Berlin, den 26.06.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

27.05.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

500 Jahre protestantisches Pfarrhaus

Von Luther bis heute

von Josef Tutsch

 
 

Katharina von Bora, von
Lucas Cranach d.Ä., 1526
(Wartburg, Eisenach)
Bild: Wikipedia

Gottsched, Bodmer, Gellert, Lessing, Wieland, Schubart, Claudius, Lichtenberg, Bürger, Hölty, Lenz, Gotthelf, Jean Paul, die Brüder Schlegel – die Liste der deutschen oder deutschsprachigen Schriftsteller des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, die einem protestantischen Pfarrhaus entstammten, ist endlos. Würde man jene hinzuzählen, deren Väter protestantische Geistliche, wenngleich keine Pfarrer waren, kämen weitere hinzu, etwa Herder und Hölderlin.

Die deutsche Literatur von der Aufklärung bis zur Romantik entstand großenteils als Werk von Pfarrerssöhnen, man darf vermuten: als Frucht der Bildung in protestantischen Pfarrhäusern. Und die Reihe ließe sich ins 20. Jahrhundert hinein fortsetzen: Auch Nietzsche, Hesse, Benn und Dürrenmatt kamen aus Pfarrersfamilien. Bloß Zufall? Zum Reformationsjubiläum ist nun ein Sammelband mit literaturwissenschaftlichen und theologischen Beiträgen zum Thema „Pfarrhaus“ herausgekommen. Die Herausgeber, Theologen der Universitäten München, Bonn und Frankfurt am Main, sprechen von einem „Bilderbuch“: Der Band „versammelt Bilder des evangelischen Pfarrhauses, seiner Bewohner und seiner Aura“. Das ist allerdings rein metaphorisch gemeint, es handelt sich um dichterische „Bilder“ und daneben um theologische Reflexionen über Gegenwart und Zukunft dieser Institution.

Welche theologischen Konzepte Martin Luther und seine Mitstreiter im Sinn hatten, als sie dem Zölibatsgebot der katholischen Kirche eine Absage erteilten, ist gar nicht so sicher, stellt der Kieler Theologe Rainer Preul fest. Die „Confessio Augustana“, die Bekenntnisschrift der protestantischen Reichsstände zum Augsburger Reichstag 1530, legt sogar den Gedanken nahe, für die lutherischen Theologen damals könnte der „Ehestand der Priester“ eher ein lebenspraktischer Behelf gewesen sein. Dort wird der Apostel Paulus zitiert: Es sei besser zu heiraten als „in Begierde zu brennen“. Sei den Priestern die Ehe versperrt, müssten sie in „Unzucht“ verfallen.

Die Reihe der Artikel zur deutschen Literaturgeschichte setzt erst mit Gotthold Ephraim Lessing ein – Lessing, der 1729 geboren wurde, also mehr als zwei Jahrhunderte nach Luthers Thesenanschlag. Auch das gehört zum Gesamtbild: Seine große Kulturbedeutung gewann das protestantische Pfarrhaus erst in dem Augenblick, als der Protestantismus durch die Aufklärung bereits wieder in Frage gestellt wurde. Der Münchner Germanist Friedrich Vollhardt weist in seinem Beitrag darauf hin, dass es auch in den beiden Jahrhunderten vor Lessing dichtende Pfarrer und Pfarrerssöhne gegeben hat. Aber ihre Werke sind nicht in den literarischen „Kanon“ eingegangen, jedenfalls nicht auf Dauer – mit Ausnahme des einen oder anderen Kirchenliedes, wäre vielleicht zu ergänzen.

„Dichtkunst, sie ist ursprünglich Theologie gewesen“, hat Johann Gottfried Herder die Kontinuität in der Geistesgeschichte der frühen Neuzeit, wie er sie sah, einmal auf den Begriff gebracht, „und die edelste, höchste Dichtkunst wird wie die Tonkunst ihrem Wesen nach immer Theologie bleiben.“ Lessing war sich dieser Kontinuität durchaus bewusst. Vollhardt zitiert einen Brief von 1754. „Er ist einer von den ersten Übersetzern des Tillotsons“, schrieb Lessing darin nicht ohne Stolz 1754 über seinen Vater, einen Prediger in der sächsischen Stadt Kamenz. John Tillotson – das war ein anglikanischer Bischof von Canterbury im 17. Jahrhundert, der mit Schriften zur Geschichte der christlichen Dogmatik hervortrat. Dass der alte Lessing ihn ins Deutsche übersetzen konnte, zeigt auch eine damals höchst ungewöhnliche Beherrschung der englischen Sprache.

Gotthold Ephraim Lessing, von
Anna Rosina de Gasc, 1768 (Gleim-
haus, Halberstadt) - Bild: Wikipedia


Man darf spekulieren: Wenn der Sohn Lessing später in seinem berühmten „17. Literaturbrief“ Shakespeare gegen die französischen Klassiker Corneille und Racine ausspielte – wäre das ohne das Vorbild seines Vaters überhaupt möglich gewesen? Zwei Themen, die Lessings schriftstellerisches Werk beherrschten, schreibt Vollhardt, wurden ihm durch Konflikte im elterlichen Pfarrhaus vorgegeben: „die Frage nach der Wahrheit der christlichen Religion und die Leidenschaft für das Theater“. Vater Lessing hatte erbittert gegen die Einrichtung einer „Schaubühne“ in Kamenz gekämpft, die der Schulrektor Johann Gottfried Heinitz, der Lehrer seines Sohnes, gerade als Erziehungsmittel befürwortete. Mit der Entwicklung seines Sohnes wird er nicht durchweg so ganz glücklich gewesen sein, mit dem Prozess der Säkularisierung, in dessen Verlauf das protestantische Pfarrhaus doch erst seine Bedeutung für die Weltliteratur gewann, erst recht nicht.

Der Sammelband verzichtet darauf, weitere prominente Beispiele aus Aufklärung, Klassik und Romantik zu behandeln. Dafür nimmt die Literatur des 19. Jahrhunderts breiten Raum ein. Als Gottfried Keller in den 1840er Jahren in seinem Roman „Der grüne Heinrich“ ein Pfarrhaus schilderte, war das schon ein Rückblick, das Zeugnis einer großen Desillusionierung. Im Roman geht es viel weniger um Kontinuitäten als um Brüche. Der Titelheld Heinrich, resümiert der Münchner Theologe Jan Rohls, „spürt, wie sich die anerzogenen Gedanken von Gott und Unsterblichkeit in ihm aufzulösen beginnen“. Ebenso wie der Dichter selbst hat er den Philosophen Ludwig Feuerbach studiert.

Vollends zu „Erinnerungsplätzen“ geworden, schreibt der Tübinger Theologe Volker Drehsen, sind die Pfarrhäuser in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, die Theodor Fontane zwischen 1862 und 1892 schrieb. Sie sind weitgehend unbewohnt, „der melancholische Blick auf das Vergangene markiert geschichtliche Diskontinuitäten, vergegenwärtigt das Unwiederbringliche, verlebendigt das ein für alle Mal Versunkene“. In merkwürdigem Gegensatz dazu stehen Fontanes Romanwelten. Sie sind „mit einer Vielzahl von Pfarrersfiguren bevölkert, aber es kommen hier kaum Pfarrhäuser vor“. „Fontanes Pfarrer scheinen kein familiäres Privatleben zu haben“, und wenn doch, dann haben sie ihre Gründe, darüber nicht gern zu sprechen.

Vielleicht noch merkwürdiger wirkt die Abkehr von der traditionellen Darstellungsart an Wilhelm Raabes Romanpastoren und Romanpfarrhäusern. „In seinen Pfarren“, hat der Münchner Theologe Hermann Timm beobachtet, „wird nicht gesungen oder musiziert“ - kaum zu glauben, dass es sich um dieselbe Institution handeln soll, die doch am Anfang der „klassischen“ deutschen Dichtung stand. Noch ein Beispiel aus dem späten 20. Jahrhundert, von einem Schrifsteller, der in einem Interview beteuerte: „Nein, ich habe keine religiösen Bindungen, aus der Kirche bin ich ausgetreten.“  Zwischen 1970 und 1983 kam der vierbändige Roman „Jahrestage“ von Uwe Johnson heraus. Es geht gleich um drei Pfarrerfiguren; Johnson, schreibt die Jenauer Theologin Katharina Wörn, variierte an ihnen die  Haltung der evangelischen Kirche gegenüber Ideologie und Politik des Nationalsozialismus. Der Schriftsteller war in seiner Jugendzeit im Umkreis der evangelischen Kirche aktiv gewesen.

In seinen letzten Lebensjahren, berichtet der Münchner Theologe Gunther Wenz, beschäftigte sich Thomas Mann mit Vorarbeiten zu einem Schauspiel über das historische Urbild aller protestantischen Pfarrhäuser, Titel „Luthers Hochzeit“. Leicht vorstellbar, dass der Schriftsteller einige Schwierigkeiten gehabt hätte, sich zu entscheiden, welche von Luthers süffisanten Bemerkungen gegen den Zölibat in der katholischen Kirche in das Drama Eingang finden sollten. Kleine Kostprobe, Reiner Preul zitiert die Stelle aus Luthers Werken im Sammelband: Gesetzt, ein Priester „hätte sechshundert Huren bestiegen, hätte gleich reihenweise ehrbare Frauen und sehr junge Mädchen geschändet oder hielte viele süße Buben aus – nein, da gibt es keinerlei Bedenken, da kann er Bischof oder Kardinal oder Papst werden!“

Pfarrhaus in Röcken bei Naumburg (Geburts-
haus von Friedrich Nietzsche), um 1900
Bild: Wikipedia


Oder hätte Thomas Mann, altersweise und altersmild geworden, den Akzent doch mehr auf Luthers schöpfungstheologischen Ansatz gelegt, mit dem biblischen Gebot „Seid fruchtbar und mehret euch“? Die Auseinandersetzung mit dem katholischen Zölibat bildete immer die Folie der Diskussion, wenn es im Protestantismus um die Rolle des Pfarrers in seiner Gemeinde ging. Preul verweist auf eine Predigt Friedrich Schleiermachers aus dem Jahr 1834: Schleiermacher ging es „um den unschätzbaren Gewinn, der dem Geistlichen durch die Teilhabe am vollen häuslichen Leben für seine Berufsausbildung zuwächst“, „und damit auch um den Gewinn für die Gemeinde“.

Ein anderes Lebensmodell. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass das traditionelle Pfarrhaus in unserer Zeit pluralistischer Lebensentwürfe in die Krise geraten scheint. Dabei ist die Debatte, vermerkt die Kieler Theologin Uta Pohl-Patalong, seit etwa 1990 recht still geworden. Bis in die 1980er Jahre wurde über Gegenwarts- und Zukunftsmöglichkeiten des Pfarrhauses in der evangelischen Kirche heftig gestritten. Das Spektrum reichte von der Vision einer quasi subversiven „Nein-danke-Agentur“ in einer „wachstumsideologisch verseuchten Gesellschaft“ bis zum Bedauern, dass es die traditionelle „Pfarrfrau“ nicht mehr gebe: „Sie ist der gute Geist im Pfarrhaus, immer verfügbar.“

Inzwischen hat das weibliche Geschlecht in der protestantischen Kirche auch die Pfarrstellen selbst erobert. Ein Beispiel dafür aus der deutschen Literatur von heute nennt die Frankfurter Theologin Ursula Roth allerdings nicht, nur Übersetzungen aus dem Englischen und Norwegischen. Aber einen deutschsprachigen Pfarrhaus- oder Pfarrerroman aus dem Anfang unseres Jahrhunderts hat Roth doch gefunden. 2009 kam von Dieter Wellershoff der Roman „Der Himmel ist kein Ort“ heraus. Der „Held“, Pfarrer Ralf Henrichsen, hat Probleme mit seinem Beruf, die viel tiefer gehen als die Organisation seines Pfarrhauses, er kann nicht mehr an die kirchlichen Dogmen glauben, weder an die Existenz Gottes noch an die Auferstehung Christi.

Die eine oder andere Passage im Roman stellt jedoch klar, dass Henrichsen vielleicht noch mehr an seiner Distanz gegenüber dem Lebensstil seiner Gemeindemitglieder leidet, in einem Anflug von intellektueller Überheblichkeit geht ihm der Gedanke durch den Kopf, deren „Innenleben“ sei womöglich „gemüthafter Kitsch“. An solchen Stellen wird deutlich: In den „Pfarrhausbildern“ geht es eigentlich um „Pfarrerbilder“, um Konzepte von der Pfarrerrolle in einer modernen Gesellschaft.


Neu auf dem Büchermarkt:

Pfarrhausbilder. Literarische Reflexe auf eine evangelische Lebensform, herausgegeben von Christian Albrecht, Eberhard Hauschildt und Ursula Roth, Mohr Siebeck, Tübingen 2017, 284 S., ISBN 978-3-16-154766-9, 59,00 €



Mehr im Internet:

Evangelische Pfarrhaus -Wikipedia

Pfarrhausbilder. Literarische Reflexe auf eine evangelische Lebensform
scienzz artikel Protestantismus
scienz artikel Deutsche Literatur

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet