Berlin, den 17.12.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

23.05.2017 - KIRCHENGESCHICHTE

Stellvertreter Christi oder Antichrist

Eine Ausstellung in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim

von Josef Tutsch

 
 

Papst Bonifaz VIII., 1294-1303
Kopie Grabstatue von Arnolfo
di Cambio - Bild: Musei Vaticani

„Ich flüstere Dir ins Ohr“, schrieb Martin Luther im März 1519 an den Beichtvater seines Kurfürsten, Georg Spalatin, „ich bin im Ungewissen, ob nicht der Papst der Antichrist in Person oder dessen Vorläufer ist.“ Es war anderthalb Jahre nach dem Thesenanschlag an der Wittenberger Schlosskirche. Allmählich wurde Luther bewusst, dass sein Vorstoß vielleicht doch ganz andere Folgen haben würde, als erwartet. Wenn sich die römische Kurie seinen Einwänden gegen den Ablass verschließen würde – konnte er dann noch umhin, die Autorität des Papsttums in Frage zu stellen? Das Schreckgespenst einer Spaltung der abendländischen Christenheit zog am Horizont auf.

Pünktlich zum Reformationsjubiläum zeigen die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim jetzt eine große Ausstellung über diese Institution, der sich Luther gegenübersah. Am Anfang und am Ende stehen zwei „Papstbilder“. Aus dem Museum für Byzantinische Kunst in Berlin ist eine kleine Bronzestatuette nach Mannheim gekommen, entstanden um 400 n. Chr., die als Apostel Petrus gedeutet wird. Die Mannheimer Kunsthalle konnte eines der vierzig Bilder beisteuern, die der britische Maler Francis Bacon 1951 auf der Grundlage von Diego Velázquez‘ Portrait Papst Innozenz‘ X. schuf – künstlerisch zweifellos ein Höhepunkt dieser Ausstellung. „Das Gesicht des Papstes wirkt wie von einem Schmerz verzerrt, der sich in einem Schrei zu entladen scheint“, erläutert die Heidelberger Kunsthistorikerin Irmgard Siede im Ausstellungskatalog "Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt. Antike – Mittelalter – Renaissance", herausgegeben von Alfried Wieczorek und Stefan Weinfurter.

Bacons Gemälde ist aber auch schon das einzige Stück, das die fünf Jahrhunderte nach der Reformation repräsentiert. Thema der Ausstellung ist das, was Luther vorfand, und die Entwicklung, wie es dazu kam: Mehr als 300 Bücher und Handschriften, Gemälde und Plastiken, weltliche und liturgische Gebrauchsgegenstände von der Spätantike bis zur Renaissance; nahezu ein Drittel haben die Vatikanischen Museen in Rom beigesteuert. Mit einem Rekonstruktionsfilm kann sich der Besucher in das Rom unter Papst Julius II. zurückversetzen; damals kam ein frommer Pilger aus Sachsen mit den Namen Martin Luther in die Ewige Stadt. Aber auch in die Hauptstadt des Imperium Romanum fast anderthalb Jahrtausende zuvor, unter Kaiser Nero, als der Apostel Petrus den Märtyrertod fand.

War Petrus wirklich in Rom, wurde er, wie es die fromme Überlieferung besagt, dort im Jahr 67, also vor 1.950 Jahren, gekreuzigt? Archäologisch gesichert ist, berichtet der Münsteraner Archäologe Hugo Brandenburg, dass bereits Mitte des 2. Jahrhunderts ein Grab des Apostelfürsten verehrt wurde, an jener Stelle, an der sich heute die Peterskirche erhebt. In der Ausstellung ist die berühmte „Capsella di Samagher“ zu sehen, ein Reliquienkästchen aus Ebenholz, das in Kroatien gefunden wurde und heute in Venedig aufbewahrt wird. Darauf sind zwei Personen abgebildet, die vor der „Memoria“ des Petrus stehen, an dem Ort also, wo seines Todes gedacht wurde. Wer in Rom war, wird in der winzigen Darstellung die gedrehten Säulen von Berninis Baldachin in der Peterskirche wiedererkennen – nicht anders als Bernini wollten auch die frühen Christen, die wenige Generationen nach Petri Kreuzigung diesen Erinnerungsort gestalteten, den Tempel von Jerusalem nachbilden, wie das Alte Testament ihn schildert.

Die Ausstellung ist geradezu übervoll mit Dokumenten und Sachzeugnissen, die die Entwicklung der zugleich geistlichen wie weltlichen Autorität des Papsttums belegen. Wenn das „lateinische Europa“ von Spanien bis Skandinavien, von Schottland bis Ungarn eine institutionelle Spitze hatte, dann war es das Papsttum. Das früheste Zeugnis für den Anspruch der Bischöfe von Rom, einen „Primat“ über die gesamte christliche Kirche auszuüben, stammt von Papst Damasus, aus dem Jahr 382. Um 530 entstand die erste „Geschichte der Päpste“, wenn man das so nennen will, der „Liber pontificalis“. Das Buch wurde immer wieder fortgeführt, der Besucher sieht ein Exemplar aus der Stadtbibliothek Trier, geschrieben im 12. oder 13. Jahrhundert. Wie im späten Mittelalter der Anspruch aktueller Amtsinhaber auf historische Legitimität verbildlicht wurde, zeigt eine Pergamentrolle aus der Berliner Staatsbibliothek, entstanden Anfang der 1430er Jahre: 232 Päpste, von Petrus bis zu Eugen IV., sowie 133 Kaiser und Könige, von Caesar bis zu Sigismund, sind aufgereiht.

Papst Sixtus IV. (1471-1484),
von Melozzo da Forlì, 1477
Bild: Musei Vaticani


„Durch die lückenlose Rückführung auf Petrus sollte die Legititimität der Institution bekräftigt werden“, erläutert einer der Kuratoren, Stefan Weinfurter – ein Punkt, der den Theologen in der Nachfolge Luthers später übrigens viel Kopfzerbrechen bereitet hat: Bis zu welchem Punkt in der Entwicklung bestand die unverfälschte Urkirche, wann begann die „frühkatholische“ Abirrung? Die Staatsbibliothek Bamberg hat zu der Ausstellung eine Abschrift der sogenannten „Konstantinischen Schenkung“ beigetragen: Irgendwann um 800 tauchte eine Urkunde auf, der zufolge Kaiser Konstantin die Herrschaft über die Westhälfte seines Reiches dem Papst übertragen hätte. Vermutlich legte Papst Johannes XII. diese „Urkunde“ vor, als er 962 mit Kaiser Otto dem Großen über den „Kirchenstaat“ verhandelte – heute würden wir von einer Fälschung sprechen.

Noch einen Schritt weiter ging Bonifaz VIII., der 1302 den päpstlichen Vorrang in der gesamten Welt verkündete. Aus Rom ist die Kopie einer lebensgroßen Büste dieses Papstes nach Mannheim gekommen, wie er, die Schlüssel Petri in der linken Hand, mit der rechten den Segen spendet. Ein eindrucksvolles Zeugnis für die Machtambitionen des Stellvertreters Christi bietet eine Miniatur, die in der Londoner British Library aufbewahrt wird: Der Apostel Petrus, mit dem Schlüssel in der Hand, verdammt Kaiser Ludwig IV. zur Hölle; der Wittelsbacher war 1347 verstorben, während er sich im Kirchenbann befand.

Aber auch die Krisen kommen nicht zu kurz, die das Papsttum zu überstehen hatte, vor allem das „Große Schisma“ um 1400, als in Rom und Avignon konkurrierende Päpste amtierten, die einander mit dem Bann belegten. Und natürlich der kulturelle Glanz, den diese Institution über die Jahrhunderte immer wieder ausstrahlte … In Mannheim ist ein Abguss der monumentalen „Laokoongruppe“ zu sehen, die 1506 auf dem Esquilin entdeckt wurde. Papst Julius II. ließ sie in einem Statuenhof des Vatikanischen Palastes aufstellen; Martin Luther hätte sie auf seiner Romreise 1510 oder 1511 dort sehen können. Aber Altertümer interessierten ihn nicht. 1506 war auch der Neubau der Peterskirche in Angriff genommen worden – jenes Bauprojekt, dessen Finanzierung über den Ablass ein Jahrzehnt später den Anlass für Luthers „95 Thesen“ gab. Die Ausstellung zeigt ein Schreiben Papst Leos X. nach Genf: Ein Kanoniker dort wurde mit dem Ablassgeschäft beauftragt.

„Der Antichrist“ lautete schließlich Luthers Einschätzung des Papsttums, zu der er sich  nach einigem Zögern durchrang. Offenbar verbreitete sich dieser Gedanke sehr schnell durch Deutschland. In Mannheim ist eine Spottmedaille zu sehen, auf der das Antlitz eines Papstes mit einem Teufelskopf verschmilzt. „Die verkehrte Kirche hat das Gesicht des Teufels“, erläutert die Aufschrift. Luthers theologisch formulierte Argumente trafen eben auch einen ökonomischen Nerv: Weite Kreise des aufstrebenden Bürgertums in Deutschland hatten das Gefühl, es fließe zu viel Geld nach Rom ab.

Mehr am Rande gehen Ausstellung und Katalog darauf ein, dass der Reformator seinen Verdacht nicht erst neu erfinden musste. Es gab bereits Flugblätter, berichtet Weinfurter,  auf denen der Papst als Antichrist oder auch als Esel dargestellt wurde, „man warf der Kurie Geldgier und moralische Verfehlungen vor“. Schon im 13. Jahrhundert, als der hl. Franziskus den Franziskanerorden gründete, war der Vorwurf ein großes Thema, die Päpste würden sich mit weltlicher Pracht umgeben und nicht der Armut folgen, wie Christus sie vorgelebt hatte. 1516 veröffentlichte der Humanist Erasmus von Rotterdam eine beißende Satire auf Julius II. In Erasmus‘ Perspektive hatte dieser kriegerische Papst mit der Idee der christlichen Kirche und den Wurzeln des Petrusamtes wenig gemein.

Spottmedaille "Die verkehrte Kirche hat
das Gesicht des Teufels", ca. 1543
Bild: Wikipedia


Viele Zeitgenossen freilich werden diesen Papst anders wahrgenommen haben. Noch drei Jahrzehnte nach Julius‘ Tod kopierte Tizian das Portrait, das Raffael von ihm gemalt hatte – Tizians Bild aus den Florentiner Uffizien bildet einen der Glanzpunkte in Mannheim. Diskussionen, die es zweifellos nicht nur in intellektuellen Kreisen gegeben hat. Aus der Vatikanischen Bibliothek in Rom ist eine Sammlung von „Papstprophetien“ aus dem 15. Jahrhundert nach Mannheim gekommen: Die Kritik an den Päpsten damals kaschierte sich als Verheißung zukünftiger „Engelspäpste“. Und auch die Legende von der „Päpstin Johanna“, die der Ausstellung durch die Reimchronik des Jens Enikel aus dem 15. Jahrhundert repräsentiert ist, gehört in den Zusammenhang dieser Kritik am Papsttum. Im 9. Jahrhundert soll zwei Jahre, sieben Monate und vier Tage lang eine Frau auf dem Stuhle Petri gesessen haben, bis ihr bei einer Prozession plötzlich ein Neugeborenes aus den geschlitzten Prunkgewändern auf den Boden fiel.

Im Mittelalter erzählte man sich die Geschichte zur Warnung vor den Tücken des weiblichen Geschlechts, in der Neuzeit als Spott über die Ränke in der katholischen Kirche, inzwischen wurde „Johanna“ zur Gallionsfigur des Feminismus umgewertet. Ungeachtet solcher Spöttereien: Die Institution Papsttum übt weiterhin ihre Faszination aus, weit über die Grenzen der katholischen Kirche hinaus. „Wir sind Papst!“ titelte eine deutsche Boulevardzeitung, nachdem Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt worden war. „Wir sind Papst“, geschrieben 2005, im Land der Reformation … Da scheinen Luthers Mutmaßungen über den Antichristen wohl passé zu sein.


Aktuelle Ausstellung:

Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt. Antike – Mittelalter – Renaissance, bis 31. Oktober 2017, Reiss-Engelhorn-Museen/Museum Zeughaus, Mannheim



Neu auf dem Büchermarkt:

Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt. Antike – Mittelalter – Renaissance, Katalog zur Ausstellung, herausgegeben von Alfried Wieczorek und Stefan Weinfurter, Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2017, 544 S. mit 391 Abb., ISBN 978-3-7954-3086-3, 39,95 €



Mehr im Internet:

Papsttum - Wikipedia
Ausstellung Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt
Katalog Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt
scienzz artikel Kirche und Papsttum

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet