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04.05.2017 - NATURFORSCHUNG

Bei den Ungeheuern der traurigen Oede

Die Erforschung und Eroberung der Tiefsee

von Josef Tutsch

 
 

Skulptur eines Iguanodons, vor
dem Aquarium in Berlin
Bild: Manfr. Brückels/Wikipedia

„Da unten aber ist‘s fürchterlich“, sagt in Friedrich Schillers Ballade „Der Taucher“ der „wagemutige Jüngling“, nachdem er aus den „brandenden Wogen“, der „strudelnden Wasserhöhle“ wieder emporgetaucht ist. Und volle sechs Strophen lang, immer um Worte ringend, versucht er, seinem König die Schrecken deutlich zu machen, die er „da unten“ gesehen hat, „bei den Ungeheuern der traurigen Öde“.

„Ungeheuer“, „da unten“: Das Motiv ist lebendig geblieben. Alle paar Monate gehen Meldungen von furchterregend riesigen Kraken durch die Weltpresse. Und wenn es schon keine Ungeheuer sind, dann doch wenigstens „Gespenster“. „Neue Fischarten in der Tiefsee entdeckt“, zitiert die Kultur- und Medienwissenschaftlerin Natascha Adamowsky von der Universität Freiburg in ihrem neuen Buch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ von 2014, die von Forschungen in 8.143 Meter Tiefe berichtete: Wie „träge über den Meeresboden gleitende Gespenster“ würden die bleichen Fische aussehen.

Adamowsky hat die „Entdeckung und Eroberung des Meeres in der Moderne“, also seit dem späten 18. Jahrhundert, in ihrem Buch „Ozeanische Wunder“ nachgezeichnet. Oder genauer: der Tiefsee. Denn dass der Mensch die Weiten der Meere und Ozeane zu erkunden und zu beherrschen versucht, ist ja bereits seit Jahrtausenden der Fall, angefangen spätestens bei den Kretern des 2. Jahrtausends v. Chr. Das Interesse für die Tiefsee dagegen ist viel jünger. Ein frühes Zeugnis findet sich bei dem hamburgischen Barockdichter Barthold Hinrich Brockes, der 1743 eine „Betrachtung der Meerestiefe“ schrieb und darin Schillers Metaphorik des Schrecklichen vorwegnahm: „Mich überfällt ein schneller Schauder, ich fühl ein innerliches Grausen."

Brockes und Schiller waren auf der Höhe ihrer Zeit. Adamowsky spricht für die Jahre um 1800 etwas umständlich von einer „Vertikalisierungsbewegung der Wunder“. Soll sagen: Seit dem späten 18. Jahrhundert häuften sich nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Technik die Phantasien, mit Hilfe von luftgefüllten Behältern sowohl in die höchsten Himmelsregionen auf- als auch in die nachtschwarzen Tiefen der Meere absteigen können, um dort zu entdecken, was die Welt an Geheimnissen noch bergen könnte. Adamowsky nennt als Beispiel ein Buch des thüringischen Mathematiklehrers August Wilhelm Zachariae, 1807, „Elemente der Luftschwimmkunst“. Aus der Geschichte des Tourismus ist ein paralleler Vorgang bekannt: 1787, ein Jahrzehnt vor Schillers „Taucher“, wurde erstmals der Montblanc bestiegen.

Diese Entwicklung ist so erstaunlich nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass durch die Entdeckungsreisen des 18. Jahrhunderts, zum Beispiel von James Cook, der Globus ringsherum so weit erforscht schien, dass dort keine „Wunder“ mehr zu erwarten waren, wie frühere Jahrhunderte sie in der weiten Welt gemutmaßt hatten. Das vielleicht letzte Wundererlebnis fand 1768 statt, als die Mannschaft von Louis Antoine de Bougainville völlig hingerissen feststellte, dass die Bewohner der Südseeinsel Tahiti vor allem in Sachen Sexualität völlig andere, dem Anschein nach „paradiesische“ Sitten pflegten, als man sie aus Europa kannte.

Kampf gegen Riesenkraken,
Illustration zu Jules Vernes
"20.000 Meilen unter dem Meer",
Bild: Wikipedia


Und mit dem zunehmenden Eindruck, dass die Oberfläche der Erde nun doch einigermaßen bekannt sei, trat eben die „vertikale“ Dimension in den Vordergrund. Natürlich konnte bei den ersten Versuchen, in die Regionen unterhalb der Meeresoberfläche vorzudringen, von „Tiefsee“ im modernen Sinn noch keine Rede sein. In den 1770er Jahren erreichte der dänische Naturforscher Otto Frederic Müller vor der norwegischen Südküste eine Tiefe von gerademal 50 Meter. Aber das „forschende Strandleben“ wurde bald zum Massenphänomen, das Sammeln und Studieren von Meerestieren und Meerespflanzen in gebildeten Kreisen zur großen Mode. Als in den 1870er Jahren das britische Schiff „Challenger“ erstmals eine Tiefseeexpedition durchführte, unter anderem im Marianengraben im westlichen Pazifik, erklärt Adamowsky, gab es längst eine interessierte Öffentlichkeit, „der man nicht zu erklären brauchte, wie wunderbar es wäre, lebende Seelilien vom Meeresgrund empor zu holen“.

Da gingen realistische Beobachtungen und uralte Phantasien von einer halb schrecklichen, halb auch bezaubernden Tiefseewelt Hand in Hand. Zu dem reichhaltigen Bildmaterial aus historischen Quellen, mit dem Adamowsky ihre Kulturgeschichte illustriert, gehört das Titelblatt des „Report on the Scientific Results of the Voyage of H.M.S. Challenger“, veröffentlicht 1885. Ein wenig am Rande der Wissenschaftlichkeit ist darauf eine nackte Schöne mit fischartigem Unterleib zu sehen – ganz wie man sich Meerjungfrauen gern vorstellte.

Die Freiburger Forscherin will mit ihrem Buch ein großes Fragezeichen hinter eine allzu simple Sicht der Wissenschaftsgeschichte setzen: die von der Moderne als einem eindimensionalen Rationalisierungs- und Demystifizierungsprozess. Die Formel des Soziologen Max Weber von der „Entzauberung der Welt“ ist zum populären Gemeinplatz geworden; dass es  auch gegenläufige Entwicklungen gegeben hat, wurde gern übersehen. Zum Beispiel beim Phänomen der leuchtenden Meeresorganismen. Adamowsky: „Jahrhundertelang hatten sie ungestört an den europäischen Küsten gelebt, bis die Beschreibungen einiger Naturforscher sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts binnen kürzester Zeit zu bestaunten Wunderdingen und rätselhaften Erscheinungen machte.“

Oder bei den „Monster“-knochen, die man Jahrhundertelang in den fürstlichen Wunderkammern gesammelt hatte und nun als Fossilien erkannte: „Man hielt sie nun nicht mehr für die Gebeine von Riesen oder Zyklopenschädel, sondern bestaunte in ihnen die Überreste ausgestorbener Tiergattungen aus vergangenen Zeiten.“ Wie komplex alte Mythen und moderne Naturwissenschaft oft verflochten waren, macht Adamowsky an jenem Fossil deutlich, das der Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer 1726 als „homo diluvii testis“ interpretierte, als einen Menschen, der die Sintflut erlebt hätte. Als Georges Cuvier knapp hundert Jahre später diesen „Menschen“ als Riesensalamander entlarvte, machte das den Glauben an die Historizität der Sintflut nur noch plausibler: „Wie sonst, wenn nicht durch eine gewaltsame Katastrophe, waren diese seltsamen Tiere von der Erdoberfläche verschwunden?“

Und gerade das Meer wurde zu einem „riesigen Freilichtmuseum, in dem die Werke der Schöpfung ausgestellt waren“. Es bot Forschern wie Naturliebhabern „einen Objektbereich, der sich letztlich nicht entzaubern ließ“. Dabei konnte das Wort „Schöpfung“ durchaus traditionell verstanden werden, so waren etwa die Schriften des Populärwissenschaftlers Emil Adolf Roßmäßler, des „Vaters der deutschen Aquaristik“, „vom Pathos der Natur als Tempel und Offenbarungsquelle Gottes durchdrungen“. Die „monistische Naturphilosophie“ eines international renommierten Naturwissenschaftlers wie Ernst Haeckel, der es sich zur Lebensaufgabe machte, den Gedanken des Darwinismus zu verbreiten, war jedoch ebenso religiös geprägt. Haeckel, so Adamowsky, „zelebrierte eine Art evolutionistischer Natur-Andacht“. Auch bei dem strengen Wissenschaftler Charles Darwin selbst finden sich zu Hauf Formulierungen von der „Schönheit und unendlichen Komplexität“ der Natur.

Arnold Böcklin: Der hl. Antonius
predigt den Fischen, 1892
(Kunsthaus Zürich)
Bild: Wikipedia


Das Meer und gerade die Tiefsee, resümiert Adamowsky, wurde im 19 Jahrhundert „zum Inbegriff der geheimnisvollen Natur“, „das Lüften bzw. Entschleiern seiner Geheimnisse“ zum Paradigma schlechthin für Forschung. 1842 wurde in Berlin das Skelett einer 35 Meter langen „Seeschlange“ ausgestellt. Leider stellte sich später heraus, dass es aus den Knochen von einem halben Dutzend verschiedener Wale zusammengesetzt war. 1869 veröffentlichte Jules Verne seinen großen Roman von der Unterseewelt: „Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer“. Bei allem Bemühen des Autors, seinen Lesern den Anschein präziser Technik zu bieten – bei Verne war der unergründliche Ozean vor allem zum Symbol für die Tiefen unseres Unbewussten geworden, Jahrzehnte bevor Sigmund Freud dafür eine Theorie lieferte.

Bereits 1866 hatte Victor Hugo in seinem Roman „Die Arbeiter des Meeres“ die Figur eines Riesenkraken gemalt, „als saugenden, seelenlosen Alptraum“, schreibt Adamowsky, als „Gottes Meisterwerk des Scheußlichen“. Aber natürlich konnte man den Kraken auch ästhetische Faszination abgewinnen. Im Jugendstil der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entfaltete sich eine wahre „ornamentale Krakenlust“. Tintenfische gehören bis heute zu den Lieblingstieren der Lern- und Gedächtnisforschung. 2010 wurde der Oberhausener Krake Paul zum Medienstar, weil er den Sieg des spanischen Teams bei der Fußball-Weltmeisterschaft korrekt „voraussagte“. Man darf vermuten, dass es nicht zuletzt die Herkunft seiner Gattung aus den Tiefen der Ozeane war, die Paul den Ruf einbrachte, solche geheimnisvollen Künste zu beherrschen.

Die Tiefsee – ein Lebensbereich, der zum Schaudern ebenso Anlass geben kann wie zum Amüsement. Und zur Belehrung: Seit den 1850er Jahren wurde es üblich, dass in den Metropolen große Aquarien eingerichtet wurden. „Man ging ins Aquarium, wie man auch ins Theater ging“, berichtet Adamowsky, „um sich erholen oder anregen zu lassen.“ 1917 verbrachten Igor Strawinsky und Pablo Picasso gemeinsam „lange Stunden“ vor dem faszinierenden Geflimmer der Meeresfauna in der Zoologischen Forschungsstation in Neapel, 1902 beschrieb Paul Klee seinen Gang in dieses Aquarium sogar als künstlerische Erweckung. Das Studium der Lebensformen im Wasser prägte über viele Jahrzehnte sein Werk. Arnold Böcklin ließ sich in Neapel zu seinem Gemälde „Der heilige Antonius von Padua predigt zu den Fischen“ inspirieren. Während oben ein Hai in demütiger Andacht die Brustflossen faltet, resümiert die Freiburger Forscherin das Bild, „präsentiert die Unterwasseransicht des Meeresaquariums Darwins Realität einer ‚natural selection‘.


Neu auf dem Büchermarkt:

Natascha Adamowsky: Ozeanische Wunder. Entdeckung und Eroberung des Meeres in der Moderne, Wilhelm Fink, Paderborn 2017, 398 S. mit 456 Abb., ISBN 978-3-7705-6075-2, 69,00 €, 84,20 CHF



Mehr im Internet:

Tiefsee - Wikipedia
Natascha Adamowsky: Ozeanische Wunder.
scienzz artikel Natur

 

 

 

 

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