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26.04.2017 - THEOLOGIEGESCHICHTE

Von Schweden bis Tansania, von Pennsylvania bis Korea

Berliner Ausstellung ueber den weltweiten "Luther-Effekt"

von Josef Tutsch

 
 

Neues Testament in kore-
anisch, 1887 (Bodleian
Library, Oxford)
Bild. Bodleian Library

In der Mitte sitzt Martin Luther, zu seiner Linken sein engster Mitstreiter, Philipp Melanchthon. Zu seiner Rechten sind zwei Vertreter der Reformation in der Schweiz zu sehen, denen Luther freilich nie begegnet ist, Johannes Calvin und Théodore de Bèze. Um sie herum stehen und sitzen ein Dutzend weitere Reformatoren, darunter auch solche, die zu Luthers Zeiten längst verstorben waren, John Wyclif und Jan Hus. Sie alle bilden eine geschlossene Front gegen die Vertreter der katholischen Kirche, die am unteren Bildrand versammelt sind und sich nach Kräften bemühen, die Kerze, die vor Luther auf dem Tisch steht, auszupusten – das Licht der göttlichen Offenbarung.

Das Bild, das um 1630 oder 1640 entstand, bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung über „500 Jahre Protestantismus in der Welt“, die jetzt im Berliner Gropius-Bau zu sehen ist. Natürlich handelt es sich um eine ganz und gar unrealistische Idealisierung: In der historischen Wirklichkeit war „die Reformation“ ein Plural von „Reformationen“, der „wahre Glaube“ stellte sich für Lutheraner anders dar als zum Beispiel für Calvinisten oder für Anglikaner. Heute, erläutert der Historiker Wolfgang Reinhard, stellen die Lutheraner in dieser „evangelischen Vielfalt voller Widersprüche“ ohnehin nur noch eine Minderheit dar. Bereits die Neuordnung des Kirchenwesens in jenem Teil Deutschlands, der protestantisch wurde, war mehr das Werk der weltlichen Obrigkeiten. Immerhin – Luther durfte daran „mitwirken“.

Bedeutet diese Aussage des Freiburger Historikers eine leise Distanzierung von dem medienwirksamen Titel, den das Deutsche Historische Museum seiner Ausstellung gegeben hat: „Der Luther-Effekt“? Wie immer man die Wirksamkeit von Gedanken im historischen Prozess beurteilen mag – Luther war jedenfalls der erste, der mit seinem Protest gegen die katholische Kirche Erfolg hatte. Sein Ruhm reichte bis nach China. Das Amsterdamer Rijksmuseum besitzt einen chinesischen Porzellanteller, gefertigt um 1750, mit dem Rundbild des Reformators. Getragen wird es von zwei Engelsfiguren, darunter ist Christus zu sehen, wie er im Kreis der Apostel das Evangelium predigt. Offenbar hatte es sich selbst im Fernen Osten herumgesprochen, wie sehr ein Großteil der Europäer diesen Mann verehrte, sonst hätte sich der Künstler für diesen Teller kaum Absatz versprochen.

Es handelt sich um die erste von drei großen „Nationalen Sonderausstellungen“ zum Lutherjahr. Die zweite, mit dem Titel „Luther und die Deutschen“, wird am 4. Mai auf der Wartburg in Eisenach eröffnet, wo der Reformator mit der Übersetzung des Neuen Testaments die Grundlagen der neuhochdeutschen Schriftsprache schuf, die dritte, die den Menschen Luther in den Mittelpunkt stellen will, am 13. Mai in Wittenberg. Fast 400 Objekte sind in Berlin zu sehen, darunter natürlich viele Bücher und Flugschriften, von Luthers „95 Thesen“ aus dem Herbst 1517 bis zu einem Plakat, mit dem 1939 für ein „Missionsfestival“ in Leipzig geworben wurde.  Auf dem Blatt war ein Missionar abgebildet, wie er seinen Maasai-Schülern eine Übersetzung des Neuen Testaments in die Swahili-Sprache zeigte – nach dem Vorbild von Luthers deutscher Bibel. Solche Übersetzungen, erläutert der Katalog, hatten manchmal ungeahnte Konsequenzen. So fanden Afrikaner, die nach herkömmlichen Traditionen lebten, im Alten Testament eine Rechtfertigung der Vielweiberei.

Und der eine oder andere Gegenstand aus dem Gebrauch evangelischer Gemeinden ist zu sehen, zum Beispiel die Wetterfahne der Kirche zu Groothusen in Ostfriesland. Sie hat die Gestalt eines Schwans: Der Schwan galt als Attribut Luthers, als „Wetterschwan“ sollte er das Bekenntnis der Gemeinde weithin sichtbar machen. Oder eine prunkvolle Kanne, die 1630 in Augsburg für die deutsche Gemeinde in Stockholm angefertigt wurde; sie diente dazu, den Kelch für das Abendmahl zu füllen. Oder zwei Wannen aus der Zeit um 1900, wie sie in manchen mennonitischen Gemeinde in Pennsylvania bei rituellen Fußwaschungen benutzt werden.

Taufe von Indianern in Bethlehem, Pennsyl-
vania, 1754 (Unitätsarchiv, Herrnhuter
Brüdergemeine) - Bild: Wikipedia


Am fesselndsten sind aber vielleicht jene bildlichen Darstellungen aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, die das lutherische oder, allgemeiner, protestantische Bekenntnis allegorisch zum Ausdruck bringen – vorausgesetzt, der Besucher ist bereit, sich auf die Erläuterungen einzulassen. Ein holländisches Gemälde aus den 1620er Jahren zeigt Personifikationen der niederländischen Provinzen, wie sie angekettet vor dem spanischen Statthalter, Herzog Alba, knien. Im Hintergrund ist zu sehen, wie die adligen Anführer der Reformation hingerichtet werden. Die ehemalige Statthalterin Margarethe von Parma fischt die beschlagnahmten Güter der Enthaupteten aus deren Blut.

Noch ein Beispiel, eine Apotheose des Schwedenkönigs Gustav Adolf, der im Dreißigjährigen Krieg den deutschen Protestantismus vor dem Zugriff der Habsburger rettete und 1632 in der Schlacht bei Lützen fiel. Der König, begleitet von Engeln, verteidigt Recht und Gotteswort gegen eine Teufelsgestalt. Ein protestantischer Heiliger, wenn man so will. Die Ausstellung zeigt auch gleich eine Art Reliquie: einen Umhang aus Elchleder, den Gustav Adolf trug, als er 1627 in einer Schlacht schwer verwundet wurde. Dass er überlebte, deutete der König als Zeichen, dass Gott seine schützende Hand über ihn und den lutherischen Glauben gehalten hatte.

Dass es gar nicht so unproblematisch ist, Luthers Reformation zum Ursprung unserer modernen Kultur zu erklären, demonstriert die Ausstellung an zwei recht unscheinbaren Gegenständen: einer „Schandbank“ aus Uppsala und einem drei Meter hohen „Schandpfahl“ aus Dalarna, nahe der Grenze zu Norwegen. Öffentliche Kirchenstrafen waren im streng lutherischen Schweden bis 1855 in Gebrauch, die Staatskirche setzte ihre „Orthodoxie“ rigoros gegen Abweichler durch. Besonders pikant im Jubiläumsjahr von Luthers „95 Thesen“ gegen den Ablass: Mit Geld konnte man sich von solchen Strafen freikaufen.

Diese innere Ambivalenz von Luthers Reformation, ihr Miteinander von modernen und antimodernen Impulsen, hätte durchaus eine eigene Ausstellung verdient. Nichts hatte Luther weniger im Sinn als einen religiösen Pluralismus, und dennoch hat er diese Entwicklung gefördert, indem er den „rechten Glauben“ zu einer Angelegenheit der öffentlichen Diskussion machte.

Dass zum anstehenden Jubiläum bereits seit Jahren ein wahrer Marathon von Ausstellungen läuft, macht es gar nicht so einfach, da noch etwas Neues zu präsentieren. Die Berliner Ausstellung hat den Ausweg gefunden, dass sie als Beispiele für die weltweite Wirkung der Reformation die Entwicklung des Protestantismus in Regionen zum Thema macht, an die man bei dem Stichwort „1517“ vielleicht nicht so ohne weiteres denkt. Zum Beispiel in Pennsylvania musste sich das Luthertum im Kreis vieler anderer protestantisher Richtungen behaupten, von Anglikanern über Presbyterianer und Calvinisten bis zu Mennoniten und Quäkern und Täufern. Hier herrschte nach dem Willen des Gründers der Kolonie, William Penn, tatsächlich religiöse Toleranz.

Koller von König Gustav Adolf,
1627 (Hallwylka Museet,
Stockholm)
Bild: Göran Schmidt/Wikipedia

„Reformation als Vorbild zur Bewältigung des Kolonialismus“ lautet eine Zwischenüberschrift im Katalog. Eine Aussage, über die sich trefflich streiten ließe: Das Kapitel über Tansania, die frühere deutsche Kolonie Tanganjika, zeigt gerade umgekehrt, dass die christlichen Kirchen den europäischen Mächten zeitweise als Vehikel des Kolonialismus dienten. Da wird man sich vor Einseitigkeiten hüten müssen, betont Reinhard. Über ihre Schulen drängten die Kirchen der einheimischen Bevölkerung westliche Lebensmuster auf – eröffneten ihr zugleich oft aber auch neue Bildungschancen.

Eine Parallele zum Deutschland der frühen Neuzeit zeigt die Ausstellung am Beispiel Korea. Als der Protestantismus amerikanischer Prägung im späten 19. Jahrhundert Fuß fasste, konnte ein Großteil der Bevölkerung nicht lesen und schreiben. Diese Fähigkeit verbreitete sich mit der Bibel – offenbar, meint Rye Dae Young im Katalog, nach dem Vorbild der konfuzianischen Schriften, die in der Oberschicht von jeher hochgehalten wurden. Westliche Missionare stellten damals verblüfft fest, koreanische Protestanten würden ihre Bibel immer und überall mit sich tragen.

Ohne Anpassung an koreanische Traditionen ging das freilich nicht ab. In der Ausstellung ist der Bilderzyklus des koreanischen Künstlers Kim Ki-chang zu sehen, der das Leben Jesu darstellt, wie es in Korea abgelaufen sein könnte. Auf einem Bild von der Geburt Jesu erscheint statt der Hirten und der Weisen aus dem Morgenland eine Gruppe von Frauen vor der Heiligen Familie – sie überreichen Speisen, wie es in Korea Sitte ist. Was aus der Sicht christlicher Dogmatiker viel schwerer zu akzeptieren sein wird: Bei der Taufe Christi kommen sieben Feen auf Wolken vom Himmel herab – sie vertreten den Heiligen Geist.

Vor drei Jahrhunderten legte der Vatikan gegen eine allzu weitgehende Anpassung des christlichen Glaubens an die chinesische Geisteswelt, wie sie der Jesuitenorden praktiziert hatte, sein Veto ein. Vielleicht liegt der entscheidende Punkt des „Luther-Effekts“ ja darin, dass im Protestantismus eine derart autoritative Instanz mit Veto-Macht nicht besteht und nicht bestehen kann. Und insoweit hat Luther, bei all seiner Traditionsgebundenheit, eben doch die Grundlagen unserer modernen Welt mit geschaffen.


Ausstellung:

Der Luther-Effekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt, im Martin-Gropius-Bau, Berlin,
bis 5. November 2017



Neu auf dem Büchermarkt:

Der Luther-Effekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt, herausgegeben vom Deutschen Historischen Museum, Berlin, Hirmer Verlag, München 2017, 432 S. mit 457 Abb., ISBN 978-3-7774-2718-8, 45,00 € [D], 46,30 € [A], 54,90 CHF



Mehr im Internet:

Ausstellung Der Luther-Effekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt
Katalog Der Luther-Effekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt
Reformation - Wikipedia
scienzz artikel Reformation und Gegenreformation

 

 

 

 

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