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08.06.2017 - PHILOSOPHIE

Als Zunge und Gehirn sich trennten

Die Entstehung von Philosophie und Rhetorik im antiken Griechenland

von Josef Tutsch

 
 

Isokrates, Puschkin-Museum,
Moskau - Bild: Shakko/Wikipedia

Wissen Sie, wer Isokrates war? Im 4. Jahrhundert v. Chr. betrieb er in Athen eine Rhetorikschule, die den Politikernachwuchs ausbildete. Für die heute so viel berühmtere Akademie des Platon muss sie eine ernsthafte Konkurrenz gewesen sein. Wenn Platon in seinen Dialogen gegen die ältere Generation der „Sophisten“ wie zum Beispiel Protagoras oder Gorgias polemisierte, dann meinte er unter seinen Zeitgenossen vor allem Isokrates. Das scheinbar so bescheidene Wort von den „Philosophen“, den „Weisheitsliebenden“, wurde zum Kampfbegriff gegen die sogenannten „Sophisten“. Ihnen - und im Grunde der Gesamtheit von Rednern und Politikern in Athen - sprach Platon die wahre Liebe zur „Weisheit“ rundweg ab.

Im Gedächtnis der Nachwelt hatte Platon damit Erfolg. Die Sophisten gerieten in Verruf, außer in Gräzistenkreisen ist sogar der Name Isokrates heute wenig bekannt. Platon und sein Lehrer Sokrates dagegen gelten bis heute als Gründungsheroen der philosophischen Theorie und Praxis. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Schulen hatte, wie die Nachwuchshistorikerin Katarina Nebelin in ihrer Dissertationsschrift an der TU Dresden vermerkt, auch eine handfest pekuniäre Seite. Anders als die Rednerschule des Isokrates verlangte Platons Akademie keine Schulgebühren, brauchte sie auch nicht zu verlangen: Als Angehöriger der athenischen Oberschicht verfügte er über genügend eigenes Vermögen sowie über reiche Gönner. Seine Schüler wiederum mussten zwar keine Gebühren aufbringen, lernten aber auch eine sozusagen „brotlose“  Kunst. Dass die platonische Philosophie für den Lebensunterhalt nicht verwertbar sei, war ein wesentlicher Kritikpunkt der Isokratesanhänger an der Akademie, wie umgekehrt die Polemik der Platoniker sich darauf richtete, dass die Sophisten die Weisheit zu einem Brotberuf machten.

Eine Kontroverse, die bis heute aktuell geblieben ist, über das Fach Philosophie hinaus. In Sonntagsreden betonen die Repräsentanten der Universitäten gern, wie streng ihre Einrichtung doch der „reinen“ Wissenschaft verschrieben sei. Andererseits müssen sie im Alltag gegenüber Politik und Wirtschaft – und natürlich auch gegenüber den Studenten - die Praxisnähe ihrer Berufsausbildung hervorheben. Nebelin hat die Entstehung der sozialen Umstände verfolgt, unter denen sich zwischen dem 7. und dem 4. Jahrhundert v. Chr. die abendländische Philosophie und damit auch das Rollenbild des Philosophen ausbildete. Soweit bekannt, gab es unter den griechischen Philosophen der archaischen und der klassischen Zeit keinen einzigen, der nicht zur wohlhabenden Oberschicht gehört hätte. „Adel“ jedoch in einem Sinn, der sich von dem in vielen anderen Gesellschaften unterschied: Die aristokratischen „Qualitäten“ galten als erwerbbar. Neureiche konnten sich innerhalb einer Generation in diese Oberschicht integrieren, indem sie ihre Kinder der traditionellen Adelsbildung unterzogen. Neben einem  Vermögen gehörte dazu natürlich auch der Wille, die Ressourcen – vor allem Lebenszeit - in einen aristokratischen Lebensstil zu investieren.

Auf der ideellen, ideologischen Ebene wurde dieses elitäre Konzept mit Begriffen wie „Gutheit und Schönheit“, „Bestheit“, „Tugendhaftigkeit“ oder „Vortrefflichkeit“ umschrieben. Die relative Offenheit und Mobilität dieser Adelskultur begünstigte die Entwicklung von Wettbewerben, von „Agonen“, in denen soziales Ansehen verteilt wurde – bekannt bis heute: die sportlichen Spiele in Olympia. In diesem sozialen Umfeld, erläutert Nebelin, müssen wir uns auch das Auftreten der ersten Philosophen vorstellen. Ein festes Rollenbild gab es noch nicht, doch es scheint gerade dieser Umstand gewesen zu sein, der sie dazu brachte, sich mit verblüffender Selbstgewissheit als die einzig Wissenden zu stilisieren und alle übrigen Denker als unwissend abzuqualifizieren.

In den meisten anderen alten Kulturen hätte sich diese Konkurrenz vor allem gegen eine hierarchisch organisierte Priesterschaft richten müssen. Die gab es in Griechenland jedoch nicht, erst recht gab es keine systematisierte religiöse Lehre. Was wir heute „Theologie“ nennen würden, war Sache der Dichter. Sie bildeten die höchste Autorität in dieser Gesellschaft, aber ohne dass ihre Erzählungen so etwas wie einen verbindlichen Glauben bedeutet hätten: Man durfte sie kritisieren, ohne deshalb wegen Blasphemie belangt zu werden. Für die sogenannten „Vorsokratiker“, stellt Nebelin fest, „lag es nahe, sich von den Aussagen Homers und Hesiods abzugrenzen und so die eigene Einzigartigkeit zu unterstreichen.“ „Wenn die Pferde Götter hätten, dann sähen sie aus wie Pferde“, verhöhnte der Philosoph Xenophanes im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. die anthropomorphe Beschreibung der Götter bei Homer und Hesiod.

Sokrates,Louvre, Paris
Bild: Eric Gaba Sting, Wikipedia


„Um sich innerhalb der religiös-dichterischen Sphäre als eigenständige Denker zu etablieren, war nichts wirkungsvoller als ein herzhaftes Verwerfen und Verdammen der bisherigen Buntheit und Unordnung“, resümiert Nebelin. Eine Generation nach Xenophanes rief Parmenides in seinem Lehrgedicht „Über die Natur“ zwar die Göttin als Garantin der Wahrheit auf, ganz ähnlich wie sich auch Homer und Hesiod für ihre Geschichten auf eine Eingebung durch die Musen berufen hatten. Aber Parmenides‘ Göttin fordert die Zuhörer oder Leser nachdrücklich auf, sich nur auf das eigene Denken zu verlassen und nicht auf die gängigen Meinungen.

Es könnte reizvoll sein, die etwa gleichzeitige Entwicklung der Prophetie im alten Israel vergleichend daneben zu stellen. Dort allerdings wurde das religiöse Feld, bei aller Abgrenzung der Propheten von der Priesterschaft, niemals verlassen. Noch ein Unterschied: Offenbar waren die frühesten griechischen Philosophen, anders als die israelitischen Propheten und anders als später Platon,  nicht darauf aus, die Politik in ihrem Sinn zu beeinflussen. Die erhaltenen Fragmente bezeugen, dass ihre Reflexionen sich auf die Erklärung von Naturphänomenen und die Suche nach kosmischen Ordnungsprinzipien konzentrierten.

Das änderte sich um 500 v. Chr., mit dem Aufkommen demokratischer Verfassungen in vielen Stadtstaaten. „Das bevorzugte Objekt wurde nun der Mensch selbst“, schreibt Nebelin, „sein Handeln, seine Erkenntnisfähigkeit sowie sein Zusammenleben in politischen Gemeinschaften.“ Dass die politischen Entscheidungen nun in Volksversammlungen getroffen wurden, stellte neue Anforderungen sowohl an die intellektuelle Bildung als auch an die Redekunst der Politiker. Bald zogen professionelle Rhetoriklehrer als „bezahlte Wanderlehrer“ von Stadt zu Stadt. „Die Erhebung von Unterrichtsgebühren demonstrierte, dass die Sophisten eine Ware anzubieten hatte, die im wahrsten Sinn des Wortes Gold wert war.“ Damit fiel es Platon später aber auch leicht, diese Händler mit Weisheit als „Banausen“ zu diskreditieren: Dass sie sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienten, passte nicht zum aristokratischen Ideal des vornehmen Müßiggangs.

Daneben stand ein anderer Kritikpunkt an den Sophisten, den man auch sachlich ernstnehmen muss. Einer der wenigen sophistischen Texte, die uns heute noch vorliegen, ist die Rede des Gorgias von Leontinoi über Helena, jene Königin von Sparta, die bei Homer von Paris verführt wird und dadurch den Trojanischen Krieg auslöst. Gorgias setzte sich, wohl nicht ohne Lust an der Provokation, zum Ziel, Helena gegen alle Vorwürfe zu verteidigen, also „gegen die ebenso falschen wie fest verwurzelten Überzeugungen seiner Zuhörerschaft zu argumentieren“. Offenbar sah er in aller Klarheit, dass die „Zauberkraft“ der Rede viel weniger auf ihrem Wahrheitsgehalte beruhte als auf den Affekten, die sie hervorzurufen vermochte. Trügerische Affekte – für die Zuhörer einer solchen Rede, resümiert die Forscherin, gab es keine Möglichkeit, zweifelsfrei festzustellen, ob ihnen eine in der Sache wahre oder unwahre Rede präsentiert wurde .

Man könnte einwenden, dass Gorgias selbst wie auch sein Kritiker Platon die Kehrseite unterschlagen haben: dass das Wissen um die Technik der Manipulation dem Zuhörer durchaus die Chance eröffnet, sich gegen solche Manipulation zu wappnen. Aber das bedeutet natürlich Aufwand, es bleibt dabei: Die Kunst der Überredung ist potentiell eine Kunst der Manipulation – ein Grundproblem jeder Politik, die auf Massenzustimmung angewiesen ist. Platon hat daraus bekanntlich die Konsequenz gezogen, die Demokratie als Beteiligung breiter Schichten an der Politik insgesamt für einen Irrweg zu halten und die Herrschaft der Philosophen zu propagieren. Friedrich Nietzsche hätte sich in seiner Psychologie des Ressentiments bestätigt gesehen: Wenn Platon mit so viel Verve die Abgrenzung der „Philosophen“, der Weisheitsuchenden,  von den „Sophisten“, den angeblich Wissenden, forcierte, dann nicht zuletzt deshalb, weil die Sophisten so viel Erfolg hatten.

Platon (Glyptothek, München)
Bild: Bibi Saint-Pol/Wikipedia


Eine Abgrenzung in einem Verwandtschaftsverhältnis. Nebelin weist darauf hin, dass das Bildungs- oder Ausbildungsangebot der Sophisten so gut wie jeden Gegenstand betreffen konnte, nicht nur die Politik, sondern auch Naturphilosophie oder Sprachtheorie oder religiöse Spekulation, die Forscherin spricht von „Spezialisten des Universellen“ - was, um den Bogen zur Gegenwart zu schlagen, ziemlich genau der Formel entspricht, die der Gießener Philosoph Odo Marquard mit leichter Ironie gern auf sich selbst anwandte: „Spezialist fürs Allgemeine“. In Platons Wahrnehmung geziemte Allgemeinbildung aber nur einem „freien Mann“, der sich seinen Lebensunterhalt nicht durch Ausübung eines Gewerbes verdienen musste. Nebelin führt eine Stelle aus dem Dialog „Protagoras“ an, wo Sokrates einem jungen Mann die Schamesröte ins Gesicht treibt mit der Frage, ob er bei diesem Sophisten womöglich in die Lehre gehe, um sich selbst zum Sophisten ausbilden zu lassen. Dann folgt aber auch gleich die Entwarnung: Im Ernst strebe er doch wohl bloß nach Allgemein-, nicht nach Berufsausbildung.

Dunkelheit und Helligkeit, Traum und Wachsein, Schein und Wahrheit – Platon hat die Konkurrenz zwischen „Sophisten“ und „Philosophen“ in höchst suggestive Bilder gekleidet. Dem hatte Isokrates, schreibt Nebelin, „letztlich nur seine Berufung auf die Unzugänglichkeit einer absoluten Wahrheit, auf das ernsthafte Streben nach dem bestmöglichen erreichbaren Resultat und auf den ‚gesunden Menschenverstand‘ entgegenzusetzen.“ „Isokrates‘ pragmatisches Wahrheitsverständnis nahm sich vermutlich recht glanzlos aus“. Nun, das kennen wir aus unserer Gegenwart: Gegenüber den Utopien von einem Staat, in dem Macht nur zum allgemeinen Besten ausgeübt wird, bleibt die real existierende Demokratie ziemlich unscheinbar.

Bei der Nachwelt konnten Sokrates und Platon die sophistische Konkurrenz damit weit aus dem Feld schlagen. Ohne Widerspruch blieben die „Sieger“ allerdings nicht. Nebelin zitiert Cicero, der im 1. Jahrhundert v. Chr. Sokrates anlastete, die „so unsinnige, nutzlose und tadelnswerte Trennung gleichsam zwischen Zunge und Gehirn“, also zwischen Rhetorik und Philosophie, herbeigeführt zu haben: Die einen würden uns denken, die anderen reden lehren – wo beide Fähigkeiten doch eigentlich zusammengehören müssten.


Neu auf dem Büchermarkt:

Katharina Nebelin: Philosophie und Aristokratie. Die Autonomisierung der Philosophie von den Vorsokratikern bis Platon, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2016, 424 S., ISBN 978-3-515-11581-0, 66,00 €



Mehr im Internet:

Sophistik - Wikipedia
Katharina Nebelin: Philosophie und Aristokratie
scienzz artikel Antike Philosophie

 

 

 

 

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