, wiederum zur Musik von Haydn: „Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde wunderhold!“. Als Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg am 11. März 1938 über den Rundfunk erklärte, er müsse der Gewalt weichen, ließ er Haydns Streichquartett vorsichtshalber ohne Text spielen – das hielt viele Interpretationen offen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Gerald Stieg: Sein oder Schein. Die Österreich-Idee von Maria Theresia bis zum Anschluss, Böhlau Verlag, Wien – Köln – Weimar 2016, 284 S., ISBN 978-3-205-20289-9,  34,99 €


Mehr im Internet:

Österreich - Wikipedia
Gerhard Stieg: Sein oder Schein
scienzz artikel Mitteleuropa

 

 

 

 

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