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04.06.2017 - RELIGIONSGESCHICHTE

Ich werde meinen Geist ausgiessen

Die Urspruenge des Pfingstfestes

von Josef Tutsch

 
 

Heiliger Geist als Taube, Karls-
kirche Wien, von Johann
Michael Rottmayr, 1729
Bild: Manfreeed/Wikipedia

„Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen“, beginnt Goethes Epos „Reineke Fuchs“, das er 1794 erstmals veröffentlichte. „Es grünten und blühten Feld und Wald“, „jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen, Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.“ Vom christlichen Ursprung des Festes ist mit keinem Wort die Rede. Als Goethe einige Jahre später seinen „Osterspaziergang“ für „Faust I“ schrieb, hielt er es anders. Auch hier geht es zunächst um den Frühling: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick.“ Doch einige Verse später kommt der Dichter – oder vielmehr sein „Held“, eben Faust - auch auf den religiösen Anlass des Festes zu sprechen: „die Auferstehung des Herrn“.

Es ist nicht zu leugnen: Verglichen mit Ostern oder Weihnachten hat das Pfingstfest auch für unsere Gegenwart keine große religiöse Bedeutung. Die Erfüllung der Apostel durch den Heiligen Geist – das ist, verglichen mit Tod und Auferstehung des Erlösers, ein sehr unanschaulicher Vorgang. Mit dem Geburtsfest Jesu kann Pfingsten an Popularität erst recht nicht mithalten. Der Gedanke, dass im Pfingstfest die Gründung der christlichen Kirche gefeiert wird, hilft auch nicht viel weiter – heute verstehen sich weite Bevölkerungsschichten nicht mehr als „Kirchenvolk“.

Der Frühling wird gefeiert: So wurde es bereits im alten Israel gehalten. Sieben Wochen nach dem Passahfest wurde „Schawuot“ begangen, eine Art Erntedankfest, der Frühjahrsweizen war zu diesem Zeitpunkt bereits eingebracht. Die Apostelgeschichte erzählt, über die Jünger Jesu, die sich am 50. Tag nach Christi Auferstehung versammelt hatten, um Schawuot zu feiern, sei „plötzlich vom Himmel her ein Brausen“ gekommen. „Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab.“

Mit dem Begriff des „Geistes“ lehnte sich die Schilderung an eine Stelle aus der hebräischen Bibel an, Petrus zitiert sie in seiner Pfingstpredigt: „Jetzt geschieht, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: ‚In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch.‘“ Ein Kapitel zuvor hatte Christus, unmittelbar vor seiner Himmelfahrt, seinen Jüngern dieses Ereignis angekündigt: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird.“

„Heiliger Geist“ mit großem „H“ geschrieben, wie bei einem Eigennamen, so ist es in den deutschen Übersetzungen üblich. Da liegt aber auch gleich ein zentrales Problem der Exegese des Neuen Testaments. Zwar kommt der Ausdruck „Heiliger Geist“ an fast einhundert Stellen vor, aber vom Dogma der göttlichen Dreifaltigkeit, wie es im 4. Jahrhundert formuliert wurde, konnten die Autoren noch nichts wissen. Doch in jenen Jahren um 90 oder 100 n. Chr., als die Apostelgeschichte entstand, muss die Frage, inwieweit der gekreuzigte und auferstandene Christus auch zwei Generationen später noch gegenwärtig sein konnte, sehr zentral gewesen sein. Im Johannesevangelium, vermutlich wenige Jahre später geschrieben, findet sich ein ähnliches Konzept. „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll“, sagt Jesus vor seiner Gefangennahme zu den Jüngern.

Ausgießung des Hl. Geistes, aus
dem Rabulaevangeliar, 586 n. Chr.
(Florenz, Biblioteca Mediceo Lauren-
ziana) -Bild: Wikipedia


Man hat den Verfasser der Apostelgeschichte (er ist mit dem Autor des Lukasevangeliums identisch) den „ersten Historiker des Christentums“ genannt. Doch wir müssen diesen Ausdruck im Sinne der antiken Historiographie verstehen: Wie seine „heidnischen“ Vorbilder wird „Lukas“ die Informationen in seinen Quellen szenisch ausgestaltet haben. Was „wirklich“ geschehen ist, was auf die schriftstellerische Kunst des Autors zurückgeht, lässt sich kaum noch klären. Für das Leben Jesu liegen uns gleich vier Evangelien vor, die in vielen Einzelheiten voneinander abweichen. Durch einen Vergleich lassen sich, bei aller Vorsicht, begründete Mutmaßungen über den historischen Hergang anstellen. Für die Zeit unmittelbar nach Jesu Tod gibt es nur diese einzige Quelle, eben die Apostelgeschichte.

Oder beinahe nur diese einzige Quelle. Hinzu kommen einige wenige Sätze in den Briefen des Paulus, geschrieben um 50 oder 60 n. Chr. Als Paulus einige Jahre nach Jesu Tod zum Christentum bekehrt wurde, war eine Urform des christlichen Glaubensbekenntnisses bereits fest formuliert: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift.“ Was den zweiten Punkt angeht, das Osterereignis, bietet die Pfingstpredigt des Petrus einen ähnlichen Wortlaut wie der Paulusbrief: „Gott hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt.“ Beim ersten Teil, Karfreitag, finden wir jedoch eine bemerkenswerte Nuance: Ihn, Jesus, „habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht.“

„Ihr“, also die Juden von Jerusalem, zu denen Petrus, selbst ein Jude spricht … Eine Stelle im Neuen Testament, die auch gläubige Christen heute mit Unbehagen zu Kenntnis nehmen werden. Ganze Bibliotheken sind zu der Frage verfasst worden, inwieweit die jüdischen Behörden vielleicht daran beteiligt waren, dass Pontius Pilatus Jesus zum Tod am Kreuz verurteilte. Zwei Generationen nach Jesu Tod muss es in der christlichen Gemeinde längst selbstverständlich gewesen sein, „den Juden“ die Schuld anzulasten, und zwar nicht nur den Behörden, sondern dem „Volk“. Bereits das Matthäusevangelium, um 80 n. Chr., hatte diesen Gedanken so drastisch wie nur möglich ausgedrückt. Während des Prozesses ruft „das ganze Volk“: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“

Ein Satz, der später die scheinbare Rechtfertigung gab, zur Vergeltung Ströme von jüdischem Blut zu vergießen. Zurück zu Pfingsten. „Kehrt um“, sagt Petrus zur Volksmenge, „lasst euch retten aus dieser verdorbenen Generation!“ Hier ist die Unterscheidung bereits angelegt, die zwei Jahrtausende lang die christliche Theologie prägen sollte: zwischen der Tradition des Volkes Israel, wie sie sich im „Alten Testament“ niedergeschlagen hat und von der christlichen Kirche für sich selbst beansprucht wrude, und seinen gegenwärtigen Vertretern, die in Jesus nicht den verheißenen Messias erkennen wollten. Aber man kann in der Aufforderung „Rettet euch!“ auch einen frühen Ansatz zu einem sehr modernen Religionsverständnis erkennen, wie es damals sicherlich als ganz und gar revolutionär empfunden wurde: Der einzelne Mensch kann um seines Seelenheils willen, wie er selbst es auffasst, aus  seinen hergebrachten Bindungen ausbrechen und sich ganz individuell zu einem Glauben bekennen.

Pfingsten, von Giotto di Bondone, Padua,
Cappella Scrovegni, um 1305
Bild: Wikipedia


Jeder einzelne, auch der Heide, wie der Verfasser der Apostelgeschichte es in den folgenden Kapiteln ausführt. Danach war es nicht erst Paulus, sondern schon Petrus, der auch Heiden in die christliche Gemeinde aufnahm – und zwar ohne von ihnen etwa die Beschneidung oder die Einhaltung der jüdischen Ritualgesetze zu verlangen. Wie genau diese Entwicklung abgelaufen ist, muss jedoch offen bleiben. „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“, sagt Jesus an einer Stelle des Matthäusevangeliums. Ist das ein originales Jesuswort, das von seinen Jüngern später beiseite geschoben wurde, oder spiegelt sich darin die kontroverse Debatte um die Heidenmission in der Zeit nach „Pfingsten“?

Wie auch sonst bis heute ungeklärt ist, inwieweit schon die Jerusalemer Urgemeinde sich den Einflüssen aus der hellenistischen Religionswelt, jenseits des Judentums, öffnete.  Sie „brachen in ihren Häusern das Brot“, erzählt die Apostelgeschichte unmittelbar nach der Taufe von dreitausend Menschen, die der Erfolg der Pfingstpredigt war. Paulus fand in der christlichen Gemeinde das Abendmahl als fest etablierten Ritus vor, alle vier Evangelien berichten von der Einsetzung dieses Sakraments durch Jesus selbst. Aber aus jüdischen Voraussetzungen ist das Abendmahlssakrament nicht zu erklären.  Gaben vielleicht die griechischen Mysterienreligionen das Vorbild ab? Brot und Wein spielten auch dort eine zentrale Rolle. Aber ist es glaubhaft, dass solche hellenistische Einflüsse das Christentum bereits in seiner allerersten Phase prägten?

Fragen über Fragen, die Quellenlage gibt wenig Hoffnung, dass sich da jemals verlässliche Antworten finden lassen. Da helfen auch die „Evangelien“, die 1945 bei dem ägyptischen Ort Nag Hammadi aus dem Wüstensand ans Tageslicht kamen und bis heute immer wieder für Furore sorgen, nicht weiter: Sie geben viel Auskunft über die Strömungen im Christentum des 2. Jahrhunderts, aber gerade nicht über die Jahre und Jahrzehnte gleich nach Jesu Tod. Was die Wirkung des „Pfingstereignisses“ angeht, hat der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel vor zwei Jahrhunderten bereits das abschließende Wort gesprochen: „Der Heilige Geist ist über die Jünger ausgegossen, von da an sind sie als Gemeinde und freudig in die Welt ausgezogen, um sie zur allgemeinen Gemeinde zu erheben und das Reich Gottes auszubreiten.“


Mwhe im Internet:

Pfingsten - Wikipedia
scienzz artikel Rund um das Pfingstfest

 

 

 

 

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