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08.04.2017 - PHILOSOPHIE

von Josef Tutsch

 
 

Marc Aurel (Glyptothek,
München) - Bild: Bibi Saint-
Pol/Wikipedia

„Lebenskunst“ und „Lebenshilfe“ boomen, wie jeder Gang in eine Buchhandlung belegt. Seelsorger und Therapeuten bieten Rat, wie wir die Probleme unseres Alltags bewältigen könnten, Experten für gesundes Leben zeigen, wie wir solche Probleme von vornherein vermeiden, auch die Esoteriker haben sich des Themas bemächtigt. Es gibt nichts, was es nicht gibt, vom Coaching für Manager, Stichwort „Effektivierung“, bis zu schamanistischer Lebensberatung. Der wachsende Spielraum für individuelle Lebensgestaltung, den uns die modernen pluralistischen Gesellschaften bieten, weckt eben auch den Bedarf nach Orientierung. Wenn es immer weniger Vorschriften gibt, wie man leben muss, stellt der Philosoph Gerhard Ernst von der Universität Erlangen-Nürnberg in dem neu erschienenen Sammelband zum Thema „Philosophie als Lebenskunst“ fest, wird die Frage um so dringender, wie man, im Sinne individueller Klugheit, vielleicht leben sollte.

Eine historisch ganz neuartige Situation? Der Würzburger Altphilologe Michael Erler hat überraschende Ähnlichkeiten zwischen unserer Gegenwart und dem Griechenland nach Alexander dem Großen, also um 300 v. Chr., festgestellt: Manches damals, vor allem der Kontakt mit den Traditionen der orientalischen Welt und der Bedeutungsverlust der griechischen Städte gegenüber den großen Flächenstaaten, „mag an Probleme erinnern, die aus der heutigen Globalisierung erwachsen“. Es war die Zeit, da Epikur und Zenon die beiden großen „nachklassischen“ Philosophenschulen begründeten. Und in der Lehre beider Schulen, sowohl der Epikureer als auch der Stoiker, ging es, ähnlich wie heute in der öffentlichen Diskussion, vor allem um Fragen von Glück und Lebensführung.

Ein Themenkomplex, von dem sich große Teile der akademischen Philosophie heute eher fernhalten. „Nur Gurus beanspruchen, Lebenskunst zu vermitteln“, schreibt Ernst provokant, „nicht aber, wer seriös philosophiert, und ganz besonders nicht, wer professionell philosophiert.“ Mit dem Sammelband will er die Frage stellen, ob sich aus den „antiken Vorbilder“ für „moderne Perspektiven“ vielleicht etwas lernen lässt. Die philosophiehistorische Forschung hat sich, wie Ernst vermerkt, seit etwa einem Vierteljahrhundert der hellenistischen und römischen Epoche zugewandt, die früher ein wenig vernachlässigt wurde, jedenfalls im Vergleich mit den beiden großen „Klassikern“ der antiken Philosophie, Platon und Aristoteles. Während die Stoiker immerhin moralisch seit jeher hoch gehalten wurden, waren die Epikureer lange wegen ihrer vermeintlich amoralischen Lehre verrufen. Ganz nebenbei bringt der Band aber auch die Rehabilitation einer dritten, ziemlich vergessenen philosophischen Richtung dieser Zeit, der sogenannten „Pyrrhoneer“ oder Skeptiker.

Wie praktisch, also auf die Bewältigung alltäglicher Probleme ausgerichtet die hellenistische und römische Philosophie war, zeigt John Sellars vom King‘s College London an einem Text aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. „Am Morgen“, heißt es in den „Selbstbetrachtungen“ des römischen Kaisers Marc Aurel“, sollte ich mir sagen: Ich werde mit einem beschränkten, undankbaren, unverschämten, falschen, missgünstigen und unverträglichen Kerl zusammentreffen.“ Der Kaiser schrieb dieses Büchlein für sich selbst, als eine Art „geistiger Übung“, um sein anstrengendes Leben als Politiker und General besser bewältigen zu können. Er wollte die Empfehlung der Stoiker praktizieren, sich unschöne Begebnisse vor Augen zu führen, mit dem Gedanken, wenn sie dann wirklich eintreten, könnten sie uns weniger heftig treffen.

Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“, berichtet der Philosoph Christopher Gill von der Universität Exeter, nahmen sich englische Wissenschaftler zum Vorbild, als sie 2012 ein Projekt „Stoicism Today“, mitsamt Online-Kursen wie „Lebe eine Woche wie ein Stoiker“ oder „Stoische Übungen zur Achtsamkeit und Belastbarkeit“ begründeten - für Menschen, „die zwar im Alltag gut zurechtkommen, aber reicher und zufriedener oder stimmiger leben wollen“. Eben „Philosophie als Lebenskunst“. Man sollte jedoch nicht übersehen, betont Gill, dass der Kaiser seine „Übungen“ theoretisch fundierte, mit Überlegungen, die sich nicht so ohne weiteres übertragen lassen. Immer wieder kommen die „Selbstbetrachtungen“ auf die Lehre der stoischen Philosophen zu sprechen, dass selbst der Tod als solcher kein Übel sei, dass vielmehr das Laster das einzige echte Übel in unserem Leben sei. Nach Marc Aurel, erläutert der Philosoph Maximilian Forschner von der Universität Erlangen-Nürnberg, „sollte uns der Gedanke beruhigen, dass sich der wohlgeordnete göttliche Kosmos durch beständigen Wandel erneuert und wir in diesen Prozess einbezogen sind“.

Epikur (Archäologisches Institut der
Universität Göttingen)
Bild: nobody60/Wikipedia


Die konkurrierende Schule der Epikureer argumentierte völlig anders, aber auch sie zielte darauf ab, die Kunst des Lebens durch eine „richtige Einstellung zum Tod“ zu erlernen. Der Tod, lehrte Epikur, sei die Abwesenheit aller Empfindungen, damit sei es von vornherein ausgeschlossen, dass er für uns – als empfindende Wesen - irgendetwas bedeuten könnte. Die logische Konsequenz: Es muss, so der Münchner Philosoph Christof Rapp, lediglich auf einer falschen Ansicht oder Meinung beruhen, wenn wir uns vor dem Tod fürchten. Hier könnte man freilich einwenden, dass moderne Menschen sich wahrscheinlich weniger vor dem Tod selbst fürchten, als vor den Schmerzen, die damit verbunden sein könnten. War das in der Antike womöglich anders? Unterscheidet sich die europäische Moderne von früheren Generationen vielleicht durch ein anderes Verhältnis zum Schmerz?

Die Frage muss hier offen bleiben. Aber der Zusammenhang zwischen Lebenskunst und Einstellung zum Tod ist geblieben. Nur ein Seitenblick in die große Literatur und Philosophie der Moderne: „Der Mensch soll um der Liebe und der Güte willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken“, heißt es in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“. Der Satz ist halb und halb ein Zitat, Thomas Mann entnahm es aus Friedrich Nietzsches „Fröhlicher Wissenschaft“: „Es macht mich glücklich zu sehen, dass die Menschen den Gedanken an den Tod durchaus nicht denken wollen! Ich möchten gern etwas dazu tun, ihnen den Gedanken an das Leben noch hundertmal denkenswerter zu machen.“

Mit Thomas Manns Satz wäre Epikur um 300 v. Chr. vielleicht sogar einverstanden gewesen. Gegen Nietzsche hätte er eingewandt, gerade das „Denken“ oder Bedenken des Todes gebe uns doch die Möglichkeit, ihm keine „Herrschaft“ einzuräumen. Erler rückt in seinem Beitrag zum Sammelband auch das Vorurteil von den „Schweinchen des Epikur“ zurecht: Epikur predigt keineswegs, wie gelegentlich noch heute zu lesen ist, das hemmungslose Genussleben, er propagierte vielmehr eine nüchterne, abwägende Vernunft „als Grundlage für das Streben nach Glück“. Die praktisch wichtigste Differenz gegenüber den Stoikern war: Die Epikureer „lehnten eine Unterdrückung von Affekten ab“, sie strebten nach einer Kultivierung.

Womit wir bei Sigmund Freud wären und seiner Empfehlung, ein Drittel unserer Affekte auszuleben, ein Drittel zu unterdrücken und ein Drittel zu sublimieren. Doch ob nun Unterdrückung oder kultivierendes Ausleben: Forschner macht darauf aufmerksam, dass es in Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ eine Parallele zu Kants kategorischem Imperativ gibt: „Vollziehe jede Handlung so, als ob sie das Letzte wäre, was du tust.“ „Alle hellenistische Ethik ist sich darüber im Klaren, dass nur der richtig zu leben weiß, der mit dem Tod vertraut ist“, „wer sich immer wieder den Tod vergegenwärtigt, wird affektfrei und vernünftig leben und handeln.“ Dabei spielte die Orientierung an Vorbildern eine größere Rolle, als das von einer kantischen Ethik der Pflicht her plausibel erscheinen mag. Aber: „‘Was hätte Sokrates in dieser Situation getan‘ ist vielleicht eine praktikablere Anleitung zum richtigen Handeln als der kategorische Imperativ“, gibt Ernst zu bedenken.

Stoiker und Epikureer, zwei Philosophenschulen, die mit unterschiedlichen Argumenten auf dasselbe Ziel hinsteuerten: durch Aufklärung über den Tod die Lebenskunst zu lehren. Es gab in dieser „nachklassischen“ Zeit der antiken Philosophie noch eine weitere Richtung, den sogenannten „Skeptizismus“. Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. verfasste der Arzt Sextus Empiricus eine polemische Schrift, in der er die Argumente der Stoiker für ihre Lebenskunst zurückwies. Sextus, berichtet der Erlanger Philosoph Rosario La Sala, wollte den Stoikern (er nannte sie „Dogmatiker“) nicht abnehmen, dass es überhaupt möglich sei, in Täuschungen befangene Menschen zur Beruhigung, zur Selbstbeherrschung, zur „Weisheit“ zu führen.

Zenon von Kition, Begründer
der Stoa (Archäologisches
Museum, Neapel)
Bild: Shakko/Wikipedia


Hand aufs Herz, vergleichbare Zweifel kommen uns angesichts der modernen Angebote an „Lebenskunst“  doch auch. Natürlich lässt sich die Empfehlung der Skeptiker, am besten solle man grundsätzlich in „Urteilsenthaltung“ leben, wenn man sie dogmatisch verfestigen wollte, auch gegen ihre Urheber wenden: Ist es überhaupt möglich, wie Sextus Empiricus propagierte, wohl nicht ganz ohne die Absicht der Provokation, grundsätzlich in „Urteilsenthaltung“ zu leben? Wenn man, bringt Richard Bett von der John Hopkins University in Baltimore die Frage auf den Punkt, nicht mehr zwischen „Richtig“ und „Falsch“ entscheiden will, kann man dann noch handeln? Als Regulativ zu all unseren vermeintlichen Gewissheiten, überlegt Bett, wäre eine solche Skepsis vielleicht gar nicht so unangebracht. Zum Beispiel „in einer Gesellschaft wie den Vereinigten Staaten, von der sich ein Großteil zunehmend in zwei Parallelgesellschaften fragmentiert, grob gesprochen in die konservative und die liberale, welche verschiedene und fest eingewurzelte Ideale haben“.

Vielleicht ein wenig zu kurz kommt in dem Band eine historische Differenz zwischen moderner und antiker Philosophie, die für jede Aktualisierung ein Problem darstellen muss. Vor einer Generation glaubte der französische Philosoph Michel Foucault, in der altgriechischen Anthropologie eine „stark individualistische“ Komponente entdeckt zu haben. Der Bonner Philosoph Christoph Horn bringt da einige Skepsis an: Die antiken Philosophen seien sozusagen „Glücksmonisten“; „individuelle Eigenschaften“ würden durchweg als „Defekte“ angesehen, die gezielt bearbeitet werden müssten. Immerhin hat Horn bei dem Römer Cicero einen individualistischen Ansatz gefunden: Man solle seine eigenen Möglichkeiten realistisch und illusionslos einschätzen, schrieb Cicero. Der Versuch, ein anderer Mensch sein zu wollen, als man nun einmal ist, wäre von vornherein sinnlos.


Neu auf dem Büchermarkt:

Philosophie als Lebenskunst. Antike Vorbilder, moderne Perspektiven, herausgegeben von Gerhard Ernst, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2195, Suhrkamp Verlag, 322 S., Berlin 2016 ISBN 978-3-518-29795-7, 20,00 € [D], 20,60 € [A]


Mehr im Internet:

Lebenskunst - Wikipedia
Philosophie als Lebenskunst. Antike Vorbilder, moderne Perspektiven
scienzz artikel Antike Philosophie

 

 

 

 

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