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16.06.2017 - MITTELALTER

Ein Koenig als Papst in seinem Reich

Die Vernichtung des Templerordens unter Philipp dem Schoenen von Frankreich

von Josef Tutsch

 
 

Kopie eines Siegels der Tempelritter
Bild: Hinterkappelen/Wikipedia

Unendlicher Reichtum, dunkle Gerüchte um geheimnisvolle Rituale und Sexpraktiken, grausame Hinrichtungen – das Ende des Templerordens vor mehr als 700 Jahren hat alles, was die Phantasie in Bewegung setzt, noch heute. Immer wieder kommen neue Sensationsbücher auf den Markt, die nun endlich enthüllen wollen, was in diesem geistlichen Ritteroden wirklich vorgefallen sei und am Ende den Anlass zu ihrer Vernichtung gegeben haben soll. Und welche bemerkenswerten Erkenntnisse die Templer ihrer Zeit vielleicht voraus hatten, einschließlich der Verwandlung „unedler“ Stoffe in Gold und der Entdeckung Amerikas. Und wo der sagenhafte Templerschatz geblieben sein könnte.

Ein Lieblingssujet moderner Verschwörungstheoretiker. Unter diesen Phantasien ist das, was die Historiker zuverlässig sagen können, längst begraben. Dabei sind reichlich Akten über die Prozesse in den Jahren 1307 bis 1314 erhalten. Der Pariser Mediävist Alain Demurger hat den Ablauf in seinem neuen Buch über die „Verfolgung der Templer“ anhand der Prozessprotokolle rekonstruiert. Die vieldiskutierte Frage, ob die  Vorwürfe gegen die Templer begründet waren, beantwortet Demurger mit einem klaren „Nein“. Solche Geständnisse seien ausschließlich in Frankreich erfolgt, wo in den Prozessen von Anfang an die Folter angewendet wurde. „Außerhalb Frankreichs, wo die Folter nicht zur Anwendung kam, gab es keine Geständnisse.“ In den angeblichen Geständnissen ist auch kaum von „realen Praktiken“ die Rede, sie folgen durchweg einem „vorgefertigten Schema“. Das lässt vermuten, dass sie den Angeklagten von den Untersuchungsrichtern in den Mund gelegt wurden. Insoweit bestätigt Demurger das, was bereits im 18. Jahrhundert Voltaire schrieb: Die „Vernichtung der Templer“ war tatsächlich eine „Verschwörung“, und zwar wurde sie „mit Hilfe des Justizapparates in Gang gesetzt“.


Den Namen des „Verschwörers“ nannte Voltaire nicht, vielleicht aus Vorsicht gegenüber der Zensur. Es war König Philipp IV. der Schöne. Am 13. Oktober des Jahres 1307 ließ er die Templer in Frankreich auf einen Schlag verhaften und einkerkern, ihre Güter beschlagnahmen und unter königliche Zwangsverwaltung stellen. In den folgenden Wochen gestanden sehr viele unter der Folter das, was ihnen vorgeworfen wurde, von der Verleugnung Christi und dem Bespeien des Kreuzes bis zu obszönen Küssen beim Aufnahmeritual und zur Praktizierung der Homosexualität, damals sagte man: „Sodomie“. Bereits am 16. Oktober, noch lag kein einziges Geständnis vor, hatte König Philipp andere europäische Herrscher über sein Vorgehen informiert. Er tat geradezu, als wären die Templer bereits überführt.

Für diese Eile gab es Gründe. 1252 hatte Papst Innozenz IV. angeordnet, in Ketzerprozessen dürfe die Folter nur angewendet werden, wenn die Schuld bereits so gut wie feststehe. Die Folter war im Mittelalter, berichtet Demurger, als Instrument der Wahrheitsfindung keineswegs derart fraglos anerkannt, wie man heute gern glaubt. Im Protokoll der ersten Templerprozesse in Paris ist ausdrücklich vermerkt, die Beschuldigten hätten verneint, „aus Furcht vor der Folter oder dem Gefängnis oder etwas anderem die Unwahrheit gesagt oder Falsches in seine Aussage gemischt zu haben“. Ob die Angeklagten wirklich danach gefragt wurden, ist jedoch völlig unsicher. Unterzeichnet wurde diese „Erklärung“ jedenfalls nicht.

Falls der König gehofft haben sollte, damit wäre die Angelegenheit so gut wie erledigt – es kam zu einem jahrelangen Tauziehen mit dem Papst. Clemens V. forderte zunächst sogar die Überstellung der gefangenen Templer in die Obhut der Kirche. Gerade das musste Philipp unter allen Umständen verhindern. Er fürchtete, sie würden ihre erzwungenen Geständnisse sofort widerrufen und auf die erlittene Folter zurückführen. Tatsächlich distanzierte sich Clemens am 27. Oktober 1307 in einem Brief an Philipp vom Vorgehen der königlichen Justiz: „Ihr, lieber Sohn, Ihr habt die Hand ausgestreckt nach den Brüdern und den Besitztümern der Templer“, „sie sogar eingesperrt“, „denen noch größere Qual zugefügt, die schon beträchtlich unter ihrer Gefangenschaft leiden.“

König Philipp der Schöne, Grabmal
in Saint-Denis bei Paris
Bild: PHGCOM/Wikipedia



Es ging nicht zuletzt um Geld. Philipp, der sozusagen hart am Rande des Staatsbankrotts schlitterte, wollte die unermesslichen Reichtümer des Ordens dem Staatsschatz zuschlagen. Gut möglich, dass er dabei die Volksmeinung in seinem Reich hinter sich hatte. Die Templer hatten sich mit ihren ausgedehnten Finanzunternehmungen unentbehrlich gemacht, aber sicherlich nicht beliebt. Clemens dagegen wollte, wenn eine Auflösung des Templerordens nicht zu verhindern war, seine Güter einem anderen kirchlichen Orden übereignen. Aber vielleicht mehr noch ging es um Macht. Durch seinen Angriff auf die Templer, schreibt Demurger, machte Philipp der Schöne dem Papst „das Recht streitig, zum Wohle der gesamten Christenheit zu handeln“. Er wollte sozusagen zum „Papst in seinem Reich“ werden. Bereits 1303 hatte sein Berater Guillaume de Nogaret Papst Bonifaz VIII., der in seiner Bulle „Unam Sanctam“ im Jahr zuvor den unbedingten Vorrang der geistlichen Gewalt vor der weltlichen propagierte, zeitweise gefangengenommen.

Vom Nachfolger Clemens verlangte Philipp nun, Bonifaz müsse postum zum Ketzer erklärt werden. Die Anklage gegen den Templerorden diente dazu als Druckmittel: Würde der Papst sich sperren, müsste er sich selbst dem Verdacht der Ketzerei aussetzen. Im Februar 1308 bat der König die Doktoren der Theologie an der Pariser Sorbonne um ein Gutachten, inwieweit er auch ohne Aufforderung durch die Kirche berechtigt sei, gegen Ketzer einzuschreiten. Doch das Ergebnis entsprach nicht seinen Wünschen. Die Gutachter äußerten sich so höflich wie nur möglich, blieben aber dabei: Der König müsse unter allen Umständen den Weg über die Kirche gehen.

Welche Tricks die Vertreter des Königs sich in diesem Machtkampf einfallen ließen, demonstriert Demurger an einer Sitzung derKommission, die der Papst eingesetzt hatte, in Paris am 28. November 1309. Verhört wurde der Großmeister des Ordens, Jacques de Molay. Ganz zufällig trat der Berater des Königs, Nogaret, in den Saal. Im September 1307 hatte er den königlichen Befehl, die Templer zu verhaften, mitverfasst und die Anklagepunkte formuliert. Nogaret erklärte nun, er habe zuverlässig gehört, dass die Muslime die Niederlagen der Tempelritter im Heiligen Land auf die Ausübung der „Sodomie“ zurückführen würden. Molay konnte nur sagen, das sei ihm völlig neu. Kurz darauf erschien der Truchsess des Großmeisters, Pierre de Safed, der inzwischen auf die königliche Seite gewechselt war. Befragt, ob er den Orden verteidigen wolle, meinte er, das sei nicht erforderlich. Der Orden habe doch zwei sehr gute Verteidiger: den Papst und – den König.

Ein Schauprozess – es ging nicht um Gerechtigkeit, es ging um Propaganda   Ganz ohne Widerspruch der Beschuldigten liefen die Templerprozesse allerdings nicht ab. 1310 beschloss die päpstliche Kommission in Paris, jene Templer anzuhören, die den Orden verteidigen wollten. Es kamen mehr als 600 und beteuerten ihre Unschuld, oft im Widerspruch zu ihren früheren Geständnissen. Gebrochen wurde der Widerstand durch den Erzbischof von Sens, Philippe de Marigny. Er sorgte dafür, dassden Templern, die den Orden verteidigten, ihre früheren Geständnisse vorgehalten wurden. Durch den Widerruf galten sie als „rückfällige Ketzer“. Am 12. Mai 1310 brannte in Sens der erste Scheiterhaufen für die Tempelritter.

Verbrennung des Großmeisters de
Molay und des Ritters Geoffroy de
Charnay 1314 - Bild: Wikipedia


Sicherheitshalber setzte König Philipp aber noch eins drauf.  Im Januar ließ er vor der päpstlichen Kommission einen Ordensbruder auftreten, der einen ganz neuen Frevel gestand: Im Orden sei es üblich gewesen, eine Katze anzubeten – man kann sich vorstellen, wie diese Aussage zustande kam. Am Ende kapitulierte der Papst. Einen Ketzerprozess gegen seinen Vorgänger Bonifaz hatte er noch abwenden können. Als er im März 1312 auf dem Konzil von Vienne den Templerorden formell aufhob, vermied er auch jeden Schulspruch über die Institution.

Doch den Rechtsnormen der Zeit zufolge konnten die einzelnen Templer ihr Leben eben nur retten, wenn sie ihre Verfehlungen reuig eingestanden. Demurger: „Wenn sie sich dagegen auf ihre Wahrheit versteiften (also auf ihre Unschuld), riskierten sie das Schlimmste.“ Clemens wies die Kirchen außerhalb Frankreichs an, ebenfalls die Folter anzuwenden, allerdings maßvoll, um Geständnisse notfalls zu erzwingen. Inwieweit das Wort „maßvoll“ in diesem Zusammenhang ernst gemeint war, muss offen bleiben. Der Papst wollte vor allem die Autorität seines Amtes wahren, da zählte das Leben der Ritter wenig. Immerhin, schreibt Demurger, wurde dem Erzbischof von Sens eine bemerkenswerte Abfuhr erteilt: Wurde ein Geständnis widerrufen, weil es nur unter der Folter zustande gekommen war, dann sollte das nicht als Rückfall in die Ketzerei mit dem Feuertod bestraft werden.

Großmeister Molay hoffte anscheinend bis zuletzt auf eine Intervention des Papstes, doch er wurde enttäuscht. Im März 1314 starb er  in Paris auf dem Scheiterhaufen. Im Gedächtnis der Nachwelt blieb er präsent. Als in der Französischen Revolution die Guillotine an König Ludwig XVI. ihr Werk vollbracht hatte, erzählt die Anekdote, soll einer der Zuschauer aufs Podest gesprungen sein und das abgeschlagene Haupt der Menge vorgehalten haben: "Nun, Jacques de Molay, bist du gerächt!"

Neu auf dem Büchermarkt:

Alain Demurger: Die Verfolgung der Templer. Chronik einer Vernichtung – 1307-1314, aus dem Französischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube, C. H. Beck, München 2017, 408 S., ISBN 978-3-406-70665-3, 26,95 € [D], 27,80 € [A]



Mehr im Internet:

Templerorden - Wikipedia
Alain Demurger: Die Verfolgung der Templer
scienzz Artikel Spätes Mittelalter

 

 

 

 

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