Berlin, den 17.10.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

19.03.2017 - KULTURGESCHICHTE

Fuer die Wahrheit Zeugnis ablegen

Das Phaenomen Zeugenschaft in Jurisprudenz und Religion, Bildender Kunst und Geschichtskultur

von Josef Tutsch

 
 

Der Evangelist Johannes
verweist auf das Kreuz:
Isenheimer Alter, 1516,
von Matthias Grünewald
Bild: Wikipedia

In der Juristenausbildung ist es ein ebenso schlichtes wie beliebtes Experiment: Die Nachwuchskandidaten sollen sich ans Fenster stellen und auf die Straße blicken. Nachher dürfen sie „bezeugen“, was sie gesehen haben. Heraus kommen dabei völlig verschiedene Schilderungen dessen, was sich dort zugetragen hat. Wie mag das erst sein, wenn wir einen Vorgang bloß zufällig und beiläufig mitbekommen haben?

„Als Zeuge ist der Mensch eine ‚Fehlkonstruktion‘“, zitiert der Bielefelder Strafrechtswissenschaftler Stephan Barton ein Lehrbuch zur „Tatsachenfeststellung vor Gericht“. Barton selbst drückt es etwas weniger lapidar aus: Der Richter darf sich bei Zeugenaussagen auf gar nichts verlassen - außer auf die beiden Grundsätze „Lüge ist nicht ausgeschlossen“ und „Irren ist menschlich“. Seit einigen Jahren arbeitet bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Projekt „Zeugenschaft“; eine Auswahl der Beiträge ist jetzt als Sammelband erschienen.

Doch so fragwürdig Zeugenaussagen als Grundlage der Urteilsfindung auch immer sind – in merkwürdigem Widerspruch hierzu, stellen die Mitarbeiter des Forschungsprojekt gleich in der Einleitung des Sammelbands fest, hat das Phänomen der „Zeugenschaft“ in der westlichen Kultur der Gegenwart einen zentralen Stellenwert eingenommen; für das 20. Jahrhundert hat man sogar von einer „Ära des Zeugen“ gesprochen. Für Deutschland steht dahinter natürlich die Erinnerung an den Holocaust. Akten und Dokumente sind zwar wichtig, um außer Zweifel zu stellen, dass es den Massenmord wirklich gegeben hat. Aber sie können das Ungeheuerliche nicht derart gegenwärtig machen, wie es das „bezeugende“ Erzählen von Überlebenden vermag.

In dieser Hinsicht, stellen die Berliner Literaturwissenschaftlerin Aurélia Kalisky und der Hannoveraner Philosoph Burkhard Liebsch einhellig fest, steht die Ermordung der europäischen Juden auch nicht isoliert da: Vom Völkermord an den Armeniern bis zum Archipel Gulag, von den Untaten der Roten Khmer in Kambodscha bis zu den Militärdiktaturen Lateinamerikas vermögen es Zeugenaussagen, über die „historiographisch möglichst gut abgesicherte Erkenntnis von Sachverhalten und Tatsachen“ hinaus deren „menschliche Bedeutung“ klar zu machen.

Da wäre es, vermerkt der Greifswalde Theologe Hennig Theissen, zweifellos verführerisch, im „Blutzeugen“, im „Märtyrer“, den Zeugen schlechthin zu sehen. Doch das wäre selbst für den religiösen Bereich ein Missverständnis, stellt der Greifswalder Theologe Henning Theissen fest. Im Urchristentum meinte das Wort „martys“ zunächst einen Zeugen der österlichen Auferweckung Jesu. Im Hebräerbrief ist von einer „Wolke von Zeugen“ die Rede, denen der Auferstandene begegnete. Sekundär konnte das Wort dann auch vom Leben und Leiden Jesu gebraucht werden, etwa im Bericht des Johannesevangeliums von der Kreuzigung: „Der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubet.“

Dass sich der Begriff „Märtyrer“ in den folgenden Jahrhunderten vom Augenzeugen zur uns heute so selbstverständlichen Bedeutung „Blutzeuge“ wandelte, hatte mit der historischen Situation zu tun, schreibt Theissen. Der Versuch der römischen Behörden, den Kaiserkult verbindlich durchzusetzen, drängte die Christen in die Rolle von Angeklagten; sie hatten ihren Glauben mit dem Leben zu „bezeugen“. Ein Rest von dieser „existentiellen Beteiligung“ ist im modernen Prozessrecht geblieben, wie vor allem die religiöse Eidesformel deutlich macht: „so wahr mir Gott helfe“. Durch ein falsches Zeugnis würde der Zeuge sich selbst zum Angeklagten machen, vor dem weltlichen Gericht und ebenso auch vor Gott.

Beim Dora-Prozess in Dachau, 1947, identi-
fiziert ein Zeuge den ehemaligen Lagerarzt
Bild: USHMM/Wikpedia


Lieber als auf Zeugenaussagen verlassen sich Richter von heute allerdings auf Sachbeweise, sogenannte „Sachzeugnisse“. Zeugen können nicht nur lügen – Barton führt eine polizeiliche Statistik an, die für Deutschland im Jahr 2015 4.868 uneidliche Falschaussagen und 166 Meineide aufführt, Dunkelziffer unbekannt. Ihre Sinne sind, wie es die Berliner Philosophin Sibylle Krämer ausdrückt, auch in hohem Maße „irrtumsanfällig“. Oft, ergänzt der Historiker Benoit Garnot von der Université de Bourgogne in Dijon, waren Zeugen bei einer Straftat nicht bloß passiv anwesend, sondern irgendwie beteiligt und versuchen, ihre Beteiligung herunterzuspielen. Sie stehen dem Angeklagten vielleicht freundlich oder auch weniger freundlich gegenüber. In der Regel wissen oder ahnen sie auch, wie ihre Einlassungen beim Richter ankommen werden, und können sich also darauf einstellen.

Neben den „klassischen“ Indizien setzen sich seit dem 19. Jahrhundert mehr und mehr auch Sachverständigengutachten anstelle von Zeugenbeweisen durch. Ob diese Gutachten nun mit Sicherheiten von 1:1.000.000 wie bei DNA-Analysen daherkommen oder bloß mit der angeblich überragenden wissenschaftlichen Autorität ihrer Verfasser – Zeugenaussagen können da schwer mithalten, selbst wenn man voraussetzen würde, dass sie „nach bestem Wissen und Gewissen“ abgegeben wurden. So selbstverständlich, wie man meinen möchte, ist die Suche des Richters nach einer objektiven Wahrheit ohnehin nicht, betont Barton, dieses Verfahren ist historisch gewachsen. Der Strafrechtler erinnert an ältere Prozessformen, die in einem Gottesurteil münden konnten.

Oder in einem „Reinigungseid“ des Angeklagten: Ohne dass der Richter eine materielle Wahrheit hätte ausforschen müssen, trat der Angeklagte sozusagen als sein eigener Zeuge auf. Durch den Eid – oder durch den Einsatz seines Lebens im Zweikampf - autorisierte er seine Aussage vor Gott. Garnot macht auch darauf aufmerksam, dass Zeugen im Mittelalter vor Gericht weniger die Wahrheit eines Vorgangs aussagen als vielmehr für die Sittlichkeit oder Glaubwürdigkeit des Beklagten eintreten sollten. Dagegen hatte der griechische Philosoph Aristoteles bereits zwischen natürlichen Spuren (wir würden sagen: Indizien) und dem Zeugnis von Personen unterschieden – und festgestellt, dass Personen sich irren können.

Soweit es um Wahrheiten als Sachverhalte geht, sind Zeugenaussagen den Sachbeweisen zweifellos unterlegen. Der Philosoph Sören Kierkegaard hat jedoch an der Passionsgeschichte des Johannesevangeliums klargestellt, dass es da auch eine ganz andere Perspektive geben kann. „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen“, sagt Jesus zu Pilatus, „dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Christus spricht die Wahrheit nicht aus, sondern zeugt von ihr, erläutert Sibylle Krämer – eine Wahrheit, die jemand „ist“, während Pilatus, wie seine verständnislose Frage „Was ist Wahrheit?“ zeigt, nur äußere Sachverhalte kennt. Die Stellung des Holocaust in der historischen Erinnerungskultur von heute bestätigt diesen Gedanken: Mit die bewegendsten Zeugnisse aus der nationalsozialistischen Terrorherrschaft stammen von dem Lyriker Paul Celan. Doch es ist von vornherein klar, dass man auf seine Verse kein juristisches Verfahren stützen könnte.

Ein Entweder-Oder? Eher „zwei Seiten einer Verbindung“, antwortet Krämer, „deren jede nicht ohne die andere sein kann und doch mit dieser in Konflikt gerät“. Eine nach heutigem Verständnis recht merkwürdige Verbindung von sachlichem Zeugnis und persönlicher Zeugenschaft hat die Salzburger Kunsthistorikerin Heike Schlie in der Reliquiensammlung des sächsischen Kurfürsten Friedrichs des Weisen in Wittenberg, Anfang des 16. Jahrhunderts, gefunden: Die Blutzeugenschaft der Märtyrer transformierte sich zu einer Kraft der Reliquien, Wunder zu wirken.

Charles Wilson Peale: The Artist in
His Museum, 1822 - Bild: Pennsyl-
vania Academy of Fine Arts


Auch die religiöse Wahrheit bedarf einer Bezeugung im kulturellen Traditionszusammenhang, so sah es bereits der Kirchenvater Augustinus, als er schrieb: „Ich würde nicht einmal dem Evangelium trauen, wenn mich die Autorität der Kirche nicht dazu bewegen würde.“ Auf mittelalterlichen Gemälden, schreibt die Berliner Kunsthistorikerin Claudia Blümle, zum Beispiel in Hugo von der Goes‘ „Anbetung der Hirten“, 1480, sind im Vordergrund manchmal Personen dargestellt, die einen Vorhang beiseite schieben, damit der Betrachter die biblische Szene im Hintergrund sehen kann. Man kann sie als Propheten oder auch als Evangelisten und Apostel deuten. In Albrecht Dürers „Marter der Zehntausend“, 1508, ist es der Künstler selbst, der gemeinsam mit einem Freund als „Zeuge“ des Geschehens auftritt.

Eine Bildtradition, die sich im Zeitalter der Säkularisierung fortgesetzt hat. 1822 porträtierte sich der Maler Charles Willson Peale mit einem gelüpftem Vorhang in dem Kunst-  und Naturmuseum Philadelphia, das er selbst einige Jahrzehnte zuvor begründet hatte. Im Gemälde, schreibt Blümle, ist der „Prozess des Zeigens“ abgebildet – und damit auch der Künstler selbst, der dem Publikum eine Welt auftut. Ohne solche „Zeugen“ geht es nicht; beinahe möchte man meinen, Peale hätte Immanuel Kants „Logik-Vorlesung“ gekannt. Darin vermerkte Kant, dass „wir nicht alles selbst erfahren können“. Sonst würden wir „keine größeren Erkenntnisse haben, als höchstens des Ortes, wo wir leben, und der Zeit, in der wir leben“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Über Zeugen. Szenarien von Zeugenschaft und ihre Akteure, herausgegeben von Matthias Däumer, Aurélia Kalisky und Heike Schlie, Wilhelm Fink, Paderborn 2017, 304 S., Paderborn 2017, ISBN 978-3-7705-5732-5, 29,90 €



Mehr im Internet:

Zeugen - Wikipedia
Über Zeugen. Szenarien von Zeugenschaft und ihre Akteure
scienzz artikel Recht

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet