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05.07.2017 - RECHT

Ewige Vernunftwahrheiten im sozialen Wandel

Das Verstaendnis von Ehe durch die Jahrhunderte

von Josef Tutsch

 
 

Ritual: Anlegen des Eherings
Bild: Jason Hutchens/Wikipedia

Wenn man der „Duden“-Redaktion folgen will, ist die „Ehe für alle“ in der deutschen Öffentlichkeit bereits seit etwa zwei Jahrzehnten weitgehend anerkannt. Das Duden-Großwörterbuch von 1999 definiert, „Ehe“ sei a) eine „gesetzlich (und kirchlich) anerkannte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau“ und b) eine „gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft, die sich an der Ehe (a) orientiert“. Der Definition folgt die Berufung auf einen „Spiegel“-Artikel von 1994: „Zwei homosexuelle Männer konnten […] ihre schwule Ehe unter den Segen der evangelischen Kirche stellen.“

Ob sich in diesem Lexikoneintrag bloß der Sprachgebrauch widerspiegelt, wie er zu Ende des 20. Jahrhunderts bestand, oder ob die Redaktion sich zum Vorreiter einer Veränderung machen wollte, wie sie der Bundestagjetzt tatsächlich vollzog, muss freilich offen bleiben. Nicht die einzige Frage, die bei der Lektüre dieser wenigen Zeilen aufgeworfen wird. Der Zusatz in Klammern „und kirchlich“ macht deutlich, dass da, streng genommen, nicht nur zwei, sondern gleich drei verschiedene Phänomene unter den Begriff „Ehe“ gefasst werden. 1876 wurde in Deutschland die „Zivilehe“ eingeführt, also die Regelung, dass eine Ehe – damals war wie selbstverständlich an Mann und Frau gedacht – durch das Ja-Wort vor einem staatlichen Standesbeamten zustande kommt. Blickt man auf die Berichterstattung über das Leben der Schönen und der Reichen und der Mächtigen in der Presse, drängt sich dagegen der Eindruck auf, die Trauung vor dem Altar, möglichst aufwendig inszeniert, wäre „eigentlich“ doch viel entscheidender.

Das erbitterte Rückzugsgefecht, das die katholische Kirche in den 1870er Jahren dem Bismarckreich lieferte, um den Vorgang der Eheschließung in eigener Regie zu behalten, ist bis heute als „Kulturkampf“ geläufig. Dabei war dieses kirchliche Zeremoniell als verbindliche Vorschrift damals gerademal dreihundert Jahre alt. Erst 1563 beschloss das Konzil von Trient, Ehen dürften in Zukunft nur noch dann anerkannt werden, wenn die Eheleute ihren Willen in Gegenwart eines Priesters kundgetan hätten. Anderthalb Jahrtausende lang hatte es genügt, wenn Mann und Frau sich das Sakrament der Ehe ohne kirchliche Zeremonie gegenseitig spendeten. Das Bedürfnis nach Öffentlichkeit und Gepränge war mehr durch die gesellschaftliche Stellung der beteiligten Familien bedingt: Dass die Kinder aus dieser Ehe zur Erbfolge legitimiert sein würden, musste feierlich und vor aller Augen kundgetan werden.

Die Neuregelung von 1563 hing damit zusammen, dass die Reformatoren das Sakrament der Ehe gestrichen hatten. Dem wollte die katholische Kirche ihr sakramentales Verständnis von der Ehe sichtbar entgegensetzen, für Männer eine Alternative zu dem anderen Sakrament, das die Protestanten nicht anerkannten: dem des Priesterstands. Und auch in den protestantischen Kirchen ist Martin Luthers Festlegung, die Ehe sei ein „äußerlich, weltlich Ding“ mehr eine Sache des Katechismus geblieben als der Lebenswirklichkeit: Auch hier hat das kirchliche Zeremoniell der Eheschließung, wiewohl es doch bloß eine Segnung sein soll, einen überragenden Stellenwert.

Die formale Herabstufung der Ehe vom Sakrament zum bloßen Segen hat es einer Reihe von protestantischen Kirchen in der Gegenwart jedoch erlaubt, auch gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften diesen Segen zu spenden – oft mit der einschränkenden Klausel,  diese Lebensgemeinschaft sei einer Ehe zwischen Mann und Frau nur „weitgehend“, nicht voll gleichgestellt; Adressaten dieser Versicherung sind natürlich konservative Kirchenmitglieder, die sich mit dem gesellschaftlichen Wandel schwer tun. Gelegentlich gehen Meldungen durch die Presse, dass auch der eine oder andere Pfarrer da nicht mittun will – wie es umgekehrt in Kirchen, die einen Segen für gleichgeschlechtliche Paare formell nicht kennen, immer wieder Fälle gibt, dass der eine oder andere Pfarrer sich doch dazu durchringt.

Hochzeitskuss
Bild: Daniel Hendricks/Wikipedia


Für die katholische Kirche lehnte die päpstliche Kongregation für die Glaubenslehre 2003 jede rechtliche Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ab. Da gilt das gleiche Geschlecht der Ehewilligen sozusagen als unüberwindliches Ehehindernis. Es ist so grundlegend, so selbstverständlich, dass die entsprechenden Paragraphen im Gesetzbuch der katholischen Kirche, dem „Corpus Iuris Canonici“, es gar nicht erst aufführen. Gerade bei solchen Ehehindernissen zeigt sich aber auch, wie wandelbar das Verständnis von Ehe über die Jahrhunderte doch immer gewesen ist. Etwa der Umstand, dass jemand schon verheiratet ist, bedeutet zwar nach gängigem Verständnis hierzulande und heutzutage ein zwingendes Hindernis, eine neue Ehe einzugehen.

Viele Gesellschaften haben es jedoch anders gesehen. In islamischen Ländern ist bis heute die „Polygynie“ legal. Jeder Mann dürfe „zwei oder drei oder vier“ Frauen heiraten, heißt es im Koran; etwas undeutlich fordert der folgende Halbsatz, er müsse zwischen seinen Frauen „Gerechtigkeit“ üben. Auch bei den Patriarchen der Bibel war Vielweiberei üblich, ein Punkt, der Luther arg in Verlegenheit brachte, als Landgraf Philipp von Hessen von ihm verlangte, seine zweite Ehe zu segnen. Eigentlich war er dagegen, fand im Bibeltext aber keine Begründung für seine Skrupel.

Umgekehrt finden sich auch Gesellschaften, in denen „Polyandrie“ Brauch ist, etwa im Himalaya. In unserer heutigen Gesellschaften sind Ehen nicht unbedingt „Lebensgemeinschaften“, Gemeinschaften für das ganze Leben, bis „Tod euch scheidet“, sondern oft eher Lebensabschnittsgemeinschaften, die Soziologen sprechen von „serieller Monogamie“ oder, vielleicht treffender, „serieller Polygamie“. Noch ein Beispiel für den Wandel der Ehehindernisse: Heiraten zwischen Geschwistern sind in fast allen Kulturen verboten. Im abendländischen Mittelalter war dieses Ehehindernis zeitweise aber bis zum 7. Verwandtschaftsgrad ausgedehnt, oft wurden auch Verschwägerung und die Verbindung über geistliche Paten als Hindernisse angesehen.

Auch das Eherecht unterliegt dem sozialen Wandel, nichts zeigt das deutlicher als § 1353 des BGB, „Die Ehegatten sind einander zur ehelichen Lebensgemeinschaft verpflichtet“. Noch 1966 folgerte der Bundesgerichtshof daraus eine Pflicht der Ehefrau, ihrem Mann sexuelle Befriedigung zu verschaffen, und zwar ohne dabei „Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen“. In Einklang damit konnte der Tatbestand der Vergewaltigung in Deutschland bis 1997 nur außerehelich verwirklicht werden. Vergewaltigung in der Ehe stand, anders als oft geglaubt wird, zwar unter Strafe, aber eben nicht als Vergewaltigung, sondern „nur“ als Nötigung.

Gleichgeschlechtliche Eheschlie-
ßung in Toronto
Bild: MmToronto/Wikipedia


Dass die Väter und Mütter des Grundgesetzes, als sie 1949 in Art. 6 Ehe und Familie unter den „besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“ stellten, keine Vorstellung davon hatten, 2017 könnte der Bundestag die Möglichkeit einer Ehe zwischen zwei Männern oder zwei Frauen einführen wollen, darf man getrost unterstellen. Verpflichtet diese historische Interpretation den Gesetzgeber heute dazu, „Ehe“ ebenso zu verstehen, wie sie damals verstanden wurde, wäre die „Ehe für alle“, wie das saloppe Schlagwort lautet, also nur durch eine Verfassungsänderung einzuführen?

Erleichtert wird der Wandel zweifellos durch den Umstand, dass Deutschland wie die meisten anderen westlichen Länder zwischen einem staatlichen und einem kirchlichen Begriff der Ehe unterscheidet. Selbst einige streng katholische Länder wie Spanien haben bereits vor Deutschland die Möglichkeit einer gleichgeschlechtlichen Ehe eingeführt – auf staatlicher Ebene, wohlgemerkt; wie die Kirche damit umgeht, bleibt ihr überlassen. Etwas anders ist die Situation zum Beispiel im protestantischen Dänemark, wo eine Staatskirche besteht: Dort ist eine kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Ehepaare ganz offiziell möglich. Da hat die katholische Kirche, in der die Ehe als Sakrament gilt, zweifellos größere Schwierigkeiten. Traditionell setzt die katholische Theologie voraus, die menschliche Vernunft sei mindestens prinzipiell in der Lage, „ewige“ Wahrheiten zu erkennen. Und im Fall der Ehe habe sie eine solche Wahrheit auch bereits erkannt, eben als Gemeinschaft von Mann und Frau.


Mehr im Internet:

Gleichgeschlechtliche Ehe - Wikipedia
scienzz artikel Menschenrechte
scienzz artikel Der kleine Unterschied

 

 

 

 

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