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22.05.2017 - ETHOLOGIE

Eine Trennlinie geraet ins Wanken

Wie Tiere denken und fuehlen

von Josef Tutsch

 
 

Schimpansen in Jane Goddalls
"Tchimpounga Chimpanzee
Rehabilitation Center" (Congo
Brazzaville), 2006
Bild: D. Bruyère/Wikipedi

Als die Verhaltensforscherin Jane Goodall sich 1962 zu einem Promotionsstudium an der University of Cambridge einschrieb, erzählt der Meeresbiologe Carl Safina in seinem neuen Buch über das Denken und Fühlen der Tiere, musste sie sich anhören, sie habe bei ihren vorangegangenen Studien mit Schimpansen alles falsch gemacht: „Wirklich alles. Ich hätte ihnen keine Namen geben dürfen. Ich hätte nicht über ihre Persönlichkeiten, ihre Seele, ihre Gefühle sprechen dürfen.“ Bei Goodalls erster wissenschaftlicher Veröffentlichung für die „Annals of the New York Academy of Sciences“ bestand der Herausgeber darauf, dass sie einzelne Schimpansen nicht mit „er“ oder „sie“ bezeichnete, sondern mit „es“. Und vor allem sollten die Tiere, statt Namen zu erhalten, einfach durchnummeriert werden.

Sind Schimpansen, Elefanten, Wölfe oder Wale „Persönlichkeiten“? Oder ist es eine unzulässige Übertragung menschlicher Kategorien, ein „Anthropomorphismus“, wenn wir ihnen Denken und Fühlen unterstellen? Safina hat eine 500 Seiten lange Streitschrift verfasst. Der Gegner ist eine vielhundertjährige philosophische Tradition, die ihren klassischen Ausdruck in den 1640er Jahren bei René Descartes fand: Die Tiere sind Materie und nichts weiter, bloße Maschinen, einzig der Mensch hat das Vermögen zu denken.
Man kann diesen Gedanken noch weiter zurückverfolgen, bis zu den alten Griechen: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“, sagte im 5. Jahrhundert v. Chr. der Philosoph Protagoras. Und bis in die Schöpfungsgeschichte der Bibel: „Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.“

Moderne Verhaltensforscher, kritisiert Safina, haben den cartesianischen Dualismus übernommen. „Man durfte sagen ‚Die Elefantenkuh stellte sich zwischen ihr Junges und die Hyäne.‘ Doch mit dem Satz ‚Das Muttertier brachte sich in Stellung, um ihr Junges vor der Hyäne zu schützen‘ hätte man schon die Regeln gebrochen; er wurde als anthropomorph erachtet, da wir keinen Zugang zu den Absichten des Muttertiers haben. Die Frage danach wurde im Keim erstickt.“ Man könnte sogar sagen, dass diese Skepsis wissenschaftsmethodisch ihren guten Sinn hat. Aber jeder Hundehalter weiß, dass es nicht tunlich wäre, daraus ein Dogma zu machen. Wenn ein Hund mit seiner Pfote gegen die Tür kratzt, ist es offensichtlich, dass er hinaus will. Safina: „Wenn Sie den Beweis dafür weiterhin ignorieren, halten Sie besser einen Wischlappen bereit.“

Der Biologe unterstellt, dass es für diese Abwehr des „Anthropomorphismus“ einen sehr handfesten Grund gab und gibt. „Die simple Behauptung, dass Tiere nicht zu menschlichen Gefühlsregungen in der Lage seien, ist ein billiger Trick des Menschen, sich den Alleinanspruch auf alle erdenklichen Gefühle und Handlungsantriebe zu sichern.“ Auch und gerade auf die Erfahrung des Leidens: Die Voraussetzung, dass Tiere bloße Maschinen wären, gab den Schein einer Rechtfertigung, sie grausamen Vivisektionen zu unterziehen. „Tiere, die wir zu unseren Sklaven gemacht haben, betrachten wir nicht gern als uns ebenbürtig“, notierte Charles Darwin einmal in seinem Tagebuch.

Safinas Forderung: Wir sollten genau hinsehen und genau hinhören! Tiere „denken“ und „fühlen“ tatsächlich - „wie wir“, spitzt der Forscher seine These zu, schränkt dann aber auch gleich ein: „nur auf andere Weise“. Was dieses „Einerseits-Andererseits“ genau bedeutet, darüber könnte man in abstrakten Kategorien endlos lange reflektieren. Statt dessen breitet der Autor ein beeindruckendes Panorama von Fällen aus, in denen es unvermeidlich scheint, menschliche Kategorien wie „Freude“ und „Spaß“ und „Spiel“ und „Liebe“ auf das Verhalten anderer Tierarten anzuwenden. Individuelle „Persönlichkeiten“ finden sich von Insekten über Fische und Vögel bis zu Elefanten, Wölfen und Affen. „Manche sind aggressiv und frech, andere eher schüchtern; einige haben Angst vor dem Unbekannten, während andere Abenteurer sind.“ Etwa bei Wölfen prägt die „Persönlichkeit“ der führenden Tiere sogar die soziale Struktur des Rudels: „Ein Wolf ist kein ‚Etwas‘, ein Wolf ist ein ‚Jemand‘.“

Afrikanische Elefanten in der Serengeti,
2010 - Bild: Ikiwaner/Wikipedia


Gelegentlich ruft Safina sich selbst zur Disziplin: „Ich bin bei den Dingen, die ich gerne glauben würde, immer besonders skeptisch, gerade weil ich sie gerne glauben würde. Wenn man etwas glauben will, kann das den Blick verzerren.“ In einem Nationalpark in Tansania wurden zwei ausgewachsene Schimpansenmännchen beobachtet, die einen Bergrücken erklommen und dann zusahen, wie die Sonne unterging. Haben Affen womöglich einen Sinn für Naturschönheit? Oder gar für Kunst und Design? Safina beteuert, er selbst habe gesehen, wie ein Orang-Utan-Weibchen eine Perlenkette aufreihte und sich umlegte. Im Jahr 2000 ging die Meldung durch die Weltpresse, bei den Buckelwalen vor der australischen Ostküste habe sich ein „Sprachwandel“ vollzogen: Die Wale hätten ihren angestammten „Dialekt“ durch „Phrasen“ ersetzt, die zuvor nur an der Westküste üblich waren, vermutlich nach dem Vorbild eingewanderter Artgenossen. Gibt es bei Walen so etwas wie „Mode“?

Tierische Technik gibt es in der Tat, auch ökonomisches Kalkül. In einem Zoo, berichtet Safina, hatte ein Orang-Utan entdeckt, wie er mit einem Stück Draht eine Tür öffnen konnte, um sich die Gelegenheit zu einem kleinen Spaziergang außerhalb seines Geheges zu verschaffen. Tagelang versteckte er den Draht vor seinen Pflegern, er ahnte, dass sie ihm den wegnehmen würden. In einem amerikanischen Delfinarium wollten die Pfleger die Tiere darauf trainieren, an der Sauberhaltung ihres Beckens mitzuwirken, indem sie Abfall gegen Fisch eintauschen konnten. Eine Delfindame verfiel auf den Trick, von den Blättern Papier, die in ihr Becken wehten, kleine Stücke abzureißen und einzeln einzutauschen. Sie verknappte sozusagen ihr Angebot, um den Preis in die Höhe zu treiben.

Viele Tiere können lügen und täuschen, auch das eine Fähigkeit, die man gern als Privileg des Menschen ansieht. Sowohl bei Affen als auch bei Hunden weiß man aus Experimenten, dass sie ihre Artgenossen gern an der Nase herumführen, und ihre menschlichen Pfleger und Partner sowieso. Und manche können Gefahren verblüffend realistisch einschätzen. Wenn er mit seinen Hunden am Strand spazieren ging, erzählt Safina, paddelten die Enten gemächlich ein paar Meter weit weg. Aus Jahrhunderttausenden Evolutionsgeschichte wussten sie: Das genügt, um sich vor Wölfen zu schützen. Näherten sich dagegen unbekannte Menschen dem Wasser, flogen die Enten in Panik weit weg. Gibt es dafür eine andere Erklärung, als dass sie oder ihre Vorfahren in jüngerer Vergangenheit Erfahrung mit Schusswaffen machen mussten? Ein Bonobo in Georgia beherrschte die Fähigkeit, beim Picknick Hamburger auf einem Feuer zuzubereiten – keinem Kleinkind würde man ein Feuerzeug anvertrauen, meint Safina. Der Affe verstand mehr als 1.000 englische Wörter und konnte über ein Touchscreen etwa 300 Bildzeichen selbst anwenden.

Da ist es wohl gar nicht so einfach, die traditionellen Definition des Menschen mittels von Begriffen wie „Vernunft“ oder „Sprache“ aufrecht zu erhalten. „Die häufig wiederholte Aussage ‚Menschen sind rationale Wesen‘ ist wahrscheinlich die größte Halbwahrheit, die wir über uns verbreiten“, schreibt Safina. Immerhin: eine Halbwahrheit, trotz der selbstkritischen Überlegung, wozu wir unsere „Rationalität“ so häufig einsetzen: „Von allen Tieren sind wir am häufigsten irrational.“ Vielleicht, grübelt der Autor, liegt aber gerade darin die Wurzel unserer Kreativität, unserer Fähigkeit, uns etwas Neues, noch nicht Existierendes vorzustellen.

Ist es wenigstens „rein menschlich“, wenn wir uns „menschlich“ verhalten? Safina winkt ab: Hilfe für den Nächsten, wenn man das so nennen will, wurde bereits bei Ratten beobachtet. Selbst wenn im benachbarten Käfig Schokolade zu finden war, zeigten Experimente, befreiten sie zunächst den gefangenen Artgenossen aus seinem Käfig, um sich danach die Leckereien zu teilen. „Uneigennütziges Verhalten unter Freunden ist wie der Kauf einer Versicherung“, analysiert Safina. Er will nicht einmal ausschließen, dass es bei Tieren womöglich sogar Mitleid über die Artengrenze hinweg gibt. Immerhin finden sich etwa Berichte, Wale hätten im Wasser verirrte Hunde wieder an Land schoben. Wer weiß, vielleicht ist an der Geschichte vom Sänger Arion, den ein Delphin gerettet haben soll, ja etwas dran.

Europäisches Wolfspaar, 2007
Bild: Gunnar Ries/Wikipedia


Dass Wale vermutlich kein schlechtes Gewissen empfinden, nachdem sie ihr Essen getötet haben – nun ja, „das haben auch nur wenige Menschen“. Welches Spektrum von Entwicklungsmöglichkeiten der Menschenart im Rahmen der Primaten offenstand, ahnt man vielleicht, wenn man zwei eng verwandte Menschenaffenarten daneben stellt: die Bonobos, die miteinander spielen und ihr Futter bereitwillig teilen, und die „kriegtreibenden, habgierigen, politischen“ Schimpansen. In anderer Hinsicht könnte man auf den Gedanken kommen, dass uns von allen übrigen Tieren vielleicht die Elefanten am nächsten stehen. „Manchmal bedecken Elefanten ihre verstorbenen Artgenossen mit Erde und Blättern. Damit sind sie, abgesehen von uns Menschen, die einzigen Tiere, die schlichte Bestattungsrituale vollziehen.“ „Haben Elefanten eine Vorstellung vom Tod?“

Die Trennlinie zwischen Mensch und Tier sei „eine künstliche“, stellt Safina fest, „da der Mensch ein Tier ist“ - das Wörtchen „ist“ kursiv gesetzt. Aber bleibt da nicht doch eine Einschränkung, jene die vielleicht schon der Erzähler der biblischen Schöpfungsgeschichte im Sinn hatte, mit dem Satz, dass es Adam war, der den Tieren ihre Namen gab? Richtig ist zweifellos: Elefanten und Wale und Wölfe und Affen schreiben keine Bücher zu der Frage, wie Menschen fühlen und denken. Aber ob sie sich dazu vielleicht ihre Gedanken machen?


Neu auf dem Büchermarkt:

Carl Safina: Die Intelligenz der Tiere. Wie Tiere fühlen und denken, aus dem Englischen von Sigrid Schmid und Gabriele Würdinger, C. H. Beck, München 2017, 526. S., ISBN 978-3-406-70790-2, 26,95 €



Mehr im Internet:

Ethologie - Wikipedia
Carl Safina: Die Intelligenz der Tiere
scienzz artikel Tiere

 

 

 

 

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