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03.04.2017 - FILMKUNST

"Es war einmal" liegt in der Zukunft

Science Fiction - Traeume und Alptraeume von moeglichen Welten

von Josef Tutsch

 
 

Alien aus dem Film "Alien vs. Pre-
dator", 2004 - Bild: Urko Dorron-
soro/Flickr/'Wikipedia

„Es war einmal“, beginnen alle Märchen, „es war einmal ...“ Was ändert sich eigentlich, wenn wir einen halben Satz später erfahren, dass die Geschichte „in einer weit, weit entfernten Galaxie“ spielt, in einem hochtechnisierten Sternenreich von phantastischen Dimensionen in Raum und Zeit? Der strahlende Held rettet die wunderschöne Prinzessin aus der Gewalt des bösen Herrschers, er wird dabei von einem dunklen Ritter bekämpft, der sich dem Bösen ergeben hat – der Plot von „Krieg der Sterne“ unterscheidet sich kaum von dem, was uns „in alten maeren wunders vil geseit“ ist.

Eins hat sich bei diesen modernen Märchen und Sagen aber doch geändert: Ihr „Es war einmal“ liegt in der Zukunft. Und das ist keine bloße Äußerlichkeit, es zeigt ein radikal verändertes Verhältnis zur Welt und zur Geschichte an. „Invasion der Zukunft“ hat der deutsch-schweizerische Publizist Hans-Peter von Peschke seine Studie über die „Welten der Science-Fiction“ überschrieben. Der Zeitpunkt dieser Invasion lässt sich sogar recht genau datieren: Mitte des 18. Jahrhunderts. Der englische Schriftsteller Thomas More hatte seine Insel „Utopia“ 1516 noch in den fernen Weltmeeren lokalisiert. 1771 beschrieb sein französischer „Schüler“ Louis-Sébastien Mercier in seinem Roman „Das Jahr 2440: ein Traum aller Träume“ eine Reise aus dem Paris der Jahres 1769 in die Welt fast ein halbes Jahrtausend später.

Der Aufklärer interessierte sich vor allem für die sozialen Veränderungen in dieser Zeit, die er seinen Helden verschlafen ließ, und er betrachtete die Entwicklung recht optimistisch. Die sozialistischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts sind ihm darin gefolgt, Peschke nennt als Beispiele den Briten Robert Owen und den Franzosen Étienne Cabet. 1954 gab Ernst Bloch mit seinem monumentalen Werk „Das Prinzip Hoffnung“ diesem Optimismus die philosophische Weihe. „Bis 1939“, hat Peschke beobachtet, „überwogen in den Zukunftsromanen die Utopien, die vom Fortschrittsglauben getragen waren.“

Was die naturwissenschaftlich-technische Seite des  Fortschritts betrifft, mag „bis 1939“ sogar richtig sein. Ansonsten freilich beherrschten bereits im 19. Jahrhundert neben den Hoffnungen auch die Ängste das Bild. In H. G. Wells‘ Roman „Die Zeitmaschine“, 1895, findet der Erzähler auf seiner Reise in die Zukunft eine Erde mit glücklich und friedlich dahinlebenden Menschen vor, sie brauchen nicht einmal zu arbeiten. Leider stellt sich heraus, dass sie den anderen Menschen, denen unter der Erdoberfläche, als Schlachtvieh dienen. In „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley, 1932, wird eine Welt ohne Hunger und ohne Krankheit und ohne Krieg geschildert. Aber es ist eben auch eine Welt ohne Gefühle, die dem Kontrollapparat Schwierigkeiten machen könnten, und ohne kritisches Denken.

Meinte der Autor das als totalitären Albtraum, wie er selbst seinen Roman dreißig Jahre später interpretierte? 1998 äußerte Michel Houellebecq in seinem Roman „Elementarteilchen“ den bösartigen Gedanken, der junge Huxley habe vielleicht doch eher ein Paradies schildern wollen. Der Gedanke, dass erst die Erfahrung mit den totalitären Diktaturen die Wahrnehmung geschärft haben könnte, liegt durchaus nahe. 1948 veröffentlichte George Orwell den „klassischen“ Roman des Unterdrückungsstaates, „1984“. Fünf Jahre später folgte Ray Bradbury mit seiner Erzählung „Fahrenheit 451“: In der Gesellschaft der Zukunft könnte, inmitten der allgegenwärtigen Fernsehkultur, das gute alte Buch eine – immer bedrohte – Insel widerständigen Denkens bilden.

Illustration zu Wells' Roman "Krieg
der Welten", von Alvim Corrêa, 1906
Bild: Wikipedia


À propos Buch: Erfolge auf dem Büchermarkt lassen sich am ehesten dann erzielen, wenn das Interesse der Öffentlichkeit durch die konkurrierenden Medien bereits geweckt ist, stellt Peschke fest. „‘Leitkultur‘ für die Entwicklung der Science Fiction im 21. Jahrhundert sind Filme und Fernsehserien.“ Der Autor berichtet von einer Schätzung, dass mehr als zwei Drittel aller Fernsehkonsumenten „sehr gern“ oder „gelegentlich“ Science-Fiction- und Fantasy-Filme (beide Kategorien werden oft zusammen genommen) anschauen. Was erwarten sie von der Science Fiction eigentlich? Offenbar doch Phantasien von einer ganz andersartigen Welt, wie sie vielleicht aber sein könnte, in Zukunft womöglich sogar sein wird.

Und da ist das Wunder, am besten das von Menschen gemachte Wunder, eben der Phantasie liebstes Kind. Ob der technische Fortschritt allerdings immer zu wünschenswerten Resultaten führt … Spätestens seit Mary Shelleys „Frankenstein“-Roman, 1818, ist die Literatur voll von den „mad scientists“. 1964 trieb Stanley Kubrick den Gedanken auf die Spitze: Sein „Dr. Seltsam“ (oder „Dr. Strangelove“, wie er im amerikanischen Original heißt) löst „just for fun“ einen Atomkrieg aus. Es gibt die verrückten Wissenschaftler aber auch in liebenswerter Variante, bloß ein bisschen schrullig, wie Daniel Düsentrieb in Walt Disneys Comics aus Entenhausen.

In der Medienwissenschaft, berichtet Peschke, wird gern zwischen „Hard-SF“ und „Soft-SF“ unterschieden. „Als ‚harte‘ Themen gelten solche, die sich aus den Naturwissenschaften und ihrer praktischen Anwendung ergeben“, „zu den ‚weichen‘ Bereiches zählt alles, was sich eher aus den Geistes- und Sozialwissenschaften herleitet.“ Angeblich gab die US Air Force vor einigen Jahren eine Machbarkeitsstudie zu einer Lieblingsvorstellung der Science-Fiction-Literatur, der „Teleportation“, in Auftrag. Jedenfalls schadet es der Spannung nicht, wenn merkwürdige, jedenfalls merkwürdig anmutende Phantasien mit dem gehörigen wissenschaftlichen oder pseudo-wissenschaftlichen Anstrich daherkommen. 1966, schreibt Peschke, beauftragte das Team um den amerikanischen Regisseur Richard Fleischer einen promovierten Biochemiker, der sich zugleich als Autor von SF-Geschichten einen Namen gemacht hatte, ein seriöses Begleitbuch zum Film „Die phantastische Reise“ zu verfassen.

Der Biochemiker war der renommierte Science-Fiction-Autor Isaac Asimov. Im Rückblick scheint die Skepsis, die er in seinem Text durchscheinen ließ, vielleicht sogar übertrieben: Die Vorstellung, gleichsam mit kleinen „U-Booten“ durch den menschlichen Körper reisen zu können, wirkt heute gar nicht mehr so phantastisch wie vor einem halben Jahrhundert. Und von hilfreichen Begleitern wie R2-D2 und C-3PO, den beiden Roboterfiguren aus „Star Wars“, scheint unsere Realität gar nicht mehr so weit entfernt. Wenn wir uns freilich vorstellen, diese Roboter könnten so etwas wie ein Innenleben ausbilden … „2001: Odyssee im Weltraum“, 1968, von Stanley Kubrick: Als die Besatzung des Raumschiffs den Supercomputer nach einer Fehlfunktion abschalten will, empfindet der das als Mordversuch und greift zu „Notwehr“, indem er seinerseits die Menschen eliminiert. Was macht den Menschen zum Menschen, ab wann müsste man den „Humanoiden“ oder „Androiden“ Menschenrechte zugestehen? 1982 bevölkerte Ridley Scott in „Blade Runner“ das Weltall mit „Replikanten“, aus menschlichem Erbgut hergestellten Klonen, die als Pioniere bei der Kolonisierung ferner Planeten eingesetzt werden könnten. Die Erde zu betreten, ist ihnen bei Todesstrafe verboten, schließlich haben die „richtigen“ Menschen Grund, ihre mächtigen Helfer zu fürchten.

Und wenn wir von den möglichen Resultaten unserer eigenen Technik absehen: Seit in H. G. Wells‘ „Krieg der Welten“, 1898, riesige Maschinen vom Mars die Erde angriffen, ist die Invasion der „Aliens“ das ganz große Thema der Horror-Science-Fiction. Bei Wells waren es Bakterien, die den „Eingeborenen“ am Ende doch die Rettung brachten; „Independence Day“ von Roland Emmerich, 1996, ersetzte sie zeitgemäß durch Computerviren. „Die modernen Ritter der Tafelrunde kämpfen mit Laserschwertern und Raumschiffen“, vermerkt Peschke. Ridley Scotts Alien hat schon Tausende und Abertausende von Menschen bis in den Schlaf verfolgt – nicht anders als die schrecklichen Drachen früher. Aber vielleicht sind die Außerirdischen ja ganz freundlich – Beispiel „E.T.“ von Steven Spielberg, 1982. Darth Vader ist übrigens bereits zu Kirchenehren gelangt: Auf Anregung von Kindern wurde seine Statue als Groteske am Nordwestturm der Washington National Cathedral plaziert.

Darth Vader an der Washington
National Cathedral
Bild: Cyraxote/Wikipedia


Natürlich kann die Invasion auch in umgekehrte Richtung verlaufen, als Besiedlung anderer Welten durch die Menschheit. Bereits der griechische Schriftsteller Lukian im 2. Jahrhundert n. Chr. träumte von einer Reise zum Mond. Nachdem der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli auf der Oberfläche des Mars Rillen entdeckt hatte, phantasierte alle Welt von „Marsmenschen“ und „Marskulturen“, die man vielleicht besuchen könnte. Was den Mars angeht, haben wir uns den Gedanken an außerirdisches Leben inzwischen abgewöhnt, allenfalls Bakterien kommen noch in Frage. Aber die Sehnsucht ist geblieben. Die Astronomen, die nicht darüber hinwegsehen können, dass selbst die uns nächsten Fixsterne doch einige Lichtjahre entfernt sind, fesseln das breite Publikum wenigstens mit immer neuen Nachrichten, inwieweit es dort Leben, womöglich sogar menschenähnliches Leben, geben könnte.

Was würden wir, könnten wir dorthin reisen, mit diesen fremden Welten eigentlich machen? Wahrscheinlich die natürlichen Ressourcen für den technischen, industriellen, ökonomischen „Fortschritt“ nutzen, wie wir es auf der Erde ja auch tun. Davor scheint der Mond Pandora in James Camerons Film „Avatar“, 2009, halbwegs geschützt. Er hat – leider oder zum Glück – eine Atmosphäre, die für Menschen tödlich wirkt. Also Hölle und Paradies in einem. Ansonsten, vermerkt Peschke, ist es dort aber „ziemlich irdisch, „Fauna und Flora werden nur in die Extreme extrapoliert, um beim Publikum eine Mischung von Faszination und Schauder zu erzeugen“.

Nicht weiter verwunderlich: Fremde Welten müssen soweit vertraut sein, dass sich in ihnen Geschichten erzählen lassen, die uns zur Identifikation auffordern. Und wenn uns an unserer eigenen, vertrauten Welt etwas nicht gefällt … Wie gern würden wir doch manche Katastrophen, die kleinen in unserer Biographie und die großen der Geschichte, im Nachhinein revidieren! Reisen in die Vergangenheit – auch sie sind seit Wells‘ „Zeitmaschine“ und Mark Twains „Yankee vom Hofe des Königs Artus“, 1889, ein Lieblingsthema der SF-Literatur. Oder eben in die Zukunft, um festzustellen, was wir falsch gemacht haben, und heute, wenn wir es nur wüssten, vielleicht besser machen könnten. In welche logischen Schwierigkeiten diese Vorstellung führt, machte Robert Zernecki 1985 in „Zurück in die Zukunft“ deutlich. Schlimmstenfalls würden wir verhindern, dass unsere Eltern sich jemals kennenlernen konnten. Und damit wäre nicht nur unsere eigene Existenz unmöglich gemacht, sondern auch die Zeitreise, die genau dieses Ergebnis doch herbeiführen sollte.


Neu auf dem Büchermarkt:

Hans-Peter von Peschke: Invasion der Zukunft. Die Welten der Science-Fiction, Theiss Verlag, Darmstadt 2016, 320 S., ISBN 978-3-8062-3357-5, 29,95 €


Mehr im Internet:

Science Fiction - Wikipedia
Hans-Peter von Peschke: Invasion der Zukunf
scienzz artikel Film

 

 

 

 

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