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Aus der sozialen Struktur herausgefallen

Zwei Jahrtausende Versuche, das Phaenomen Armut zu erfassen

von Josef Tutsch

 
 

Slumbewohner in Jakarta
Bild: J. McIntosh/Wikipedia

Als der Londoner Pfarrer Andrew Mearns in den 1880er Jahren eine Schrift über die Ärmsten der Armen in der britischen Hauptstadt vorbereitete, traf er in einer Hinterhofwohnung eine alte, halb betrunkene Irin an. Sie war dabei, Lumpen durchzusehen, in der Hoffnung, einige davon versetzen zu können „Als sie gefragte wurde“, berichtet Mearns, „ob sie das mache, weil sie arm sei, antwortete sie entrüstet: ‚Mich arm nennen! Ich besitze einen halben Laib Brot und etwas Milch!‘ Und dann, aus einem Müllberg aus der Ecke des Zimmers, zog sie einen halb verwesten Truthahn heraus, vollkommen ungeeignet für den menschlichen Verzehr, um ihn zum Abendessen vorzubereiten.“

„Arm“ ist eine Bezeichnung, die niemand gern auf sich selbst anwenden möchte, egal wie schlecht es ihm wirklich geht. Was ist das überhaupt, „Armut“? Der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies von der Freien Universität Berlin hat jetzt einen historischen Abriss zum Thema Armut vorgelegt, vom Altertum bis in die Gegenwart. Oder genauer: zu den wechselnden Konzepten, mit denen über die Jahrhunderte versucht wurde, dieses Phänomen zu erfassen.

„Anhaltspunkte für ein umfassendes und modernes Armutsverständnis, das die Konflikte über ‚wirkliche‘ und ‚falsche‘ Armut zu lösen vermag“, verspricht der Verlag auf dem Frontispiz des Buches. Nun ja, ob die Sozialwissenschaften wirklich in der Lage sind, politische Konflikte zu „lösen“ ... 1984 legte der Rat der Europäischen Gemeinschaft eine scheinbar objektive Definition von Armut vor. Danach gelten Personen, Familien und Gruppen als „arm“, wenn sie „über so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“. Um das zählen zu können, wurde eine Schwelle von 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zugrundegelegt.

Ein objektiv messbarer, aber eben relativer Wert, der in jeder politischen Gemeinschaft und in jeder historischen Situation neu auszuhandeln wäre. In Deutschland stellt der Paritätische Wohlfahrtsverband jedes Jahr fest, dass die Zahl der Armen in Deutschland nach diesem Kriterium erschreckend hoch sei. Und jedes Jahr reagieren die zuständigen Minister, aktuell Andrea Nahles (SPD), auf diesen Alarm verständnislos. Sie können keinen Anstieg der materiellen Armut feststellen, weil sie einen völlig anderen Begriff zugrundelegen, so wie es Robert McNamara, der Präsident der Weltbank in den 1970ern Jahren definiert hatte: „Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen.“

„Absolute“ und „relative“ Armut … Ist der eine Armutsbegriff, wie die Vorbemerkung zu Lepenies‘ Band suggeriert, „wirklich“ oder „wahr“, der andere „falsch“? Wie wandelbar die Auffassung von Arbeit im Lauf der Geschichte gewesen ist, zeigt der Politikwissenschaftler an einem Vergleich mit dem klassischen Altertum. Im antiken Griechenland und Rom „galt jeder Mensch, der durch körperliche Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen musste, als arm, und jeder, der nicht arbeiten musste, als reich“.

Arbeiterfamilie in Hamburg, 1902
Bild: Wikipedia


Zwei Jahrtausende auf kaum mehr als 120 Seiten, das geht nicht ohne Vergröberungen ab. Was die Wertschätzung der Armut angeht, brachte das Christentum, als eine „Religion für die Armen“, in der Alten Welt eine Art Revolution. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“, sagt Jesus in den Evangelien. Die Armut erhielt eine besondere religiöse Würde, indirekt bot sie auch den Reichen, die durch Zuwendungen an die Armen ihre Nächstenliebe unter Beweis stellen konnten, einen Zugang zur Erlösung. Den vielleicht entscheidenden Schritt hin zur Gegenwart ortet Lepenies jedoch in dem enormen Aufschwung, den die europäische Wirtschaft seit dem späten Mittelalter nahm. In allen Generationen zuvor hatten die „engen sozialen Bindungen“ in der Gemeinde zwar die persönliche Freiheit des einzelnen arg beschränkt, ihm zugleich aber ein gewisses Maß an sozialer Sicherung gewährt. Nun konnten diese Sicherungssysteme mit den Veränderungen nicht mehr Schritt halten, „die Masse der Armen fiel aus der sozialen Struktur heraus“.

Und damit wurde die Gruppe der Armen von den Besitzenden „als manifeste soziale und politische Bedrohung wahrgenommen“. Langfristig trug ausgerechnet diese Situation aber auch dazu bei, dass sich eine bislang unbekannte Wertschätzung der Arbeit durchsetzen konnte. Mehr und mehr setzte sich durch, dass Almosen an die Bedürftigen nicht mehr bloß „für Gottes Lohn“ gegeben wurden, ohne Prüfung von Grund und Recht der Bedürftigkeit, sondern nach einem bürokratischen und im Ergebnis repressiven Verfahren: Man wollte verhindern, dass sich „falsche“ - nämlich arbeitsfähige – Arme diese Leistungen erschleichen konnten.

Es gab aber auch ganz andersartige Anläufe, die Armut zu bekämpfen. 1795 vereinbarten in der englischen Ortschaft Speenhamland Großgrundbesitzer und Geistliche für die Landarbeiter in mehreren Countys einen öffentlich subventionierten Mindestlohn. Hintergrund war, dass die Lohnentwicklung mit den Preisen nicht Schritt gehalten hatte, man wollte einer Verelendung vorbeugen. Das Ergebnis war allerdings ein Desaster. Lepenies: „Immer stärker wurde der Anreiz, die Arbeit ganz aufzugeben und nur noch von der gesicherten Unterstützung zu leben.“

Dieser „Erfolg“ trug wesentlich dazu bei, dass das britische Parlament von vornherein von Versuchen Abstand nahm, die Armut in den rapide wachsenden Industriestädten irgendwie „sozial“ zu regulieren. Dabei wurden die „New Poor Laws“ 1834 von einer Kommission vorbereitet, die in der Hauptsache von den Anhängern zum Beispiel des Ökonomen Thomas Robert Malthus besetzt war. Malthus hatte 1798 das vermeintliche Naturgesetz der Verelendung propagiert: Staatliche Unterstützung der Armen, behauptete Malthus, müsse zu einem höheren Bevölkerungswachstum führen - und damit zu noch mehr Armut. Das Armengesetz von 1834 lief – in paradoxem Widerspruch zum Grundsatz des „laisser faire“ - darauf hinaus, dass staatliche Fürsorge nur noch derjenige in Anspruch nehmen konnte, der zugleich bereit war, durch Einweisung in ein Arbeitshaus seine persönliche Freiheit aufzugeben.

Sozialpolitik als Abschreckung … 1845 brachte Friedrich Engels seine Studie zur „Lage der arbeitenden Klasse in England“ heraus. Engels‘ Fazit: „Die Bourgeoisie hat mit allen anderen Nachbarn der Erde mehr Verwandtes als mit den Arbeitern, die dicht neben ihr wohnen.“ Beinahe wörtlich kam im selben Jahr der spätere britische Premierminister Benjamin Disraeli in seinem Roman „Sybil, or Two Nations“ zu demselben Schluss: „Zwei Völker, zwischen denen es keinen Austausch und keine gegenseitige Sympathie gibt“, „die andere Sitten haben und für die nicht dieselben Gesetze gelten.“

Armenküche in Chania
Bild: Joehawkins/Wikipedia


Mit der Industrialisierung, stellt Lepenies fest, hatte die Armut ein neues Gesicht bekommen: Sie wurde zu einem charakteristischen Merkmal der neuen industriellen Zentren, und zwar ohne die Strukturen der alten Agrargesellschaft, die bei aller Einengung eben auch sozialer Sicherung geboten hatten. Karl Marx widmete sein Leben der Aufgabe, den „zwangsläufigen“ Zusammenhang zwischen industriellem Kapitalismus und Massenverarmung aufzuklären. Lepenies‘ Bewertung fällt zwiespältig aus: Marx‘ Analyse sei für seine Zeit realistisch gewesen; doch „langfristig“ schuf die Industrialisierung in manchen Weltregionen durch Wirtschaftswachstum, Lohnerhöhungen und soziale Sicherungsmaßnahmen auch einen bislang unbekannten Wohlstand für große Bevölkerungsmassen.

Aber eben nicht weltweit. Lepenies führt die Studie des englischen Naturwissenschaftlers Colin Clark an, der in den 1930er Jahren umfangreiches empirisches Material über die enormen Wohlstandsunterschiede zwischen „armen“ und „reichen“ Ländern zusammenstellte – ein Anstoß für die Politik der „Entwicklungshilfe“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Bezeichnend das Versprechen, das der Administrator des Marshallplans für den Aufbau Westeuropas, Paul Hoffmann, in die Worte fasste: „Ihr könnt so werden wie wir“ - wie die Vereinigten Staaten von Amerika.

Von den - nicht nur ökonomischen, sondern auch kulturellen - Problemen, die in diesem Wörtchen „wie“ liegen, ahnte Hoffmann vermutlich nichts. 1959 griff der amerikanische Soziologe Oscar Lewis Disraelis Gedanken der „two nations“ wieder auf. Er stellte fest, es gebe so etwas wie eine universale „Kultur der Armut“, eine soziale Lebensform unter der Bedingung extremer Knappheit, die, wo immer sie auch auftrat, überall die gleichen Charakteristika aufwies – nur dass diese „Kultur“ in den westlichen Industriegesellschaften die Subkultur einer Minderheit darstellte, in vielen Entwicklungsländern dagegen womöglich eine große Mehrheit. „Die Menschen, die in der Kultur der Armut lebten, kennzeichnete ein Gefühl der Inferiorität, des Fatalismus, der Abhängigkeit und der Hilflosigkeit.“ Drei Jahre später wandte Lewis‘ Kollege Michael Harrington das Konzept auf die „invisible poor“ in den USA an, 1964 veranlassten Harringtons Ausführungen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson dazu, einen „bedingungslosen Krieg gegen die Armut“ zu erklären. Durch eine Vielzahl wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen sollten die Hürden abgerissen werden, die viele Bürger daran hinderten, den „amerikanischen Traum“ zu leben.

Ganz banal gesagt: Armut hindert Menschen daran, glücklich werden zu können. In diesem Sinn neigt auch Lepenies selbst, bei aller gebotenen Vorsicht im Zusammenhang seines historischen Abrisses, zu einem „breiten Armutsbegriff“, im Sinn einer fehlenden Chancengleichheit, die zu sozialer Ausgrenzung führt. Dabei bleibt die Frage freilich offen, von welchem Ausmaß an Maßnahmen der sozialen Sicherung, statt die Armut zurückzudrängen, vielmehr einen Anreiz bieten, sich nicht mehr um Erwerbsarbeit zu bemühen, also sich in der „Kultur der Armut“ - der „sozialen Hängematte“, wie man bösartig sagt - heimisch einzurichten.


Neu auf dem Büehermarkt:

Philipp Lepenies: Armut. Ursachen, Formen, Auswege, Verlag C. H. Beck, München 2017, 128 S., ISBN 978-3-406-69813-2, 8,95 €



Mehr im Internet:
Armut - Wikipedia
Philipp Lepenies: Armut. Ursachen, Formen, Auswege
scienzz artikel Ökonomie

 

 

 

 

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