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13.04.2017 - THEOLOGIE

Zweieinhalb Jahrtausende Bibeluebersetzung

von Josef Tutsch

 
 

Titelblatt der Lutherbibel, 1534
Bild: Torsten Schleese/Wikipedia

„Wir sind der Überzeugung“, gibt die sogenannte „Einheitsübersetzung“ der Bibel Kapitel 3, Vers 28 aus dem Römerbrief wider, „dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes.“ Den protestantischen Theologen, die vor einem halben Jahrhundert gemeinsam mit ihren katholischen Theologen die Einheitsübersetzung erstellten, wird es an dieser Stelle gar nicht so leicht gefallen sein, vom Wortlaut Martin Luthers abzuweichen. Vor fast 500 Jahren hatte Luther übersetzt: „Wir sind überzeugt, dass der Mensch gerecht wird ohne die Werke des Gesetzes, allein durch den Glauben.“

Bei oberflächlicher Lektüre besagen beide Fassungen ein und dasselbe. Das Wörtchen „allein“ bei Luther erscheint bloß als Verdeutlichung; man kann aus dem Zusammenhang interpretieren, dass der Satz so gemeint sein muss. Aber „allein“ steht im griechischen Original eben nicht.  Ausgerechnet an dieser Stelle, die für Luthers Theologie so zentral wurde, hat der Verfasser, der Apostel Paulus, eine derart schroffe Entgegensetzung von „Werken“ und „Glauben“ gerade nicht ausgedrückt. Luther hat nicht bloß übersetzt, sondern interpretiert, im Sinne seiner eigenen Theologie einer Rechtfertigung „allein durch den Glauben“.

„Traduttore, traditore“, sagt ein italienisches Sprichwort, „Übersetzer sind Verräter“; im Französischen spricht man von den „ungetreuen schönen“ und von den hässlichen, aber eben getreuen Übersetzungen. Zum 500. Jahrestag von Luthers Reformation hat der Kölner Germanist Karl-Heinz Göttert jetzt eine umfangreiche Studie zur Geschichte der Bibelübersetzung herausgebracht. Und in eins mit dem historischen Abriss auch eine Reflexion zu der Frage, was das eigentlich ist, eine „Übersetzung“. Wort- oder „textgetreu“, stellt Göttert fest, war Luthers Bibel jedenfalls nicht, das zeigt schon die Unzahl neuer Übersetzungsversuche auch im Protestantismus in den letzten Jahrhunderten. War sie sinngetreu? Das hängt offenbar davon ab, wie der jeweilige Betrachter und Bewerter die Bibel interpretiert.

Unbestritten ist Luthers Bedeutung für die deutsche Kultur der Neuzeit. „Den deutschen Christen das Buch ihres Glaubens in ihre Muttersprache übersetzt zu haben, ist eine der größten Revolutionen, die geschehen konnten“, schrieb Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Und Friedrich Nietzsche: „Die Bibel war bisher das beste deutsche Buch.“ Das Problem daran verdeutlicht Göttert an einem anderen Nietzschezitat, das sich gar nicht auf die Bibel bezieht, sondern auf die Übernahme der griechischen Kultur durch die Römer im Altertum: „Man eroberte damals, was man übersetzte“ - indem man das „Originale“, aber Tote unbekümmert durch Gegenwärtiges ersetzte.

Das Resultat solcher Eroberungen kann im Einzelfall allerdings recht fragwürdig sein: untreu gegenüber der Tradition und gerade deshalb hässlich, um den französischen Ausdruck abzuwandeln. Beispiel aus jüngerer Zeit: In der berühmten Redensart „sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“ ersetzte eine Ausgabe des Neuen Testaments von 1975 den Scheffel durch einen „Eimer“. Prompt ging diese Ausgabe als „Eimertestament“ durch die Presse. Noch ein Beispiel: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde“, lautet einer der berühmtesten Sätze der gesamten Weltliteratur. Neuere Bibelübersetzungen sagen: „alle Welt sollte sich für die Steuer eintragen lassen“ oder „alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen“. Das ist für heutige Leser besser verständlich, aber es „klingt“ nicht. Noch heikler wird es, wenn der gewohnte Wortlaut mit einem Sinn verbunden ist, der sich nach dem heutigen Stand philologischer Erkenntnis schwer verteidigen lässt. Luther übersetzte den Lobgesang der Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Die griechischen Handschriften belegen die Version: „… und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“.

Papst Gregor der Große als
Schreiber, 10. Jh., Kunsthis-
torisches Museum, Wien
Bild Vassil/Wikipedia

1970, berichtet Göttert, zerbrach die Zusammenarbeit katholischer und evangelischer Theologen bei der „Einheitsübersetzung“ nicht zuletzt an der Wiedergabe des griechischen Wortes „ekklesia“: Heißt das nun „Kirche“ oder „Gemeinde“? Da steht mit einem einzigen Wort eben auch das christliche Selbstverständnis zur Debatte. Dabei war die Übersetzung in die Volkssprachen, mit der sich die europäischen Christen seit dem Mittelalter abmühen, mit dem Höhepunkt in der Reformation des 16. Jahrhunderts, bereits der dritte Vorgang dieser Art. Der erste war die Übertragung der hebräischen Bibel ins Griechische, die sogenannte „Septuaginta“, im 3. oder 2. Jahrhundert v. Chr., der zweite die der griechischen Bibel ins Lateinische – jene Fassung, die der Kirchenvater Hieronymus um 400 n. Chr. erstellte, wurde 1546 vom Konzil von Trient, in polemischer Abgrenzung gegen die Lutherbibel, für „authentisch“, nämlich vom Heiligen Geist inspiriert, erklärt.

Bereits bei der Septuaginta ging es nicht ohne Änderungen des Wortlauts ab, die eben mehr waren als bloß Änderungen des Wortlauts. Nicht nur eine Übersetzung sondern eine „Akkulturation“, eine Anverwandlung der jüdischen Religion an die griechische Bildungswelt. Im Buch Exodus wird Moses von Gott überfallen, Gott will ihn töten. Diese Vorstellung fand der Übersetzer so befremdlich, dass er stattdessen einen „Engel des Herrn“ einführte. „Um nicht zu sehr gegen die hellenistische Vorstellung von Gott zu verstoßen“, erläutert Göttert. Ob dieser neue Wortlaut derart eng mit der Übersetzung verknüpft war, kann man allerdings bezweifeln; es ist durchaus denkbar, dass auch einem hebräisch-aramäisch gebildeten, dem Griechentum kulturell fern stehenden Juden dieser Zeit, der alte Text unheimlich geworden war Das Übersetzungsproblem stellt sich eben nicht nur zwischen den Sprachen und Kulturen, sondern auch in diesen selbst, im Wandel der Zeiten.

Wie gravierend das Thema für den christlichen Glauben ist, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Verfasser des Neuen Testaments das Alte durchweg nach der griechischen Septuaginta zitierten. Und sie deuteten es in aller Selbstverständlichkeit als Prophezeiung auf das Leben und das Sterben und die Auferstehung Jesu. Die griechische Bibel, schreibt Göttert, wurde vom Christentum „vereinnahmt“, zu einem christlichen Buch umgemünzt. Anderthalb Jahrtausende später verschärfte Luther diese Argumentation noch. Das Alte Testament, behauptete er, deute den Messias Jesus nicht etwa bloß an, es „spricht von Christus“. Und dann natürlich von Luthers eigener Theologie. Zum Beispiel Psalm 5: „Dass dieser Psalm hauptsächlich gegen die Werkgerechten und die gottlosen Theologen streitet, deren einziges Geschäft es ist, die Hofffahrt ihres Herzens zu nähren“, schrieb Luther.

Nicht nur Paulus, sondern bereits der Dichter der Psalmen war in Luthers Sicht sozusagen Lutheraner. Göttert nennt diese Umdeutung, wohl nicht ohne den Willen zur Provokation, im Untertitel seines Buches eine „feindliche Übernahme“. Gegen diese Formulierung könnte man natürlich einwenden, dass Luther zunächst einmal keine Feindschaft im Sinn hatte, als er die Bibel im Sinne seiner Theologie übersetzte, weder gegen das Judentum noch gegen die katholische Kirche. Ebenso wenig wie die frühen Christen, als sie das Alte Testament von ihrem Glauben an Jesus als den von den Propheten verheißenen Messias her lasen. Das Ergebnis freilich war im einen Fall die Konkurrenz zweier Religionen, im anderen die Kirchenspaltung. Luthers gehässige Ausfälle gegen die Juden, die in ihrer Heftigkeit auch im 16. Jahrhundert über das Gewohnte hinausgingen, deutet Göttert aus einer Angst heraus: „dass die Rabbiner letztlich die besseren Hebräischkenner und damit auch die berufeneren Ausleger der hebräischen Bibel sein könnten“. 

Albrecht Dürer: Hl. Hieronymus im
Gehäuse, 1514 - Bild: Wikipedia


Die weitverbreitete Meinung, vor Luther sei die Bibel beim Laienvolk in Deutschland kaum bekannt gewesen, weist Göttert übrigens zurück: Es gab vor Luther bereits 72 deutsche Übersetzungen zumindest einiger Bücher; der Kölner Germanist unterstellt, dass sie in mehreren zehntausend Exemplaren verbreitet waren. Was die Bibel heute angeht, wird der Leser in Götterts Buch vielleicht ein paar Worte zu jener Übersetzung vermissen, die in den letzten Jahren am meisten Aufsehen erregt hat: der „Bibel in gerechter Sprache“, 2006, in der Jesus zum Beispiel sagt: „Ich bin der wahre Weinstock, und Gott ist meine Gärtnerin.“ Handelt es sich da noch um eine „Übersetzung“? Das patriarchalische „Der Herr“ wird wahlweise als „Der Ewige“ oder „Die Ewige“ wiedergegeben wird, der „Heilige Geist“(offenbar um zum Mann Jesus, der sich ja schlechterdings nicht zur Frau umdeuten ließ, ein weiblich klingendes Pendant zu schaffen) „heilige Geisteskraft“ genannt.

Die Autoren haben ihre Bibel so geschrieben, wie die Verfasser des Originals sie vielleicht geschrieben hätten, wenn – ja wenn sie moderne Feministinnen gewesen wären. Wie weit darf man mit solchen Übertragungen aus einem Kulturzusammenhang in einen anderen gehen, ohne das Wort „Übersetzung“ für das Ergebnis aufgeben zu müssen? Den Urhebern der „Bibel in gerechter Sprache“ wird die lange Tradition, in die sie sich mit ihren Freiheiten stellten, vielleicht nicht einmal bewusst gewesen sein. Göttert bringt ein Beispiel, dass frühchristliche Handschriften des Alten Testaments sogar vor Eingriffen in den Text nicht zurückschreckten, wenn sie klarstellen wollten, dass die hebräische Bibel von Jesus von Nazareth sprach, im Grunde also ein christliches Buch war. So wurde der Psalmvers „Der Herr ist König geworden“ mit dem Zusatz „vom Holze her“ ergänzt – eine Anspielung auf den Kreuzestod Jesu. Die Schreiber wollten deutlich machen, worum es im Text, ihrer Auffassung nach, ging.


Neu auf dem Büchermarkt:

Karl-Heinz Göttert: Luthers Bibel. Geschichte einer feindlichen Übernahme, S. fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015, 508 S., ISBN 978-3-10-397257-3, 26,00 € [D], 26,80 € [A]


Mehr im Internet:

Übersetzung - Wikipedia
Luther-Bibel - Wikipedia
Karl-Heinz Göttert: Luthers Bibel
scienzz artikel Das heilige Wort

 

 

 

 

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