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02.07.2017 - ALTE GESCHICHTE

"Eine neue Stufe der Zivilisation"

Die Faszination der alten Griechen - heute

von Josef Tutsch

 
 

Thukydides - Bild: Wikipedia


Kein moderner Mensch hätte es im alten Athen aushalten wollen, hat der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt einmal bemerkt. Und Burckhardts Freund Friedrich Nietzsche sprach voller Hohn „von der jämmerlichen Schönfärberei der Griechen ins Ideal, die der ‚klassisch gebildete‘ Jüngling als Lohn für seine Gymnasial-Dressur ins Leben davonträgt“. Burckhardt und Nietzsche waren nach Kräften bemüht, das Griechenbild des deutschen „Neuhumanismus“ als Träumerei zu entlarven. „Da ihr noch die schöne Welt regiertet, an der Freude leichtem Gängelband glücklichere Menschenalter führtet“, dichtete Friedrich Schiller über die „Götter Griechenlands“. „Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt“, schrieb Goethe. Aber es war eben auch der Traum, den - halb und halb wider Willen - Burckhardt und Nietzsche noch träumten.

Was hat die moderne Geschichtswissenschaft von dem „griechischen Wunder“ übrig gelassen, von der „Ausnahmestellung“, die den Griechen in unserem Geschichtsbild seit Johann Joachim Winckelmanns „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“ 1755 gern zugebilligt wurde? „Je länger ich mich mit den alten Griechen und ihrer Kultur beschäftige“, schreibt die Professorin für Altertumswissenschaften am King‘s College in London, Edith Hall, in ihrem neuen Buch über die „alten Griechen“, „desto überzeugter bin ich, dass sie herausragende Eigenschaften besaßen, die man in dieser Fülle kaum anderswo im Mittelmeerraum oder Nahen Osten findet.“ „Zwischen 800 und 300 v. Chr. machten Menschen, die Griechisch sprachen, zahlreiche geistige Entdeckungen“. Der Fortgang des Satzes macht deutlich, dass die Faszination auch heute noch nicht ganz tot ist: „… und hoben die mediterrane Welt auf eine neue Stufe der Zivilisation“.

Da liegt ein politisch explosives Minenfeld, wie Hall sehr wohl weiß. 1992 brachte der amerikanische Philologe Bernard Knox die provozierende Formel auf, im abendländischen Bildungskanon würden „the oldest dead white european males“ im Vordergrund stehen. „Alt“ und „tot“, „weiß“ und „europäisch“, „Männer“ - da kommen gleich drei schlimme Verdachtsmomente zusammen: erstens eine hoffnungslos rückwärtsgewandte, vergangenheitsorientierte Haltung, zweitens ein moralisch verwerflicher Rassismus gegenüber der außereuropäischen Welt, drittens ein „machismo“, eine Minderwertung des weiblichen Geschlechts. Vor zwei Jahrhunderten war die Welt noch entschieden einfacher. „Bei dem Namen Griechenland“, sagte Hegel in seiner Vorlesung zur Geschichtsphilosophie, „ist es dem gebildeten Menschen in Europa, insbesondere uns Deutschen, heimatlich zumute.“ Aber ist es heute, in unserer globalisierten Welt, noch „politisch korrekt“, wenn Europäer dazu neigen, sich der altgriechischen Kultur, in der ja immerhin zum Beispiel auch die Demokratie „erfunden“ wurde, eher verwandt zu fühlen als der chinesischen oder indischen oder islamischen? Und ist überhaupt etwas „dran“ an der Formel von einer „neuen Stufe der Zivilisation“?

„From Bronze Age Seafarers to Navigators of the Western Mind“, lautet der Untertitel von Halls Buch im englischen Original. Darin liegt zunächst einmal eine Aussage über die Lebensweise im ägäischen Raum des 2. Jahrtausends v. Chr., die  ganz wesentlich durch den Handel über See bestimmt war. Das wurde durch die Geographie nahegelegt: Die unzähligen Landzungen, Einbuchtungen und Inseln bringen es mit sich, dass die meisten Griechen nicht viel mehr als einen Fußmarsch weit vom Meer entfernt lebten, Hall spricht geradezu von „kulturellen Amphibien“. Die griechische Sprache war voll von Metaphern, die mit dem Meer oder mit der Schifffahrt zu tun haben, besonders gern bei der Beschreibung von Denkvorgängen. Hall zitiert eine Stelle aus Homers „Ilias“: Der weise Nestor denkt über ein militärstrategisches Problem nach, „so wie das Meer, das große, sich regt in dumpfem Gewoge, wenn es der pfeifenden Winde reißende Bahnen vorausahnt und sich nicht voranwälzt, weder hierhin noch dorthin, ehe nicht ein entschiedener Wind von Zeus herabfährt“.

Die zweite Hälfte des Untertitels, die mit den „navigators“, verknüpft diese Lebensweise recht kühn - manche von Halls Kollegen würden sicherlich sagen: tollkühn - mit der Ideengeschichte. Die alten Griechen, schreibt Hall, waren „misstrauisch gegenüber jeder Autorität, individualistisch und wissbegierig“. Nochmals ein Beispiel aus der „Ilias“: Dort stellen die einfachen Mitglieder des griechischen Heeres vor Troja das Recht der großen Helden und Könige, die Handlungen der ganzen Gemeinschaft zu kommandieren, gern in Frage. In den folgenden Jahrhunderten gefährdete dieser rebellische Zug immer wieder sogar die politische Stabilität im Ganzen. „Anführer werden von griechischen Autoren unablässig kritisch geprüft und in der Regel als zu leicht befunden“, schreibt Hall, stellt aber auch gleich die Frage, wie sich das „widerspenstige“ Moment mit der allgemeinen Akzeptanz der Sklaverei im antiken Griechenland vereinbart haben kann. Wahrscheinlich gehörte beides sogar zusammen. Individuelle Freiheit war nicht als Freiheit aller gedacht, sie galt – und das unterscheidet die alten Griechen radikal von unserer Moderne - als kostbares Privileg, das eng verknüpft war mit der Möglichkeit, selbst Herrschaft auszuüben. „Unwillkürlich fragt man sich, ob eine Gesellschaft, die nicht auf dem Besitz von Sklaven gründete, jemals eine so genaue Festlegung der individuellen Freiheit hätte hervorbringen können.“

Odysseus und die Sirenen, attische Vase,
um 475 v. Chr. (British Museum, London)
Bild: Jastrow/Wikipedia


Welche Wertschätzung das „Ich“ bei den alten Griechen – und zwar zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte – genoss, verdeutlicht Hall am Gedicht des Hesiod über die „Geburt der Götter“. Zunächst geht es um ein Gemeinschaftserlebnis: „Lasst uns die Feier anstimmen“, doch zwei Dutzend Verse danach wird schon der Name „Hesiod“ genannt, und wiederum zwei Verse später schreibt der Dichter voller Stolz in der ersten Person Singular: „Was die Musen mir als Erstes sagten.“ Zwei Impulse, schreibt die Forscherin, haben in ihrem Widerstreit miteinander die griechische Geistesgeschichte geprägt: einerseits die Anführer immer wieder kritisch in Frage zu stellen, andererseits mächtige Individuen zu feiern, am liebsten natürlich das eigene Ich. Die eine oder andere Stelle in Platons Dialogen lässt vermuten, dass viele junge Leute aus vornehmem Haus vom Wettstreit der vielen Politiker (damals sagte man: Demagogen) im demokratischen Athen vor allem das eine erhofften: selbst daraus als Tyrann hervorzugehen.

Auch Platon griff, wenn er dieses Problem durchdenken wollte, zu einer Metapher aus der Seefahrt: Ein Schiff, das erfolgreich durch die Meere segeln soll, braucht einen Kapitän, der es steuert, und der benötigt Kompetenz und Wissen. Versteht sich, dass die Griechen nicht die ersten waren, die das Mittelmeer durchsegelten, die Kreter und die Phönizier gingen ihnen voran. Das griechische „Wunder“, wenn man es denn nun so will, war mehr eine Kombination von längst Vorhandenem als ein Neubeginn. Aber die Griechen waren vielleicht die ersten, die ein Nebenmotiv der Seefahrt, zumindest in ihrer Poesie, zu einer Hauptsache machten. Die „Odyssee“ ist das Hohelied der Neugier, der lebensgefährlichen und oft unverantwortlichen Neugier. Odysseus hat keinen Grund, die Insel der Kyklopen zu betreten – außer seiner Begier zu wissen, „von welcher Art diese Männer sind, ob frevelhafte und wilde und gar nicht gerechte oder ob fremdenfreundliche, gottesfürchtige Leute“. Am Ende gehen fast alle Schiffe von Odysseus‘ Flotte mitsamt ihrer Besatzung zugrunde.

Bei anderem Anlass findet Odysseus einen praktischen Kompromiss zwischen Neugier und Lebensklugheit: Um den verführerischen Gesang der Sirenen hören zu können, weist er seine Männer an, sich Wachs in die Ohren zu streichen, und lässt sich selbst am Mast festbinden. Drei Jahrhunderte nach Homer sah der Geschichtsschreiber Thukydides in der Offenheit für fremde Einflüsse, in der sozusagen „kosmopolitischen“ Atmosphäre das wesentliche Charakteristikum seiner Heimatstadt Athen. Das Wort für „Öffnung“ bezeichnete auch die Gleichheit beim Rederecht, die in der athenischen Demokratie so zentral war, indirekt also auch die Bereitschaft, verschiedene und gegensätzliche Aspekte zu ihrem Recht kommen zu lassen. Begünstigt wurde das, meint Hall, durch ein besonderes „Talent“ der griechischen Sprache, ihr breites Spektrum von Ausdrucksmöglichkeiten für Polaritäten und Kausalzusammenhänge.

Hall fügt aber auch gleich an, dass die „Offenheit“ mit einer „emotionalen Aufrichtigkeit“ einherging, die bei späteren, christlich geprägten Generationen Empörung auslöste. Bei Thukydides sagt ein spartanischer Heerführer an einer Stelle, es sei „nur gerecht und erlaubt, an den Feinden zur Rache das zürnende Herz sich zu ersättigen“. Hall: „Wegen der emotionalen Aufrichtigkeit der Griechen mag man sie für herzlos und gemein halten, aber sie dürften kaum jemals heuchlerisch erscheinen.“ Nietzsche sprach von der „starken, strengen, harten Tatsächlichkeit“, die den älteren Hellenen im „Instinkt“ gelegen hätte. Nichts kuriere so gründlich von jener „jämmerlichen Schönfärberei“ wie die Lektüre des Thukydides. Hall: Thukydides „spricht freimütig die Tatsache aus, dass Menschen einander furchtbare Dinge antun“.

„Instinkt“: Ein Wort, das heute, wenn es um historische Themen geht, eher selten zu lesen ist. Aus guten Gründen haben wir uns angewöhnt, streng zwischen Geschichte und Biologie zu unterscheiden. Statt von Instinkten spricht Hall von „Eigenschaften“ der alten Griechen, die sie den Lesern nahebringen will. Nicht ohne Grund lautet der englische Originaltitel „Introducing the ancient Greeks“ - die Antike ist heute kein selbstverständlicher Bildungsstoff mehr. Aber auch mit dem Ausdruck „Eigenschaften“ bleibt das wissenschaftstheoretische Problem natürlich bestehen: Haben ganze Kulturen – bei aller Wandelbarkeit und ohne, dass man daraus Folgerungen für den einzelnen Menschen ableiten dürfte, wie sich versteht – spezifische Charakteristika, mit denen sie sich von anderen Kulturen unterscheiden?

Achilleus verleiht Nestor den Preis der
Weisheit, von Joseph Désiré Court, 1820
Musée des Beaux-Arts de Rouen)
Bild: Wikipedia


Wenn wir uns für einen Augenblick vorstellen, Hall wäre Islamwissenschaftlerin und hätte statt über die altgriechische über die islamische Kultur geschrieben – das Buch würde eine lebhafte Debatte über political correctness auslösen. Die englische Historikerin zeigt in ihrer Reise durch ein Jahrtausend griechischer Geschichte eine erfrischende Unbefangenheit gegenüber pseudo-naturwissenschaftlichen Exaktheitsforderungen an die Geschichtswissenschaft. Und an der einen oder anderen Stelle einen, wie man früher gern behauptete, „typisch“ britischen gesunden, schlicht pragmatischen Menschenverstand angesichts der politischen Probleme, mit denen sich die alten Griechen herumzuschlagen hatten. Zum Beispiel zur Verurteilung des Sokrates, an der Hegel einst ein Musterstück welthistorischer Dialektik exerzierte („In Sokrates ist das Bewusstsein aufgegangen, dass das, was ist, vermittelt ist durch das Denken“) schreibt Hall schlicht: „Eine stabilere Demokratie (als die Athens in jenen Jahren um 400 v. Chr.) wäre eventuell imstande gewesen, seine Kritik auszuhalten.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Edith Hall: Die alten Griechen. Eine Erfolgsgeschichte in zehn Auftritten, aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, Siedler Verlag, München 2017, 416 S., ISBN 978-3-8275-0092-2, 26,99 € [D],
27,80 € [A],  35,90 CHF



Mehr im Internet:

Griechen - Wikipedia
Humanismus - Wikipedia
Edith Hall: Die alten Griechen
scienzz artikel Griechisches Altertum
scienzz artikel Mythen und Legende

 

 

 

 

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