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14.03.2017 - THEOLOGIEGESCHICHTE

von Josef Tutsch

 
 

Matthias Grünewald: Auf-
erstehung (Isenheimer Al-
tar), um 1510 (Musée
d'Unterlinden, Colmar)
Bild: Wikipedia

Moses, erzählt eine Legende im Babylonischen Talmud, hörte bei seiner Ankunft im Himmel Gott die Weisheit des Rabbi Akiba preisen, der erst lange nach seiner eigenen Zeit geboren wurde. Neugierig geworden, bat er um die Erlaubnis, einer Vorlesung dieses Rabbi beizuwohnen. Tatsächlich erhielt er die Gelegenheit, verstand von dem Ganzen jedoch kein Wort – bis Akiba auf die Frage eines seiner Schüler erklärte, genau das sei doch der Inhalt der Lehre, die Moses einst von Gott am Berg Sinai empfangen hatte.

Natürlich wollten die jüdischen Gelehrten die sich diese Anekdote einfallen ließen, nicht etwa die Legitimität ihrer eigenen Auslegungsarbeit an der Thora in Frage stellen. Doch ihnen war bewusst, dass da ein Problem lag: Der Interpret eines alten Textes kann mehr herausholen, als der Verfasser selbst hineinlegen wollte. Der 2013 verstorbene ungarisch-britische Religionswissenschaftler Geza Vermes, der die Legende in seinem letzten Buch wiedergibt, lenkt die Perspektive auf die Entwicklung der christlichen Glaubenslehre: Wäre der historische Jesus, würde er die christlichen Glaubensbekenntnisse hören, wie sie heute gebetet werden, ähnlich verblüfft wie dieser Moses?

Vom Menschen Jesus, der um das Jahr 30 in Galiläa und Judäa als „Heiler, Exorzist und Prediger“ wirkte und dann am Kreuz starb, zur zweiten Person der göttlichen Trinität – Vermes, der Sohn jüdischer, zum Katholizismus konvertierter Eltern, der selbst etliche Jahre Priester war, bevor er zum Judentum seiner Vorfahren zurückkehrte, zeichnet diesen Weg nach, der keineswegs so selbstverständlich verlief, wie man gern meinen möchte. 1973 hatte Vermes  mit einem Buch viel Aufsehen erregt, das ganz lapidar „Jesus, der Jude“ überschrieben war. Der Untertitel „Ein Historiker liest die Evangelien“ machte deutlich, dass Vermes von allen theologischen Intentionen absehen wollte. Ihm ging es, soweit überhaupt möglich, um eine Rekonstruktion dessen, was der historische Jesus gedacht und gewollt hatte.

Sein Ergebnis: Jesus war ein typischer jüdischer Gelehrter seiner Zeit. Ihm lag es fern, Nichtjuden mit seiner Lehre missionieren oder gar eine neue Religion gründen zu wollen. „Jesus verhielt sich wie ein normaler Jude seiner Zeit“, fasst Vermes sein Frühwerk noch einmal zusammen, macht aber auch gleich deutlich, dass im Zentrum von Jesu Religiosität nicht der Tempel und das Gesetz standen, sondern der Anspruch auf eine „direkte Verbindung mit dem Göttlichen“.

Ein „charismatisches Judentum“ also. Dennoch: Nirgends, betont Vermes, würden wir einen Hinweis finden, dass Jesus zum Beispiel die Speisevorschriften in Frage gestellt hätte. Dem scheint zunächst ein Satz im Markusevangelium entgegenzustehen, dass Jesus „alle Speisen für rein“ erklärt hätte. Aber da muss es sich um einen späteren Einschub handeln, der die Haltung der „heidenchristlichen“ Kirche begründen will, meint Vermes. Sonst wäre völlig unverständlich, warum Paulus sich bei seiner Ablehnung des jüdischen Ritualgesetzes nicht auf den historischen Jesus berief.

Peter Paul Rubens: Kreuzigung,
um1620 (Königliches Museum
der schönen Künste, Antwerpen)
Bild: Wikipedia


Auch was die viel umstrittene Frage nach Jesu Selbstverständnis angeht, sieht Vermes kein Heraustreten des historischen Jesus aus dem Judentum. Etwa der Ausdruck „Sohn Gottes“, der später die Grundlage für die christliche Trinitätslehre gab, konnte für jeden männlichen Angehörigen des Volkes Israel gebraucht werden, nicht nur für die Könige oder für den erwarteten Messias. Nur an einer einzigen Stelle, die allerdings sowohl im Matthäus- als auch im Lukasevangelium vorkommt, bezeichnet Jesus sich selbst in hervorgehobener Weise als „der Sohn“: „Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand den Vater, nur der Sohn.“ Vermes unterstellt, ähnlich wie bei der Diskussion um die Reinheitsgebote, dass dieser Vers aus einem frühchristlichen Hymnus in die Rede Jesu übertragen wurde.

Da liegt allerdings eine Schwierigkeit jeder historischen und philologischen Arbeit am Neuen Testament: Bei vielen „Worten Jesu“ stellt sich die Frage, ob sie vom historischen Jesus stammen oder Glaubensbekenntnis des Urchristentums sind. Und damit haben alle Versuche einer Rekonstruktion, wie es „wirklich“ gewesen ist, ein wenig von Spekulation. Sicher ist: Nach Jesu Tod kamen seine Jünger zu dem Glauben, der Gekreuzigte sei auferstanden und werde bald wiederkommen, um das von ihm verheißene Reich Gottes zu bringen.

Ab wann, fragt Vermes, wurde dieser Glaube an den Auferstandenen im Sinne einer Gleichheit Jesu mit dem himmlischen Vater gedeutet? Als das früheste Zeugnis wird von vielen Forschern das 2. Kapitel des Philipperbriefs angesehen, das wäre vielleicht in den späten 50er Jahren. Doch Vermes kommt auch in diesem Fall zu dem Schluss, dass es sich um eine spätere Einfügung handeln dürfte, aus dem Anfang des 2. Jahrhunderts.

Das wäre also etwa gleichzeitig mit dem Johannesevangelium, in dessen Prolog der sterbliche Mensch Jesus, mit dem schöpferischen Wort Gottes, dem „Logos“, identifiziert wurd. Damit trat die christliche Theologie endgültig aus dem Judentum heraus. Doch eine konsequente Gleichrangigkeit von Vater und Sohn, wie sie gut zwei Jahrhunderte später durch das Konzil von Nicaea festgeschrieben wurde, betont Vermes, formulierte das Johannesevangelium noch nicht.

Den Weg dazu ebneten erst die Theologen des 2. Jahrhunderts n. Chr., voran Justin der Märtyrer, indem sie den Text des Neuen Testaments mit den Kategorien der griechischen Philosophie ausdeuteten. Ein „erstaunlicher Weg“, resümiert Vermes, der vom „charismatischen Judentum“ Jesu zu den Konzilien von Nicaea und Konstantinopel führt, auf denen im 4. Jahrhundert die christlichen Glaubensbekenntnisse formuliert wurden.  Ein wenig mokant weist der Forscher auf den Wandel der Dogmatik im Laufe der Jahrhunderte hin: Jesu Zeitgenossen hätten in den Glaubensbekenntnissen des 4. Jahrhunderts eine Ketzerei gesehen. Aber auch auf den Wandel der Frömmigkeitsformen: „Intellektuelle Zustimmung zum Dogma gewann den Vorrang vor der Offenheit des Herzens für das Charisma, wozu der historische Jesus aufgefordert hatte.“

Ignaz Günther: Verkündi-
gungsgruppe in der Stifts-
kirche Weyarn, um 1755
Bild: Rollroboter/Wikipedia


Vermes‘ Buch schließt mit einem Goethe-Zitat: „Jesus fühlte rein und dachte nur den Einen Gott im Stillen; wer ihn selbst zum Gotte machte, kränkte seinen heil‘gen Willen.“ Man darf unterstellen, dass der Religionshistoriker Vermes mit den Versen des Dichters ein persönliches Glaubensbekenntnis ablegen wollte. Ein Bekenntnis zum Judentum, in dem der Mensch Jesus, nach allem, was wir heute wissen, vor 2.000 Jahren seinen selbstverständlichen Platz hatte. Eine Seite zuvor empfiehlt der Forscher dem Christentum sogar „eine neue Reformation, die sich voller Inbrunst der reinen religiösen Vision und dem Enthusiasmus Jesu zuwendet“, „nicht der vergöttlichenden Botschaft, die Paulus, Johannes und die Kirche mit ihm verknüpft haben“. Man kann allerdings fragen, ob diese Religion der Zukunft noch sinnvoll als „Christentum“ zu bezeichnen wäre.


Neu auf dem Büchermarkt:

Geza Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas, aus dem Englischen von Claus-Jürgen Thornton, Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, Berlin 2016, 384 S., ISBN 978-3-458-71040-0, 34,00 € [D], 35,00 € [A], 45,90 CHF


Mehr im Internet:

Dogma - Wikipedia
Geza Vermes: Vom Jesus der Geschichte zum Christus des Dogmas
scienzz artikel Jesus von Nazareth

 

 

 

 

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