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13.07.2017 - POLITIK

Links und rechts, lechts und rinks

Schwierigkeiten, das politische Spektrum auf den Begriff zu bringen

von Josef Tutsch

 
 

Brennende Barrikade im Hamburger
Schanzenviertel, 6. Juli 2017
Bild: JouWatch/Wikipedia

"manche meinen // lechts und rinks // kann man nicht //velwechsern. // werch ein illtum!" So dichtete 1966 der große Sprachexperimentator Ernst Jandl. Zu Jandls 65. Geburtstag 1990 machte die „Tageszeitung“ auf ihrer Titelseite die Vertauschung der Buchstaben „l“ und „r“ zum Standard. Dort wurde nicht nur Ernst Jandl zu „Elnst Jandr“, im Rückblick auf die Morde der RAF fand sich auch die Schlagzeile „LAF bekennt: Zu wenig Splengstoff“.

Kann man wirklich nicht „velwechsern“? Jandl hat sich wohlweislich gehütet, seinem Gedicht einen Kommentar beizugeben. So kann der Leser wahlweise an die Annäherung der beiden großen deutschen Volksparteien in der damaligen großen Koalition oder an eine Austauschbarkeit totalitärer Positionen „rechts“ und „links“ denken. Aber vielleicht hatte der Dichter ja auch ganz unpolitisch im Sinn, welche fatalen Folgen eine solche Verwechslung in Kulturen haben kann, in denen einerseits traditionell mit der Hand aus einer gemeinsamen Schüssel gegessen wird, andererseits aber fließendes Wasser und Seife rar sind. Da empfiehlt sich in der Tat eine strenge Arbeitsteilung zwischen rechter und linker Hand.

Welche Aufgaben die eine Hand wahrzunehmen hat, welche die andere, könnte man für gleichgültig halten. Aber anscheinend ist in allen Kulturen der Gegenwart bei 85 bis 90 Prozent der Menschen die rechte Hand die „dominante“, sie wird bei anspruchsvolleren Tätigkeiten bevorzugt. Wahrscheinlich eine Folge des Umstands, dass, anders als bei den Gliedmaßen, ein Großteil unserer inneren Organe gerade nicht symmetrisch angelegt ist. Das Herz sitzt links. Das mag es Müttern bereits in Urzeiten nahegelegt haben, ihr Kind mit dem linken Arm zu halten, damit es die Herztöne der Mutter hören kann, und mit der rechten Hand zu arbeiten. Oder den Kriegern, mit der Rechten das Schwert zu führen und mit dem Schild in der Linken das Herz zu schützen.

Die „gute“ und die „schlechte“ Hand … Im Deutschen hängen „Recht“ und „rechts“ etymologisch zusammen, ebenso etwa im Französischen; offenbar gilt „rechts“ weithin als die bessere Seite. Manche Hundehalter trainieren ihre Vierbeiner gern dazu, dass sie Besuchern zur Begrüßung doch, bitte schön, die „gute“ oder „schöne“ Pfote zu reichen haben. Die unterschiedliche Wertigkeit der beiden Seiten fand Eingang in den Sprachgebrauch der Bibel. Psalm 110: „Setze dich mir zur Rechten, und ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füße.“ Und das Matthäusevangelium, die Prophezeiung vom Weltgericht: Der Menschensohn „wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken“.

Mit großer Selbstverständlichkeit beanspruchten bei den Ständeversammlungen des Mittelalter und der frühen Neuzeit die „vornehmeren“ Stände, also in erster Linie die geistlichen Fürsten, ihren Platz zur Rechten des Kaisers oder Königs. Eine Gewohnheit, die sich auch nach der Französischen Revolution fortsetzte: Im Parlament der restaurierten Bourbonenmonarchie 1815 saßen die Königstreuen rechts, die Oppositionellen links – immer von der Stirnseite aus gesehen. Binnen weniger Jahre gehörte die Unterscheidung von „droite“ und „gauche“ und „centre“ zum politischen Sprachgebrauch.

"Rote Flora" in Hamburg, April 2017
Bild: Jonke Suhr/Wikipedia


Doch mit dem neuen Selbstbewusstsein der Opposition entsprach der politischen Revolution sehr bald auch eine semantische: Im Bewusstsein eines republikanisch oder doch antiabsolutisch gesinnten Bürgertums - und später der Arbeiterschaft - wurde „links“ zum Inbegriff des politischen und moralischen Fortschritts, der Befreiung der Menschheit von allen repressiven Mechanismen der Vergangenheit. Für die Studentenbewegung seit 1968 war „links“ eine Kurzformel ihres Selbstverständnisses. Moralisch aufgeladen wurde diese Entgegesetzung von „Rechts“ und „Links“ in Deutschland zusätzlich durch den Nationalsozialismus: Kaum jemand, der ernst genommen werden möchte, wird sich heute politisch als „rechts“ bezeichnen. Man redet lieber von „konservativ“, was aber nicht viel mehr bedeutet, als dass manche Dinge im gegenwärtigen Stand der Dinge nunmal als erhaltenswert geschätzt werden.

Begreiflich, dass es irritieren muss, wenn Richtungen, mit denen man selbst nicht das Geringste zu tun haben will, wie jetzt bei den Krawallen in Hamburg, für sich ebenfalls das moralisch hoch gewertete Etikett „links“ in Anspruch nehmen. „Ideologisch gesehen, ist die Verherrlichung von Gewalt eher rechte Gesinnung“, wird zum Beispiel der Landesvorsitzende der SPD in Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, nicht müde zu betonen. Aber waren Stalin und Pol Pot „rechte“ Politiker, hat die RAF um Andreas Baader und Ulrike Meinhof einen „Rechts“-Terrorismus betrieben? Diese Akteure selbst haben sich zweifellos als „links“ verstanden, und es ist sehr fraglich, ob man ihnen Heuchelei unterstellen kann.

Es gibt nun einmal keine politischen Autoritäten, die in solchen Fragen verbindlich entscheiden könnten. Und wenn es sie gäbe, würden sie Widerstand hervorrufen, ähnlich wie vor 500 Jahren das Papsttum in Martin Luthers Reformation, das verbindlich zu klären beanspruchte, wer und was als christlich und katholisch gelten darf. Kann man einen Begriff wie „links“ vielleicht irgendwie „objektiv“, also wissenschaftlich  bestimmen? Da stehen die Politikwissenschaftler vor demselben Problem wie die Religionshistoriker etwa angesichts der Frage, ob religiöse Richtungen, die sich auf das Christentum berufen, aber zentrale Dogmen ablehnen, noch sinnvoll zum Christentum gerechnet werden können.

Jeder vernünftige Mensch sei heute „ein gemäßigter Sozialist“, hat Thomas Mann einmal gesagt. Und berief sich auf Goethe, der seinerzeit meinte, jeder vernünftige Mensch sei ein gemäßigter Liberaler. Thomas Mann ging wohl davon aus, alle solche „-ismen“ seien einer Perversion fähig, einer Verkehrung ins Ungemäßigte, Verderbliche. Wahrscheinlich gilt das nicht nur für politische Konzepte, sondern für Weltanschauungen ganz allgemein. Auch Christentum und Islam haben ihre humanitären Ansätze oft zugunsten militanter, wenn man so will, extremistischer Ausprägungen verraten.

Da kommen Zweifel auf, ob es wirklich sinnvoll sein kann, das politische Spektrum wie eine gerade Linie von rechts nach links aufzufassen, mit der wertenden Maßgabe, dass die eine Richtung als gut gelten soll. Wider Willen bringt sich jede „gemäßigte“, soll sagen: demokratische, linke Position damit ja auch in Rechtfertigungszwang gegenüber radikaleren Richtungen: Wenn „Links“ per se gut ist, muss eine Steigerung natürlich besser sein. Heute werden eine ganze Reihe alternativer Verbildlichungen des Spektrums diskutiert – etwa als Hufeisen, das zwischen Rechts- und Linksextremismus eine engere Verwandtschaft andeutet als jeweils zur politischen „Mitte“. Oder als Wertedreieck von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit. Oder als Koordinatensystem von mindestens zwei, wenn nicht drei Dimensionen.

Weltgericht, aus dem Stunden-
buch der Brüder Limbourg, um
1415 - Bild. Wikipedia


Doch die politische Auseinandersetzung funktioniert nach anderen Mechanismen als ein politologisches Seminar. 1967 entschlüpfte dem Philosophen Jürgen Habermas das Schlagwort „Linksfaschismus“. Er sah in den Aktionen mancher „linker“ Studenten damals eine Verwandtschaft mit dem „faschistischen Terror“ der 1930er Jahre. Später nahm Habermas sein böses Wort zurück. Anscheinend war er zu dem Schluss gekommen, darin sei doch viel mehr politische Rhetorik enthalten als wissenschaftliche Analyse. Oder er war von sich selbst erschreckt, weil er in seiner Verärgerung über die protestierenden „Aktivisten“ das auch in seiner Sicht gute Wort „links“ mit dem schlimmsten aller möglichen Schimpfwörter verknüpft hatte, „faschistisch“.

Neben dem „Linksfaschismus“ wirkt die Prägung „Linksextremismus“, in der das politische Selbstverständnis der Bewegung mit dem (gemutmaßten) Abstand der einen oder anderen Ausprägung zur „freiheitlichen demokratischen Grundordnung“ verbunden ist, doch beinahe nüchtern-sachlich.  Am Ende wird es darauf ankommen, wie kritisch oder unkritisch wir uns heute zu den blutigen „Heldenmythen“ unserer Tradition stellen. „Ah, wir werden es schaffen“, heißt es in „Ça ira“, einem der berühmtesten Kampflieder der Französischen Revolution, „die Adeligen an die Laterne! Die Adeligen werden wir aufknüpfen!“ Und wer würde heute die Französische Revolution, trotz aller Greuel, die damals geschehen sind, rückgängig machen wollen? Aber sie in der freiheitlichen Demokratie von heute nachspielen wollen die meisten von uns vermutlich auch nicht, so sehr wir uns auch in ihrer Tradition sehen.


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