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04.08.2017 - ANTIKE

Das Imperium Romanum auf dem Hoehepunkt seiner Macht

Vor 1.900 Jahren starb Kaiser Trajan

von Josef Tutsch

 
 

Trajan (Glyptothek, München)
Bild: Bibi Saint-Pol/Wikipedia

Viele Jahrhunderte nach seinem Tod rief sein Name heftige theologische Debatten hervor. Irgendwann im frühen Mittelalter kam die Legende auf, Papst Gregor der Große sei von den Berichten über die große Gerechtigkeit des Kaisers Trajan derart beeindruckt gewesen, dass er Gott darum bat, seine Seele von der ewigen Verdammnis zu befreien. Am Fall Trajan erörterte das christliche Mittelalter die Frage, ob alle Heiden zur Hölle verdammt sein müssten oder ob der eine oder andere Gerechte darunter nicht doch der göttlichen Gnade teilhaftig werden könnte.

Als Kaiser Marcus Ulpius Traianus am 8. August 117 n. Chr., vor 1.900 Jahren, in Selinus in Kilikien verstarb, stand das Imperium Romanum auf dem Gipfel seiner Macht. Oder jedenfalls seiner territorialen Ausdehnung. Dabei lag eine schwere innenpolitische Krise gerademal zwei Jahrzehnte zurück. Im Jahr 96 war Domitian, der letzte Kaiser der flavischen Dynastie, von seinen Hofbeamten ermordet worden. Bei der römischen Oberschicht hatte sich dieser Kaiser mit seinen Blutgerichten den Ruf eines brutalen Despoten eingehandelt. Gleich nach dem Umsturz verdammte der Senat in einem feierlichen Beschluss sein Andenken.

Doch Domitians Nachfolger Nerva hatte allergrößte Mühe, sich auf dem Thron zu halten. Offenbar wurde der tote Herrscher zumindest bei der Armee durchaus geschätzt. Der greise Patrizier, der von vornherein nur ein Übergangskaiser sein konnte, fand einen Ausweg. Er ernannte den Statthalter der Provinz Obergermanien, Trajan, den Sohn einer vornehmen Familie in Italica im Süden der iberischen Halbinsel, zu seinem Nachfolger. Dieser zukünftige Kaiser war sowohl für den Senat als auch für das Militär akzeptabel. Als Nerva im Jahr 98 verstarb, beschwor Trajan noch in seinen Briefen von der germanischen Front aus, lange vor seinem Einzug in Rom, er werde die Teilung der Macht zwischen Senat und Kaiser, wie Augustus sie eingeführt hatte, sorgsam beachten, vor allem: er werde ohne Verfahren vor dem Senat keinen Senator hinrichten lassen.

In einer Hinsicht aber brach er bald mit der Tradition seiner Vorgänger. Augustus hatte nach der Niederlage im Teutoburger Wald 9 n. Chr. seinen Nachfolgern empfohlen, die Grenzen des Reiches nicht weiter auszudehnen. Nur eine einzige Provinz, der Südteil der britischen Insel, war seitdem neu hinzugekommen. Ansonsten begnügte sich Rom damit, die Stämme an seiner Nordgrenze in mehr oder weniger loser Abhängigkeit zu halten. An der mittleren und unteren Donau allerdings war diese Politik im späten 1. Jahrhundert an ihre Grenzen gestoßen. In ihrem König Decebalus fanden die dakischen Stämme einen charismatischen Anführer; da zog die Gefahr herauf, dass sich im heutigen Rumänien ein mächtiger Gegner herausbilden würde.

Offenbar empfanden Trajan und der Senat das Dakerreich unter Decebalus als eine Bedrohung, die neue Maßnahmen erforderlich machte. Dass Trajan im Jahr 101 mit seinem Heer über die Donau setzte, hing aber sicherlich auch damit zusammen, dass er mit einem militärischen Erfolg die Legitimität seiner Herrschaft dartun konnte. Jedenfalls zeigt das römische Vorgehen in den beiden Dakerkriegen, dass von vornherein daran gedacht war, dieses Territorium als neue Provinz in das Römische Reich einzugliedern. Sie bestand bis in die 270er Jahre, und kulturell wirkt diese Zeit bis heute nach: Das Rumänische zählt zu den Romanischen Sprachen.

Die Trajanssäule vor der Kirche
Santissimo Nome di Maria in Rom
Bild: Josef Tutsch

114 n. Chr. eröffnete Trajan in Vorderasien einen zweiten Kriegsschauplatz. Hintergrund waren Jahrzehnte lange Auseinandersetzungen mit dem Partherreich, der einzigen ebenbürtigen Macht in der antiken Welt, um die Vorherrschaft über Armenien. Innerhalb weniger Jahre gelang es den römischen Truppen, sowohl Armenien als auch Mesopotamien zu besetzen. Für kurze Zeit reichte Roms Macht bis zum Persischen Golf und zum Kaspischen Meer.

Träumte der Kaiser womöglich davon, nach dem Vorbild Alexanders des Großen bis nach Indien vorzustoßen? So behauptete es hundert Jahre später der Geschichtsschreiber Cassius Dio. Doch das muss Spekulation bleiben. Es ist auch sehr zweifelhaft, ob Trajan daran dachte, vom Persischen Golf aus für Rom einen ungehinderten Seeweg in den Fernen Osten zu eröffnen. Realistisch scheint, dass der Kaiser das Partherreich vernichtend schlagen wollte, um zukünftige Bedrohungen einfürallemal abzuwehren. Ein Teil des Territoriums sollte römischer Herrschaft unterstellt, der Rest zu einem abhängigen und vor allem friedlichen Nachbarn herabgestuft werden.

Eine Regierungszeit voll von Kriegen, und als Trajan starb, war ein Ende des Krieges im Osten noch gar nicht abzusehen. Gerade 117 hatten sich auch die jüdischen Gemeinden im Zweistromland erhoben; nach der Vernichtung des Jerusalemer Tempels im Jahr 79 erwarteten sie von einer Herrschaft der Römer nichts Gutes. Wie der Kaiser bei der breiten Bevölkerung im Reich ankam, lässt sich schwer sagen; alle unsere Quellen stammen aus der Feder von Angehörigen der Oberschicht. Mit der reichen Beute aus seinen Feldzügen konnte Trajan jedenfalls weitreichende Infrastrukturmaßnahmen finanzieren, etwa einen neuen Hafen in Ostia, der die Getreidelieferungen aus Afrika und Ägypten aufnahm. Und das „Forum Traianum“ mit den riesigen „Trajansmärkten“, nordöstlich der heutigen Via dei Fori Imperiali, dem italienischen Nationaldenkmal gegenüber. Rombesucher heute können dort die 35 Meter hohe Trajanssäule bewundern. Auf dem 200 Meter langen Fries, der sich spiralförmig um die Säule windet, sind Szenen aus den Dakerkriegen dargestellt.

Wenn der Staatshaushalt unter Trajan trotz aller Ausgaben nicht ruiniert wurde, dann nicht zuletzt, weil es dem Kaiser gelang, die reichen Notabeln zu Spenden heranzuziehen. Deren Beweggrund wird ganz einfach gewesen sein: Der Gedanke, durch einen Umsturz könnten die despotischen Zustände zurückkehren, wie sie unter Domitian geherrscht hatten, schreckte. Im Kontrast zu Domitian erschien Trajan als Ideal eines Herrschers, so zeichnete ihn etwa der Anwalt Plinius der Jüngere in einer Rede vor dem Senat. Der Geschichtsschreiber Tacitus meinte später, mit Trajans Regierungsantritt sei ein „äußerst glückliches Zeitalter“ angebrochen.

Tacitus war Republikaner, das monarchische System war ihm zuwider. Aber er musste sich mit den gegebenen Zuständen abfinden, und da schien ihm wie sicherlich vielen seiner Standesgenossen ein Herrscher wie Trajan noch als die beste aller schlechten Lösungen. Eines allerdings versäumte Trajan: rechtzeitig einen Nachfolger zu nominieren. Bei einigen antiken Geschichtsschreibern heißt es, er habe auf dem Totenbett seinen Neffen Hadrian, den Statthalter von Syrien, adoptiert, den er seit längerem förderte. Andere behaupteten, Trajans Frau Plotina habe zusammen mit dem Präfekten der Garde diese Adoption vorgetäuscht.

Die Frage muss offen bleiben. Sicherlich gab es im Umfeld des Kaisers angesichts der unbefriedigenden Lage an der Ostfront seit längerem Diskussionen über die Weiterführung des Krieges. Hadrian wird kein Hehl aus seinen Absichten gemacht haben, die er nach der Thronbesteigung auch gleich in die Tat umsetzte: Er gab sämtliche Eroberungen jenseits des Euphrats auf. Dass Trajan in seinen letzten Tagen angesichts dieser Perspektive zögerte, die längst vorbereitete Adoption formell zu vollziehen, lässt sich denken.

Szene aus den Dakerkriege, von der
Trajanssäule in Rom - Bild: Wikipedia


In der modernen Geschichtsschreibung ist die gesamte Epoche, die mit Nerva begann, als die Zeit der „Adoptivkaiser“ bekannt. Ein politisches Konzept wird dahinter nicht gestanden haben: Keiner der Kaiser bis hin zu Hadrians Nachfolger Antoninus Pius hatte Söhne aus einer legitimen Ehe; das legte es nahe, aus einer Vielzahl von möglichen Kandidaten einen „Besten“ auszulesen. Als der fünfte Kaiser in dieser Reihe, Marc Aurel, 180 n. Chr. verstarb und einen Sohn hinterließ, übernahm der auch gleich den Thron – und entpuppte sich bald als Scheusal, das es mit Domitian aufnehmen konnte. Doch die acht Jahrzehnte zwischen 98 und 180 wurden in der Geschichtsschreibung zum Urbild eines glücklichen Zeitalters. Noch im 18. Jahrhundert schwang sich der britische Historiker Edward Gibbon zu hymnischen Tönen auf: „Wenn ein Mensch dazu aufgerufen wäre, sich auf einen Abschnitt in der Weltgeschichte festzulegen, in dessen Verlauf die Lage des Menschengeschlechts die glücklichste und fortschrittlichste war, so würde er, ohne zu zögern, jenen benennen, welcher vom Tod des Domitian bis zum Amtsantritt des Commodus reichte.“

Nun, da hat mancher spätere Historiker doch seine Abstriche gemacht. Bereits 1883 kam Theodor Mommsen zu dem Ergebnis, Trajans Politik sei von „maßloser, grenzenloser Eroberungslust“ geprägt gewesen. Doch der Senat war von Trajans „aufgeklärtem“ Kaisertum so begeistert, dass er ihm den Titel „Optimus princeps“, der „beste Fürst“, verlieh. Ein Ruf, der ihm bei der Nachwelt erhalten blieb. Im späten 4. Jahrhundert hielt der christliche Kaiser Theodosius, der ebenfalls aus Spanien stammte, es für angebracht, sich eine Verwandtschaft mit dem großen heidnischen Vorgänger anzudichten.

Und das, obwohl Trajan zu Lebzeiten ein Christenverfolger gewesen war. Der Briefwechsel des Kaisers mit seinem Statthalter in Bithynien, jenem jüngeren Plinius, ist eines der frühesten Dokumente, das zur Christenverfolgung im Römischen Reich Auskunft gibt. Plinius bat den Kaiser um Auskunft, wie er mit den Christen umgehen solle, die sich weigerten, den römischen Göttern zu opfern. Trajan ordnete ein differenziertes Vorgehen an: Verweigerte jemand das Opfer, sollte er als überführt gelten und hingerichtet werden. Ansonsten war das Verfahren einzustellen. Anonyme Anzeigen dürfe der Statthalter gar nicht erst entgegennehmen.

Ein Christenverfolger, der in den Himmel aufgenommen wurde? Aber die Legendenerzähler mussten ja ohnehin eine Lösung finden, um den heidnischen Kaiser postum zum Christen zu bekehren, in dieser Form findet sich die Geschichte auch in Dantes „Göttlicher Komödie“: Der Papst habe den Kaiser wieder zum Leben erweckt und ihm die erlösende Taufe gespendet.


Mehr im Internet:

Trajan- Wikipedia
scienzz artikel Römische Geschichte

 

 

 

 

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