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10.01.2005 - GESCHICHTE

Kaiser, Gott und Sterne

"Was gut und wahr ist" -
Der Christenverfolger Diokletian als Lehrer des Abendlandes

von Josef Tutsch

 
 

Atlas mit Himmelsglobus
(1. Jh., Archäologisches
Nationalmuseum Neapel)

Zum 4. Jahrhundert nach Christus hat der englische Historiker Edward Gibbons seinen Nachfolgern ein anspruchsvolles Forschungsprogramm gestellt: "Der Sturz des Heidentums zur Zeit des Kaisers Theodosius ist vielleicht das einzige Beispiel der gänzlichen Ausrottung eines alten Volksglaubens und kann daher als ein in seiner Art einziges Ereignis in der Geistesgeschichte der Menschheit betrachtet werden." In den 200 Jahren seit Gibbons hat die Geschichtswissenschaft viele Faktoren in der Spätantike herausgestellt, die 390 zur Alleinherrschaft des Christentums geführt haben, und immer noch kommen neue Mosaiksteine hinzu. Auch Kaiser Diokletian, der berüchtigtste aller Christenverfolger, fast 100 Jahre vor Theodosius, hatte sein Teil an dieser Entwicklung, wie die Züricher Rechtswissenschaftlerin Marie Theres Fögen herausgefunden hat: Im Jahre 294 verbot er die Astrologie.

Im Verständnis der Zeit war die Astrologie nicht einfach Aberglaube, sondern eine Wissenschaft, von der Astronomie kaum zu unterscheiden, wenngleich mancher Intellektuelle den Sternenglauben bespöttelte. "Welch einen unglaublichen Irrsinn vertreten die Astrologen", hatte bereits Cicero gespöttelt. Was das Verbot mit dem Christentum - seiner Verfolgung oder Duldung oder Verbindlichmachung - zu tun haben soll, ist nicht ohne weiteres einzusehen. Fögen: "Zum ersten Mal wurde gesetzlich angeordnet, was Untertanen lehren und lernen durften und was nicht." Diokletians große Christenverfolgung von 303 war Teil eines umfassenden Herrschaftsprogramms: Verfolgt wurden auch die Manichäer, eine mit dem Christentum konkurrierende Religion unter persischem Einfluss, und eben die Astrologen.

Diokletians Begründung: "Die unsterblichen Götter geruhten, aufgrund ihrer Vorsehung zu bestimmen und anzuordnen, was gut und wahr ist." Was den Göttern recht war, durfte dem göttlichen Kaiser billig sein. Der Herrscher beanspruchte - erstmals in der europäischen Geschichte - das Recht, autoritativ festzustellen, was gut und wahr sein sollte. Früheren römischen Herrschern war der Gedanke, im Reich des Glaubens zu regieren, fremd. Zwar kam es bereits vor Diokletian gelegentlich zu Maßnahmen gegen Sterndeuter; aber dabei ging es, wie Fögen darstellt, um nackte Interessen, nicht um Recht und schon gar nicht um Weltanschauung. Zum Beispiel Tiberius nach dem Bericht des Tacitus: "Beunruhigend war für den Kaiser, dass andere Menschen durch Astrologen oder Traumdeuter mehr wissen könnten als er selbst."

Kaiser Diokletaian (294-305)
Bild: Wikpeidia
Private Kunden spielten also mit ihrem Leben, wenn sie sich dem Verdacht aussetzten, durch die Sterne etwas über Politik erfahren zu wollen: Am Hof dagegen waren die Sternkundigen selbstverständlich akzeptiert. Der Historiker Cassius Dio über Kaiser Vespasian: "Die Astrologen verbannte er aus Rom, obwohl er selbst sich all ihrer besten Vertreter bediente." Erst Diokletian machte diese Kunst oder Wissenschaft zu einer Frage von Recht und Unrecht, und seine christlichen Nachfolger setzten die Linie fort. 80 Jahre später wurde die Astrologie als "verbotener Irrtum" gebrandmarkt - eine Zusammensetzung, die früheren Juristen grotesk vorgekommen wäre; "Irrtum" meinte, dass zwei Vertragspartner sich - eben "irrtümlich" - über den Inhalt ihrer Vereinbarung nicht einig waren.

Bald verfielen nicht nur die Astrologen dem kaiserlichen Verdikt. 357 belegte Constantius - Sohn Konstantins des Großen und Christ - die Zukunftsdeuter jedweder Art sowie die Magier und auch die altrömischen Opferpriester mit der Todesstrafe. Begründung: "Die Neugier all dieser Menschen auf die Wahrsagung soll endgültig schweigen." Sogar bei dem heidnischen Historker Ammian, dessen "Römische Geschichte" wenige Jahre später erschienen ist, hat Fögen eine "intellektuelle" Verteidigung dieser Position gefunden. Ammian hält solche Zukunftsdeutungen zwar durchaus für zuverlässig, akzeptiert jedoch, dass der Gebrauch dieser Künste, sobald er das Kaiserhaus tangiert, als Majestätsdelikt mit aller Schärfe des Gesetzes verfolgt wird.

Neugier, "curiositas": In der juristischen Sprache war dieser Terminus zuvor bloß gebraucht worden, um die Wachsamkeit und Sorgfalt zu kennzeichnen, mit der jemand die für ein Rechtsgeschäft relevanten Tatsachen zu prüfen hatte. Für christliche Theologen dagegen war Neugier der Inbegriff der verabscheuten heidnischen Kultur. Tertullian Anfang des 3. Jahrhunderts: "Wir bedürfen seit Jesus Christus nicht mehr der Neugierde und mit dem Evangelium nicht mehr des Forschens." Diese Front gegen die Neugier war nicht die einzige Parallele zwischen christlicher Theologie und kaiserlicher Politik. Auch der christliche Monotheismus konnte ein politisch attraktives Konzept abgeben, wie der Theologe Lactanz unumwunden ausführte: "Um die Welt zu regieren, ist die vollendete Macht eines einzigen besser geeignet als die Schwäche der vielen."

Kaiser Theodosius (379-395)
Bild: Wikipedia
 
Der einzige Gott und der einzige Kaiser konnten ineinander fließen. Die himmlischen Widersacher hatte die Theologie zu "Dämonen", zu gefallenen Engeln erklärt; die irdischen Konkurrenten des Kaisers wurden nunmehr, ganz passend, zu "Magiern". Oder - diese Ausdrücke tauchen nun erstmals in der juristischen Sprache auf - zu "Fremden in der menschlichen Ordnung" und "Feinden des Menschengeschlechts". Das ist beinahe ein Zitat von Laktanz, der gegen Diokletian argumentiert hatte, die wahren Feinde des Menschengeschlechts seien nicht die Christen, sondern vielmehr die Dämonen, der Teufel selbst.

Das positive Gegenbild findet sich in dem berühmten Edikt des Thedosius von 390, das Gibbon so viel Erstaunen abnötigte: "Wir wollen, dass alle Völkerschaften, die die maßvolle Herrschaft unserer kaiserlichen Gnade regiert, an der Religion in der Version teilnehmen, wie sie der heilige Apostel Petrus den Römern überliefert hat ... das heißt, wir glauben gemäß der apostolischen Lehre und der evangelischen Doktrin ..." "Das erste in ein Gesetz gefasste Glaubensbekenntnis", wie Fögen feststellt: Jede Abweichung, ob Heidentum oder Ketzerei, galt für Jahrhunderte als Irrtum, verbotener Irrtum.


Auf dem Büchermarkt:
Marie Theres Fögen: Die Enteignung der Wahrsager. Studien zum kaiserlichen Wissensmonopol in der Spätantike,
erschienen als suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1316


Mehr im Internet:
scienzz artikel Religion in der Antike


 


 


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation.

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