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28.03.2017 - RELIGION

Wie entkommt man der Zweiteilung?

Eine Ausstellung zum Thema "Islam" in der Schallaburg

von Josef Tutsch

 
 

Eyüp-Sultan-Moschee, Telfs
in Tirol
Bild: Hefelekar/Wikipedia

Im Ausstellungskatalog ist ein Comic des deutsch-tunesischen Illustrators „tuffix“ wiedergegeben. Sagt ein Mädchen mit Kopftuch zu ihrer Freundin: „Kannst du bitte einen Blick hinter mich werfen?“ Und dann, als Antwort auf deren verständnislose Reaktion: „Ich weiß nicht, wie es aussieht, aber die Leute nennen es … Migrationshintergrund.“

Ja, so schnell kann ein Wort, das zunächst, vor etwa 15 Jahren, für die nüchternen Zwecke der Bevölkerungsstatistik erfunden wurde, sich mit emotionalen Bedeutungen aufladen, zur „Schublade“ werden. Und wenn dann noch die verwirrende Vielfalt der „Schubladen“ in unserem Denken unter dem Eindruck eines beherrschenden Themas auf eine simple Zweiheit reduziert wird: „wir“ und „die anderen“, inhaltlich womöglich ausgefüllt als „Christentum“ und „Islam“ oder „Säkularisierung und „Fundamentalismus“ …

„Wie entkommt man der Zweiteilung?“, fragen Lisa Noggler-Gürtler und Maria Prantl. Die beiden Kuratorinnen haben im Renaissanceschloss Schallaburg in Niederösterreich, wenige Kilometer südlich von Kloster Melk an der Donau, eine große Ausstellung zum Thema „Islam“ organisiert, genauer: zum Islam in Österreich, also in einem Land, in dem diese Religion bis vor wenigen Jahrzehnten so gut wie keine Rolle spielte. Die Ausstellung ist aus Gesprächen mit Anhängern verschiedener Berufe und Religionen hervorgegangen, sie will die Vielfalt möglicher Sichtweisen verdeutlichen.

Die in Deutschland so hitzig diskutierte Frage, ob der Islam „zu Deutschland gehört“, weisen die Kuratorinnen für Österreich souverän zurück: „Die österreichische Gesellschaft setzt sich aus Menschen unterschiedlicher Abstammung und Konfession zusammen“, seit 1992 ist der Islam als Religionsgemeinschaft anerkannt. Ganz unproblematisch erscheint dieses Islamgesetz allerdings nicht. Darin heißt es ausdrücklich, islamische Religionsgesellschaften müssten eine „positive Grundeinstellung gegenüber Gesellschaft und Staat“ an den Tag legen. In anderen Religionsgesetzen findet sich diese Formulierung, in der doch ein wenig Misstrauen durchscheint, nicht. Offenbar wird dieser Umstand dort als selbstverständlich vorausgesetzt.

Eine Ausstellung zur populären Kultur Österreichs; große Kunstwerke findet der Besucher nur ausnahmsweise, etwa eine prunkvolle Koranhandschrift aus der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien oder einige wunderschöne Räuchergefäße, die oft als diplomatische Geschenke in europäische Herrscherhäuser gelangten. Oder ein Schreibkästchen, in dem ein in Tinte getauchtes Stück Stoff aufbewahrt wurde; wenn man die Schreibfeder eintauchte, wurde die Tinte freigegeben. Dass die Beziehungen zwischen christlichen und muslimischen Staaten oft auch kriegerisch verliefen, wirkt nach: Jahrhundertelang stand gerade Österreich an der vordersten Front des „christlichen“ Abendlandes gegen die muslimischen Osmanen. Der St. Pöltener Bischof Kurt Krenn wird zitiert, der 2002 in einem Interview sagte: „Zwei Türkenbelagerungen waren schon, die dritte haben wir jetzt.“

Mohammed und seine Ehefrau
Chadidscha bei der rituellen
Waschung, 1594 - Bild:
Lütfi Abdullah/Wikipedia


Paradoxerweise hat gerade die Expansion der habsburgischen Monarchie auf dem Balkan bewirkt, dass es in Österreich auch eine lange Tradition der religiösen Toleranz gibt. Eine Abbildung zeigt Kaiser Franz Joseph, wie er gemeinsam mit dem Bürgermeister der bosnischen Metropole Mostar die „Alte Brücke“ überschreitet. Auf einem anderen Bild sind muslimische Soldaten der k.u.k.-Armee zu sehen, die sich ihre Speisen „halal“, also nach der im Islam erlaubten Art, zubereiten. 

Eine Ausstellung mit vielen Abbildungen und Schrifttafeln, aber eben auch vielen Objekten aus dem muslimischen Alltag. Der Besucher findet eine Pilgerflasche aus dem 8. oder 9. Jahrhundert (wahrscheinlich diente sie dazu, das kostbare Wasser der Zamzan-Quelle bei Mekka zu transportieren), ebenso wie Kauhölzchen; viele Muslime benutzen sie während des Fastenmonats Ramadan.

Auch ein Dirndl ist zu sehen: Die Wiener Designerin Canan Ekici hat es aus den traditionellen Stoffen Filz und Walkloden gestaltet und mit dem arabischen Schriftzug „Lies!“ versehen – der Aufforderung, mit der im Koran dazu aufgefordert wird, das Wort Gottes zu hören. Und natürlich findet man auch Kopftücher – als sichtbare Zeichen für Außenstehende oft geradezu der Inbegriff des Islams. Die Abgrenzung sei schwierig, räumen Noggler-Gürtler und Prantl offen ein: „Welche Tradition ist religiös bedingt, welche gesellschaftlich?“ „Besonders Jugendliche haben Spaß daran, die Grenzen zwischen alten Traditionen und aktuellen Trends neu zu definieren“, heißt es im Katalog.

Leider belässt es diese alles in allem doch so informative Tour d‘horizon durch den muslimischen Alltag ausgerechnet an heiklen Stellen bei Andeutungen. Wie reagieren traditionsbewusste muslimische Familien, wenn der Sohn oder die Tochter etwa in ihrem Sexualverhalten die Grenzen der „Moral“ sprengen? Oder wenn sie sich gar von der islamischen Religion abwenden wollen? Ausstellung und Katalog bieten Passagen über Konvertiten zum Islam, aber andererseits keine über Apostaten vom Islam. Auch die aggressive Judenfeindlichkeit mancher Muslimen spielt in der Ausstellung keine Rolle.

Und selbst das Thema „Beschneidung“ kommt nur in einer Randnotiz vor: „Die Buben tragen dabei aufwendige Gewänder und bekommen viele Geschenke.“ Warum diese Zurückhaltung? Immerhin bildet die Beschneidung der Heranwachsenden eines der zentralen Rituale im Islam. Vielleicht gerade weil dieses Thema vor einigen Jahren so kontrovers debattiert wurde und dabei auch antiislamische Ausfälle vorkamen? Über weite Strecken scheint die Ausstellung von übergroßer Vorsicht geprägt.

Gern (und zu Recht) verweisen die Autoren bei vielen Aspekten darauf, dass es in anderen Religionen oder Kulturen doch ganz Ähnliches gibt wie im Islam, zum Beispiel was die Reaktion auf Blasphemien angeht. „Wer den Namen des Herrn schmäht, wird mit dem Tod bestraft“, verlangt die hebräische Bibel. Nur dass diese Bestimmung seit der Aufklärung in Christentum und Judentum ihre praktische Relevanz weitgehend verloren hat. Trügt der Eindruck, dass sich der Islam gerade in den letzten Jahrhunderten da anders entwickelt hat? Gruppierungen, „die ihre heiligen Schriften wortgetreu auslegen, gibt es in allen Religionen“, heißt es  zutreffend, allerdings sind sie im Christentum von heute, zumindest in Europa, eher marginal.

Marokkanerbrunnen in Wien-Landstraße
Bild: GuentherZ/Wikipedia


Das schmälert natürlich nicht all das, was die Ausstellung an Informationen vermittelt. Nicht nur über den Islam, sondern auch über die Haltung der alteingesessenen Europäer zu der fremden Religion. 1904 brachte der Schriftsteller Franz Karl Ginzkey das Kinderbuch „Hatschi Bratschis Luftballon“ heraus. Vom Bündnis mit dem Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg, das der Operettenkomponist Leo Fall dann mit seiner „Rose von Stambul“ besangt, konnte Ginzkey noch nichts ahnen; er identifizierte das Böse ganz naiv mit dem islamischen Osten: „Der böse Hatschi Bratschi heißt er, Und kleine Kinder fängt und beißt er.“ Bis 1968 wurde das Buch in immer wieder neu illustrierten, textlich mehr oder weniger „bereinigten“ Fassungen herausgebracht.

Zum Glück war das nicht die einzige Sicht auf den islamischen Orient in der abendländischen Tradition. In den Fresken der Johanneskapelle in Pürgg, Steiermark, findet sich der arabische Schriftzug „Allah“. Sollte damit die Einheit des christlichen und des islamischen Gottesglaubens beschworen werden? Eher handelt es sich um ein Missverständnis: Der Künstler wird den Schriftzug, den er nicht lesen konnte, ganz einfach schön gefunden haben.

Entsprechendes kann man dem Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall, der 1847 die Österreichische Akademie der Wissenschaften begründete, sicherlich nicht nachsagen. Über dem Eingangstor seines Schlosses im steirischen Hainfeld ließ er eine arabische Inschrift anbringen: „Gott schütze deinen Ruf, der gut, das größte deiner Güter. Geh‘ sicher ein in seiner Hut, er ist der beste Hüter.“ Verse, die auch in christlicher Tradition gedichtet sein könnten. Das kann die theologischen Differenzen zwischen beiden Religionen nicht aufheben, vor allem, was die Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit im Christentum angeht, und erst recht nicht die Konflikte, die manchmal eben doch entstehen, wenn eine traditionelle Religiosität auf eine säkularisierte Gesellschaft trifft. Die Ausstellung zeigt jedoch einen muslimischen Alltag, diesseits oder unterhalb solcher Konflikte und Differenzen, der dem unter Christen oder Religionslosen oft gar nicht so unähnlich scheint.


Ausstellung:
Islam, Ausstellung in der Schallaburg, Niederösterreich,
bis 5. November 2017


Auf dem Büchermarkt:

Islam, 220 S., Herausgeber: Schallaburg Kulturbetriebsges. m.b.H. Schallaburg 2017, 19,00 €


Mehr im Internet:

Islam - Wikipedia
Ausstellung Islam, Schallaburg
scienzz artikel Islam

 

 

 

 

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