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24.06.2017 - KULTURGESCHICHTE

Fuer Arbeit habe ich keine Zeit

Der Dandy im Zeitalter von Massenkonsum und Massenmedien

von Josef Tutsch

 
 

Andy-Warhol-Denkmal in
Bratislava, Slowakei
Bild: P. Zeliznak/Wikipedia

Sagt der Name Eugen Gottlob Winkler heute noch jemandem etwas? In den 1930er Jahren schrieb er Prosa und Gedichte im Stil von Paul Valéry und Stefan George. Im November 1933 wurde er für einige Tage verhaftet, weil er in Verdacht geraten war, ein Plakat der NSDAP zur Reichstagswahl abgerissen zu haben. Nach der Haft unternahm er einen Suizidversuch, überlebte jedoch und verwandte dann das Geld, das eigentlich für den Druck seiner Dissertationsschrift bestimmt war, für eine Reise durch Italien. In den folgenden Jahren brachten ihm literaturhistorische und literaturkritische Studien ein passables Salär ein. Doch als der 24-jährige am 23. Oktober 1936 bei einem nächtlichen Spaziergang durch den Münchner Vorort Bogenhausen von einem Gestapo-Beamten kontrolliert worden war, nahm er, in seine Pension zurückgekehrt, aus Angst vor neuer Verhaftung eine Überdosis Schlaftabletten. Zwei Tage später starb er in einem Schwabinger Krankenhaus.

„Alles in allem hatte er etwas vom Dandy, dem vollkommen einsamen und ästhetischen Menschen im Sinn Baudelaires“, schrieb der Literaturkritiker Hans Egon Holthusen nach dem Zweiten Weltkrieg über Winkler. Als Walter Jens 1960 eine Auswahl aus Winklers schmalem Werk herausgab, steigerte er das Pathos nochmals: „Eugen Gottlob Winkler war vielleicht der letzte Europäer, dem es gelang, die Existenzform eines Baudelaireschen Dandys noch einmal mit tragischer Würde, mit dem Pathos des Martyriums zu krönen.“ Genau betrachtet, gelang es ihm aber nur für einige wenige Jahre. Ein „gravierender Mangel an haushälterischer Disziplin“, schreibt der Kulturhistoriker Günter Erbe von der polnischen Universität Zielona Góra in seiner neuen Studie über den „modernen Dandy“, gehörte zu seiner Vorstellung von Dichtertum unabdingbar dazu. Er „liebte den Luxus: elegante Kleidung und Accessoires, kostbare Reiseutensilien, exquisite Hotels und Restaurants“.

Was ist das, ein „Dandy“? Jemand, der sich „stets aus Prinzip weigern wird, Nützliches zu tun“, definierte der 2010 verstorbene britische Performance-Künstler Sebastian Horsley. Und zwar unabhängig davon, ob Geburt oder reiche Gönner ihm die nötigen Mittel bereitstellen; „wie sehr er auch am Hungertuch nagen mag“, schrieb Horsley. Dass Winkler Zeitungsartikel schrieb und schreiben musste, betrachtete er als Konzessionen an den schnöden Broterwerb, der wiederum verhinderte, dass er seinen Traum von einer Existenz rein als Dichter erfüllen konnte. „Ein letztes Mal waren Dandy und Rebell, Outcast und Opfer Synonyme“, meinte Jens in seiner Würdigung. „Rebell“ wogegen, „Opfer“ wovon? Zweifellos, Winklers Tod hing mit dem damals herrschenden Regime zusammen. Aber sein Lebensproblem war viel grundsätzlicher. „Lieber großartig betteln als kümmerlich sein Brot verdienen“, schrieb er 1934 in einem Brief. Immer wieder klagte er über Geldnot, doch diese Not, betont Erbe, entsprang weniger den bescheidenen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, als seinen Ansprüchen.

Als Urbild aller Dandys gilt George Brummell, der am Anfang des 19. Jahrhunderts über seine Freundschaft mit dem Prince of Wales Zutritt zur englischen High Society gewann und dadurch berühmt wurde, dass er stundenlang vor dem Spiegel stand und sein Outfit ordnete, bis alles perfekt passte und den Eindruck unauffälliger, selbstverständlicher Eleganz vermittelte. Brummel tat nichts anderes, als – so Erbes Ausdruck – den „Kleiderkünstler“ zu spielen. Er machte, wie der französische Lyriker Charles Baudelaire es später formulierte, „aus seinem Körper, seinem Verhalten, seinen Gefühlen und Leidenschaften, seiner Existenz ein Kunstwerk“.

Hans Werner Henze
Bild: Eytan Pessan/Wikipedia


Die Person gewordene Missachtung der modernen Welt mit ihrer Arbeitsethik und ihrem Fachmenschentum, wenn man so will. Eigentlich müsste man erwarten, dass der Typus des Dandys den Ersten Weltkrieg nicht überlebt hätte: „Der Adel spielte in Geschmacksfragen keine entscheidende Rolle mehr, Neureiche begannen den Ton zu diktieren“. Oft brachten sie, wie Erbe etwas drastisch zuspitzt, „denen, die früher über ihnen standen, die Umgangsformen aus der Gesindestube bei“. Doch der Dandy überlebte den Umbruch, sein Erscheinungsbild wurde allerdings vielfältiger, verwirrend vielfältig. Es gab weiterhin den Dandy aus wohlhabendem Haus, zum Beispiel Francis Picabia, der als Maler sogar sehr fleißig war, aber nur zu seinem Spaß. Noch mehr Spaß machte es ihm, künstlerische Weggefährten, die sich inzwischen zum Kommunismus bekannt hatten, mit seinen luxuriösen Autos und Segeljachten zu provozieren. Von seinem Milieu muss ein Dandy sich eben absetzen, das verbindet ihn mit dem intellektuellen Außenseiter. Unter Umständen auch durch ein wenig Hochstapelei. Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Maler Balthasar Klossowski de Rola, genannt „Balthus“, in Burgund einen alten Herrensitz bezog, legte er sich auch gleich den Titel „Graf“ zu.

Der italienische Dichter Gabriele D‘Annunzio stürzte sich nach Jahrzehnte langem Dasein als Salonlöwe in ein militärisches und politisches Engagement, über das Brummell nur den Kopf geschüttelt hätte. Großbritanniens König Edward VIII. verzichtete geringschätzig auf den Thron, um unter dem Titel „Duke of Windsor“ fortan das unabhängige Leben eines „man of fashion“ zu führen. In den 1970er Jahren verwirklichte der Komponist Hans Werner Henze ein „linkes“ Dandytums, einen „Salonkommunismus“, „gauche caviar“, wie man im Französischen sagt. Henze stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, der italienische Regisseur Luchino Visconti hatte ihn in die italienische High Society eingeführt. 1976 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens. Die Zeitung „Soho News“ wunderte sich: „Als bekennender Marxist residiert er nichtsdestotrotz wie ein moderner Nachfahre der Medici in einem alten italienischen Schloss, das mit Hausangestellten, sämtlich junge Männer, ausstaffiert ist.“

Noch ein ganz anderes Beispiel: 1970 beging der Schriftsteller Mishima Yukio in alter japanischer Tradition rituelles Seppuku. Ein Vierteljahrhundert lang hatte er sich gegen die Nachkriegsrealität in seinem Land gesperrt. Er war realistisch genug zu sehen: In seinem Leben würde es die erträumte nationalistische Politik nicht mehr geben, so inszenierte er in den letzten Jahren seinen bevorstehenden Tod. Ein Don-Quijote-hafter Versuch, sich als moderner Samurai zu stilisieren. Ja, auch das kann zum Bild des Dandys gehören, ein ästhetizistisches Spiel mit dem Grauen. „Die Luftangriffe auf die entfernte Metropole waren grandios“, schrieb Mishima 1945 über die Bombardierung Tokios. „Es war wie das Licht eines fernen Freudenfeuers auf einem großen Bankett, extravagant in Tod und Zerstörung.“

Im Gefolge der 68er Revolte wurde der Dandy gern totgesagt, schreibt Erbe, damals zielten die Weltverbesserungsträume auf Egalität. Doch seit einigen Jahren ist er wieder da: Die Kinder der 68er Generation besinnt sich auf „feine Unterschiede“ und versuchen sich in individualisierenden „Selbstbehauptungsstrategien“. Nur scheinbar individualisierend, wie ein genauerer Blick zeigt: „Den Hintergrund bildet eine expandierende Modeindustrie und eine auf Markennamen ausgerichtete Massenkonfektion. Sie bietet die Möglichkeit, sich auch mit beschränkten finanziellen Mitteln modisch zu unterscheiden und in Positur zu setzen.“ Natürlich kommt dann das Bedürfnis auf, sich vom Kommerzbetrieb wieder zu unterscheiden, irgendwie. Unter dem Schlagwort „Chap“, berichtet Erbe, ist es modern geworden, in die ausrangierten Kleidungsstücke früherer Gentlemen zu schlüpfen; mit viel Glück findet man sie vielleicht in Second-hand-Läden.

Quentin Crisp -Bild: Graham Colm/
Wikipedia


Vom „klassischen“ Dandy nach Art eines Brummell, vermerkt Erbe, unterscheidet viele Vertreter dieses Typus in den letzten Jahrzehnten, dass ihre „Eleganz“ in gar keiner Weise nüchtern oder unauffällig wirkte, im Gegenteil. Etwa für den Briten Quentin Crisp galt der Grundsatz: Auffallen um jeden Preis, vor allem durch grelle Schminke im Gesicht. Aber man kann auch durch die beliebige Wiederholbarkeit auffallen. Diesen Weg wählte Andy Warhol in seiner Kunst. Seine Welt war „von keinerlei Individualität getrübt“, schreibt Erb, in seinen Siebdrucken verwandelte sich Kunst in Serialität. Noch um einiges konsequenter verwirklichte David Bowie „das Image des sich selbst produzierenden Stars, der sich dem Zeitgeist anschmiegt, ihm immer eine Spur voraus ist und die Fäden seiner Selbstvermarktung in der Hand behält“. Die Beispiele Bowie und Warhol zeigen: Dandyexistenz und ernsthaftes Künstlertum schließen einander nicht unbedingt aus. Kunst sei die einzige „standesgemäße“ Arbeit für einen Dandy, war die Meinung von Oscar Wilde. Vielleicht ist der Dandy ja wenigstens insoweit sozial „nützlich“, als er in das herrschende Nützlichkeitskalkül einen Stachel setzt. So warnte Walter Jens in seiner Würdigung von Eugen Gottlob Winkler vor einer Welt, „die Meditation mit Faulenzerei und Individualismus mit Verrat am Volke identifizierte“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Günter Erbe: Der moderne Dandy, Böhlau Verlag, Köln – Weimar – Wien 2017, 351 S. mit 25 Abb., ISBN 978-3-412-50715-2, 29.99 € [D], 30.90 € [A]



Mehr im Internet:

Dandy - Wikipedia
Günter Erbe: Der moderne Dandy
scienzz artikel Lebensträume

 

 

 

 

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