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17.05.2017 - ALTE GESCHICHTE

Menschenopfer und Fernhandel

Eine Kulturgeschichte der Alpen in der Antike

von Josef Tutsch

 
 

Ötzi, Rekonstruktion
im Schnalser Tal-
museum ArcheoParc
Bild: Wolfg. Sauber/
Wikipedia

Alter etwa Mitte 40, 1 Meter 60 groß, Schuhgröße 38, 53 Kilogramm schwer. Braune Augen, schwarzes welliges Haar, struppiger Bart. Drahtig gebaut, litt jedoch an Laktoseunverträglichkeit, Peitschenwurmlarven im Darm, Heliobacter pylori im Magen und an Borreliose aufgrund eines Zeckenbisses, außerdem an Altersbeschwerden wie kaputten Bandscheiben, abgenutzten Gelenken, Gallensteinen, auch die Zähne müssen ihm Schmerzen bereitet haben. Eine genetische Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen begann, seine Arterien zu verstopfen. Nicht weniger als 61 Tätowierungen schmückten seine Haut.

Es wird kaum einen anderen Menschen der Vorzeit geben, den die Pathologen im Nachhinein so gründlich „durchgecheckt“ haben wie „Ötzi“, den Mann aus dem Südtiroler Eis, dessen Mumie 1991 ans Tageslicht kamen. Klimatisch wird sich die Welt, in der er lebte, gar nicht so sehr von unserer unterschieden haben. Vor 5.200 oder 5.300 Jahren war die letzte Eiszeit lange vorbei, die „neolithische Revolution“ mit Ackerbau und Viehzucht, berichtet der 2016 verstorbene Historiker und Wissenschaftsjournalist Ralf-Peter Märtin in seinem letzten Buch über „Die Alpen in der Antike“, hatte die Region bereits erfasst. Schon seit mehreren Jahrhunderten wurde Kupfer abgebaut und verarbeitet. Ötzi war Mitglied einer Elite, darauf lässt schon das Beil mit Kupferklinge schließen, das er mit sich führte. Er hatte auch keine Schwielen an den Händen, musste also nicht körperlich arbeiten.

Von Ötzi bis zur Völkerwanderung – Märtins Buch über die Alpen in der Antike ist ein Fragment; geplant war, wie der Romancier Christoph Ransmayr im Nachwort berichtet, eine Kulturgeschichte, die bis in die Gegenwart reichen sollte. Den Abstand zwischen dem Altertum und unserer Gegenwart hebt der Verfasser aber gleich im ersten Satz hervor: „Man kann nicht sagen, dass die Antike die Gebirge schätzte.“ Alpinismus und Wintersport wurden erst im 18. Jahrhundert populär, Jahrtausende lang wurden die Alpen von jenen, die außerhalb wohnten, in der Hauptsache als Verkehrshindernis wahrgenommen und als lebensfeindliche Wildnis. Märtin zitiert den griechischen Geographen Strabon, der das Abholzen der Wälder wirklich und wahrhaftig als „Reinigung des Bodens“ bezeichnete. Was  sich „kultivieren“ ließ, das wurde für Ackerbau, Weinbau, Viehzucht, Bergbau und Straßenverkehr erschlossen. Die „Wildnis“ abseits überließ man den wilden Tieren – und den „Gesetzlosen“, die menschliche Siedlungen zu scheuen Grund hatten.

Erst die Eiszeiten hatten die Alpen bewohnbar gemacht, hebt Märtin hervor: Die Gletscher erweiterten und verbreiterten die Täler, schufen die Hangterrassen, sorgten für gangbare Joche und Pässe. Und noch ein Glücksfall: Der Ozean, der vor 100 bis 250 Millionen Jahren dort lag, wo sich heute die Alpen erheben, hatte das Steinsalz zurückgelassen. Neben dem Kupfer und Zinn, die seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. zu Bronze legiert wurden, schuf sein Abbau die Grundlagen für einen Handel, der die Alpen mit halb Europa verband, von Spanien bis zur Ostsee, von der Adria bis nach England. Als im 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr. die Verarbeitung von Eisen gebräuchlich wurde, hätte man auf diesen Fernhandel großenteils auch verzichten können. Aber er verschwand nicht etwa, die Händler verlegten sich auf Luxus- und Prestigewaren.

Ein Rätsel, schreibt Märtin, ist bis heute, von welchen Völkern diese Kulturen getragen wurden. Sicher ist: Vom 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. an wurden die Alpen durch die Kelten geprägt. Aus ungeklärten Gründen schwärmten sie in die Mittelmeerländer aus und gerieten dort in den Blick der griechischen und römischen Geschichtsschreiber. 218 v. Chr. wurde in den Westalpen zum ersten Mal das betrieben, was wir heute „Weltpolitik“ nennen würden. Der karthagische Feldherr Hannibal hatte den kühnen Plan gefasst, Rom von Norden her anzugreifen, dazu musste er die Alpen überqueren. Wieviel Schnee damals auf den Pässen lag, ist bis heute nicht geklärt. Vermutlich begann die antike „Warmzeit“ erst in den Jahrhunderten nach Hannibal.

Heinrich Leutemann: Hannibals Alpen-
übergang, Münchener Bilderbogen, 1866
Bild: Wikipedia


Und damit gewannen die Fürsten der Region eine Schlüsselposition: Hannibal wollte sie dafür gewinnen, dass sie sein Unternehmen wohlwollend duldeten, die römischen Gesandten versuchten genau das abzuwenden. In einer der antiken Quellen wird berichtet, die Gallier hätten sich darauf berufen, in Italien – gemeint war: in der Poebene – hätten Angehörige ihres Volkes den Römern Tribut zahlen müssen, das sei ihnen eine Warnung. Kaum ein anderes Detail der antiken Geschichte ist mit soviel Hingabe erörtert worden wie die Frage, wo genau Hannibal mit seinen Elefanten den Alpenübergang wagte – bislang ohne sicheres Ergebnis. Hoffnungen, mit der Gletscherschmelze würde irgendwann ein Elefantenskelett zum Vorschein kommen, muss Märtin enttäuschen: Soweit bekannt, ging kein einziger von Hannibals Elefanten verloren. Die eindrucksvollen Illustrationen aus dem 19. Jahrhundert mit den Kolossen, die in Schluchten abstürzen, sind pure Phantasie.

Märtins Kulturgeschichte der Alpen in der Antike bietet über weite Strecken eben auch ein Panorama unseres Nichtwissens. Weshalb zogen die germanischen Teutonen, Kimbern und Ambronen um 120 v. Chr. von ihrer Heimat an der Nordsee über die Alpen bis nach Italien? Was sie suchten, ist immerhin klar: Es hatte sich „bis zu den nördlichen Stämmen herumgesprochen, dass es im Süden warm sei, der Winter unbekannt und die Bewohner reich“, an Gold wie an Wein. Eine Passage bei den römischen Geschichtsschreibern hat das Bild von den „Barbaren“ aus dem Norden über viele Jahrhunderte geprägt: Nach einer siegreichen Schlacht hätten sie die gefangenen Römer ihren Göttern geopfert. Besonderen Schrecken verursachte auch der „Wintersport“, den die Germanen betrieben: „Mit nacktem Oberkörper liefen sie beim Schneefall umher, stiegen durch Eis und tiefen Schnee auf die Berge, setzten sich oben auf ihre breiten Schilde, stießen sich ab und sausten an Steilschluchten und schroffen Felsen vorbei die Hänge hinunter.“

Am Ende wurden die Alpen dennoch „romanisiert“. Etwa 40 Städte wurden gegründet und ein dichtes Straßennetz angelegt. „Aus dem Süden“, schreibt Märtin, „kamen Olivenöl, Wein, Gewürze, bronzenes und silbernes Tafelgeschirr, Terra sigillata und Glasgefäße. Im Austausch dafür lieferten die Alpen Erze, Gold und Silber, Bergkristall, Salz, Honig und Holz. Hier produzierte man den besten Stahl der Antike, exportierte Wein und Käse.“ Wie die Unterworfenen die „Romanisierung“ empfunden haben, lässt sich schwer sagen. Zumindest die Eliten passten sich mühelos den neuen Verhältnissen an. Das 50 Meter hohe Siegesmal, das Kaiser Augustus errichten ließ, ist teilweise bis heute erhalten. Man findet es in der südfranzösischen Gemeinde La Turbie, gleich oberhalb von Monaco.

Kehrseite des Straßennetzes war, dass es vom 3. Jahrhundert an auch von den „Barbaren“ für ihre Einfälle nach Italien genutzt wurde: Die Alpen konnten ihren Ruf als „Bollwerk Italien“ nicht bewähren. Mit der Völkerwanderung entstand auch eine ganz neue Kulturgrenze. Während die Germanen, die seit Jahrhunderten unter römischem Einfluss standen und sich rasch zum Christentum bekehrten, im Westalpenraum von der antiken Kultur vieles bestehen ließen, hatten die Awaren und Slawen, als sie im 6. Jahrhundert die Ostalpen besetzten, dafür wenig Sinn. Östlich von Salzburg, erläutert Märtin, werden die alten lateinischen Ortsnamen seltener.

Will man der Legende glauben, begann die neue Zeit für den Alpenraum zwischen 290 und 300 n. Chr. im Wallis, im heutigen Saint-Maurice. Kaiser Maximian forderte von einer Legion christlicher Soldaten aus Ägypten, ihn bei einer Christenverfolgung im Alpenraum zu unterstützen. Ergebnis war, dass alle Soldaten unter ihrem Anführer Mauritius sich weigerten und alle hingerichtet wurden. Das Martyrium der „Thebäischen Legion“ gab 515 den Anlass für die Gründung des Klosters in Saint-Maurice. Es war das erste einer langen Reihe von Klöstern im Alpenraum, die das antike Erbe ins Mittelalter weitertrugen. Und die Klöster, die nach dem ursprünglichen Ideal doch einsame und abgeschiedene Orte der Gottesverehrung sein sollten, übernahmen auch öffentliche Funktionen. Im Alpenraum fiel ihren abhängigen Bauern zum Beispiel die Aufgabe zu, die Pässe zu schützen.

El Greco: Martyrium des hl.
Mauritius, um 1581 (El Exco-
rial) - Bild: Wikipedia


Die Welle der Klostergründungen setzte sich noch Jahrhunderte lang fort. Hätte Ötzi im späten Mittelalter gelebt, wäre er auf seinem letzten Weg das Schnalstal hinauf an der Kartause Allerengelberg vorbeigekommen. Aber was suchte Ötzi eigentlich auf dem Tisenjoch, nahe der heutigen Grenze zwischen Italien und Österreich? Jedenfalls starb er gewaltsam: Ein Pfeil durchschlug sein Schulterblatt und zerfetzte ihm die Schlüsselbeinarterie. Merkwürdig: Der Tote wurde nicht etwa beraubt, man beließ ihm seinen wertvollsten Besitz, das Kupferbeil. Auch fühlte er sich nicht verfolgt; kurz vor seinem Tod nahm er eine ausgiebige Mahlzeit mit Steinbockfleisch, Apfel und Speck zu sich.

Märtin präsentiert seine eigene Theorie: Ötzi, der vielleicht Chef seines Clans war, wurde rituell geopfert, sicherlich mit seinem eigenen Einverständnis. Es könnte eine schlechte Ernte oder eine Viehseuche vorangegangen sein, die Götter sollten gnädig gestimmt werden. Märtin verweist auf einen Menhir aus Latsch im Vinschgau, allerdings ein halbes Jahrtausend später als Ötzi, auf dem ein Bogenschütze abgebildet ist, wie er einen Mann von hinten erschießt. Belegt er das Ritual, dem der Eismann zum Opfer fiel? Wenn ja, dann wird Ötzi kein Einzelfall gewesen sein. Dann müssten demnächst mit der Gletscherschmelze weitere „Eismumien“ zum Vorschein kommen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Alf-Peter Märtin: Die Alpen in der Antike. Von Ötzi bis zur Völkerwanderung, mit einem Nachwort von Christoph Ransmayr, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017, 208 S., ISBN 978-3-10-002539-5, 22,00 € [D], 22,70 € [A]



Mehr im Internet:

Alpen - Wikipedia
Alf-Peter Märtin: Die Alpen in der Antike
scienzz artikel Mitteleuropa

 

 

 

 

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