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08.05.2017 - RELIGIONSGESCHICHTE

Gottesebenbildlichkeit und Suendenfall

Die Geschichte von Adem und Eva - oder Eva und Adam

von Josef Tutsch

 
 

Adam und Eva (Lucas Cranach
d.Ä., um 1520, Herzog-Anton-
Ulrich-Museum, Braunschweig)
Bild: Wikipedia

„O Eva! Eva! Schlimmes Weib“, singt Hans Sachs, „Schuhmacher und Poet dazu“, in Richard Wagners „Meistersingern“, „um deiner jungen Missetat hantier‘ ich jetzt mit Ahl und Draht, und ob Herrn Adams übler Schwäch‘ versohl‘ ich Schuh und streiche Pech!“

Eva, unsere Urmutter im Paradies, stand mit ihrer „Missetat“ am Anfang allen Übels, so haben es viele Generationen gesehen. Urvater Adams „Schwäche“, die darin bestand, dass er dem Beispiel seiner Frau folgte, kam erst an zweiter Stelle. Zum Glück wird in Wagners Operntext angedeutet, dass Eva vielleicht doch eine Entschuldigung hatte, als sie auf den Rat der Schlange hin Gottes Verbot übertrat und von den Früchten am Baum der Erkenntnis aß: Sie war „jung“. 

Er habe „dem Versuch widerstanden, den alten Texten über Eva etwas Frauenfreundliches abzugewinnen“, betont der Philosoph Kurt Flasch gleich im Vorwort seines Buches über „Eva und Adam“, das jetzt neu herausgekommen ist. „Eva und Adam“, in dieser Reihenfolge: Dem Bericht der Bibel zufolge war es Adam, der als erster Mensch von Gott geschaffen wurde; doch erst mit Eva, schreibt Flasch, begann die menschliche Geschichte, also erst mit der Vertreibung aus dem Paradies, die auf ihre „Missetat“ folgte. „Das Erdenleben wird zur Strafkolonie, und bei diesem urgeschichtlichen Umschlag ins Düstere spielt Eva die entscheidende Rolle“.

Oder war Gott selbst schuld, fiel es, meint Flasch etwas salopp, „nicht auf ihn zurück, „wenn er am Morgen fand, alles sei gut, sogar sehr gut, und am Abend war alles verpatzt“? Der Bibeltext ist offen und vieldeutig genug, um auch solche Deutungen zu erlauben. Die Frage konnte allerdings erst auftreten, nachdem die Redakteure der ersten Kapitel des Buches Genesis zwei ältere Texte unverbunden hintereinander gestellt hatten. Der Satz „es war sehr gut“ steht in dem chronologisch späteren der beiden Schöpfungsberichte, Flasch datiert ihn auf das 6. vorchristliche Jahrhundert. „So schuf Gott den Menschen nach seinem Bilde“, heißt es darin ein wenig abstrakt. Im nächsten Satz tritt der Mensch unvermittelt als Zweiheit auf, allerdings ohne dass der Name „Eva“ genannt wird: „Nach dem Bilde der Gottheit schuf er ihn als Mann und Weib schuf er sie.“ Darauf folgt der Befehl Gottes: „Seid fruchtbar und mehret euch.“ Und schließlich die Feststellung : „Siehe, es war sehr gut.“

Dieser Text wurde mit einer ganz andersartigen Erzählung kombiniert, die vielleicht schon um 900 v. Chr. entstanden war und viel konkreter, man möchte sagen: „handfester“ abgefasst ist: Gott „formte den Menschen aus Staub aus dem Acker und er blies ihm den Odem des Lebens in die Nase; so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.“ Einen Vers später wird die berühmte Geschichte mit der Rippe erzählt: Für den Menschen fand sich kein Wesen, „das ihm hätte beistehen und zu ihm passen können“. „Da ließ Gott einen Tiefschlaf auf den Menschen fallen, dass er entschlief, dann nahm er eine seiner Rippen […] Die Rippe aber baute Gott zu einem Weibe aus und brachte sie dann zum Menschen.“ Ob es damals Sexualität und Fortpflanzung gegeben hat, bleibt etwas zweifelhaft: „Die beiden aber, Mann und Weib, waren nackend und schämten sich nicht.“

Erschaffung Evas (Dom zu Orvieto, um
1320) - Bild: NicFer/Wikipedia


„Es empfiehlt sich, die beiden Berichte getrennt zu lesen“, schreibt Flasch mit philologischer Strenge. Aber gerade das haben die Millionen Leser in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden natürlich nicht getan und tun es bis heute nicht. Und natürlich wurden die alten Texte im Sinne späterer Ideen immer wieder neu gedeutet, zum Beispiel, was die Figur der Schlange angeht, die Eva verführt. Wie selbstverständlich wurde sie als Teufel aufgefasst; im Text selbst ist davon jedoch mit keinem Wort die Rede. Als die Erzählung von der verbotenen Frucht im Paradies entstand, hatte der Teufel im Glauben der Israeliten noch keinen Platz.

Wechselnde Facetten einer in sich spannungsreichen Doppelgeschichte. Das galt erst recht, nachdem in Christentum und später Islam die hebräische Bibel als Vorgeschichte ihrer eigenen Religion betrachtet wurde. An der Holzdecke von St. Michael in Hildesheim aus dem frühen 13. Jahrhundert erscheinen Adam und Eva als Herrschergestalten in einer „Galerie göttlich beglaubigter Könige“, die eine „ungebrochene Kontinuität der Gottesherrschaft“ repräsentieren. Ganz anders ein Säulenkapitell in Clermont-Ferrand, einige Jahrzehnte früher: Der Engel zerrt Adam an den Haaren aus dem Paradies; der Sünder gibt die Strafe brutal weiter, er versetzt seiner Frau einen Fausthieb und einen Fußtritt. Eva sei härter bestraft worden als Adam, stellte der Theologe Thomas von Aquin fest. Er fand, das geschehe zu Recht. 

Eva hat Adam in die Sünde gestürzt, die Frau als solche ist ein Unglück, das bloß deshalb geschaffen wurde, weil Gott viele Menschen wollte. So sah es schon der Mailänder Bischof Ambrosius im späten 4. Jahrhundert. Etwa gleichzeitig entwickelte Augustinus nach dem Vorbild des jüdischen Philosophen Philo von Alexandria eine allegorische Interpretation der Geschichte vom Sündenfall: Adam und Eva waren Bilder des Menschen überhaupt, die Vernunft – Adam – war von Gott zur Herrschaft, die Sinnlichkeit – Eva – zum Gehorsam bestimmt.

Als besonders heikel wurde die Frage nach der Sexualität vor dem Sündenfall empfunden. Augustinus widersprach der These anderer Theologen, es habe im Paradies gar keinen Geschlechtsverkehr gegeben; aber das sexuelle Begehren sei erst durch die Sünde in die Welt gekommen. Wie immer man sich das vorstellen will - mehr als ein Jahrtausend später Martin Luther dieser Interpretation: Kinder hätten Adam und Eva zwar erzeugt, jedoch „ganz ohne wilde Begierde“. Mehr eine Sache von Esoterikern – im Judentum wie in Christentum und Islam – war die Spekulation, die ungenannte Frau im jüngeren der beiden Schöpfungsberichte wäre gar nicht mit Eva identisch gewesen. Die Frage, was aus „Adams erster Frau“, man nannte sie „Lilith“, geworden sein könnte, wusste aber niemand zu beantworten.

Ganze Bibliotheken wurden über die Frage verfasst, ob Adam, bevor Gott ihm eine Frau zur Seite stellte, womöglich eine 13. Rippe hatte. Wäre er damit nicht ein Monstrum gewesen? Geradezu in Rage redete sich Augustinus bei der Idee, Adam wäre zu Anfang vielleicht doppelgeschlechtlich gewesen. Ein „androgyner Adam“ hätte als Verteidigung des Geschlechtsverkehrs unter Männern verstanden werden können. Dass Künstler, wie Flasch berichtet, manchmal zur Ordnung gerufen wurden, weil sie Adam und Eva mit einem überflüssigen Bauchnabel dargestellt hatten, war da weit weniger dramatisch.

Sündenfall und Vertreibung aus dem Para-
dies (MIchelangelo, Sixtinsiche Kapelle,
Rom, um 1510) - Bild: Wikipedia


Und wie war Gottes Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, eigentlich begründet? Eine ebenso rationalistische wie phantasievolle Auslegung brachte 1710 der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz: Die Früchte seien giftig gewesen, Gott habe seine Menschen vor Schaden bewahren wollen. Da haben die mittelalterlichen Theologen viel komplexer gedacht. In der Osterliturgie findet sich der Ruf „O felix culpa!“, „O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“ Ohne den Sündenfall keine Erlösung durch Christus, das war der „dialektische“ Gedanke: Erst dieser Umweg führte dazu, dass Gott in der Menschwerdung seines Sohnes die Schöpfung vollendete. In seiner Schrift über den „Mutmaßlichen Anfang der Menschheitsgeschichte“, 1786, übertrug Immanuel Kant diese Theorie ins Weltliche: Der Sündenfall war „der Schritt aus der Vormundschaft der Natur in den Stand der Freiheit“, resümiert Flasch.

Überformungen einer alten Erzählung. In zwei Jahrtausenden christlicher Theologie und Kunst wurde Adam immer wieder mit Christus in Parallele gesetzt. Und Eva mit der Gottesmutter Maria – das gab ihr eine gewisse Würde, hielt sie aber dennoch in einer dienenden Rolle. Andererseits wurde Eva, viel stärker als ihr männliches Pendant Adam, mit Geschlechtlichkeit assoziiert, und spätestens seit dem 4. Jahrhundert galt die Meinung, die Sünde von Eva und Adam sei durch die geschlechtliche Vermehrung zur „Erbsünde“ der gesamten Menschheit geworden.

Voraussetzungen, die sich, mehr oder weniger gebrochen, bis in die Populärkultur der Gegenwart fortsetzen. 2014 kreierte der Privatsender RTL „Adam sucht Eva – gestrandet im Paradies“, eine „Datingshow der ganz besonderen Art“: Einige „Adams“ und „Evas“ treffen sich  nackt auf einer einsamen Insel, und der Zuschauer wartet darauf, was sich dann tut. Ob die Nackten, anders als ihre biblischen Vorbilder, sich „schämen“, ob sie sexuelle Begierde entwickeln? Von „Erbsünde“ redet natürlich niemand; aber wer weiß, was man an kleinen „Sünden“ vielleicht doch zu sehen bekommt.


Neu auf dem Büchermarkt:

Kurt Flasch: Eva und Adam. Wandlungen eines Mythos, C. H. Beck, München 2017, 134 S. mit 15 Abb., ISBN 978-3-406-70787-2, 18,95 €



Mehr im Internet:

Adem und Eva - Wikipedia
Kurt Flasch: Eva und Adam. Wandlungen eines Mythos
scienzz artikel Judentum

 

 

 

 

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