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12.06.2017 - KULTURGESCHCHTE

Als der Mund sich oeffnete

Eine Geschichte des Laechelns im 18. Jahrhundert

von Josef Tutsch

 
 

Jean-Antoine Houdon: Madame
Houdon, 1787 (Louvre, Paris)
Bild: Vania Teofilo/Wikipedia

Eine junge Mutter wiegt ihre Tochter auf dem Schoß, dabei zeigt sie ein charmantes Lächeln, der Mund ist leicht geöffnet. Nach unseren heutigen Vorstellungen ist an dem Selbstportrait, das die Malerin Élisabeth-Louise Vigée Le Brun 1787 im Pariser Salon ausstellte, nichts Aufsehenerregendes, außer eben, dass es brillant gemalt ist. Aber damals erregte es Skandal. „Dass Madame Vigée Le Brun beim Lächeln ihre Zähne zeigt“, zitiert der Londoner Historiker Colin Jones einen Journalisten, „ist eine Affektiertheit, die Künstler, Kenner und Leute mit gutem Geschmack einhellig verurteilen.“ Der Kritiker berief sich auf eine Jahrtausende alte Tradition: Für eine solche Darstellung würde sich in der Antike, der vorbildlichen Epoche für den guten Geschmack, kein Beispiel finden.

„Die Revolution des Lächelns“ hat Jones seine Studie über das Frankreich des 18. Jahrhunderts betitelt. „Revolution“ und „Lächeln“ - zwei Begriffe, deren Zusammenstellung verblüfft. Colin konfrontiert das Selbstportrait der Vigée Le Brun mit dem weltberühmten Bild, das ihr Kollege Hyacinthe Rigaud 1701 vom alten Ludwig XIV. anfertigte. Darauf hält Ludwig seinen Mund fest geschlossen, in merkwürdigem Gegensatz zu den seidenbestrumpften Beinen, die er dem Betrachter bis weit über die Knie hinauf präsentiert. Man darf unterstellen, dass der König das Portrait bis in die Einzelheiten hinein mit dem Maler abgesprochen hat. Auf seine Wadenmuskeln scheint er noch als alter Mann sehr stolz gewesen zu sein. Andererseits machte er kein Hehl daraus, dass er bereits mit etwa 40 keinen einzigen Zahn mehr hatte.

Dass man in einem gewissen Alter seine Zähne verlor, war bei dem niedrigen Niveau der Mundgesundheit und Mundhygiene damals völlig normal, stellt Jones fest. Wahrscheinlich hatten Adel und Höflinge da sogar größere Schwierigkeiten als die Bauern: In den Speiseplan der ärmeren Bevölkerungsschichten hatte der Zucker noch kaum Eingang gefunden. Der Sonnenkönig hatte aber noch einen anderen Grund, auf dem Staatsportrait seinen Mund nicht zu öffnen: Vornehme Leute taten so etwas nicht, auch dann nicht, wenn ihre Zähne noch vorzeigbar waren. In den Memoiren des Herzogs von Saint-Simon wird erzählt, wie der 76-jährige König gegenüber dem noch zehn Jahre älteren Kardinal d‘Estrées einmal bemerkte, es sei doch sehr unangenehm, keine Zähne mehr zu haben. „Zähne, Sire?“, antwortete der Kardinal, „wer hat denn welche?“ Die Höflinge, die diesen Dialog mithörten, werden ihr Kichern nur mit Mühe beherrscht haben. Der greise Kirchenfürst war in Versailles dafür bekannt, dass er noch recht gesunde Zähne hatte. Zu sehen bekam sie allerdings niemand.

In der vornehmen Gesellschaft galt ein offener Mund ganz einfach als ungehörig. In klassischer Form hatte das 1528 „Das Buch vom Hofmann“ von dem italienischen Schriftsteller Baldassare Castiglione ausgeführt, bis in die Zeit der Aufklärung ein Vademecum der höfischen Gesellschaft, so etwas wie der „Knigge“ im 19. Jahrhundert. Castiglione wollte die laute Fröhlichkeit zurückdrängen, wie sie zum Beispiel der französische Romancier in seinem „Gargantua und Pantagruel“ zum Ausdruck brachte. Nur das niedere Volk, verkündete das „Buch vom Hofmann“, zeige „nach Art von Narren, Betrunkenen, Dummköpfen, Tölpeln oder Gauklern“ ein wildes Gelächter mit offenem Mund. Dutzende weiterer Anstandsbücher folgten dieser Maßgabe, zum Beispiel deasr „Traktat über das Lachen“, 1579, von dem Arzt Laurent Joubert aus Montpellier: Ein ausgelassenes, zwerchfellerschütterndes Lachen mit offenem Mund, bei dem man sich auf die Schenkel schlug und womöglich in die Hosen machte, konnte man den breiten Volksmassen vielleicht durchgehen lassen. Aber es war unter der Würde eines Höflings. Zur Zeit des Sonnenkönigs verkündete der Kunsttheoretiker André Félibien ganz offen den Grundsatz: „Das Lachen variiert je nach gesellschaftlicher Stellung.“

Hyacinthe Rigaud: Louis XIV,
1704 (Louvre, Paris)
Bild: Wikipedia


Für Frauen galt diese Anstandsregel sogar noch viel länger. Colin zitiert den „Rosenroman“ aus dem 13. Jahrhundert, den Klassiker der höfischen Liebe im hohen Mittelalter: Frauen sollten „mit geschlossenem Mund lachen“. Dahinter stand die Befürchtung, ein offener Mund könnte Lüsternheit und Lasterhaftigkeit offenbaren – der Mund wurde mit der Vagina der Frau assoziiert. Allzu strenge Geistliche verbanden das Lachen seit jeher mit dem Gedanken an die Sünde. „Lediglich ein Verrückter lacht und freut sich mit der Welt“, predigte um 400 n. Chr. der hl. Hieronymus. Dass Jesus niemals gelacht habe, war eine verbreitete Lehre unter den Bibelexegeten.

In der italienischen Renaissance und dann in der französischen Klassik wurde dieses Schicklichkeitsideal auf die Männer der gehobenen Gesellschaft übertragen. Es sei ungehörig, „den Mund beim Lachen entsetzlich weit aufzureißen“, schrieb 1530 der Humanist Erasmus von Rotterdam, „und alle seine Zähne zu zeigen. So lachen Hunde.“ 1679 kam daser „Neue Traktat über die Zivilität, wie sie in Frankreich unter anständigen Leuten praktiziert wird“ von Antoine Courtin heraus. Das Verbot des lauten Lachens war in einen langen Katalog weiterer Verfehlungen hineingestellt. Im Umkehrschluss lässt sich aus dem Text vermuten, was – zum Ärger des Verfassers – damals üblich war. Colin: „Es war verboten, in der Nase zu bohren, sich die Ohren auszuputzen, sich am Hintern zu kratzen und vor allem durfte man nicht hemmungslos furzen.“

Colin macht darauf aufmerksam, dass damals zwischen Lachen und Lächeln kaum unterschieden wurde: Auch ein Lächeln galt nur dann als anständig, wenn die Lippen dabei geschlossen blieben. Wenn Gott gewollt hätte, dass die Zähne zur Schau gestellt würden, hätte er den Menschen keine Lippen gegeben, argumentierte 1703 der Geistliche Jean-Baptiste de La Salle. Erlaubt war ein Lachen oder Lächeln als Ausdruck intellektueller und sozialer Überlegenheit – da war es nur konsequent, dass dieses Lachen oder Lächeln sich auch im Ausdruck von der verachteten Kultur des Volkes unterscheiden musste. Begünstigt wurde die Entwicklung zur Ernsthaftigkeit offenbar durch den Umstand, dass König Ludwig XIV. mit fortschreitendem Alter zum Trübsinn neigte. Die Höflinge in Versailles versuchten, seinem Beispiel zu folgen, und zwar nicht nur, was den geschlossenen Mund betraf. Nachdem sich der König wegen einer Analfistel hatte operieren lassen, sprachen beim Hofarzt Dutzende hohe Adlige vor, weil sie sich unbedingt derselben Operation unterziehen wollten.

Nach dem Tod des Königs 1715 änderte sich alles abrupt. Sein Neffe Philippe d‘Orléans, der für den minderjährigen Ludwig XV. die Regentschaft übernahm, kehrte aus Versailles nach Paris zurück und pflegte eine „urbane Geselligkeit“. Voltaire idealisierte diesen Wandel später in geradezu hymnischen Tönen: „Nach den trübseligen letzten Jahren von Ludwig XIV. verwandelte sich alles in Fröhlichkeit und Spaß.“ Während unter dem Sonnenkönig der spöttische, nahezu aggressive „Scherz“ regierte, schreibt Colin, wurde die Zeit der „régence“ durch „Heiterkeit“ und „Fröhlichkeit“ bestimmt – natürlich nur für die Spitzen der Gesellschaft, die es sich leisten konnten.

Trotz dieser Einschränkung wäre es zweifellos eine reizvolle Spekulation, wie sich die französische Geschichte entwickelt hätte, wäre dieser Wandel von Dauer gewesen. Aber er blieb eine Episode. Nachdem der Regent 1723 gestorben war, kehrte Ludwig XV. zum Stil seines Urgroßvaters zurück undf zog auch wieder nach Versailles. Doch sehr bald zeigte sich, dass die Pariser Gesellschaft sich längst in eine andere Richtung entwickelte als der Hof. Vielleicht noch früher als beim Lachen und Lächeln wurde das beim Weinen deutlich. 1723 wurde am Theâtre Français die Tragödie „Inès de Castro“ uraufgeführt. An einer Stelle fingen sämtliche Darsteller auf der Bühne zu weinen an. Und „das gesamte Publikum ließ seinen Tränen freien Lauf“.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Kombination von Weinen und Lächeln, das „Lächeln unter Tränen“, zum repräsentativen Gefühlsausdruck. Colin zitiert einen französischen Armeeoffizier, der die Sterbeszene in Rousseaus Roman „Die neue Heloise“ gelesen hatte: „Noch nie habe ich so köstliche Tränen vergossen.“ „In jenem Augenblick des Todes wäre ich gern gestorben.“ Und bei diesem Lächeln unter Tränen wurde es Mode, nun auch seine Zähne sehen zu lassen. Die Zahnärzte in Paris erlebten einen ungeheuren Aufschwung, umgekehrt machten sie es überhaupt möglich, dass sich die neue Mode allgemein verbreiten konnte.

Élisabeth-Louise Vigée Le Brun:
Autoportrait avec sa fille, 1786
(Louvre, Paris) - Bild: Wikipedia


Nur der Hof von Versailles fiel auch in dieser Hinsicht aus seiner Zeit. Königin Marie-Antoinette ließ sich immer wieder portraitieren, besonders gern von Vigée Le Brun, doch auf allen Bildern blieben ihre Lippen fest geschlossen. Der politischen Revolution von 1789 ging eine „Revolution des Lächelns“ voraus, schreibt Colin. Aber sie blieb „flüchtig“, ähnlich wie der Wandel in der Régence zwei Generationen zuvor. Unter der Herrschaft der Jakobiner ab 1793 verbreitete sich ein tiefes Misstrauen gegen jedes öffentliche Lächeln. „Die Heuchelei lächelt, die Unschuld trauert“, propagierte Louis-Antoine Saint-Just, einer von Robespierres Mitstreitern.

Und ein Kerkermeister im Pariser Gefängnis Sainte-Pélagie stellte über einen neu eingelieferten Verdächtigen lapidar fest: „Ein zu fröhliches Gesicht für einen echten Republikaner!“ Wenn jemand vor Gericht und womöglich noch im Angesicht der Guillotine lächelte, galt das als sicheres Zeichen kontrarevolutionärer Gesinnung. Der berühmte Henker Charles-Henri Sanson war allerdings höchst irritiert: „Ich konnte mich daran gewöhnen, dass meine Gegenwart Schrecken auslöste. Aber es war weitaus schwieriger, Menschen zur Guillotine zu führen, die bereit waren, mir dafür zu danken.“ Auch unter Napoleon gab es keine Rückkehr zum Lächeln: Es passte nicht zum heroisch-theatralischen Stil des Regimes.

„Erst im 20. Jahrhundert sollte das Lächeln ein spektakuläres Comeback erleben“, schreibt Colin in einem Postskriptum. Wegweisend dafür dürfte die Großaufnahme im Film gewesen sein. Zunächst waren es noch eher Frauen, die Zähne sehen ließen, doch ab etwa 1940 begannen auch männliche Stars damit, vor der Kamera „cheese“ zu sagen. Das „amerikanische Lächeln“ mitsamt den „amerikanischen Zähnen“ wurde zum weltweiten Standard, so allgegenwärtig, dass Andy Warhol es 1962 mit seinem Siebdruck über Marilyn Monroe ironisierte. Wenn man sich den Wandel des Lächelns im Frankreich des 18. Jahrhunderts, von der aggressiven Überlegenheitsgeste der Zeit unter dem Sonnenkönig, über die Heiterkeit der Régence zur Empfindsamkeit am Vorabend der Revolution, vergegenwärtigt – wie muss man das Lächeln in dieser Bildserie eigentlich deuten? Warhols Monroe behält ihr Geheimnis für sich. Ihr Lächeln wirkt vor allem – reproduzierbar.


Neu auf dem Büchermarkt:

Colin Jones: Die Revolution des Lächelns. Ein Lebensgefühl im 18. Jahrhundert, aus dem Englischen übersetzt von Ursula Blank-Sangmeister unter Mitarbeit von Anna Raupach, Philipp Reclam jun., Stuttgart 2017, 325 S. mit 46 Abb., ISBN 978-3-15-011059-1, 34,00 €



Mehr im Internet:

Lächeln - Wikipedia
Colin Jones: Die Revolution des Lächelns
scienzz artikel Frankreich

 

 

 

 

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