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12.05.2017 - PHILOSOPHIE

Was ist die Zeit?

Was John Cages stille Musik mit dem Wecker zu tun hat - und mit der atomaren Bedrohung

von Josef Tutsch

 
 

Uhr in Paddington Station, Lon-
don - Bild: Oxyman/Wikipedia

Kennen Sie „4‘ 33‘‘“, das Musikstück des amerikanischen Avantgarde-Komponisten John Cage aus dem Jahr 1952? Über 4 Minuten und 33 Sekunden lang erklingt kein einziger Ton, für jeden der drei Sätze vermerkt die Partitur „Tacet“, „Stille“. Völlige Stille herrscht dennoch nicht. Das Publikum hört die Umgebungsgeräusche wie das Summen der Beleuchtung im Konzertsaal. Und auch den eigenen Atem. Cage selbst behauptete, er habe bei einer Aufführung sogar das Pochen des Blutes in seinem Kopf gehört.

Unser „Sinn“ für das Vergehen der Zeit lässt sich eben nicht abstellen. Besonders verlässlich nach Art einer Uhr ist dieser Sinn allerdings nicht, vielleicht sogar umso weniger, je intensiver wir darauf achten. Die Zuhörer sind darauf angewiesen, dass die Spieler durch Gesten andeuten, wenn ein Satz beendet ist, wenn also die „Musik“ sozusagen nicht mehr zu „hören“ ist – schließlich will man ja nicht in die Darbietung hinein husten. Und wenn das Stück nach 4 Minuten und 33 Sekunden beendet ist, erheben sich die Interpreten, um dem Publikum zu bedeuten, dass geklatscht werden darf.

Dieses künstlerische Experiment zum Thema „Zeit“ ist nur eine der vielen Geschichten, die der englische Journalist Simon Garfield in seinem neuen Buch mit dem Titel „Zeitfieber“ erzählt. Der englische Originaltitel spricht von „Timekeepers“, also Zeitmessern, Chronometern, genau gehenden Uhren. In der Musik kamen solche Präzisionsinstrumente 1815 auf; damals meldete der Mechaniker Johann Nepomuk Mälzel das sogenannte „Metronom“ zum Patent an. Ludwig van Beethoven war begeistert. Mit den traditionellen Tempobegriffen wie „allegro“ und „moderato“, die in erster Linie ja gar keine Tempi, sondern Emotionen bezeichneten, hatte er sich immer schwer getan. Endlich schien er nun ein Mittel zu haben, alle Interpreten seiner Musik auf einen präzisen Zeitablauf zu verpflichten.

Zum Glück, meint Garfield, blieb dieser Traum unerfüllt. „Beethovens Metronomangaben haben die Musiker verwirrt und verärgert, seit die Tinte auf ihnen getrocknet war“, in der Regel wurden sie als viel zu schnell empfunden. „Kunst lässt sich nicht auf Absolutheiten reduzieren“, zuckt Garfield  die Achseln, „Gefühle sind nicht an einer Zeitleiste zu messen.“ Als Wilhelm Furtwängler 1951 in Bayreuth Beethovens „Neunte“ dirigieren, veranstaltete er im 4. Satz eine wahre „Hetzjagd“. Im Ganzen wurde seine Aufnahme mit vollen 74 Minuten dennoch die wahrscheinlich längste von allen, die bis heute auf dem Musikmarkt sind.

Ja, was ist das, die „Zeit“? Eine Frage, die Philosophen und Theologen und Schriftsteller seit zweieinhalb Jahrtausenden beschäftigt. „Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht“, seufzte der Kirchenvater Augustinus. All zu viel an Systematik wird man von Garfields Buch nicht erwarten dürfen; der Journalist hat einen, wenn man so will, „mosaizistischen“ Zugang gewählt: Aus einem Mosaik von Anekdoten und Reflexionen formt sich erst vor dem geistigen Auge des Lesers ein Gesamteindruck. Zum Beispiel die weltberühmte Szene aus dem Film „Safety Last“ von 1923, in der Harold Lloyd an einer Hochhausuhr hängt. Es ist Viertel vor drei, Lloyd dreht mit seinem Gewicht den Minutenzeiger auf halb drei zurück, es soll also Zeit gewonnen werden – schließlich heißt es ja „Time is Money“.

Harold Lloyd in "Safety Last",
1923 - Bild: Wikipedia


Vielleicht, überlegt Garfield mit kulturkritischem Anflug, liegt darin ja das eigentliche Charakteristikum unserer Zeit. Dafür spricht jedenfalls die Flut von Selbsthilfebüchern zum Thema „Zeitmanagement“. „Maximiere die Produktivität, bombe den Widerstand weg, werde reich, erfülle den amerikanischen Traum“, resümiert der Autor. Das Buch wird eröffnet durch einen fiktiven Dialog mit einem ägyptischen Fischer, dem jemand allerlei Vorschläge macht, wie er seinen Fang vervielfachen könnte. „Warum sollte ich das wollen?“, fragt der Fischer. Vielleicht, um noch mehr Fische zu fangen demnächst den Markt zu beherrschen – und irgendwann dann früh in den Ruhestand zu gehen, in der Sonne zu sitzen und einfach nur zu angeln. Antwort des Fischers: „Ein bisschen so wie heute?“

Daran hängen natürlich eine Menge Fragen, die Garfield in seinem Buch allenfalls kurz antippt. Ist das Ungenügen an der Gegenwart, wie gemütlich auch immer man sie gerade finden mag, eine Konstante des Menschseins, sicherlich nicht bei allen Menschen, aber doch in allen Kulturen, also seit Urzeiten? Oder handelt es sich um eine „Erfindung“ des „Abendlandes“, womöglich bloß unserer Moderne? Im Vergleich zu früheren Zeiten scheint sich in der Tat etwas geändert zu haben. Die Zeit, schreibt Garfield, ist „aggressiv“ geworden, wir glauben, sie läuft uns davon und wir müssten, koste es, was es wolle, hinter ihr her. „Wir stellen uns einen Wecker ans Bett, was wir aber eigentlich möchten, ist, ihn kurz und klein zu schlagen.“

Uhr und Wecker sind das beherrschende Signum unserer Zeit. Das wird noch deutlicher, wenn wir uns vergegenwärtigen, in wie vielen anderen technischen Geräten unserer Gegenwart – nicht immer sichtbar, aber doch wirksam – eine Uhr tickt, vom Fernsehen über das Telefon bis zum Computer. Und heute haben die Wegwerfartikel des Massenkonsums eine Genauigkeit, von der früher selbst die Physiker nur träumen konnten. Bei den Olympischen Spielen der Antike wetteiferten die Läufer miteinander, heute läuft jeder von ihnen gegen die Uhr.

Seit 1830 zwischen Liverpool und Manchester die Railway ihren Betrieb aufnahm, hat sich unser Alltag enorm beschleunigt. Dass damit auch das Konzept der „Pünktlichkeit“ seine Herrschaft antrat, wird den Zeitgenossen nur ganz allmählich gedämmert haben. Zuvor hatten sich die Kirchturm- und Rathausuhren nach dem Sonnenstand vor Ort gerichtet; Reisende, die eine Taschenuhr dabei hatten, mussten sie gelegentlich vor- oder zurückstellen, vielleicht auch nach den Korrekturlisten, die manche Postkutschenbetreiber zur Verfügung stellten.

Einrichtungen, die von einem auf den anderen Tag unzureichend geworden waren. Von 1840 an führten die englischen Eisenbahngesellschaften an all ihren Strecken die gleiche Zeit ein. Aber es gab auch Proteste: „Die Zeit, unser bester und teuerster Besitz, ist in Gefahr“, warnte 1851 der Korrespondent des „Chambers‘ Edinburgh Journal“. Die Einwohner vieler Städte seien jetzt „verpflichtet, sich dem Willen von Dampf und Dunst zu beugen und gehorsam den Gesetzen einer Eisenbahngesellschaft zu hetzen! Gab es je eine grässlichere Tyrannei?“

Zieht man von dieser Tirade die unfreiwillige Komik ab, bleibt doch ein sachlicher Kern: Die Abhängigkeit von den natürlichen Gegebenheiten, also vom Sonnenstand, wurde durch eine andere Abhängigkeit ersetzt, die von gesellschaftlichen Konventionen. Was hätte jener Zeitungskorrespondent erst zur Fließbandfertigung gesagt, wie sie um 1870 in den Schlachthöfen der USA und später in der Autoproduktion eingeführt wurde? „In der Vergangenheit hat der Mensch an erster Stelle gestanden, in Zukunft muss das System an erster Stelle stehen“, propagierte der amerikanische Ingenieur Frederick Winslow Taylor. Angeblich schaffte er es, mit seinem „Scientific Management“ aus seinen Stahlarbeitern bei nur 60 Prozent Lohnerhöhung eine Leistungssteigerung von 370 Prozent herauszuholen.

Metronom
Bild: AndonicO/Wikipedia


Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit … Es gibt auch Fälle von umgekehrtem „Zeitmanagement“, erzählt Garfield, dass „zu viel“ Zeit bewältigt werden soll. Am 28. August 1957 versuchte in Washington der demokratische Senator Strom Thurmond zu „philibustern“, also mit einer langen, langen Rede von 24 Stunden und 18 Minuten einen Beschluss des amerikanischen Senats über Bürgerrechte für Schwarze zu verhindern. Vergeblich, wie man weiß, Thurmond stand auf der „falschen“ Seite der Geschichte.

Zehn Jahre zuvor machte die Redaktion des „Bulletin of Atomic Scientists“ den unerbittlichen Ablauf einer Uhr zum Symbol für ihre Sicht des Weltgeschehens. Zum Mitarbeiterkreis gehörten unter anderem jene Wissenschaftler, die während des Weltkriegs die wissenschaftlichen Grundlagen der Atombombe geschaffen hatten; nach Hiroshima und Nagasaki waren sie von den Ergebnissen erschreckt. In Zukunft sollte auf der Titelseite eine große Uhr abgedruckt sein, mit dem Stundenzeiger nach oben, dem Minutenzeiger ein bisschen links davon – dem Betrachter wurde der Gedanke nahegelegt, mit dem Glockenschlag 12 sei vielleicht alles zu Ende. Die Künstlerin, die den neuen Titel entwarf, entschied sich für sieben Minuten vor zwölf.

Seitdem, berichtet Garfield, hat die Zeitanzeige nicht weniger als 21-mal gewechselt, mal vor, mal zurück, je nachdem, wie die Redaktion die aktuelle Weltlage einschätzte. Das Symbol wurde prominent: Im Januar 2016 installierte der National Press Club in Washington tatsächlich eine solche Uhr, vier prominente Wissenschaftler und vier ehemalige US-Außenminister weihten sie ein; der Zeiger steht dort auf drei Minuten vor zwölf. Auf diesem Stand bleibt er vorläufig auch, ein Uhrwerk ist nicht aktiv. Sonst wäre es drei Minuten später wirklich zwölf, und das Symbol hätte sich womöglich selbst entwertet, indem vielleicht gar nichts geschehen ist und alles weitergeht.

Außer dass in jedem Augenblick Menschen sterben; unsere individuelle Lebenszeit ist irgendwann unwiderruflich vorbei. In London hat Garfield einen Uhrmacher gefunden, der eine „Demutsuhr“ anbietet: Im Wechsel mit der Zeit wird die Nachricht „Memento mori“ gezeigt, „Gedenke, dass du sterben musst“. Ganz neu ist aber auch der Gedanke, den das „Bulletin of Atomic Scientists“ seit sieben Jahrzehnten seinen Lesern nahebringt, nicht: nämlich dass es mit der Menschheit im Ganzen in absehbarer Zeit ein Ende haben könnte. Solche Geschichtsmodelle wurden bereits Jahrhunderte vor Christi Geburt im alten Iran entwickelt. Neu ist jedoch in der Tat die Möglichkeit, dass die Menschheit dieses Ende mit technischen Mitteln selbst herbeiführen könnte. Garfield zitiert nachdenklich den amerikanischen Physiker Richard Feynmann: Falls wir uns nicht doch selbst vernichten, bestehe der Zweck der Zeit, die uns hier gegeben ist, vielleicht darin, jenen Zeit zu verschaffen, die nach uns kommen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Simon Garfield: Zeitfieber. Warum die Stunde nicht überall gleich schlägt, die innere Uhr täuschen kann und Beethoven aus dem Takt gerät, aus dem Englischen von Jörg Fündling, Konrad Theiss Verlag, Darmstadt 2017, 375 S. mit 19 Abb., ISBN 978-3-8062-3443-5, 24,95 €



Mehr im Internet:

Zeit - Wikipedia
Simon Garfield: Zeitfieber
scienzz artikel Anthropologie

 

 

 

 

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