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18.04.2017 - ZEITGESCHICHTE

"Da jitt et nix zu kriesche"

Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer

von Josef Tutsch

 
 

Konrad Adenauer, 1952,
Portrait von Katherine
Young - Bild: Wikipedia

Was hatten Konrad Adenauer und Wolfgang Amadeus Mozart, Giacomo Casanova und Schah Reza Pahlavi gemeinsam? Sie hätten zu Pferd in eine Kirche einreiten dürfen. Dieses Privileg gehört zu den Rechten, die mit dem päpstlichen Orden „Ritter vom Goldenen Sporn“ verbunden sind. Adenauer erhielt den Titel 1955 von Papst Pius XII.

Eine der vielen Dutzend Ehrungen, die dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland im Laufe seines langen Lebens zuteil wurden, vom Eisernen Kreuz des Königreichs Preußen bis zum japanischen Orden der aufgehenden Sonne, von der Ritterwürde des Souveränen Malteserordens bis zur französischen Ehrenlegion. Und im Gedächtnis der Nachwelt, nach seinem Tod, setzte sich die Reihe fort. Als das ZDF 2003, mehr als ein Dritteljahrhundert nach Adenauers Tod am 19. April 1967, eine Fernsehshow zum Thema „Die größten Deutschen“ veranstaltete, wurde er in einer Umfrage, freilich ohne Anspruch auf Repräsentativität, auf Platz 1 gewählt, vor Martin Luther und Karl Marx. Auf Platz 5 landete sein Nachfolger Willy Brandt, der für die Zeitgenossen doch viel gegenwärtiger sein musste, erst auf Platz 8 Otto von Bismarck, der erste Reichskanzler. 

Die ZDF-Umfrage spiegelte den Wandel Deutschlands seit dem 19. Jahrhundert: Die Bundesrepublik mit ihrer freiheitlichen Verfassung und ihrer Einbindung in das gemeinsame Europa hatte Bismarcks Deutsches Reich abgelöst, und das war nicht zuletzt das Werk Adenauers. Doch es gab und gibt auch die Gegenrechnung. 1981 drehte die Regisseurin Margarethe von Trotta ihren Film „Die bleierne Zeit“. Der Titel war ein Zitat von Friedrich Hölderlin. Der Dichter hatte in dieses Bild all das gefasst, was ihm an der Kultur seiner Gegenwart lebensfeindlich erschien: „Eng schließet der Himmel uns ein“, „leer ruht von Gesange die Luft“, „trüb ist‘s heut‘, es schlummern die Gäng‘ und die Gassen.“ Trotta münzte die Formulierung zur Metapher für die „Adenauerära“ um, für ihre Empfindung, „in den Fünfzigern wie unter einem bleiernen Himmel gelebt zu haben, unter einer Bleikappe des Schweigens“. Was „beschwiegen“ wurde, waren die „Tausend Jahre“ von 1933 bis 1945. „Man spürte, da war etwas in der Vergangenheit, im Krieg, aber wir wurden darüber nicht aufgeklärt“, sagte Trotta später in einem Interview. „Aus diesem Unwissen wollten wir ausbrechen.“

„Wir“: jene Generation, die dann als die „68er“ bezeichnet wurde. Im April 1967 war von diesem Unbehagen in der breiten Öffentlichkeit noch wenig zu spüren. Aber von den Hunderttausenden, die am Rheinufer standen, als ein Schnellbootgeschwader der Bundesmarine Adenauers Sarg vom Staatsakt im Kölner Dom zum Friedhof in Rhöndorf überführte, wird mancher geahnt haben, dass gerade eine Ära zu Ende ging. Im Dezember 1966 hatte in Bonn eine Große Koalition von CDU/CSU und SPD die Regierung übernommen, unter Adenauers Beifall. Von einer Beteiligung der SPD erhoffte sich der Ex-Kanzler das, was dann tatsächlich auch eintrat: eine neue Ostpolitik. Der Realpolitiker Adenauer sah in aller Klarheit, dass die Bundesrepublik Deutschland ihr Verhältnis zu den osteuropäischen Nachbarn bereinigen musste, wenn sie außenpolitisch Handlungsfreiheit gewinnen wollte.

Sechs Wochen nach Adenauers Begräbnis fand in Berlin der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Besuch des iranischen Schahs den Tod. Und damit hatte die „Studentenrevolte“ ihr Fanal. Weniger der verstorbene Bundeskanzler selbst, aber doch die Ära und der Staat, die mit seinem Namen verknüpft waren, wurden zum Hassobjekt. Der Slogan „Keine Experimente!“, mit dem Adenauer 1957 die Bundestagswahl gewonnen hatte, stand für eine Politik der Ängstlichkeit: Jene, die in Bonn an den Schalthebeln der Macht saßen, scheuten alles Neue, Unerprobte, was die gerade erreichte Stabilität – mit Frieden, mit ein wenig Wohlstand, auch mit Ansätzen für sozialen Ausgleich – hätte gefährden können. Der Wertewandel, vor allem in der Haltung zur Sexualität und zur Religion, ließ das konservative Klima in Nachkriegsdeutschland mehr und mehr als repressiv erscheinen.

Trauerfeier 25. April 1967 in Köln
Bild: Ludwig Wegmann/Wikipedia


Und zweifellos, Adenauer, dessen Namen für das ganze „System“ stand, war ein Konservativer, manche nannten ihn sogar einen „Klerikalen“ - dass auch der Heilige Stuhl ihm Orden verlieh, bekräftigte den Eindruck. Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein verband diesen Vorwurf in seinem bösen Wort vom „klerikalen Rheinbund“ umstandslos mit dem anderen: dass Adenauer die deutsche Politik willfährig den Wünschen der mächtigeren Partner im Westen unterordne. Adenauer könne „zu seiner Entlastung darauf pochen, dass er immer getan hat, was Amerikaner und Franzosen wollten“. Die sozialdemokratische Opposition im Bundestag schlug in dieselbe Kerbe. „Sie sind der Bundeskanzler der Alliierten!“, rief Kurt Schumacher erregt, als 1949 das Petersberger Abkommen auf der Tagesordnung stand, die Regelung der Kompetenzen zwischen der neu entstandenen Bundesrepublik Deutschland und den westlichen Besatzungsmächten.

Anders als Teilen seiner eigenen Partei wird Adenauer diese Abkehr von der antiwestlichen Tradition deutscher Politik gar nicht so schwer gefallen sein. Zur deutschen Vormacht Preußen pflegte er seit jeher ein distanziertes Verhältnis, Anfang der 20er Jahre liebäugelte er ganz offen mit der Idee, als neuen Gliedstaat im Deutschen Reich eine „Rheinische Republik“ zu konstituieren. Die Anekdote erzählt, wenn er als Oberbürgermeister von Köln mit der Eisenbahn nach Berlin fuhr, wo er das Amt eines Präsidenten im Preußischen Staatsrat ausübte, habe er spätestens an der Elbe immer die Vorhänge zugezogen. Dass 1949 Bonn Bundeshauptstadt werden konnte, kam ihm, der im nahe gelegenen Rhöndorf sein Haus gebaut hatte, nicht nur persönlich zupass. Er sah darin auch ein Symbol für die Orientierung des neuen deutschen Staates nach Westen.

Und vor allem für die Nähe zu Frankreich. Augsteins Wort vom Rheinbund traf, bei aller Boshaftigkeit, etwas Richtiges, eine tiefe emotionale und kulturelle Verbundenheit mit dem westlichen Nachbarn, über die Konfrontation in allen Kriegen hinweg. Das Verhältnis des Bundeskanzlers zu den Staaten Osteuropas dagegen war vielmehr rational bestimmt. In Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit bleibt bis heute umstritten, ob die Bundesrepublik und die Westmächte nicht eine historische Chance verstreichen ließen, als sie 1952 Stalins Angebot zu einer Wiedervereinigung Deutschlands im Zeichen einer Neutralität zwischen Ost und West kühl zurückwiesen. In Adenauers Sicht hätte ein neutrales Deutschland die Vormacht der Sowjetunion über den europäischen Kontinent zementiert.

Da gingen zwei Formen von Misstrauen zusammen: das außenpolitische gegenüber der Sowjetunion und das innenpolitische gegen all das, was ein Konservativer wie Adenauer mit dem Wort „Kommunismus“ verbinden musste. Die 68er Generation hat andere Prioritäten gesetzt. Wenn man so will, wurden die Grenzsteine „verrückt“ - statt der Entgegensetzung „totalitär“-„antitotalitär“ ging es nun um „kapitalistisch“-„antikapitalistisch“, mit fließendem Übergang zwischen Kapitalismus und Faschismus. Die Bundesrepublik Deutschland, die Adenauers wie die seiner Nachfolger, wurde gleichermaßen wie das Dritte Reich zu einer Variante kapitalistischer Herrschaft, vielleicht nicht gerade faschistisch, aber doch „faschistoid“. 

Nicht dass man Adenauer selbst hätte nachsagen können, er hätte sich im Dritten Reich mitschuldig gemacht. Nach dem Krieg versuchte er auch in keiner Weise, die Verbrechen zu beschönigen. „Das deutsche Volk, auch Bischöfe und Klerus zum großen Teil, sind auf die nationalsozialistische Agitation eingegangen“, schrieb er in einem Brief 1946. „Es hat sich fast widerstandslos, ja zum Teil mit Begeisterung gleichschalten lassen. Darin liegt seine Schuld.“ Doch als Bundeskanzler machte er sich und „seinen“ Staat angreifbar, indem er eine ganze Reihe ehemaliger Nazis in sein Regierungspersonal aufnahm, wenn er meinte, sie seien für diese Aufgabe geeignet. „Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein sauberes hat“, rechtfertigte sich Adenauer. Oder: „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind. Andere gibt es nicht.“

T
Thema "Studentenprotest" im Haus der
Geschichte in Bonn
Bild: Holger Ellgaard/Wikipedia


Es lässt sich nicht leugnen, er hatte – und das verband ihn mit einem großen Teil der deutschen Öffentlichkeit damals - keinen Sinn für „Vergangenheitsbewältigung“. „Wenn wir damit anfangen, weiß man nicht, wo es aufhört“, kommentierte Adenauer 1952 einmal das, was er die „Naziriecherei“ nannte. So begann eine strafrechtliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen durch deutsche Gerichte in größerem Umfang denn auch erst 1963. Der Unterton in Adenauers Worten lässt seine Beweggründe ahnen: Er fürchtete um die Stabilität der jungen Bundesrepublik Deutschland. Wenn man auf die Wahlerfolge der „Sozialistischen Reichspartei“ Anfang der 50er Jahre blickt, nicht ganz ohne Grund. Niemand damals hätte voraussagen können, ob die neue deutsche Demokratie länger halten würde als die Weimarer Republik.

Es war, mit Trottas Filmtitel zu sprechen, eine „bleierne Zeit“. Die heftige Wendung, die kurz nach Adenauers Tod folgte, lässt sich aber auch in ganz anderer Weise sehen. Eigentlich, meinte der Philosoph Odo Marquard einmal leicht mokant, ging es den 68ern doch darum, jenen Widerstand zu leisten, den die ältere Generation im Dritten Reich versäumt hatte. Nun wurde der Ungehorsam nachgeholt, nur leider als Protest gegen etwas Anderes, Gewandeltes, gegen „demokratische, liberale, bewahrenswerte Verhältnisse“. Ob Marquard dieses Wort „bewahrenswert“, ohne jede Einschränkung, heute wiederholen würde? Trotta bekannte 2007 selbstkritisch: „Vieles, was wir damals gedacht haben, kann ich heute kaum noch nachvollziehen. Wir waren in manchem verblendet.“

Die vormals so harten Fronten in der Bewertung der Adenauerära haben sich längst abgeschliffen. Den Anfang machte bereits 1967 Rudolf Augstein, als er sich kurz vor Adenauers Tod zu einem Besuch in Rhöndorf einfand. Viereinhalb Jahre zuvor hatte Adenauer ihm während der „Spiegel“-Affaire „einen Abgrund an Landesverrat“ vorgehalten. Der „Alte“ neigte manchmal zu dramatischen Worten, während er sich innerlich wohl ein großes Maß an Gelassenheit bewahrte. Bevor er starb, soll er zu seiner Tochter, die in Tränen ausgebrochen war, als letzte Worte gesagt haben: „Da jitt et nix zu kriesche.“


Mehr im Internet:

Konrad Adenauer - Wikipedia
scienzz artikel Deutsche Geschichte

 

 

 

 

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