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31.05.2017 - SOZIALGESCHICHTE

Reichtum, Armut und Geschmack

Soziale Ungleichheit in Europa seit 1900

von Josef Tutsch

 
 

Plakat zur Arbeiterolym-
piade 1925, von Willibald
Krain - Bild: Wikipedia

Als der Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel 1951 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrte, erlebte er eine Überraschung: Nach seinem Eindruck waren die „Klassenunterschiede“ in der Bundesrepublik „in stärkerem Maße ausgeglichen“, als er das aus anderen westlichen Ländern kannte.

Eine Wirkung von NS-Diktatur und Weltkrieg? In der Tat, stellt der Sozialhistoriker Hartmut Kaelble in seiner neuen Studie über die Entwicklung sozialer Ungleichheit fest, hatten die nationalsozialistischen Parteiorganisationen mit ihrem „Führerprinzip“ nach Kräften daran gearbeitet, die alten „Netzwerke“ sowohl im Proletariat als auch in Adel und Bürgertum zurückzudrängen, wenn nicht zu eliminieren. Ganz anders die Diktaturen in Spanien und Portugal, die vielmehr darauf ausgerichtet waren, die vorhandenen Hierarchien zu konservieren. In den demokratischen Gesellschaften wie Frankreich oder Großbritannien wiederum hatte die Politik der ganzen Frage nicht viel Aufmerksamkeit zugewandt, die „sozialen Distinktionen“ nahmen nur ganz allmählich ab. Sicherlich hatte in allen kriegführenden Nationen das Miteinander von Soldaten verschiedener Herkunft in den Schützengräben an der Front seine Wirkung getan. Vor allem in Deutschland kam jedoch hinzu, dass die Situation in den Bombenkellern der Städte für recht viele Zivilisten eine ähnliche Erfahrung mit sich brachte.

Kaelble hat die soziale Entwicklung in Europa vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart unter dem Gesichtspunkt von Gleichheit und Ungleichheit analysiert. Immer wieder belegt das Material, wie sehr die statistisch erfassbare Ungleichheit sich von dem unterscheiden kann, was die Menschen erleben. So zeigen die Zahlen, dass durch den Zweiten Weltkrieg viele große Vermögen zerstört wurden , „ein Teil der Eliten und des Bürgertums stieg ab“. Aber die Schilderungen der Zeitgenossen lassen vermuten, dass manche neue Unterschiede viel intensiver erfahren wurden als dieser Ausgleich: etwa die Kluft zwischen den Bewohnern unzerstörter Häuser und jenen anderen, die in Ruinen leben mussten. Oder zwischen den Hungernden und den Besitzern von Sachwerten, die sich in Lebensmittel tauschen ließen.

Das Inhaltsverzeichnis von Kaelbles Buch legt eine recht klare Entwicklung Europas in diesem Jahrhundert nahe: vom „ungeregelten Industriekapitalismus“ vor dem Ersten Weltkrieg, für den die Frage der sozialen Ungleichheit kein großes Thema war, über eine „Epoche der Abmilderung“ seit dem Zweiten Weltkrieg hin zu einer „Ära der Wiederzunahme“ sozialer Ungleichheit seit den 1980er Jahren. Im Text selbst dominieren jedoch die vielen „Aber“. Manche Leser werden das Miteinander von Zahlen und Deutungen in diesem Buch sicherlich auch verwirrend finden; zweifellos sind zu vielen Einzelaussagen auch ganz andere Einschätzungen möglich. Ein Punkt, der vielleicht ganz besonders irritieren mag: Soziale Gleichheit gilt uns als Wert, ohne Wenn und Aber. Da ist etwa der Gedanke, verbrecherische Regime wie der Nationalsozialismus hätten diesen Wert im Ergebnis womöglich eher gefördert als die westlichen Demokratien, doch – wie soll man sagen: gewöhnungsbedürftig.

Eindeutig scheint noch am ehesten der Ausgangspunkt, also der „Industriekapitalismus“ des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Auch im Vergleich mit den USA war Europa damals „ein Kontinent der sozialen Ungleichheit“, und zwar wachsender sozialer Ungleichheit. Kaelble demonstriert das am Beispiel der Säuglingssterblichkeit. Um 1912 lag sie in Deutschland in Beamtenfamilien bei 8 bis 9 Prozent, in Familien ungelernter Arbeiter doppelt so hoch.

Dresdener Innenstadt 1945
Bild Bundesarchiv/Wikipedia


Eine „Abmilderung“ der Ungleichheit, betont Kaelble, setzte jedoch bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein. Da wirkten die Gewerkschaftsbewegung „von unten“ und der Aufbau der Sozialversicherungen „von oben“ zusammen, aber auch die technische Entwicklung: Je stärker die Arbeitsabläufe „routinisiert“ und automatisiert wurden, desto eher konnten ungelernte Arbeiter dazu lernen und ihren Einkommensrückstand etwas aufholen. Und es wirkte wohl auch der Wandel der politischen Philosophie. Seit Ende des 19. Jahrhunderts, berichtet Kaelble, verbreitete sich der Gedanke, Aufgabe des Staates könnte auch die Umverteilung von Ressourcen sein – das was wir heute „Sozialstaat“ nennen.

Der Weltkrieg selbst wirkte dann eher in die andere Richtung: Zumindest in Deutschland und in Frankreich verschärften sich die Einkommensunterschiede in diesen Jahren drastisch.  In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, meint der Forscher, gab es tatsächlich eine solche „Abmilderung“ – aber weniger aufgrund ökonomischer als vielmehr kultureller Faktoren: Vor allem Film und Radio hätten die traditionelle Abgrenzung des Bürgertums „nach unten“ durchlässig gemacht. Für das faschistische Italien stellt Kaelble sogar ein völliges Auseinanderlaufen der ökonomischen und der kulturellen Ebene fest: Während die Einkommensunterschiede sogar noch drastisch zunahmen, setzte sich das Regime gleichzeitig zum Ziel, durch „klassenübergreifende“ Organisationen eine neue, sozial einheitliche Gesellschaft zu formieren.

Und fast alle europäischen Staaten – die große Ausnahme: Deutschland – gaben in den 1920er Jahren erheblich mehr Geld für Bildung aus als vor dem Krieg. Eine Tendenz, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt fortsetzte, und nun in allen europäischen Ländern. Erstmals in der Geschichte, schreibt Kaelble, kamen die Frauen einer Chancengleichheit immerhin nahe: Um 1950 waren in Europa nur rund ein Viertel der Studenten Frauen, um 1970 hingegen fast zwei Fünftel. Auch in der Einkommens- und Vermögensstatistik schwächten sich die Unterschiede ab. Ähnliches gilt für die „sozialen Distinktionen“ zwischen bürgerlichen und proletarischen Milieus. Kaelble führt das auf die langfristigen Wirkungen von Diktatur und Weltkrieg zurück und auf die Konkurrenz des Westens mit dem Ostblock, aber auch auf den wachsenden Massenkonsum und auf die Uniformierung des gesellschaftlichen Geschmacks durch die Massenmedien.

Die Frage, warum gerade am Ende dieser „Epoche der Abmilderung“ sozialer Unterschiede, also um 1970, in großen Teilen der jungen Generation sie soziale Kluft zwischen „oben“ und „unten“ derart als schockierend empfunden wurde und zu heftigen Protesten führt, muss in dieser Studie offen bleiben. Empirische Sozialwissenschaftler, schreibt Kaelble, haben sich selten mit der politischen Debatte beschäftigt, umgekehrt Ideenhistoriker selten mit sozialen und ökonomischen Statistiken. Als prägende Erfahrung unserer Gegenwart wird jedenfalls eine „Verschärfung der sozialen Ungleichheit“ empfunden. Und die Zahlen bestätigen diesen Eindruck: „Seit den 1980er Jahren setzte sich in Europa ein neuer, erstaunlich einheitlicher Trend zu einer Zunahme der Einkommensdisparitäten durch.“

Hinter der „Einheitlichkeit“ verbergen sich im Einzelnen aber doch recht unterschiedliche Entwicklungen. Die enorme Zunahme der Einkommensdisparitäten, wenn man die gesamteuropäischen Zahlen betrachtet, liegt nicht zuletzt, daran, dass sich in Osteuropa nach dem Zusammenbruch des „sozialistischen“ Systems ein ungezügelter Kapitalismus breit gemacht hat. Dagegen sei in fast allen westlichen Ländern der Anteil der Spitzeneinkommen trotz seines Anstiegs deutlich hinter dem Stand der 1960er Jahre zurückgeblieben, „die Wiederverschärfung hob die Abmilderung nicht völlig wieder auf“. Verlierer waren vor allem die unteren Einkommen. Die mittleren, berichtet Kaelble, schrumpften immerhin „fast nirgends“.

Maidemonstration in Kiel, 2013
Bild: Bjoerdvedt/Wikipedia


„Mehr Reichtum, mehr Armut“, hat Kaelble sein Buch betitelt – eine Vergröberung, wie der Blick auf die Details zeigt, aber keine ganz falsche. Bei den Ursachen spielt sicherlich eine Rolle, dass sich das kapitalistische System nicht mehr gegenüber der kommunistischen Konkurrenz rechtfertigen musste. Anders als es in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war, konnte ein Abbau von Ungleichheiten in dieser Zeit auch nicht mehr aus einem großen Wirtschaftswachstum finanziert werden. Auf der „ideologischen“ Ebene, wenn man das so nennen will, ist das Vertrauen in die sozial ausgleichende Rolle der Politik drastisch zurückgegangen, von einer Senkung der Spitzensteuersätze versprechen sich viele Politiker mehr Wachstum – wie begründet oder unbegründet solche Hoffnungen immer sein mögen.

Für die jüngste Vergangenheit muss Kaelble einräumen, dass es da eine empfindliche Lücke in der Forschung gibt: „Wie sich die Finanz- und Schuldenkrise 2008 bis 2012 auf die Einkommensverteilung ausgewirkt hat, ist noch zu wenig untersucht.“ Und wenig erforscht ist bislang auch die speziell deutsche Situation. Traditionell, schreibt der Autor, waren die politischen Eliten in Deutschland sozial erheblich offener als in Frankreich und Großbritannien. In den letzten Jahrzehnten hat die soziale Ungleichheit hierzulande jedoch stärker zugenommen als in anderen Ländern.

Aber es gibt zur wachsenden Ungleichheit auch gegenläufige Entwicklungen, vor allem, was die kulturellen „Distinktionen“ angeht: „Massenprodukte haben ihren sozial anrüchigen Beigeschmack verloren“. Das gilt nicht nur bei materiellen Gütern, sondern auch in der Kultur. Heute kann sich mehr als die Hälfte der Europäer in einer Fremdsprache, meist in Englisch, unterhalten, mehr oder weniger flüssig.  In den 1980er Jahren war es bloß ein Drittel. Auch sonst setzte sich „in der Bildung der Trend der Prosperitätszeit zu einer Abmilderung fort“, „die Ungleichheit zwischen sozialen Schichten beim Zugang zur höheren Bildung ging weiterhin etwas zurück.“

„Etwa“, schreibt Kaelble – was die Forderung nach sozialer Gleichheit betrifft, ist die Gegenwart recht bescheiden geworden. Das gilt auch, was die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen angeht. Im Vergleich mit den Jahren um 1970, stellt Kaelble fest, habe der Rückgang dieses Abstandes an „Schwung“ verloren. Das Stichwort „Frauen“ macht aber noch auf einen anderen Wandel aufmerksam: In der politischen Wahrnehmung steht heute „nicht mehr so sehr die soziale Ungleichheit zwischen sozialen Klassen im Zentrum, sondern eher die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, zwischen Frauen und Männern, zwischen ethnischen und religiösen Minderheiten und der Mehrheit, zwischen Zuwanderern und Indigenen“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Hartmut Kaelble: Mehr Reichtum, mehr Armut. Soziale Ungleichheit in Europa vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Campus Verlag, Frankfurt am Main – New York 2017, 211 S., ISBN 978-3-593-50679-1, 19,95 € [D], 20,60 € [A], 25,30 CHF



Mehr im Internet:

Ungleichheit - Soziale Wikipedia
Hartmut Kaelble: Mehr Reichtum, mehr Armut
scienzz artikel Wirtschaft und Gesellschaft

 

 

 

 

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